Die Siedler: Neue Allianzen im Test: So schlecht wie sein Ruf? - Jetzt mit Video und Switch-Wertung
Test
Selten stand ein Spiel so unter Beschuss wie das neue Die Siedler. Wir geben dem Spiel trotzdem eine faire Chance: Im Test prüfen wir, ob sich die Befürchtungen aus der Community bestätigen - und ob das kontroverse Aufbauspiel vielleicht doch besser ist als sein Ruf. Update: Jetzt auch mit Switch-Wertung.
Sobald meine Truppen in eine feindliche Siedlung einmarschieren, ist Chaos angesagt: Wenn erst mal die ersten Brandsätze fliegen, ergreifen die gegnerischen Siedler kreischend die Flucht. Und ich beginne mich langsam zu fragen, warum es in diesem Spiel eigentlich nur den gewaltsamen Lösungsweg gibt. In Black & White 2 konnte ich zum Beispiel auch Glaube ansammeln und so lange Eindruck schinden, bis der Gegner die Waffen streckt. Selbst in Age of Empires 2 gibt es Missionen, in denen ich feindliche Parteien mit Gold bestechen kann. In Neue Allianzen gilt das Recht des Stärkeren, der Gegner wird plattgemacht. Der einfachste Weg ist übrigens, einfach das feindliche Hauptlager zu zerstören, dann verpufft die komplette Siedlung in wenigen Sekunden und lässt nur ein paar Rohstoffe übrig. Ich habe in meiner Spielzeit leider keine Möglichkeit gesehen, feindliche Einheiten zum Überlaufen zu bewegen, Gebäude zu übernehmen oder Rohstoffe aus Lagern zu stehlen - kämpfen oder gar nix. Mauern, Tore und Schutzwälle haben sich die Entwickler übrigens gespart, was ich aber noch halbwegs verstehen kann - vermutlich wäre das Spiel sonst einfach zu zäh geworden, gerade im Hinblick auf den Multiplayer.
Quelle: PC Games
Unsere Soldaten werfen Brandsätze, um feindliche Gebäude einzuäschern. Friedliche Lösungswege gibt es nicht.
Multiplayer: Wer braucht schon Auswahl?
Neben der ordentlich bemessenen Kampagne sind auch Skirmish-Gefechte und ein Mehrspielermodus an Bord. Vor allem der Multiplayer wird auf Ubisofts Website vollmundig beworben. Doch der Klick ins Menü lässt mich ungläubig auf die Versionsnummer schielen: Habe ich aus Versehen wieder die Beta installiert? Ist das wirklich so gedacht? Ja, ist es: Ich kann mich lediglich zwischen 1vs1, 2vs2 und 4vs4 entscheiden, wobei mir keine KI-Partner zur Seite stehen - wenn ich alleine spielen will, bleibt mir nur 1vs1. Außerdem darf man sich gnädigerweise noch eines der drei Völker aussuchen. Aber eine konkrete Map-Auswahl? Siegesbedingungen? Startressourcen? Spieltempo? Oder zumindest die Stärke der KI-Gegner? Nichts davon darf ich einstellen! (Ergänzung: Im Optionsmenü - und wirklich nur da! - kann man festlegen, welche Mehrspielermaps man bei der Spielersuche bevorzugt. Konkreter geht's leider nicht.) Stattdessen gibt es einen Extrem-Modus, der knifflige Missionen mit besonderen Rahmenbedingungen beinhaltet, die regelmäßig durchwechseln. Gar nicht übel!
Quelle: PC Games
Egal ob ihr Gefechte gegen die KI oder im PvP gegen echte Spieler loszieht: Auf typische Optionen müsst ihr verzichten, es gibt nicht mal eine Map-Auswahl.
Dafür entdecke ich im Hauptmenü noch einen anderen Dämpfer: den Ingame-Shop. In einem Vollpreisspiel für 60 Euro, bei dem eh schon viele Fans Gift und Galle spucken. Offensichtlich gibt es bei Ubisoft wirklich noch Leute, die das für eine richtig gute Idee hielten. Immerhin: Es wird nur Kosmetik verkauft und nix davon ist spielentscheidend. Wer also echtes Geld ausgeben will, um seinen Rittern endlich einen Helm zu verpassen, kann sich diesen Wunsch hier erfüllen. Es gibt auch eine Alternative zu echtem Geld, ihr könnt euch den Kram nämlich auch mit Reliktteilen freischalten. Die sollte man eigentlich für gespielte Matches und Kampagnenmissionen bekommen, genau wie Rangaufstiege - doch in meiner Spielzeit hat das Erfahrungssystem schlichtweg nicht geklappt. Absicht oder Bug? Mittlerweile ist es mir egal.
Technische Schnitzer
Denn es gibt weitaus größere Probleme. Kleinere Bugs und Grafikfehler (z.B. flackernde Laufwege) kann ich locker verschmerzen, doch die gelegentlichen Abstürze nerven. Selbst der erste Hotfix hat hier kaum Besserung gebracht. Ich hatte unter DX11 zwar deutlich weniger Crashes als unter DX12, doch gerade beim Beenden oder Spielstand laden (für die es übrigens nur 10 Slots gibt) schmierte mir die Siedelei ein ums andere Mal ab. Besonders ärgerlich war das im Mehrspielermodus, für den ich bislang übrigens nur ein einziges Mal eine Gegenspielerin fand. Das lässt nichts Gutes für die Zukunft des Spiels vermuten. Ein wenig Hoffnung ruht zumindest auf den Konsolenversion, die im März erscheinen sollen: Die Umsetzungen für PS5, PS4, Xbox Series S/X, Xbox One und Switch werden nämlich auch Crossplay erlauben.
