Illusion Fortschritt: Wie FIFA uns jedes Jahr für dumm verkauft (Kolumne)
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FIFA ist doch jedes Jahr nur das Gleiche! Diesen Vorwurf muss sich die Fußballsimulation nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit gefallen lassen. Zurecht, wie Redakteur David Benke findet. In seiner Kolumne erklärt er, wie Entwickler EA Sports Spielern immer wieder aufs Neue Innovation vorgaukelt, und was getan werden müsste, um den Teufelskreis zu durchbrechen.
Auf dieser Welt sind wohl nur drei Dinge unausweichlich: der Tod, Steuern und ein jährlich neuer Teil der FIFA-Serie. Auch 2020 haben es sich EA Sports nicht nehmen lassen, einen weiteren Ableger ihrer Fußballsimulation auf den Markt zu bringen. Und das ist grundsätzlich auch ihr gutes Recht. Problematisch wird es nur, wenn man sich die Entwicklung der Reihe über die vergangenen Jahre hinweg anschaut: FIFA 21 ist mittlerweile der 25. Titel, den die Macher in Folge rausgeballert haben - ohne kreative Pause dazwischen und ohne die Sonderversionen zu Europa- oder Weltmeisterschaft mitzurechnen. Bei einer solchen Schlagzahl sind grundlegende Änderungen am Spielkonzept natürlich extrem schwierig. Um den 12-Monats-Zyklus einzuhalten, wird das Spiel also mehr weiter- als neu entwickelt. Und entsprechend sehen sich die Verantwortlichen schon seit langem mit gleichbleibender Kritik konfrontiert: FIFA sei doch jedes Jahr dasselbe, ein Saison-Update zum Vollpreis, oder ganz plump ausgedrückt Abzocke und Verarsche!
Fakt ist: FIFA tut sich traditionell eher schwer mit Innovation. Das liegt natürlich ein wenig in der Natur der Sache, Fußball bleibt nun mal Fußball. Die Entwickler von Electronic Arts können den Sport nicht einfach neu erfinden. Am Grundkonzept mit 22 Spielern, zwei Toren und einem Ball wird weitestgehend nicht gerüttelt. Auf der anderen Seite fehlen aber auch die kreativen Ideen, nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz: In Sachen Spielmodi war The Journey in FIFA 17 bis 19 noch die letzte große Neuerung. Hier wurde in einer Art Story-Modus die Geschichte des Supertalents Alex Hunter erzählt, inklusive Zwischensequenzen und Entscheidungsmöglichkeiten. Das war mal was anderes!
Auf dem Rasen herrscht Stillstand
Aktuell gibt es nur den an FIFA Street angelehnten VOLTA-Modus, der bisher aber noch nicht so richtig zünden wollte. Im vergangenen Jahr hatte der Straßenkick noch mit einigen Kinderkrankheiten zu kämpfen, dieses Mal haben ihn EA Sports so richtig in den Sand gesetzt. Die Story wurde radikal gekürzt, von gut sechs auf gerade einmal zwei Stunden. Auch die Produktionsqualität ist eher mau, haben die Macher doch große Teile der Charaktermodelle aus anderen Spielmodi übernommen: die Street-Legenden aus dem letzten Jahr, die Ikonen aus dem Ultimate-Team-Modus, Spielerberaterin Beatriz Villanova sogar aus FIFA 19! Daran reihen sich Bugs und Glitches weit über "Das Debüt" hinaus. Online kamen zwischenzeitlich etwa keine Spiele zustande, weil zwar Gegner gefunden aber keine Sitzungen erstellt werden können. So ist der Modus bereits wenige Wochen nach Release dem Tod geweiht.
Quelle: PC Games
Die Interaktive Simulation wurde dieses Jahr als neues Feature angepriesen, war in ähnlicher Form aber bereits in FIFA 07 vorhanden.
