Warum es mir besser geht, seit ich kein FIFA mehr spiele - mit Video
Kolumne
Redakteur David Benke macht den Sami Khedira: Am Ende dieser Saison hat er offiziell die Fußballschuhe an den Nagel gehängt! Nun, zumindest die virtuellen. Was ihn dazu bewogen hat, künftig auf die tägliche Dosis FIFA zu verzichten, und warum es ihm nach dieser Entscheidung deutlich besser geht, verrät er euch in seiner Kolumne. Mit Video!
Ich liebe FIFA. Über die vergangenen 12 Jahre hinweg habe ich mir immer direkt zum Release den neuesten Ableger gekauft. Nimmt man alle Teile zusammen, habe ich mittlerweile wohl schon weit über 1000 Stunden in dem Franchise versenkt. Ich habe Platin-Trophäen gesammelt, an der virtuellen Bundesliga teilgenommen und im Hamburger Millerntor-Stadion vor Live-Publikum gegen Profis des FC St. Pauli gezockt. Seit meinem Beginn bei der PC Games im Jahr 2018 treibt mich die Fußballsimulation auch beruflich herum: die jährlichen Reviews gehen nun auf meine Kappe. Es ist also wohl nicht übertrieben, zu sagen: FIFA hat in meinem Leben eine zentrale Rolle gespielt. Bis jetzt.
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Denn kürzlich habe ich mich zu einem beinahe drastisch wirkenden Schritt durchgerungen: Ich habe FIFA 21 (jetzt kaufen 59,95 € ) von der Festplatte meiner PlayStation geworfen. Und soll ich euch was sagen? Es könnte mir nicht bessergehen! Es ist fast so, als wäre eine unsichtbare Last von meinen Schultern abgefallen.
FIFA hat sich für mich in den letzten Wochen und Monaten nämlich schon fast zur einer Art Arbeit und damit zu einer unerträglichen Qual entwickelt - ganz besonders im Ultimate Team Modus. Das hat natürlich viele Gründe: die toxische Community zum Beispiel, die einem nach einem glücklich gewonnenen Spiel auch gerne mal Krebs an den Hals wünscht. Oder das seit Jahren fast unveränderte Gameplay, das einen desillusioniert auf der Couch sitzen und sich fragen lässt: Warum gebe ich hierfür eigentlich noch regelmäßig Geld aus.
Zu viel Zeit, zu wenig Gegenwert
Quelle: pcgames.de
Was, nur Bronze 2? Das riecht natürlich nicht! Wer die richtig guten Belohnungen will, muss mehrere Stunden investieren.
Besonders problematisch wurde für mich zuletzt aber vor allem die unglaublich kompetitive Natur des Spiels. FIFA verschlingt einfach unglaublich viel Zeit, wenn man versucht, ernsthaft am Ball zu bleiben. Wer mit dem Rest mithalten will, der muss eigentlich beinahe täglich online sein: Schließlich wollen jede Woche aufs Neue 42 Partien im Squad-Battles-Modus und nochmal 30 in Division Rivals gespielt werden. Nur so steigt man in der globalen Rangliste auf und sammelt Belohnungen. Und am Wochenende steht natürlich auch noch die Weekend League mit zusätzlichen Rewards an. Da kommt man schon mal auf gut und gerne 50 Stunden, die dann auch mal in schlaflosen Nachtschichten durchgeprügelt werden. Dieser exzessive Grind ist ein scheinbar notwendiges Übel: Nur so kommt komme ich schließlich an Packs und Münzen, mit denen ich wiederum neue Spieler kaufen kann, mit denen ich dann in den Ingame-Wettbewerben um neue Belohnungen spiele. Und so weiter.
Als Spieler ist man da schnell in einem Teufelskreis gefangen. Man spielt nicht mehr, weil man Spaß hat, sondern nur um auf die nächste Belohnung hinzuarbeiten. Die schönen Momente werden einem relativ flott gleichgültig. Man kann sich über schöne Tore nicht mehr freuen, sondern überspringt lieber die zeitfressende Wiederholung. Siege fühlen sich nicht mehr befriedigend an, Niederlagen dafür umso frustrierender. Jeder scheint sich gegen einen verschworen zu haben, nur um einen zu ärgern: die Fußballgötter, der Algorithmus, die Server - alles! Schimpfwörter und Controller fliegen einmal durch den Raum. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, sind die Belohnungen am Ende dann auch noch ziemlicher Dreck: Wenn der beste Spieler aus meinem Ultimate Pack eine Gesamtwertung von 82 hat, fühlt sich die dafür aufgewendete Zeit absolut verschwendet an.
