Katastrophe

Kolumne Carlo Siebenhüner 44,99 €
Katastrophe
Quelle: pcgames

Mit Herr der Ringe: Gollum erreicht Daedalic einen Tiefpunkt. Carlo Siebenhüner erklärt, wie es dazu kommen konnte und wie es um das Studio steht.

Daedalic hat sich verzettelt. Mit Herr der Ringe: Gollum liefern sie das bisher schlechteste Spiel des Jahres ab. Doch wie komnnte es dazu kommen? Da ist einerseits der technische Aspekt. Gollum setzt jetzt auf die Unreal Engine, mit der Daedalic bisher noch nicht gearbeitet hat. Nicht falsch verstehen, der Grafikmotor ist sehr mächtig und schon letztes Jahr habe ich am Beispiel Piranha Bytes aufgezeigt, dass ein Wechsel auch Vorteile bringen kann. Er ist aber natürlich trotzdem ein Risiko. Du benötigst Entwickler, die mit der Engine umgehen können, entweder indem sie sich intensiv einarbeiten oder du holst dir Leute ins Team, die das Wissen mitbringen.

Wie es bei Daedalic um diese Erfahrung steht - schwer zu sagen, doch Gollum zeugt nicht davon, dass sie die Technik wirklich beherrschen. Die Texturen sehen extrem grob aufgelöst aus. Die Gesichtsanimationen springen nach jedem Absatz in die Ausgangsposition zurück, das Movement und die Steuerung sind unvorhersehbar.

Obendrauf hatten wir im Test sogar einen fetten, spielstandzerstörenden Bug. Da wollten wir in den nächsten Abschnitt laden, sind aber immer durch die Levelarchitektur gefallen. Wir haben den Spielstand neu geladen, wir haben den Level neu geladen, wir haben das Spiel neu gestartet und die Playstation auf den Kopf gestellt - nichts hat geholfen.

Gollum beobachtet von einem Vorsprung zwei Ork-Soldaten, die patroulliren. Quelle: Daedalic Entertainment Gollum schaut in das lodernde Auge Saurons Das ist ein katastrophaler Zustand, im Vergleich zu dem ja sogar ein Redfall wie ein poliertes Spiel aussieht. Doch selbst, wenn die Technik laufen würde - das Gameplay von Gollum ist auch nicht wirklich durchdacht. Die Grundidee ist nicht verkehrt. Gollums Persönlichkeitsspaltung darstellen und über Dialoge in schweren moralischen Entscheidungen definieren. Nur benötigt man auch gute Texter, die spannende Charaktere und Storydilemmata stricken.

Stattdessen wird Gollum in seinem eigenen Spiel teilweise zur Nebenfigur degradiert, wenn höfische Intrigen im Turm von Sauron aufgemacht werden. Die moralischen Entscheidungen, in denen man mit sich selbst argumentieren muss, verkommen zusätzlich zum Trial & Error. Ganz allgemein ist der Charakter Gollum auch schwierig. Den Antagonisten zu spielen, ist zwar reizvoll, doch dann hätte man da einen anderen Abschnitt seiner Geschichte wählen müssen. Warum zeigt man beispielsweise nicht den Verfall von Sméagol. Das fände ich hoch spannend. Also vom Fund des einen Ringes bis zur völligen Transformation zu Gollum in verschiedenen zeitlichen Abschnitten.

Der Herr der Ringe: Gollum Quelle: pcgames

Das könnte man sogar im Spielablauf interessant umsetzen, mit einem Rückwärts-Gameplaysystem. Am Anfang ist Sméagol noch ein halbwegs kompetenter Halbling, der vielleicht sogar ein wenig mit dem Schwert umgehen kann. Durch den stärker werdenden Einfluss des Rings werden moralische Entscheidungen jedoch beeinflusst und erschwert, er wird langsam zum Ausgestoßenen und durch den körperlichen Verfall verliert er seine Fähigkeiten, entwickelt aber auch neue. So könnte sich das Spiel parallel zum körperlichen Verfall vom Action-Adventure in ein Schleichspiel transformieren. Da wäre so viel möglich!

Aber gut, ich kann hier natürlich aus der gemütlichen Position des Kritikers sprechen nach dem Motto "Hätte, hätte, Fahrradkette." Viel wichtiger ist doch die Bedeutung, die Gollum für Daedalic hat. Ein herber Schlag ist es schon. Die große Neuausrichtung des Entwicklerstudios geht komplett schief. Ob Gollum aber der finanzielle Fehlschlag wird, den man vermuten würde? Da wäre ich mir nicht so sicher.

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