Mit Atlantic City steht das nächste Update für Fallout 76 in den Startlöchern. In seiner Kolumne zeigt Stefan, wie sich das Spiel in den letzten fünf Jahren verändert hat und warum es für einen bestimmten Spielertyp mittlerweile echt empfehlenswert ist.
Now god knows, anything goes
Wer an Bethesda-Games vor allem das Erkunden der offenen Welt, das Umgebungs-Storytelling und die Tatsache schätzt, dass man irgendwann alles im Spiel beherrschen kann, für den ist Fallout 76 Beschäftigungstherapie par excellence. Appalachia ist ein postapokalyptisches Paradies mit einer extrem abwechslungsreichen Landschaft und so vielen interessanten Locations, dass man auch nach 100 Stunden noch Neues sieht. Im Vergleich zu den sehr kargen Landschaften der Vorgänger bietet 76 deutlich mehr fürs Auge und damit auch mehr Anreize, sich jeden Ort anzusehen.
Wegen des im Vergleich zu anderen Fallouts nochmals hochgeschraubten Kitsch-Faktors fühlt sich die Welt an wie ein Vergnügungspark, in dem die Atombomben nur eine von vielen Attraktionen sind. Durch das starke Storytelling über die Umgebung, Terminals und Notizen stecken aber immer noch viele düstere und ernste Details drin, an vielen Orten sind kleine Geschichten versteckt.
Workin' for the yankee dollar
Daneben hält mich die ewige Ressourcen-Tretmühle bei der Stange, weil es kaum einen Gegenstand gibt, mit dem sich nicht irgendetwas Nützliches anstellen lässt. Und die Spielwelt ist bis obenhin damit vollgestopft. Der Überlebensstress wurde so weit runtergedampft, dass nur noch die Inventarlimits dem endlosen Sammeltrieb im Weg stehen.
Zwischendurch ploppen Events aus einem inzwischen recht großen Pool auf, bei denen sich gerne mal der halbe Server versammelt, denn die dabei gewonnene Währung ist auch im Endgame noch interessant. Zudem machen die Events durch ihren hohen Chaosfaktor und viel Abwechslung genug Laune, dass ich kaum eines auslasse. Dann wollen noch jeden Tag die Kronkorkenreserven der Händler geleert werden und es gibt die paar immer gleichen, aber schnell erledigten Daily Quests abzuhaken.
Quelle: Bethesda
Wenn ein anderer Spieler eine Atomrakete auf die richtigen Orte abfeuert, erscheinen Endgame-Bosse, deren Loot ich mir nicht entgehen lassen will. Vielleicht bin ich auch gerade in der Nähe eines Spieler-Camps und der Kollege verkauft diesen einen Bauplan für einen guten Preis, den ich schon die ganze Zeit suche. Und wenn endlich mal wieder Country Roads im Radio läuft, kann ich mich natürlich auch nicht einfach ausloggen!
Die Einzelaspekte von 76 geben für sich genommen vielleicht nicht allzu viel her, aber durch die schiere Masse an Beschäftigungen und Zielen vergehen die Stunden im Spiel trotzdem wie im Flug.
I love those dear hearts and gentle people, who live in my hometown
Besonders hervorheben muss ich auch nochmal die Community, die so ziemlich die netteste ist, die ich in einem Onlinegame bisher gesehen habe. Lowlevel-Spieler werden von den Veteranen so regelmäßig mit Items versorgt, dass Bethesda sogar schon eine Spendentruhe in den Startbereich gestellt hat.
Die mit Abstand wertvollste Waffe in meinem Inventar hat mir ein anderer Spieler einfach so ungefragt geschenkt, weil ich etwas in seinem Händlerautomaten gekauft habe. Weil Ressourcen und Items zahlreich vorhanden sind, aber trotzdem erstmal gefunden oder hergestellt werden müssen, sind sie für Einsteiger wertvoll und für Veteranen ist es nicht schwer, sich von ihnen zu trennen.
Dadurch entsteht auch im Zusammenspiel mit Anderen diese zwanglose Atmosphäre, die mir schon an der Spielwelt an sich und beim gemütlichen Gameplay-Loop so gefällt. Der Vergleich ist weit hergeholt, aber ich wage ihn trotzdem: Fallout 76 spricht mich auf die gleiche Weise an, wie Animal Crossing andere Leute anspricht. Es ist pure Beschäftigungstherapie in der einladendsten Postapokalypse, die ich je gesehen habe.
