Far Cry 5: Abwechslungsreich und gut gemacht, aber strukturell zwiegespalten

Test Lukas Schmid 53,99 €
Far Cry 5: Abwechslungsreich und gut gemacht, aber strukturell zwiegespalten
Quelle: Ubisoft

Far Cry 5 im Test: Nachdem es die Serie zuletzt in die Steinzeit verschlagen hat - mit gemischtem Erfolg -, ertönt der ferne Schrei diesmal in den USA: Im fiktiven Hope County, Montana, erforschen wir eine offene Welt und stellen uns einer gemeingefährlichen Sekte in den Weg. Aber geht mit der thematischen Neuausrichtung auch ein Qualitätssprung einher? Diese Frage klären wir in unserem Review zu Far Cry 5! Update: Jetzt mit Testvideo und PC-Wertung!

Assassin's Creed Origins ist im vergangenen Jahr ein wahres Kunststück gelungen: Es hat die in den Jahren davor durchgehend gute, aber stagnierende Meuchelmörder-Serie aus der Mittelmäßigkeit gezogen und sich als eines der besten Open-World-Abenteuer der vergangenen Zeit entpuppt. Das war nicht zuletzt so, weil die Entwickler sich nicht gescheut haben, auch scheinbare Serien-Standards über den Haufen zu werfen.

Far Cry 5 (jetzt kaufen / 53,99 € ), ebenfalls aus dem Hause Ubisoft, sieht sich ergo mit großen Erwartungen konfrontiert, die es erfüllen muss. Auch die traditionsreiche Open-World-Shooter-Reihe sah sich seit Teil 4 und Primal dem Vorwurf ausgestzt, auf der Stelle zu treten. Seit der Enthüllung des Spiels auf der E3 2017 versprachen die Entwickler darum gebetsmühlenartig, dass auch ihr Baby neue Impulse setzen würde.

Nun, das tut es zu einem gewissen Anteil auch. Von der konsequenten Frischzellenkur eines Origins ist es aber dennoch ein ganzes Stück entfernt - und hat sich zudem, trotz vieler vorhandener Qualitäten, zusätzlich zu einigen mitgenommenen Altlasten auch neue Schwächen aufgeladen.

Far Cry 5 im Test: Guter Shooter mit Schwächen - jetzt mit Video und PC-Wertung

Far Cry 5 im Test: Sekte oder Selters

'Vater' Joseph Seed hat das fiktive Hope County mit Gewalt und dem Einsatz von Drogen unter seine Kontrolle gebracht. Seine Geschwister - im Hintergrund zu sehen - unterstützen ihn bei seiner Schreckensherrschaft. Quelle: PC Games "Vater" Joseph Seed hat das fiktive Hope County mit Gewalt und dem Einsatz von Drogen unter seine Kontrolle gebracht. Seine Geschwister - im Hintergrund zu sehen - unterstützen ihn bei seiner Schreckensherrschaft. Doch zum Grundsätzlichen: Nach den eher exotischen Lokalitäten der Vorgänger ist Far Cry 5 diesmal im Herzen der USA angesiedelt, im fiktiven Hope County, Montana. Dort steht seit geraumer Zeit alles Kopf, denn die zu Beginn belächelte Sekte "Eden's Gate" hat dort klammheimlich die Macht übernommen - und wer nicht für sie ist, der ist gegen sie. Ihre Anhänger verkünden diese unchristliche Botschaft auf brutalste Weise, ziehen mordend und schändend durch die Lande und ersticken jeden Widerstand im Keim.

Hier kommen wir ins Spiel: In Gestalt eines selbst im simplen Figuren-Editor erstellen Deputy-Neulings - wahlweise männlich oder weiblich - stoßen wir zusammen mit einer kleinen Schar weiterer Polizisten ins weitestgehend von der Außenwelt abgeschottete Hope County vor. Unser Auftrag: Dem hiesigen Oberspinner, Sektenführer Joseph "Der Vater" Seed, seinen Haftbefehl übergeben. Es kommt, wie es kommen muss (wenn man nicht den Abspann-Shortcut im Prolog nimmt) und die Mission geht gewaltig in die Hose. Joseph entgeht seiner gerechten Strafe, unsere Begleiter werden von der Sekte gefangen genommen und uns gelingt es nur mit größer Mühe, zu entkommen.

