FIFA 23 und Konsorten: Glücksspiel ohne Grenzen - Reportage

Special Christian Schmid Lukas Schmid
FIFA 23 und Konsorten: Glücksspiel ohne Grenzen - Reportage
Quelle: Electronic Arts

FIFA 23 und Co.: Wir untersuchen, was es mit Glücksspiel-Mechaniken in Games, der Sucht an sich und den Methoden der Glücksspiele-Entwicklung auf sich hat.

China ergreift ebenfalls harte Schritte in Bezug auf Glücksspiel im Allgemeinen und Lootboxen im Speziellen. Dort gilt seit dem Jahr 2016, dass Lootboxen nicht nur jeden möglichen Gewinn anzeigen, sondern auch die Wahrscheinlichkeit dafür angeben und die durchschnittliche Anzahl an Lootboxkäufen nennen müssen, die für einen Gewinn notwendig sind. Seit 2017 gilt zudem, dass der Verkauf von Lootboxen an einen gegebenen Spieler auf 50 Stück pro Tag beschränkt ist, Lootboxen nicht mehr durch Echtgeldwährung gekauft werden dürfen und jeder Gegenstand auch auf direkte Art und Weise erspiel- oder kaufbar sein muss. Die Durchsetzung der Einschränkungen erfolgt, wie für China üblich, sehr penibel, auch, wenn die Gaming-Konzerne dort immer noch ihr Möglichstes tun, um zwar den Wortlaut, aber nicht den Sinn der Gesetze einzuhalten. Trotz allem führte diese Initiative dazu, dass die Gaming-Landschaft in Asien deutlich weiter in Richtung des Season-Pass-Modells rückte.

Belgien verbot Lootboxen ab dem Jahr 2018 komplett und deklarierte sie sogar kurzerhand zu einer Form des illegalen Glücksspiels. Insbesondere Overwatch und FIFA 18 rückten damals in den Mittelpunkt und wurden dank ihres Belohnungs-Loops aus Risiko und Gewinnen praktisch als Glücksspiel für Minderjährige bezeichnet.

Diese Entscheidung hatte weitreichende Folgen: Nintendo entfernte Fire Emblem: Heroes und Animal Crossing: Pocket Camp aus dem belgischen Online-Shop, Valve entfernte die Möglichkeit, Lootboxen in CS: GO zu öffnen, und Diablo: Immortal erschien noch nicht einmal in Belgien. Trotzdem sieht es im Jahr 2022 so aus, als ob vor allem Mobile-Games auf das Verbot pfeifen:

Eine Studie aus dem Jahr 2022 des Zentrums für digitales Spiel der Universität Kopenhagen ergab, dass unter den Top 100 Smartphone-Spielen in Belgien immer noch ganze 82 % auf massive Lootboxverkäufe und Glücksspiel setzen, ohne, dass man sie dafür zur Rechenschaft ziehen würde.

In den Niederlanden sieht die Situation ähnlich aus. Im April des Jahres 2018 wurde dort eine Studie angesetzt, die zehn große Videospiele mit Lootbox-Modell auf Glücksspiel untersuchen sollte. Der Grund: Die Inhalte der Lootboxen waren auf Umwegen auch außerhalb der Spiele handelbar und besaßen damit einen Echtgeld-Preis. In einem Spiel gekaufte Lootboxen wurden von den Behörden damals hingegen als harmlos und "Bingo in kleinem Maßstab" bezeichnet.

Zum Eklat kam es, als Electronic Arts im Jahr 2020 wegen Glücksspiels in der FIFA-Reihe zur Zahlung einer Strafe von 500.000 € verurteilt wurde. Der Konzern ging in Berufung und gewann den folgenden Prozess am 09. März 2022 - ab sofort wurden die FUT-Packs von FIFA offiziell nicht mehr als Glücksspiel angesehen.

Die Folge war, dass die Niederlande am 26. August 2022 mit dem Prozess einer Gesetzesänderung begannen, die jede Art von Lootboxen und Glücksspielmechaniken schlicht und ergreifend komplett verbieten würde.

