Far Cry 5-Kolumne zum Open-World-Wahnsinn mit ständig aggressiven KI-Gegnern und Wildtieren

Kolumne Peter Bathge 53,99 €
Far Cry 5-Kolumne zum Open-World-Wahnsinn mit ständig aggressiven KI-Gegnern und Wildtieren
Quelle: Ubisoft

Im virtuellen Montana ist viel los: Bären greifen an, Flugzeuge nehmen einen aufs Korn, Lkws explodieren - und zwar alles gleichzeitig! Redakteur Peter Bathge sehnt sich in seiner Far Cry 5-Kolumne zum Open-World-Wahnsinn nach etwas Ruhe und Frieden. Er hätte einfach nur gerne fünf Minuten ohne Wildtier- oder Kultisten-Attacke, Ubisoft, bitte!

Eigentlich wollte ich in Far Cry 5 (jetzt kaufen / 53,99 € ) nur Angeln gehen. Eigentlich.

Aber wie das nun mal so in der unberührten Wildnis des idyllischen US-Bundesstaates Montana ist, kommt natürlich prompt ein Bär vorbei. Nichts Außergewöhnliches, die Forellen in den Stromschnellen wirken auf Meister Pelz schließlich ebenso verlockend wie auf uns menschliche Fischer, wenn nicht gar mehr. Doch zu meiner Überraschung ist der Bär weniger an den mundgerechten Happen aus dem Fluss interessiert - und mehr daran, mich und meine Gefährten anzugreifen. Gut, dass ich meine dressierte Wildkatze dabei habe.

Ich tue mein Bestes, um das Jaulen, Fauchen und Grummeln im Hintergrund auszublenden, und werfe meine Leine aus. Der Köder erregt die Aufmerksamkeit mehrerer Fische und fröhlich pfeifend beginne ich damit, meinen Fang zu mir zu ziehen - da quietschen plötzlich Reifen in der Nähe, Autotüren knallen zu und Kugeln pfeifen an meinen Ohren vorbei.

Jeeps mit Kultisten haben meine Position weitab von allen Hauptverkehrsadern umstellt; die gewaltbereiten Fanatiker hatten an diesem schönen Nachmittag wohl gerade nichts Besseres zu tun, als Hunderte Meter durch dichtes Gestrüpp zu fahren, um mir an diesem entlegenen Ort eins überzubraten. Und sie sind nicht alleine: Vom Himmel stoßen zwei altmodische Kampfflugzeuge und Maschinengewehrsalven zerfetzten die eben noch so stille Wasseroberfläche vor meinen Augen, während ich noch mit meiner Rute kämpfe und keine zwei Meter weiter Bär und Berglöwin Peaches einander mit Klauen und Zähnen beharken. Seufzend wechsele ich zum Raketenwerfer und denke mir nur "Nicht schon wieder!".

Es ist der ganz normale Wahnsinn in Far Cry 5 (siehe Test), einem Open-World-Spiel, das unfähig zu sein scheint, den Spieler auch nur fünf Minuten lang in Ruhe zu lassen. Fehlt nur noch, dass einem der Fisch die Hand abbeißt oder die Angel mit der Sprengkraft von drei Stangen Dynamit explodiert, wenn man die Maus länger als drei Sekunden nicht bewegt ...

Open-World-Wahnsinn in Far Cry 5: Bloß keine Langeweile! Kolumne

Far Cry 5-Kolumne: Der hyperaktive KI-Regisseur dreht auf

So gut wie alle Open-World-Spiele, die sich im weitesten Sinne an der berühmt-berüchtigten Ubisoft-Formel orientieren, teilen dieses Problem bis zu einem gewissen Grad. Fragezeichen auf der Karte animieren zum Erkunden, Prozentangaben, Sammelgegenstände und Herausforderungen erwecken unterbewusst den Eindruck, man müsse noch dieses und jenes abarbeiten, bis die Spielwelt komplett abgegrast ist. Aber Far Cry 5 ist in der Hinsicht nicht nur passiv-aggressiv, es stubst den Spieler auch nicht sachte an, es piekst ihm mit einem langen Ast in die Rippen und sagt dabei "Na, na, na?!". Far Cry 5 überschüttet einen mit KI-Gegnern und aus dem Nichts angreifenden Wildtieren - alles im Dienste des vermeintlichen Spielspaßes und im Kampf gegen die Langeweile. Dass einem durch im Umkehrschluss jede Muße fehlt, um die wunderschön gestaltete Spielwelt zu genießen, um einfach mal zur Ruhe zu kommen und das tolle Leveldesign auf sich wirken zu lassen, um eigene Abenteuer abseits des verordneten Baller-Chaos zu erleben, scheint Entwickler Ubisoft Montreal nicht groß zu interessieren. So wie es bereits bei den Vorgängern der Fall war.