Far Cry 5 im Test: Lass das mal den Vater machen

Far Cry war schon immer recht brutal. Far Cry 5 ist aber noch einmal düsterer als seine Vorgänger, was nicht zuletzt auf den Wahnsinn des Vaters zurückzuführen ist. Quelle: PC Games Far Cry war schon immer recht brutal. Far Cry 5 ist aber noch einmal düsterer als seine Vorgänger, was nicht zuletzt auf den Wahnsinn des Vaters zurückzuführen ist. So weit, so klassisch. Wie schon zuvor lebt auch Far Cry 5 weniger von der dünnen Handlung, denn von seiner Atmosphäre und den durchgeknallten Figuren, allen voran dem nach Vaas aus Far Cry 3 und Pagan Min aus Far Cry 4 wieder einmal s ehr charismatischen Bösewicht Joseph Seed. Er ist genauso verrückt wie seine Vorgänger, aber tendenziell noch brutaler. Überhaupt ist Far Cry 5 kein Spiel für Leute mit schwachem Magen, einige Szenen geizen nicht mit expliziter Gewaltdarstellung. Und auch sonst ist Teil 5 trotz nach wie vor vorhandener lustiger Sequenzen der wohl düsterste Ableger der Reihe. Das gipfelt in einem Finale, welches definitiv provokant und anders als vielleicht gedacht, aber nicht hundertprozentig stimmig ausfällt. Es kann aber auch sein, dass ein zweites, geheimes Ende existiert, welches wir noch nicht erlebt haben - von 100 Prozent Spielfortschritt sind wir noch ein Stückchen entfernt.

Das Gunplay ist wieder mal sehr gelungen und die Auswahl an Waffen groß und abwechslungsreich. Quelle: PC Games Das Gunplay ist wieder mal sehr gelungen und die Auswahl an Waffen groß und abwechslungsreich. Bis es so weit ist, will aber freilich erst einmal das Spiel gespielt und die virtuelle Welt bereist werden. Hope County ist groß, aber nicht riesig und gut gestaltet - von Landwirtschaft geprägte Areale wechseln sich ab mit felsigen Berglandschaften und dichten Wäldern. Große Siedlungen gibt es wie auch in den Vorgängern keine - kleine Ortschaften mit einer Handvoll Einwohner stellen hier schon die Speerspitze der Zivilisation dar.

Far Cry 5 im Test: Die unheilige Dreifaltigkeit

Die Hauptmissionen treiben nicht die Story voran, sondern erlauben uns primär Einblicke in die Leben der Bewohner von Hope County und die Hintergründe der Spielwelt. Quelle: PC Games Die Hauptmissionen treiben nicht die Story voran, sondern erlauben uns primär Einblicke in die Leben der Bewohner von Hope County und die Hintergründe der Spielwelt. Unterteilt wird Hope County grob in drei Gebiete: Die Whitetail Mountains im Norden, Holland Valley im Westen und Henbane River im Osten. Diese Unterteilung hängt direkt mit der neuen Spielstruktur von Far Cry 5 zusammen. Jedes der die Gebiete wird nämlich von einem der drei Geschwister des "Vaters" beherrscht. Während im Norden der für seine Psycho-Spielchen berüchtigte Jacob das Zepter in der Hand hat, herrscht im Westen der besonders brutale und einfache Antworten liebende John und im Osten macht die geistig umnachtete Faith ihre Schäfchen mit den Willen brechenden Drogen gefügig.

Wir als Spieler können nach dem Prolog und einigen Tutorial-Missionen frei entscheiden, in welcher Reihenfolge - oder wild gemischt - wir gegen diese drei ihrem Bruder Joseph in Sachen Wahnsinn in nichts nachstehenden Gesellen vorgehen. Die Rechnung ist nämlich einfach: Wenn die drei Handlanger besiegt sind, dann offenbart sich uns der Aufenthaltsort des Vaters selbst. Um zu den drei Geschwistern zu gelangen, gilt es, jeweils in jedem Gebiet die sogenannte Widerstands-Leiste nach oben zu treiben. Dafür müssen wir vier verschiedene Tätigkeiten vollführen:

Far Cry 5 im Test: Vier gewinnt!

Sammelgegenstände gibt es diesmal relativ wenige. Neben klassischen Items handelt es sich dabei vor allem um Objekte, die wir zerstören müssen, um die Sekte zu schwächen. Quelle: PC Games Sammelgegenstände gibt es diesmal relativ wenige. Neben klassischen Items handelt es sich dabei vor allem um Objekte, die wir zerstören müssen, um die Sekte zu schwächen. Erstens Story- und Nebenmissionen absolvieren - wobei "Story-Mission" im Falle von Far Cry 5 ein eher weit gefasster Begriff ist. Feste Missions-Abfolgen, wie man sie aus der Reihe und den meisten anderen Open-World-Spielen kennt, gehören hier der Vergangenheit an. Wirklich so gut wie alle Aufgaben lassen sich in belieber Reihenfolge abschließen - abgesehen von einigen ab einem bestimmten Widerstands-Wert automatisch startenden Herausforderungen sowie Aufgaben, die aufeinander aufbauen. Somit treiben die Hauptmissionen die Handlung auch nicht voran, sondern stellen uns primär die verschiedenen uns freundlich gesinnten NPCs näher vor, die wir im Verlauf des Spiels kennenlernen, oder vermitteln uns tiefere Einblicke in die Hintergründe von Hope County. Die Haupthandlung selbst wird in den eben erwähnten automatisch startenden Missionen erzählt.

