FIFA, Call of Duty und Co.: Wo bleibt die Risikobereitschaft der Entwickler?

Kolumne Michael Grünwald 53,99 €
FIFA, Call of Duty und Co.: Wo bleibt die Risikobereitschaft der Entwickler?
Quelle: EA

Jährliche Updates bestimmter Spieleserien sind bereits seit Ewigkeiten gang und gäbe. Titel wie FIFA oder Call of Duty zählen dabei zu den bekanntesten Beispielen. Noch dazu müssen diese Games auf der einen Seite möglichst einsteigerfreundlich, auf der anderen Seite E-Sport-tauglich sein, nur um noch mehr Kohle in die eh schon vollen Taschen zu spülen. Redakteur Michael Grünwald nervt dieser Trend und er wünscht sich mehr Risikobereitschaft der Entwickler und Publisher.

Wer kennt ihn nicht, den Filmklassiker "Und täglich grüßt das Murmeltier"? In der Spielebranche wird dieses Muster in manchen Reihen schon seit Jahren angewendet. Besonders zwei Publisher reizen es ohne Rücksicht auf Verluste aus: Electronic Arts und Activision. Im September bringt EA mit FIFA XY Jahr für Jahr ein Grafikupgrade des Vorgängers auf den Markt, Activision legt im November nach und veröffentlicht ein neues, zu Beginn häufig verbuggtes Call of Duty. Zwölf Monate später wiederholt sich das Ganze erneut. In meiner Kolumne möchte ich erklären, warum ich mir von großen Publishern mehr Risikofreude bei der Entwicklung dieser Blockbuster-Spiele wünsche.

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In der Ruhe liegt die Kraft

Zwischendurch bringt EA auch neue Modi wie Volta oder eine Story zu FIFA. Diese nutzen sich jedoch schnell ab.  Quelle: PC Games Zwischendurch bringt EA auch neue Modi wie Volta oder eine Story zu FIFA. Diese nutzen sich jedoch schnell ab.  Zunächst müssen wir aber klarstellen, wo das derzeitige Hauptproblem liegt: Als großer Fan von FIFA und Call of Duty finde ich die Richtung, die beide Reihen bereits seit längerer Zeit einschlagen, äußerst bedenklich. Auf Wünsche der Community wird kaum bis gar nicht eingegangen und auch der Umfang bzw. der Zustand der frisch veröffentlichten Spiele ist meist enttäuschend. Doch woran liegt das? Zum einen werden Videospiele immer komplexer und gerade große Marken wie FIFA oder Call of Duty benötigen dementsprechend eine Vielzahl an Mitarbeitern. Dadurch verlängert sich natürlich auch die Entwicklungszeit der Games immens. Viele Spiele, die ich mir in letzter Zeit gleich am Releasetag gekauft habe, wirkten trotz Day-One-Patch nicht nur unfertig, sondern ließen teilweise auch Inhalte vermissen, die von den Entwicklern ganz offensichtlich eingeplant waren. Dieses Phänomen machte auch vor AAA-Titeln nicht halt. Hätte ich eine Liste zu den Bugs und Spielabstürzen von Call of Duty: Black Ops Cold War geführt, mir wäre wohl recht schnell das Papier bzw. der Speicherplatz ausgegangen.

