Das Leben als eSportler

Special Lukas Schmid
Das Leben als eSportler
Quelle: PC Games

eSport ist aus der Gaming-Welt nicht mehr wegzudenken. Wir waren in einem eSport-"Boot Camp" zu Besuch.

Das große Geld in Reichweite

Der Epsilon-Hauptsponsor - ein Energy-Drink-Produzent - sorgt dafür, dass das Team zumindest das Klischee der dauer-koffeinierten Truppe voll erfüllt. Quelle: PC Games Der Epsilon-Hauptsponsor - ein Energy-Drink-Produzent - sorgt dafür, dass das Team zumindest das Klischee der dauer-koffeinierten Truppe voll erfüllt. Während wir dem Team bei einem Probematch über die Schulter schauen, sind wir völlig von den Socken: Hier werden innerhalb kürzester Zeit virtuelle Kopfschüsse in wahnwitzigem Tempo verteilt, in dem man als Normalspieler noch nicht einmal die Hände auf Maus und Tastatur gelegt hat. Wie bekannt die anwesenden eSportler abseits des unter Counter Strike-Spielern sehr bekannten Barbarr wohl sind, fragen wir und denken, dass wir es hier schon mit der absoluten Elite des Spiels zu tun haben müssen. Tatsächlich treffen wir an diesem Tag aber primär auf junge Spieler, die gerade erst ihren EInstieg in der Szene feiern - einer von ihnen ist gar erst seit einem Monat als Profi bei Epsilon im Einsatz. Das kommt daher, dass Epsilon sich neben einem Profi-eSport-Verein auch als eine Art Kaderschmiede versteht. Viele große eAthleten anderer Teams haben hier ihren Ursprung und wurden dann um inzwischen beeindruckende Ablösesummen verkauft. Keine Frage, im Jahr 2017 ist eSport ein Millionengeschäft.

Die besten ihrer Klasse erhalten monatlich Managergehälter von 25.000 Euro und mehr (Sponsorengelder durch Werbeverträge und Co. nicht mitgerechnet), die Preisgelder sind in den letzten Jahren in astronomische Höhen gestiegen: Beim Dota 2-Turnier "The International 2016" im vergangenen Jahr ging es für die anwesenden Teams um nicht weniger als fast 21 Millionen Euro! Wohl auch deswegen fühlt sich Epsilon in seiner etablierten Rolle als Kaderschmiede wohl, denn astronomische Gehälter sind zumindest für die jungen Profis noch kein Thema. Doch egal, ob als Neu-Ankömmling im Team oder als Veteran, der Wille zum Training ist nicht alles: Wie in klassischen Sportarten muss man das Talent mitbringen, die entsprechende Leistung überhaupt erst einmal bringen zu können. Und nur, weil man gut ist, heißt das noch lange nicht, dass man auch ernsthaft daran denkt, in den eSport einzusteigen.
Das Haus ist zwar ein wenig in die Jahre gekommen, bietet mit einer großen Küche, Yakuzi im Keller und mehr aber fast alles, was das Herz begehrt. Quelle: PC Games Das Haus ist zwar ein wenig in die Jahre gekommen, bietet mit einer großen Küche, Yakuzi im Keller und mehr aber fast alles, was das Herz begehrt.
Damit potenzielle Talente aber nicht im Verborgenen bleiben, arbeitet Epsilon mit Scouts, also Headhuntern, die stets auf der Suche nach neuen Talenten sind. Seitdem Epsilon 2016 FIFA zu den kompetitiv gespielten Titeln hinzugefügt hat, übernimmt in dieser Sparte der Franzose Guillaume Chevalier diese Rolle. Seine Aufgabe war und ist es, den FIFA-Kader für seinen Arbeitgeber aufzubauen - mit Erfolg, denn bei den FIFA-Turnieren ist Epsilon seitdem meist vorne mit dabei. Die Talentsuche funktioniert dabei natürlich etwas anders als im normalen Sport. So durchforstet Guillaume regelmäßig allerlei FIFA-Twitch-Streams und beweist dort ein gutes Auge, um herausragende Talente zu erkennen. Den so entdeckten macht er anschließend Angebote, wobei er oftmals den direkten Kontakt sucht. So führte ihn sein Weg auf der Suche nach neuen Spielern auch schon in die Vereinigten Staaten und nach Australien. Er selbst spiele kaum FIFA und konzentriere sich eher auf die Analyse, erzählt er lachend, während wir gemeinsam mit dem Team ihr Mittagessen vom Lieferdienst genießen; Zeit zum Kochen bleibt angesichts des strikten Trainings nicht oft.