Unsere Begleiter sind in Auseinandersetzungen eine große Hilfe, verstehen sich großteils aber nicht wirklich auf subtiles, leises Vorgehen. Quelle: PC Games Unsere Begleiter sind in Auseinandersetzungen eine große Hilfe, verstehen sich großteils aber nicht wirklich auf subtiles, leises Vorgehen. Die zweite Möglichkeit, den Widerstandsbalken zu füllen, stellen Geiselbefreiungen dar. Sei es innerhalb von Missionen oder in Zufalls-Begegnungen beim Erforschen der Welt - immer wieder finden wir von Eden's Gate gefangen genommene Zivilisten. Erledigen wir ihre Peiniger und lösen ihre Fesseln, gibt's Punkte.

Drittens können wir uns am gepflegten Vandalismus versuchen. Zerstören wir bestimmte Fahrzeuge oder Einrichtungen der Sekte - etwa Silos oder Drogen produzierende Maschinen - so verdienen wir dadurch Punkte.

Und viertens können wir unser kämpferisches Geschick beweisen, indem wir von Eden's Gate eingenommene Areale befreien und dort neue Posten des Widerstandes errichten. Tatsächlich erlaubt diese Struktur mehr Freiheit, als man das bisher von der Reihe gewohnt war. Überholte Elemente wie das Freischalten der Map via dem Besteigen von Türmen sind ebenfalls Vergangenheit. Stattdessen erhalten wir nun sehr dynamisch durch Gespräche mit NPCs, gefundene Karten, Straßenschilder oder schlicht durch Vorbeilaufen neue Infos über die Inhalte in der Welt.

Far Cry 5 im Test: Tom Clancy's Far Cry Wildlands

Zahlreiche unterschiedliche Gefährte lassen uns Land, Wasser und Luft ausgiebig erforschen. Quelle: PC Games Zahlreiche unterschiedliche Gefährte lassen uns Land, Wasser und Luft ausgiebig erforschen. Wem diese geschilderten Abläufe bekannt vorkommt, der dürfte Tom Clancy's Ghost Recon Wildlands gespielt haben - zwar nicht 1:1, aber vom Prinzip her entspricht die neue Far Cry-Struktur recht stark der hauseigenen Open-World-Konkurrenz. Sehen wir hier etwa die Ubisoft-Formel 2.0 auf uns zukommen? So gut diese in der Theorie klingen mag und so viele Vorteile sie in der Praxis auch tatsächlich bereithält, so gehen doch einige Probleme damit einher. Auch, wenn das Vorantreiben der Handlung mit Pflicht-Missionen etwa funktioniert, so ist ihr Ablauf deutlich austauschbarer - alleine dadurch, dass man die drei Gebiete ja in beliebiger Reihenfolge besuchen kann. Zudem ist Far Cry 5 einen ganzen Zacken einfacher als die Vorgänger, was wir ebenfalls auf die neue Struktur zurückführen.

Im Spielverlauf treffen wir auf neun unterschiedliche Guns beziehungsweise Fangs vor Hire, die uns als virtuelle Begleiter zur Seite stehen. Quelle: PC Games Im Spielverlauf treffen wir auf neun unterschiedliche Guns beziehungsweise Fangs vor Hire, die uns als virtuelle Begleiter zur Seite stehen. Da das Spiel es möglich machen muss, jede Aufgabe zu jedem Zeitpunkt absolvierbar zu machen, gibt es de facto keine ansteigende Schwierigkeitskurve. Dadurch, dass man durch Upgrades nach und nach immer stärker wird, wird das Spiel im Gegenteil gegen Ende hin sogar deutlich einfacher. Auch das Übernehmen der feindlichen Lager bereitete und diesmal wesentlich weniger Schwierigkeiten als in der Vergangenheit. Außerdem wirken die einzelnen Elemente des Spiels dadurch, dass sie alle auf dasselbe Ziel - den Ausbau des Widerstands - hin ausgerichtet sind, etwas beliebig. Man hat selten das Gefühl, gerade ein alleinstehendes, spielerisches Highlight erlebt zu haben, sondern eben nur eine weitere notwendige Etappe auf dem Weg zum Ziel. Im schlimmsten Fall erledigt man Aufgaben gar nur noch mit Blick auf die Widerstandsleiste und auf dass sie schnell ansteigen möge.