Die Siedler: Neue Allianzen (jetzt kaufen 49,99 € ) ist im Ubisoft Store und Epic Games Store erhältlich. Der Preis für die Standard-Fassung liegt bei 60 Euro. Für happige 80 Euro bekommt ihr auch eine Deluxe Edition, die ein digitales Artbook, einen Soundtrack und eine Handvoll kosmetischer Extras beinhaltet, die aber kein Mensch braucht.
Aufgrund der Abstürze, die trotz Hotfix immer noch häufig auftreten, werten wir um einen Punkt ab.
Update vom 14.08.2023: Was taugt die Umsetzung für Nintendo Switch?
Ein halbes Jahr ist seit dem PC-Release vergangen und die Konsolenumsetzungen sind erhältlich. Uns hat besonders die Umsetzung für Nintendo Switch interessiert: Wurde das Spiel technisch sauber übertragen? Wie siedelt es sich mit dem Controller? Gibt es sogar spielerische Verbesserungen? Inhaltlich ist fast alles wie in der PC-Fassung, entsprechend wurde auch nicht an den Kritikpunkten gearbeitet. Technisch muss man mit deutlichen Abstrichen leben, was sich unter anderem in einer geringeren Auflösung, weniger Objekten und Details auf der Karte und vor allem durch ständiges Texturen-Aufpoppen zeigt. Das war offenbar nötig, um ein Spielgeschehen zu gewährleisten, das sowohl im TV- als auch Handheldbetrieb flüssig läuft. Das ist immerhin gelungen, in unserer Spielzeit lief die Switch-Fassung ruckelfrei.
Ein paar Elemente mussten in den Switch-Umsetzung allerings weichen, Ubisoft hat die Änderungen bereits vorab kommuniziert:
- Wer auf Nintendo Switch eine Mehrspielerpartie verlässt, können sie sich nicht erneut verbinden.
- Beim Verbinden von Wohnhäusern werden keine optischen Verbindungen zwischen den Gebäuden angezeigt. Es handelt sich allerdings nur um einen grafischen Einschnitt, am Gameplay ändert sich nichts.
- In 4-gegen-4-Mehrspielerpartien gibt es für alle Teilnehmer eine Begrenzung von 250 Einheiten (statt der ursprünglichen 500)
Die Bedienung der Menüs wurde ordentlich für den Controller umgesetzt. Das Baumenü lässt sich bequem ausklappen, die Platzierung der Häuser geht nach kurzer Eingewöhnung gut von der Hand. Einheiten werden mit einem Kreis-Cursor markiert, der bei Bedarf einfach größer aufgezogen wird, um Einheiten-Gruppen auszuwählen. In der Hitze des Gefechts ist das zwar etwas fummelig, aber dafür könnt ihr Einheitengruppen festlegen und mit den Pfeiltasten anwählen. Dadurch behält man auch mitten im Kampf noch die Kontrolle.
Löblich ist auch, dass es sowohl Cross-Progression als auch Crossplay zwischen den Umsetzungen für Playstation, Xbox, PC und Switch gibt. Ihr könnt euren Spielfortschritt also problemlos auf eine andere Platform mitnehmen - einen Ubisoft-Account vorausgesetzt. Die Switch-Fassung ist zum Vollpreis von 60 Euro im Nintendo eShop erhältlich.
Gute Alternativen für Siedler-Fans
Wer gerne Dörfer baut und hin und wieder auch mal ein bisschen gefordert werden will, hat auf dem PC wieder jede Menge Auswahl. Ganz frisch ist zum Beispiel das Remake von Pharao erschienen, das eine lange vergessene Aufbauseri e zurückbringt. Oder ihr schnappt euch Farthest Frontier von den Grim-Dawn-Entwicklern, das schon im Early Access viele Stunden Aufbauspaß liefert. Mit Foundation gibt's auf Steam einen weiteren Aufbautitel, der schon im Early Access viele Herzen erobert hat. Richtig spannend sieht außerdem Manor Lords aus, das uns schon mit seiner kurzen Demo-Fassung beeindruckt hat. Auch Northgard von Shiro Games hat massenhaft Fans gefunden, auf Steam konnte das Aufbau-Strategiespiel schon über 40.000 Bewertungen sammeln. Und wer eher auf der Suche nach etwas Ungewöhnlichem ist, sollte The Wandering Village ausprobieren - hier siedelt ihr auf dem Rücken einer riesigen Kreatur!
Wer mal ein ganz anderes Setting erleben will, dem sei das fordernde Endzone (hier im Test) empfohlen: Das deutsche Survival-Aufbauspiel setzt auf einen realistischen Spielablauf in einer postnuklearen Zukunft. Damit spielt es sich schon fast wie die Sci-Fi-Variante von Banished, einem modernen Indie-Klassiker, der wunderschönen Siedlungsbau mit einer steilen Lernkurve verbindet. Wer etwas Ähnliches in der Steinzeit erleben will, könnte dagegen Dawn of Man eine Chance geben, das wir ebenfalls für euch getestet haben. Und dann gibt es natürlich noch Pioneers of Pagonia, mit dem sich Volker Wertich noch in diesem Jahr zurückmelden will. Das könnte spannend werden! Habt ihr noch weitere Empfehlungen für ausgehungerte Siedler-Fans? Schreibt sie uns in die Kommentare!
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