Wer schläft, verliert
Quelle: pcgames.de
Nur noch sieben Tage, dann läuft deine Wochenaufgabe ab! FIFA 21 kann mit all seinen zeitlich begrenzten Inhalten ganz schön stressen.
Das wird in anderen Bereichen des Spiels nicht besser: Gerade in diesem Jahr hat sich EA Sports mit Ingame-Aufgaben übertroffen, die ihr mühsam abklappern müsst. Es gibt beispielsweise kostenlose Packs, die auf der Anzahl der von euch aktiv gespielten Tage fußen. Wer sich also seit Launch jeden Tag einmal in Ultimate Team eingeloggt hat, bekommt bessere Boni als ein sporadischer Spieler. Dazu kommen teambasierte Community-Events, in deren Verlauf ihr für eure Seite Punkte sammeln könnt, gestaffelte Wochenziele, die innerhalb von 14 Tagen erledigt werden sollen, Saisonmeilensteine, die ihr mit über Monate gesammelten XP freischaltet, immer neue Squad Building Challenges, Icon Swaps, Lightning Rounds und und und. Alles mit zeitlicher Befristung, versteht sich. Wer also nicht schnell genug ist, geht leer aus.
Ein Worst-Case-Szenario, das man natürlich um jeden Preis verhindern will. Die FOMO schlägt eiskalt zu, die Fear of missing out - also die zwanghafte Sorge, ein befriedigendes Ereignis zu verpassen. Bevor man ein kostenloses Item, ein Pack oder ein paar lumpige Münzen links liegen lässt, hängt man also lieber nochmal ein paar Partien dran. Wäre ja ärgerlich, wenn man die Boni später gut gebrauchen könnte. Wie oft habe ich mich dabei erwischt, wie ich mich mit einem wild zusammengewürfelten Silber-Team durch eine Runde Live-Freundschaftsspiele, gequält habe, um an einen verlockenden Gratisspieler zu kommen. Nur um und dann später festzustellen, dass der gar nicht so toll ist. Dass er nicht das fehlende Puzzlestück war, durch das mein Team plötzlich perfekt oder das Gameplay wieder richtig unterhaltsam wurde. Die dutzenden Stunden Grind, einfach nur für die Katz. Zumal alle hart erarbeiteten Fortschritte ab Oktober ja eh hinfällig werden. Da zieht die Spielergemeinde geschlossen zum nächsten FIFA weiter, die Zeiger werden zurück auf null gedreht und der Zyklus beginnt von vorne.
Andere Mütter haben auch schöne Spiele
Quelle: PC Games
Kein Bock mehr auf Ultimate Team? Dann schaut doch einfach mal in den Karrieremodus rein! Der macht nämlich immer noch Laune.
Ich habe für mich daher entschlossen, dass ich keinen Bock mehr auf diesen Lauf im Hamsterrad habe. Der ständige Druck, der Stress, das nagende Gefühl, unbedingt FIFA spielen zu MÜSSEN sind mit zu viel geworden. Ich habe die Notbremse gezogen.
Ich habe erkannt, dass ich mit meiner knapp bemessenen Zeit weitaus sinnvollere Dinge anstellen kann, als sie mit virtuellem Fußball zu verblasen, der mir keine bleibenden Erinnerungen, keinen Mehrwert, keine positiven Emotionen beschert. Da setze ich mich lieber hin und Spiele irgendwas mit kreativen Spieldesign oder spannender Story. Oder meinetwegen auch die anderen Modi von FIFA: Ich will das Spiel im Allgemeinen nämlich gar nicht verteufeln. Mit der Karriere lässt sich zum Beispiel noch immer Spaß haben, wenn ihr komplett ohne den Einsatz von Echtgeld euer Traumteam aufbaut. Und auch die Saisons machen Laune, weil da tatsächlich mal eure spielerische Klasse zählt und nicht die Größe eures Geldbeutels.
Um Ultimate Team werde ich fürs erste aber einen großen Bogen machen. Und ich kann jedem, der sich ähnlich ausgebrannt oder frustriert fühlt wie ich, nur empfehlen es mir gleich zu tun. Eure geistige Gesundheit wird es euch danken!
