Turbulenzen
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Mit Herr der Ringe: Gollum erreicht Daedalic einen Tiefpunkt. Carlo Siebenhüner erklärt, wie es dazu kommen konnte und wie es um das Studio steht.
Anfang bis Mitte der 2010er würde ich als den Zenit von Daedalic ausmachen. Der Ruf ist gut, die Leuchtturmproduktionen sind hochwertig und die Preise der Spielebranche prasseln nur so auf das Unternehmen ein. Solche Erfolge bringen einen auf die Landkarte, aber auch ins Visier von großen Fischen. So kommt 2014 der deutsche Verlag Bastei-Lübbe um die Ecke, der mehr mit seinen Buchlizenzen machen will. Daedalic als familienfreundlicher Entwickler kommt da gerade recht und deswegen übernimmt der Verlag 51% am Unternehmen und steigt ins Spielegeschäft ein.
Nur leider starten damit die Probleme. Bastei-Lübbe mauschelt sich 2014 und 2015 die Bilanzen schön und fliegt damit auf. Der gesamte Aufsichtsrat tritt zurück und der neue Vorstand räumt erst mal auf. Dazwischen sitzt Daedalic, die mit Die Säulen der Erde zwar eine gute Adventure-Reihe produzieren, aber auch langsam merken, dass Adventures eben doch nicht so viel Geld bringen. Schon 2016 geht es ihnen nicht mehr so gut und sie müssen fast die Hälfte ihrer Stellen abbauen. Von 160 geht es runter auf knapp 90 Angestellte, die man heute hat.
Quelle: Daedalic Entertainment
Das lässt auch das Verhältnis zu Bastei-Lübbe abkühlen. 2020 verkauft die AG fast alle Anteile zurück an Daedalic, mit den Worten, dass die "Strategie fehlgeschlagen" sei und die "Entwicklung desaströs" wäre. Harte Worte, aber trotzdem kommt Daedalic in Eigenregie okay zurecht. 2021 kann man zumindest einen Rekordumsatz vorweisen, mit einem gleichzeitigen Gewinn von ca. drei Millionen Euro. 2022 erkennt der französische Publisher Nacon Potenzial und kauft die Hamburger kurzerhand auf. Nacon kennt man etwa von Blood Bowl, Steel Rising und Vampire Swansong, aber auch durch einen fiesen Rechtsstreit mit Frogwares.
Zwischen all den Irrungen, Wirrungen und Besitzerwechseln richtet sich Daedalic neu aus und sucht die Zukunft nicht mehr in klassischen Point & Clicks, sondern in größeren Spielen. 2019 kündigt man Herr der Ringe: Gollum an. Ein Action-Adventure, das vorrangig mit seiner Story überzeugen will. Außerdem wird in den nächsten Jahren klar, dass es sich um eines der ersten wahren Next-Gen-Spiele für PS5 und Xbox Series handeln soll.
Das ist eine Flucht nach vorn, würde ich sagen. Man versucht etwas ganz Anderes, weil das Altbewährte nicht mehr klappt. Das kann funktionieren, wie Guerilla Games mit Horizon zeigten. Das kann aber auch richtig in die Hose gehen.
Daedalic hatte bis dahin nur Adventure-Erfahrung. Es gab zwar andere Produktionen wie Long Journey Home, aber das entstand bei einem Zweigstudio in Düsseldorf. Der große Adventure-König Jan "Poki" Baumann wird in ein anderes Zweigstudio in München ausgelagert. Beide Zweigstudios werden jedoch wenige Jahre nach der Eröffnung wieder dichtgemacht, Poki selbst trennt sich von Daedalic und macht lieber Musik mit seiner Band. Damit lagen alle Hoffnungen auf dem Hauptteam in Hamburg. Dass die Umstellung von Adventures auf Action-Adventures aber mehr als nur einen kleinen Zusatz im Namen des Genres bedeutet, hat man hingegen wohl unterschätzt.