No Sport for Old Men

Nach stundenlangem Training am Bildschirm zieht es manche Teammitglieder anschließend noch zur körperlichen Betätigung in den Trainingsraum. Quelle: PC Games Nach stundenlangem Training am Bildschirm zieht es manche Teammitglieder anschließend noch zur körperlichen Betätigung in den Trainingsraum. Die Freizeit, die sie haben, nutzen die Jungs, um mal abends ein wenig um die Häuser zu ziehen oder im extra eingerichteten Trainingsraum im Keller des Gaming House neben Reflexen auch den Körper zu trainieren. Das ist wohl auch notwendig, denn das geistig anspruchsvolle Training nimmt einen ganz schön mit - und wie beim klassischen Sport sind die Fristen für eSportler knapp bemessen. Die meisten von ihnen fangen im Alter von 16 bis 17 Jahren an, auf Profi-Niveau zu spielen. Mit Ende 20, spätestens 30 ist dann auch schon wieder Schluss. Dann nämlich lässt die Reaktionsfähigkeit nach und man kann irgendwann schlicht und ergreifend nicht mehr mit jüngeren Talenten mithalten. Ein Schicksal, das auch André recht bald bevorsteht. Er ist erst 26 Jahre alt, wird bald 27 und steht damit nach knapp zehn Jahren kurz vor dem Ende seiner Profi-Karriere. Wo er danach genau hin will, weiß er noch nicht, vielleicht will er auch noch nicht darüber nachdenken. Greg jedoch rät ihm, auf eine Position als Trainer und Manager umzusatteln, um auch nach seiner aktiven Zeit noch in der Szene arbeiten zu können. Erste Schritte in diese Richtung geht er bereits, denn für die jungen Profis vor Ort ist er eben nicht nur Kollege, sondern auch Lehrer; jemand, der ihnen nicht nur zeigen kann, wie man besser wird in Counter Strike: GO, sondern auch, wie die nächste Dekade ihres Lebens ungefähr ablaufen wird. Noch aber ist André frisch bei der Sache und kann mit dem Talent seiner Epsilon-Mitstreiter durchaus mithalten.

Nicht jeder gelangt an die Spitze

Diese recht beschränkte Halbwertszeit einer eSport-Karriere ist auch der Grund, warum ein solches Leben totz des Booms und immer größerer Gehälter und Preisgelder kein leichtes ist: Selbstverständlich kann nicht jeder Profi damit rechnen, später automatisch in einer anderen Funktion im eSport unterzukommen. Und auch als aktiver Sportler hat man es nicht einfach, denn prinzipiell werden einem hier fast ausschließlich Ein-Jahres-Verträge angeboten, um das Risiko zu minimieren, dass jemand die von ihm geforderte Leistung nicht bringen kann und dann mehrere Jahre mitgeschleppt werden muss. Über Verträge mit einer Laufzeit von zwei, drei Jahren oder gar mehr kann sich nur die absolute Welt­elite des eSports freuen. Nur in diesen Sphären werden auch die erwähnten Managergehälter gezahlt, ansonsten muss man sich mit deutlich weniger Geld zufrieden geben - und hat trotzdem ein extrem anstrengendes Trainingsprogramm über viele Jahre hinweg.

Und kann man einmal die von einem erwartete Leistung nicht oder nicht mehr bringen, dann ist man schneller vom Fenster weg, als man "Ja, aber" sagen kann. Ist es nicht das eigene Team selbst, das einen als leistungstechnisch untragbar erachtet, so ist es das Management, welches einschreitet, damit die restlichen Spieler wettbewerbsfähig bleiben. All das läuft also wie beim bereits etablierten Sport - und auch andere bekannte Problemfelder haben bereits Einzug gehalten. Seit einigen Jahren wird intensiv über Doping-Tests diskutiert, welche für Fairness bei Wettbewerben sorgen sollen. Schon jetzt gibt es zwar ein Doping-Verbot, die Kontrollmechanismen sind aber noch alles andere als ausgereift.
Dadurch, dass niemand auf Dauer im Haus is,t sind die Schlafzimmer spartanisch eingerichtet - die Dienstältesten erhalten aber natürlich die größeren Räume. Quelle: PC Games Dadurch, dass niemand auf Dauer im Haus is,t sind die Schlafzimmer spartanisch eingerichtet - die Dienstältesten erhalten aber natürlich die größeren Räume.

Zurück aus dem eSport-Land

Als wir an diesem Tag nach zahlreichen Gesprächen mit den eSportlern und den Leuten im Hintergrund sowie der Erkenntnis, dass wir doch nicht so gute Ego-Shooter-Spieler sind, wir wir bisher dachten, wieder ins Hotel gehen, ist es, als würde man aus einer Parallelwelt zurückkehren; einer strikten Regeln folgenden Welt, in der sich innerhalb weniger Jahre Strukturen entwickelt und etabliert haben, die nun eine millionenschwere Branche am Leben erhalten, die höchstwahrscheinlich trotzdem gerade erst am Anfang ihrer Entwicklung steht. Bis eSport entgültig denselben Status wie Fußball, Basketball und Co. hat, wird wohl noch etwas Zeit vergehen. Dass dahinter eine ebenso komplexe menschliche Maschinerie werkelt, ist uns spätestens nach dem heutigen Tage klar.

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