Auch auf dem Platz sieht es jetzt nur bedingt besser aus. Klar, FIFA 21 (jetzt kaufen 59,95 € ) spielt sich nicht schlecht. Das Gebolze macht Laune und schaut dabei auch noch chic aus. In dieser Saison erwarten euch allerdings wenige nennenswerte Änderungen, eigentlich nur die Interaktive Simulation und die Kreativen Läufe. Und wenn man sich die mal etwas näher ansieht, wird schnell klar: So neu sind auch die gar nicht. Die Kreativen Läufe gab es bereits in ähnlicher Form in FIFA 2004, damals unter dem Namen "Off-the-Ball-Steuerung". Die Möglichkeit ein Spiel zu simulieren und zu jedem beliebigen Zeitpunkt ins Geschehen zu springen, bot bereits FIFA 07. Das hieß damals visuelle Simulation und konnte, im Vergleich zu heute, sogar noch beschleunigt werden.
Altes Feature, neu verkauft
Das ist ein Trend, der sich durch alle Bereiche von FIFA fortsetzt: Die letztjährig eingeführten Pressekonferenzen, Spielergespräche und Interviews? Ein Alter Hut, ebenso wie die dieses Jahr zurückgebrachten Leihen mit Kaufoption. Und als 2017 damit geworben wurde, Spielstände würden nun auf dem Rasen und nicht mehr per Bauchbinde angezeigt, hatten viele Fans ebenfalls ein Déjà-vu. EA Sports sind einfach Meister darin, alte Features als neu zu verkaufen.
Das bestätigt auch noch mal ein Blick auf die zentralen Gameplay-Neuerungen, die die Macher in den vergangenen Jahren in den Fokus stellten. Im Trailer für FIFA 21 war das beispielsweise das Agile Dribbling. Bei FIFA 20 stand indes das Seitwärts-Dribbling im Fokus. In FIFA 19 wurde das Active Touch System hervorgehoben und in FIFA 18 schließlich das überarbeitete Dribbling. Vier unterschiedliche, wunderschöne Marketing-Begriffe, die am Ende doch immer das Gleiche aussagen: Spieler sollen nun angeblich besser mit dem Ball umgehen. Statt sich wirklich neue Funktionen auszudenken, werden lieber neue Namen für bereits bestehende gesucht. Bravo!
Quelle: PC Games
Die Kreativen Läufe gehören dieses Jahr zu den wenigen namhaften Änderungen. Der Rest ist mehr Detailverbesserung.
Geld regiert die Welt
Wirklich innovativ wird EA Sports eigentlich nur beim Ultimate Team Modus. Warum? Weil die Macher damit im vergangenen Jahr über 1,49 Milliarden Dollar erwirtschaftet haben. 2018 machten die Ingame-Käufe über alle Ultimate-Team-Modi hinweg sogar 28 Prozent des Konzern-Gesamtumsatzes aus! Da ist es vollkommen verständlich, dass die Macher ihre zahlende Spielerschaft bei Laune halten und auch in FIFA 21 mit neuen Features versorgen möchten: Koop-Modus, Community-Events, Live-Challenges, Stadionausbau und über 100 Icons - dafür bleiben die anderen Spielvarianten dann eben zwangsläufig auf der Strecke. Trotz Detailverbesserungen herrscht in Pro Clubs, Saisons oder Spielerkarriere Stillstand.
Quelle: pcgames.de
Einmal eine echte Traumelf zusammenstellen, das ist das Ziel vieler Ultimate-Team-Spieler. Auf dem Weg dorthin werden gerne mal ein paar Euros ausgegeben.
An diesem Umstand rütteln könnte wohl höchstens eine Auskopplung von Ultimate Team. Würde sich der Modus als Free-to-Play-Titel über Mikrotransaktionen selbst finanzieren, wären genügend Ressourcen übrig, um sich auf das eigentliche Spiel zu konzentrieren. Das bleibt aber aller Wahrscheinlichkeit nach Wunschdenken, ebenso wie die Abkehr vom Ein-Jahres-Zyklus. Zwar hat sich Konkurrent Pro Evolution Soccer dieses Jahr auf ein Saison Update beschränkt, um dann 2021 mit neuer Engine anzugreifen. Von EA Sports dürfen wir solche Schritte aber nicht erwarten. Dafür verkauft sich FIFA, aller Kritik zum Trotz, einfach viel zu gut. Aufhören zu meckern, sollten wir deshalb aber noch lange nicht. Denn durch stillschweigendes Hinnehmen eklatanter Makel und fehlender Innovationen wird FIFA definitiv auch nicht besser!