Die Lizenzpakete in FIFA sind für viele Fans der wichtigste Unterschied im Vergleich zu anderen Fußball-Simulationen wie PES. Quelle: PC Games Die Lizenzpakete in FIFA sind für viele Fans der wichtigste Unterschied im Vergleich zu anderen Fußball-Simulationen wie PES. Für mich stellt sich daher die Frage: Warum halten Publisher immer noch daran fest, jedes Jahr einen neuen Teil ihrer Reihen zu veröffentlichen? Ja, man muss anmerken, wir Zocker sind extrem verwöhnt und schnell am Haten, sobald unsere geliebten Games verschoben werden. Doch mittlerweile sollte auch den Entwicklern und Publishern klar sein, dass sich diese negative Stimmung wendet, sobald das Endprodukt den Ansprüchen der meisten Spieler entspricht. Selbst Hardcore-Fans von CoD oder FIFA würden es verschmerzen, wenn die Titel jeweils ein Jahr pausieren, um Innovationen ausgereift umsetzen zu können. Vor allem im Fall der Fußball-Simulation wäre es möglich, nur ein simples jährliches Kaderupgrade herauszubringen. Und schon wäre ich sogar bereit, einen bestimmten Betrag für das neue Lizenzpaket zu bezahlen. Denn machen wir uns nichts vor, wir schießen die Tore schon lieber mit Cristiano Ronaldo für Juventus Turin als mit Christopher Roncalli für Piemonte Calcio. Gameplay- und Grafik-Auffrischungen gepaart mit neuen Spielmodi und frischen Ideen könnte Electronic Arts dann jedes zweite Jahr in einen neuen Titel integrieren und diesen wieder zum Vollpreis anbieten. Vielleicht würde dies auch alte Fans wie mich dazu verleiten, beim neuesten Teil zuzuschlagen. Ubisoft hat mit der Assassin's-Creed-Reihe und Valhalla genau das geschafft.

Selbst für Pep zu viel Tiki-Taka

Bleiben wir doch gleich bei der Fußball-Simulation von EA. Es fällt mir allerdings schwer, das Wort "Simulation" in einem Satz mit FIFA zu verwenden. Bevor sich jetzt alle PES-Fans voller Vorfreude die Hände reiben, lasst euch gesagt sein, ich bin der Meinung, dass beide Titel den Zusatz Simulation nicht verdienen. Realistisch betrachtet haben Spielzüge und Spielerbewegungen in beiden Titeln recht wenig mit einem echten Fußballspiel zu tun. Zum einen hätten wir da die Künstliche Intelligenz, die jedes Jahr auf ein Neues die Beste aller Zeiten sein soll, aber in den meisten Situationen absolut unrealistisch agiert. Zum anderen wirkt auch das stupide Button-Gedrücke menschlicher Spieler, bei dem beinahe jeder Ball perfekt ankommt, absolut surreal. Eine recht einfache Möglichkeit, dies zu ändern, wäre vorhanden und ist bereits seit vielen Jahren im Spiel integriert.

Jahr für Jahr erscheint angeblich das beste FIFA aller Zeiten, doch die meisten Gameplay-Änderungen wirken sich nur minimal aus. Quelle: PC Games Jahr für Jahr erscheint angeblich das beste FIFA aller Zeiten, doch die meisten Gameplay-Änderungen wirken sich nur minimal aus. Mit ein paar Freunden habe ich mir bei FIFA 07 überlegt, die Steuerung komplett auf manuell umzustellen und habe bis heute an dieser optionalen Funktion festgehalten. Das Spiel fühlt sich durch diese Anpassung deutlich realistischer an und selbst die unmenschlichen Bewegungen meiner K.I.-Jungs auf dem Platz werden reduziert. Sollte ich den Stick beim Torabschluss in Bedrängnis einmal verreißen und aus Versehen Richtung Eckfahne zielen, dann fliegt der Ball auch dorthin und schlägt nicht im oberen Toreck ein. Dieses Gefühl von Realismus fehlt FIFA in meinen Augen komplett und daran wird sich auch nichts ändern, solange ein unterstützendes System in die "Simulation" eingreift.

FIFA ist äußerst kompetitiv und jeder möchte der Beste sein. Völlig egal, ob das 0815-Spieler wie ich oder Profis aus dem E-Sport-Bereich sind. Warum also nicht für alle die gleichen Voraussetzungen schaffen und sämtliche Hilfen aus dem Spiel streichen? Nach einer kurzen Zeit der Eingewöhnung wäre das automatische Passen und Schießen schnell vergessen und der Bessere gewänne am Ende die Partie. Ganz so einfach ist es natürlich nicht, aber auch im echten Fußball jubeln hin und wieder die Underdogs. Vielleicht verstummen auf diese Weise ja sogar die Stimmen nach dem Momentum in FIFA. Wobei, nein, dieses Mysterium wird wohl nie komplett aus dem Spiel verschwinden.