EA wehrte sich im Jahr 2022 erfolgreich gegen eine Designation der FIFA-Reihe als Glücksspiel. Daraufhin begannen die zuständigen Behörden mit einer umfassenden Gesetzesänderung. Quelle: Electronic Arts EA wehrte sich im Jahr 2022 erfolgreich gegen eine Designation der FIFA-Reihe als Glücksspiel. Daraufhin begannen die zuständigen Behörden mit einer umfassenden Gesetzesänderung. Zum aktuellen Zeitpunkt ziehen sowohl der spanische als auch der norwegische Verbraucherrat stark bezüglich Aufklärung und Regulierung an: In einem Report aus dem Mai 2022 unterzeichneten 20 Konsumentengruppen aus 18 europäischen Ländern eine Aufforderung, die ihre Regierungen um eine Reaktion auf die immer aggressivere Monetarisierung drängen.

Im Gegensatz zu vorherigen Aktionen koordinieren sich die Verbraucherschutzgruppen inzwischen untereinander, um die Gesetzgebung in dieser Richtung voranzutreiben. So langsam die Länder auch auf das Glücksspielproblem aufmerksam werden, inzwischen tut sich immerhin etwas.

FIFA 23: Der perfekte Sturm

Wie man hoffentlich über die Reportage Text bemerkt, beherrscht vor allem eine Spieleserie den westlichen Glücksspielmarkt wie kaum eine andere: Mit der FIFA-Reihe bringt Electronic Arts fast alle Psychospielchen und Verkaufstricks in einer einzigen, grandios vermarkteten Packung an den Spieler. Es ist kein Wunder, dass EA vor den Gerichten dieser Welt mit Zähnen und Klauen kämpft, um das eigene Fußballimperium auch weiterhin am Laufen zu halten.

Alleine innerhalb der ersten sieben Tage brach FIFA 23 alle Rekorde der Vorgängerspiele und verwandter Ultimate-Team-Modi: Über mehr als 10,3 Millionen Spieler, einen um 10 % gestiegener Absatz und eine im Vergleich zum Vorjahr um 6 % gestiegene Beteiligung am FUT-Modus kann sich EA freuen.

Wichtig ist dabei vor allem, dass EAs Gesamtumsätze über alle Spiele hinweg zwar in Bezug auf Mikrotransaktionen um 8 % zunahmen, der Verkauf von Vollpreisspielen aber um 2 % zurückging. Die Zukunft von Electronic Arts liegt also ganz eindeutig im Bereich der FUT-Packs.

Die FIFA-Reihe stellt die bei Weitem größte Gelddruckmaschine von Electronic Arts dar. Sie kam zur rechten Zeit, brachte die korrekten Mittel zur Anwendung und packte die Spieler mit einem extrem motivierenden Monetarisierungsmodell. Quelle: Electronic Arts Die FIFA-Reihe stellt die bei Weitem größte Gelddruckmaschine von Electronic Arts dar. Sie kam zur rechten Zeit, brachte die korrekten Mittel zur Anwendung und packte die Spieler mit einem extrem motivierenden Monetarisierungsmodell. Um das Ganze wieder einmal ins Verhältnis zu setzen: Aus dem Finanzbericht des Jahres 2021 geht hervor, dass EA mehr als 5,6 Milliarden Dollar einnahm, wobei fast ein Drittel aus den Einnahmen diverser Ultimate-Team-Modi stammten. Damit nicht genug, liegt FIFA selbst unter diesen Modi extrem weit vorn: 1,34 Milliarden Dollar von EAs Gesamtumsatz kamen im Jahr 2021 von der FIFA-Reihe.

Das liegt vor allem daran, dass die Basketball-, Football- und Hockeyvarianten zwar ebenfalls einen Ultimate-Team-Modus besitzen, Fußball aber international weitaus beliebter ist und sich dementsprechend leichter vermarkten lässt. Im diesjährigen Bericht zeigt sich EA wieder sehr stolz bezüglich der Leistung von FIFA 23 und vor allem des Umsatzes des FUT-Modus. Diesmal werden diesbezüglich aber keine exakten Zahlen mehr genannt.

Ein Nebeneffekt der Sport-Thematik ist, dass die Spiele keine Gewalt beinhalten und deswegen derzeit auch von keiner Prüfstelle der Welt mit einer Altersbeschränkung versehen werden; auf den Boxen in Deutschland sitzt zum Beispiel das Siegel für "USK ab 0 Jahren". Das beruhigt vor allem Erziehungsberechtigte, die ihren Kindern in der Regel lieber gewaltfreie Spiele unter den Weihnachtsbaum legen.