Far Cry 5 im Test: Die Freiheit, die ich nicht meine

Die eng begrenzten Missionsgebiete sind ein Relikt aus alten Videospiele-Tagen und haben in einem Open-World-Titel eigentlich nichts mehr zu suchen. Quelle: PC Games Die eng begrenzten Missionsgebiete sind ein Relikt aus alten Videospiele-Tagen und haben in einem Open-World-Titel eigentlich nichts mehr zu suchen. Außerdem ist die angepriesene Freiheit etwas trügerisch. Ja, theoretisch kann man zu Jacob, John und Faith gelangen, ohne einmal eine echte Mission erlebt zu haben. Da es für diese aber die mit Abstand meisten Widerstandspunkte gibt und das Füllen ansonsten ein ganz schön langwieriges Prozedere wird, wird man schlussendlich doch relativ eindeutig in eine gewisse Richtung gedrängt. Zudem ist man noch immer einem sehr engen Korsett unterworfen, wenn man erst einmal eine Mission gestartet hat. Bewegt man sich dann etwa auf nur ein paar Meter zu weit von einem NPC-Begleiter weg, wagt es, den Rand eines Einsatzgebietes zu überschreiten oder sonst wie nicht genau den gerade geforderten Vorgaben nachzukommen, sind eine entsprechende Warnung am oberen Bildschirmrand und ein Game Over, wenn man sich dem Befehl des Spiels widersetzt, nicht weit.

Etwas untersuchen, was uns gerade mehr interessiert, was aber abseits des vorgegebenen Weges liegt, ist also nicht drin. Assassin's Creed Origins hat eindrucksvoll gezeigt, wie gut wirklich offene Missionsstrukturen einem Open-World-Abenteuer tun können - das hätten wir uns für Far Cry 5 auch gewünscht und erwarten es jetzt spätestens beim sechsten Teil!

Far Cry 5 im Test: Fun with Frags

Das Befreien von feindlichen Lagern gehört wie in den Vorgängern zu den Spielspaß-Highlights, ist allerdings meistens einen Ticken zu einfach. Quelle: PC Games Das Befreien von feindlichen Lagern gehört wie in den Vorgängern zu den Spielspaß-Highlights, ist allerdings meistens einen Ticken zu einfach. Die wichtigste Frage ist aber wohl: Macht Far Cry 5 trotz des geringen Schwierigkeitsgrades und der neu hinzugekommenen oder weiterhin mitgeführten Kritikpunkte Spaß? Auf jeden Fall! Wie für die Reihe gewohnt sind die Missionen sehr abwechslungsreich gestaltet und stellen uns vor verschiedenste Aufgaben. Da gilt es dann etwa, einen Truck zu stehlen, unter Drogeneinfluss Schweine zu verprügeln (ja, das passiert wirklich), schwer bewachte Zielpersonen auszuschalten, unerkannt in feindliche Einrichtungen einzudringen und mehr. Nicht zuletzt ist der Spaßfaktor auch auf das wieder einmal sehr gute Gunplay zurückzuführen.

Stealth Kills sind freilich auch wieder mit an Bord. Ganze Gegnertruppen ungesehen zu erledigen, fühlt sich sehr befriedigend an. Quelle: PC Games Stealth Kills sind freilich auch wieder mit an Bord. Ganze Gegnertruppen ungesehen zu erledigen, fühlt sich sehr befriedigend an. Die Auswahl an Schießprügeln, Pfeil und Bogen, Granaten, Molotowcocktails und anderen gefährlichen Helferlein ist groß und alle von ihnen fühlen sich sehr gut an. Hinzu kommen Stealth-Möglichkeiten wie Angriffe von hinten, Nahkampf-Kills und wie bereits erwähnt eine ganze Palette an weiteren Fähigkeiten, die wir nach und nach lernen können. Anders als vielleicht erwartet müssen wir dafür aber keine Erfahrungspunkte sammeln, sondern erhalten für das Erfüllen bestimmter Herausforderungen entsprechende Skill Points. Da gilt es dann etwa, mit einer bestimmten Waffe eine vorgegebene Anzahl an Feinden auszuschalten, eine gewisse Kilometerzahl mit unterschiedlichen Fahr- oder Fluggeräten zurückzulegen und mehr.

Far Cry 5 im Test: Reiselust ohne Frust

Ebenfalls versimplifiziert wurde das Crafting im Spiel - und wir sind dankbar dafür! Anstatt Unmengen an Tierfellen, Gräsern und Co. zu sammeln, um uns daraus so spannende Gegenstände wie größere Munitionstaschen zu basteln, dient das Crafting nun nur noch der Herstellung von Verbrauchsgegenständen wie Pfeilen, Brandbomben und Mitteln, die kurzzeitig unsere Fähigkeiten wie Schnelligkeit oder Angriffskraft steigern.

  1. Seite 1 Story, Atmosphäre, Spielwelt, Missionsstruktur, spielerische Freiheit, Gunplay
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