Möglichst viele Neulinge, möglichst viele Bugs

Auch die Kampagne von Black Ops Cold War war wieder kurz, spannend und actiongeladen. Es hakt an anderen Stellen. Quelle: PC Games Auch die Kampagne von Black Ops Cold War war wieder kurz, spannend und actiongeladen. Es hakt an anderen Stellen. An Call of Duty arbeiten zwar gleich drei verschiedene Studios, doch es wirkt manchmal so, als wären die Entwicklungszyklen zu kurz, um ein fertiges Spiel zum Release auf den Markt zu bringen. Sowohl der 2019 erschienene Reboot Modern Warfare als auch der aktuellste Teil der Reihe, Black Ops Cold War, offenbarten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung riesige Schwächen. Von Anzeigefehlern im Hauptmenü über grobe Sound- und Grafikbugs bis hin zu ständigen Spielabstürzen bekamen die Spieler eine breite Palette an möglichen Fehlern vorgesetzt. In meinem Durchlauf der Kampagne von Black Ops Cold War trennte sich beispielsweise mein PS4-Gamepad in einer Mission immer wieder von der Konsole, so dass ein Neustart der PlayStation nicht zu umgehen war. Erst nach einem umfangreichen Patch konnte ich mich erneut auf die Story stürzen. Doch das ist bei Weitem nicht einmal das Schlimmste.

Die Call-of-Duty-Reihe wurde über Jahre hinweg für ihre veraltete Engine kritisiert. Die nächsten Teile benötigen jedoch dringend eine Anpassung des Balancing im Multiplayer. Quelle: PC Games Die Call-of-Duty-Reihe wurde über Jahre hinweg für ihre veraltete Engine kritisiert. Die nächsten Teile benötigen jedoch dringend eine Anpassung des Balancing im Multiplayer. Kommen wir doch zum wichtigsten Part des Ego-Shooters: dem Multiplayer. Ich lehne mich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, der Großteil aller Spieler kauft sich ein neues Call of Duty ausschließlich wegen des Mehrspieler-Parts. Über Jahre hinweg bot Activision zusammen mit den zuständigen Entwicklerstudios Infinity Ward, Treyarch und Sledgehammer Games schnelle, actiongeladene Kämpfe auf deutlich kleineren Maps wie in anderen Shootern à la Battlefield. Doch meiner Meinung nach richtet sich CoD mittlerweile in eine komplett falsche Richtung aus. Im Gegensatz zu früheren Teilen haben beispielsweise die meisten Karten des Multiplayers absolut keinen Wiedererkennungswert und sind nur noch für kompetitive E-Sport-Events ausgelegt. Maps aus Modern Warfare oder Modern Warfare 2 wie Verwuchert, Terminal, Favela oder Kreuzfeuer wecken bis heute schöne Erinnerungen an tolle Schlachten. Aktuelle Karten bieten dagegen größtenteils einfach nur Deckungen und schwer einsehbare Spots an.

Zurück zu den Wurzeln

Ich habe es zu Beginn schon einmal angesprochen. Videospiele werden immer komplexer und die Zeiten, in denen jedes Jahr ein neuer Teil der Reihe erscheinen muss, sind passé. Auch Activision sollte dies langsam merken und sich ein wenig mehr Zeit bei der Entwicklung eines neuen Call of Dutys lassen. Die immer weiter sinkenden Spielerzahlen in Black Ops Cold War dürften auch am Publisher nicht spurlos vorbeigehen. Und sich nur auf die gut laufende Warzone konzentrieren, wäre in der schnelllebigen Gaming-Welt ein Fehler.