Far Cry 5 wirkt zeitweise wie ein Spiel für Hyperaktive und Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Quelle: PC Games Far Cry 5 wirkt zeitweise wie ein Spiel für Hyperaktive und Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Far Cry 3 und 4 waren ebenfalls äußerst geschäftigte Spiele mit Welten, in denen ständig irgendetwas passierte - passieren musste Zu einem Teil ist dieser "Far Cry-Faktor" ja auch genau das, was die Reihe ausmacht und Millionen Käufer an Far Cry 5 begeistert. Dennoch kommt es mir so vor, als hätte der Hersteller beim neuesten Serienteil die Frequenz der Action-Momente im vergleich zu den Vorgängern stark erhöht, vielleicht als Reaktion auf die Abschaffung der Minimap. Man will ja niemanden allein im Dickicht stehen lassen, fernab aller Zivilisation, weit entfernt der sorgsam vorbereiteten "setpiece"-Momente, entfernt von feindlichen Lagern und auf den Spieler wartenden Konvois. Aber vielleicht ist der Wandel ja auch einfach ein Erfordernis unserer schnelllebigen Gesellschaft, unserer Smartphone-Generation mit geringer Aufmerksamkeitsspanne, unserem ständigen Drang nach Neuem und Aufregendem.

Also hat man sich für Far Cry 5 offenbar eine Scheibe bei Left 4 Dead und Warhammer: Vermintide 2 abgeschnitten und eine Art KI-Regisseur eingesetzt. Der kümmert sich wie bei den beliebten Koop-Shootern mit automatischen Gegner-Spawns darum, dass immer etwas zu tun ist - und überkompensiert dabei so regelmäßig, dass es immer wieder zu Szenen wie dem eingangs beschriebenen Angeltrip kommt.Ich stelle mit diesen KI-Regisseur als eine beleibte Hausfrau aus ländlicher Gegend vor, dreifache Mutter, karierte Schürze, einfarbiges Kopftuch, besorgter Blick. "Ach", seufzt sie tagein, tagaus und ringt dabei ihre Hände. "Jungchen, bist du sicher, dass du nicht noch ein paar Gegner willst? Hier, ein Elch, der über die Straße läuft, guck mal! Und da, ein Flugzeug im Sinkflug! Du magst doch Explosionen, nicht wahr? Schau mal, drei Stück hintereinander! Und ein brennender Truthahn! Ach hier, nimm noch ein paar Kultisten mit Raketenwerfern, du siehst so gelangweilt aus! Jungchen! Jungchen! Bist du noch da?!"

Nervtötende Wildtiere und KI-Gegner

Der KI-Regisseur agiert bei weitem nicht so subtil und unsichtbar hinter den Kulissen, wie das der Fall sein sollte. Tatsächlich lässt sich das Wirken der Spawn-Algorithmen von Far Cry 5 immer wieder beobachten: Da stehe ich irgendwo in der Pampa, um mich herum absolut nichts außer Bäumen und ein paar harmlosen Hoppelhasen. Ich drehe mich hierhin und dorthin, schaue nach rechts und links. Dann drehe ich mich wieder zurück an die Ausgangsposition und - bäm! - kommt da plötzlich ein Van voller böser Kultisten um die Ecke oder eine Rotte Wildschweine rast auf mich zu. Solch ungeschickt-auffällige Spawns funktionieren in Far Cry 5 auch andersrum: Da verschwinden Fahrzeuge schon mal direkt vor meinen Augen, weil die Technik im Hintergrund durcheinander kommt. Wenig elegant! Wurde der Ego-Shooter vielleicht doch etwas zu sehr mit der heißen Nadel gestrickt?

Dieses Bombardement der Unterhaltung mag ja bei den ersten Dutzend Malen durchaus willkommen sein. Doch nach über 30 Stunden mit dem Spiel haben sich bei mir längst gewaltige Ermüdungserscheinungen eingestellt. Kann ich nicht wenigstens einmal durch den Forst schleichen, ohne dass mir drei unterschiedliche Wildtiere vor die Flinte laufen und ein Wolf meinen Arm ankaut? Immerhin sind dieses Mal die Vögel nicht ganz so aggressiv wie im in dieser Hinsicht nervigen Far Cry 4 mit seinen ständigen Sturzflugangriffen - und den legendär schlecht gelaunten Honigdachs gibt es im virtuellen Montana zum Glück auch nicht. Dafür aber Stinktiere. Stinktiere! Stinktiere, die sich auf mich stürzen wie von der Tarantel gestochen, wie nahezu alle Tiere von offensichtlich selbstmörderischen Tendenzen geplagt, einzig und allein dazu verpflichtet, den Spieler keine Minute allein zu lassen.

Auch lesenswert: Far Cry 5-Kolumne zur Story und Tipps!

Wer schon mal versucht hat, in Far Cry 5 eine Quest anzunehmen und mit einem NPC zu sprechen, während rechts und links Helikopter abstürzen oder Berglöwen angreifen, der wird meine geistige Erschöpfung verstehen. Denn während solch vermeintlich lustiger Klamauk abläuft, lassen die Bewohner von Montana nicht mit sich reden; Dialoge werden abgebrochen und ein simples Gespräch gerät zur Farce, weil nach einem halben Dutzend ausgetauschter Worte der KI-Regisseur schon wieder das nächste Zufalls-Event in der näheren Umgebung des Spielers auslöst.

"Schau nur her!", scheint Far Cry 5 sagen zu wollen. "Sieh, wie immersiv und abwechslungsreich meine Spielwelt ist, wie dynamisch!" Das Spiel und seine Entwickler sind so stolz, mir allenthalben die Vorzüge der geschäftigen Open-World vorzubeten, sie merken dabei gar nicht, dass sie mir ins Gesicht schreien. "IST DAS NICHT TOLL??!! IST DAS NICHT LUSTIG!!!! HAHAHA!!!!!!!"

Was ist eure Meinung zum Open-World-Wahnsinn in Far Cry 5? Schreibt mir euren Kommentar zur Kolumne im Diskussionsforum!

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