Der schwierige Fall Dragon Age: Zwischen Meinungsdiktat und Verschwörungstheorie
Kolumne
Um Dragon Age ist eine Debatte entbrannt, die über die reine Spielepresse hinaus immer mehr Leute erreicht. Warum es nicht hilfreich ist, Lager zu bilden, sondern das Problem an der Wurzel gepackt gehört, erklärt Toni in ihrer Kolumne.
Bereits bevor Dragon Age: The Veilguard draußen ist, wurde über das Spiel alles schon einmal gesagt. Es ist das Spiel des Jahres und das schlechteste Spiel des Jahres. Der Grabstein für Bioware und die Rettung für Bioware. Das perfekte Action-Rollenspiel und der schlechteste Abklatsch von Mass Effect aller Zeiten.
Dragon Age ist irgendwo zwischen Hype und Hate und falls nicht sogar Game of the Year, dann zumindest das kontroverseste Spiel des Jahres. Als ich schon vor Release reingespielt habe, konnte ich ein wenig von dieser Dualität nachempfinden. Allerdings war ich von bestimmten Spielmechaniken irritiert, zum Beispiel wie das Sprinten funktioniert, dass es viel zu viel kleines Zeug zum Sammeln gibt und ich mich manchmal von zu vielen Questmarkern erschlagen fühlte.
Und ich könnte jetzt einen Essay darüber schreiben, warum Dragon Age meiner Meinung nach trotzdem richtig gut ist und beweist, dass bei Bioware Entwickler sitzen, die richtig Ahnung haben, von dem, was sie tun. Aber ob Dragon Age ein gutes Spiel ist oder ob das Gameplay Spaß macht, ist nicht der echte Grund, warum man im Internet so heiß über das Fantasy-Abenteuer diskutiert.
Disclaimer: Ich setzte das Wort "woke" im folgenden Text nicht in Anführungszeichen. Zum einen für die Lesbarkeit des Textes und zum anderen, weil ich den Begriff in diesem Falle beschreibend nutzen möchte.
Die Kontroverse um Dragon Age
Der wahre Auslöser für den Streit besteht darin, dass Dragon Age: The Veilguard woke ist - also Transpersonen und Nicht-Hetero-Personen abbildet. Streitpunkte sind insbesondere, dass gegenderte Sprache in manchen Dialogen vorkommt und man im Charakter-Editor OP-Narben im Brustbereich einstellen kann.
Bei diesem ganzen Diskurs handelt es sich um eine Auseinandersetzung, die wir so schon bei The Last of Us Part 2 hatten. Leute meckern sich im Internet an, beleidigen sich, machen sich Vorwürfe, politisch zu stark auf dieser und jener Seite zu stehen und im Grunde hat niemand Lust, sich die Argumente der Gegenseite tatsächlich anzuhören.
Quelle: PC Games
Im Charakter-Editor von The Veilguard findet man eine Option für Operationswarzen an der Brust
Und es ist auch kompliziert. Die einen finden woke blöd, weil es nun mal "nichts in Spielen zu suchen hätte" und die andere Seite vermeidet ein Gespräch, weil man "über so ein Thema nicht diskutieren kann". Echte Argumente kommen von beiden Seiten nicht wirklich, außer aufgeladenen Plakat-Slogans wie: Spiele sind nicht politisch oder Kunst darf alles.
Und beides ist viel zu kurz gegriffen. Alles ist politisch und überall steckt eine Philosophie und eine Ideologie dahinter. Wer sie sucht, wird sie finden, aber ich kann mir aussuchen, ob ich mich selbst mit dem politischen Diskurs auseinandersetzen möchte oder nicht.
Wer lädt Spiele politisch auf?
Ob ich mich nun mit Dragon Age politisch auseinandersetze, oder es einfach nur als Videospiel nehme, drücken mir die Entwickler nicht auf, das ist mein eigenes Empfinden. Nehmen wir einfach mal das Kontra-Beispiel mit Stellar Blade: Ein gutes Spiel, das kontrovers diskutiert wurde. Aber nicht, weil die Spielmechaniken schlecht waren, sondern weil Hauptcharakter Eve extrem sexualisiert dargestellt ist.
Und ich habe da auch mitgemacht. Hätte ich das einfach so hinnehmen können? Sicherlich. Habe ich mich trotzdem aufgeregt? Ja, über die Maßen. Weil ich nicht damit konfrontiert werden will und mich auch nicht damit abfinden will, dass die Objektifizierung von Frauen nach wie vor gesellschaftlich akzeptiert ist.
Quelle: Shift Up
Eve aus Stellar Blade
Aber das ist nur mein persönliches Empfinden und auch hier handelt es sich um ein potenziell künstlerisches Produkt. Und wenn Kunst alles darf, dann kann ich ihr auch nicht verbieten, Frauen zu einer Sexfantasie herunterzubrechen. Sehr wohl habe ich aber das Recht, darüber zu diskutieren. Und genauso haben Leute das Recht, über Neo-Pronomen in Spielen zu diskutieren, aber dann müssen sie auch damit leben, dass sie Spiele auf ein politisches Niveau anheben. Die reine Existenz der Pronomen tut das nämlich nicht.