Im Gegensatz zu EA versucht Activison bei CoD innovativ zu sein. Hier scheitert es aber an der fertigen Umsetzung. Quelle: PC Games Im Gegensatz zu EA versucht Activison bei CoD innovativ zu sein. Hier scheitert es aber an der fertigen Umsetzung. Aber kommen wir nochmal zurück zum eigentlichen Thema: Welches Risiko sollte Activision eingehen, um die Fans wieder zufriedenzustellen? Denn obwohl bei uns Zockern der Aufschrei recht schnell groß ist, kommen wir auch immer wieder zügig zur alten Liebe zurück. Zumindest, sobald die Entwicklung in eine positive Richtung geht. Viele Spieler sind derzeit genervt davon, dass Call of Duty zum einen äußerst einsteigerfreundlich sein möchte - Stichwort Skillbased-Matchmaking -, zum anderen aber ganz klar darauf setzt, E-Sport-tauglich zu bleiben. Dies lässt jedoch seit Jahren die breite Masse in der Mitte, sprich den Mainstream-Spieler, recht einsam zurück. Denn ganz klar ist auch, nicht jeder möchte ausschließlich Runden spielen, in denen er aufgrund des Matchmakings auf ähnlich starke Spieler trifft. Nach einem anstrengenden Schul- oder Arbeitstag sollte beim abendlichen Zocken doch auch der Spaß im Vordergrund stehen. Zumindest ein optionaler Spielmodus, bei dem ich die skillbasierte Spielersuche auf Wunsch deaktivieren kann, wäre hilfreich und würde vielen Fans der Reihe den Spielspaß zurückbringen. Vielleicht würde Call of Duty durch diesen Wandel einige Neu-Interessenten verlieren, doch ich bin mir auch sicher, dass etliche Spieler ihre Begeisterung für den Shooter wiederentdecken würden.

Abschussketten bringen in Black Ops Cold War deutlich mehr Punkte ein als die Eroberungen von Flaggen oder Stellungen. Das macht bestimmte Spielmodi überflüssig. Quelle: PC Games Abschussketten bringen in Black Ops Cold War deutlich mehr Punkte ein als die Eroberungen von Flaggen oder Stellungen. Das macht bestimmte Spielmodi überflüssig. Ein weiteres extremes Problem stellt in CoD das Balancing dar. Damit meine ich in erster Linie nicht einmal die Ausgeglichenheit der Waffen, sondern die Punktevergabe in den unterschiedlichen Spielmodi. Der Ego-Shooter unterschied sich in früheren Serienteilen aufgrund der schnellen Action und kurzer, knackiger Runden von Konkurrenten wie Battlefield. Doch mittlerweile entwickelt sich auch Call of Duty mehr und mehr zum Stellungskampf. Wie bereits angesprochen, sind daran zum einen die Maps mit ihren unzähligen Deckungsmöglichkeiten Schuld, zum anderen aber auch die Vergabe der Erfahrungspunkte. Es müsste eine deutlich größere Belohnung für zielbasiertes Spielen geben, damit sich aus einer Runde Herrschaft oder Hauptquartier auch eben jener Spielmodus entwickelt und nicht ein simples Deathmatch. Das Spiel könnte zum Beispiel an das siegreiche Team die doppelte Anzahl an Erfahrungspunkten verteilen oder eben nur die Hälfte an die Verlierer der Runde. Das gleiche Prinzip funktioniert im Übrigen auch beim Erspielen der in Call of Duty üblichen Punkte- bzw. Abschussserien. Ein wenig mehr Mut in der Entwicklung wäre absolut wünschenswert.

Vielleicht muss ich aber auch einsehen, dass Geld eben die Welt regiert und Verkaufsrekorde in der Releasewoche und Transaktionen im Ingame-Shop mehr wert sind als ein fertiges und spaßiges Spiel.

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