Das ist natürlich keinesfalls verwerflich, stellt aber definitiv einen der stärksten Marketing-Pfeile in EAs Köcher dar. Der neue Prüfprozess der USK erlaubt es der Behörde zwar, "Kostenfallen" mit in die Wertung einzubeziehen, er tritt aber erst im Januar 2023 in Kraft - und auch dann nur, wenn er von den Landesjugendbehörden der 16 Bundesländer durchgewinkt wird.

Als riesiger Gewinn für EA und die FIFA-Reihe stellte sich im Nachhinein auch das eingeschränkte Glücksspielverbot auf Twitch vom 18. November 2022 heraus. Viele bekannte Glücksspiel-Streamer wichen im Anschluss nämlich einfach auf FIFA 23 und seine FUT-Packs aus.

Keine Weltmeisterschaft mehr für EA: Die FIFA will ab dem Jahr 2023 ihr eigenes Spiel auf den Markt bringen. Wir werden sehen, in welche Richtung die Konkurrenz EAs Monetarisierungsmodell treibt. Quelle: Electronic Arts Keine Weltmeisterschaft mehr für EA: Die FIFA will ab dem Jahr 2023 ihr eigenes Spiel auf den Markt bringen. Wir werden sehen, in welche Richtung die Konkurrenz EAs Monetarisierungsmodell treibt. Die Ankündigung der FIFA, die Partnerschaft mit EA aufzulösen, ist übrigens keinesfalls so schlimm für den Konzern, wie es auf den ersten Blick wirken mag. Im Gegenteil, es ist sehr wahrscheinlich, dass "EA Sports FC" sogar von der FIFA-Trennung profitiert. Im nächsten Jahr wird die Reihe wie gewohnt wieder alle Rekorde brechen, weil die Kernkundschaft zum einen weiß, welches Spiel sie kaufen will, auch wenn nicht FIFA draufsteht.

Zum anderen muss sich Electronic Arts ab dann weder die Gewinne mit der FIFA teilen, noch stehen sie ab diesem Zeitpunkt thematisch mit der immer mehr in Verruf geratenen Organisation in Verbindung.

Übrigens kündigte die FIFA bereits eine eigene Videospiele-Reihe an, die aus vier "Fußball-Erfahrungen" bestehen soll. Nur eine davon ist allerdings ein rudimentäres Fußballspiel und alle vier Debüts basieren auf Web 3.0-Inhalten - und damit auf dem Verkauf von NFTs. Die FIFA hat es also erfolgreich geschafft, sich das einzige Thema auszusuchen, das unter Spielern noch verhasster ist als Lootboxen.

Fazit: Die Zukunft der Glücksspielmechaniken

Alles in allem sieht es nicht so aus, als ob die Gelddruckmaschine FIFA in absehbarer Zeit zum Stillstand kommen wird. Es ist unwahrscheinlich, dass die Namensänderung etwas ändern wird und auch die Twitch-Geschäftsführung wird die Reihe sicher nicht von der Plattform verbannen, solange sich im rechtlichen Sektor nichts ändert.

Immerhin: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der FUT-Modus ohne die entsprechenden Lizenzen in demselben Ausmaß weiterläuft. Bezüglich Gesetzgebung besteht ebenfalls ein Lichtblick, denn langsam aber sicher werden verschiedene Behörden auf die Glücksspielproblematik aufmerksam, darunter auch die USK.

Solange Spieler jedoch Geld für Lootboxen und Glücksspiel ausgeben, werden die Konzerne sie nicht nur weiterhin benutzen, sondern auch Mittel und Wege suchen, wie man diese Art der Monetarisierung noch verlockender gestalten kann - und wie wir gesehen haben, ist es nicht immer leicht, sich mental dagegen zu wehren.

Zum Abschluss verbleiben wir mit einem weiteren vielsagenden Zitat von Electronic Arts: "Wir glauben aus tiefstem Herzen, dass Ultimate Team und FUT-Packs, die schon mehr als ein Jahrzehnt im Spiel sind, ein Teil von FIFA sind, den Fans lieben. Spieler lieben, wie das Spiel die Aufregung und Strategie widerspiegelt, ein eigenes Fußballteam aufzubauen und zu managen. Den Spielern dann die Möglichkeit zu geben, etwas Geld zu investieren, ist nur fair." Na dann.

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