Der Herr der Ringe: Gollum: Daedalic, was treibt ihr da?
Kolumne 44,99 €
Ende der 2000er gestartet, wurde Daedalic schnell der Liebling der deutschen Spielebranche. Doch die Zeiten sind vorbei. Mit Der Herr der Ringe: Gollum erreicht das Studio einen Tiefpunkt. In seiner Kolumne erklärt Carlo Siebenhüner, wie es dazu kommen konnte und wie es um das Studio jetzt steht.
Herzlich willkommen zur Märchenstunde bei PC Games. Ich bin Carlo, euer Märchenonkel und ich erzähle euch heute mal die Geschichte von einer Odyssee in der deutschen Spieleindustrie. Ende der 2000er gestartet, waren sie bald die Lieblinge der deutschen Spielebranche. Mit Witz, Charme und Liebe zum Detail konnten ihre Spiele viele Fans gewinnen, aber so ganz wollte der Plan nicht aufgehen und man ist in schweres Fahrwasser gerutscht - der Ausgang ist noch ungewiss. Die Rede ist von Daedalic. Das Hamburger Studio hat gerade Herr der Ringe: Gollum rausgebracht und damit leider einen neuen Tiefpunkt erreicht. Der Metacritic-Score steht gerade bei katastrophalen 38 von 100 und wir bei PC Games haben eine klare Kaufwarnung ausgesprochen. Der Verdacht liegt nahe, dass sich Daedalic hier sauber übernommen hat und sie dem Schrecken nun ein Ende bereiten wollten.
Wenn man jetzt nicht aufpasst, kracht man damit womöglich sehr unsanft auf den Boden der Tatsachen. Zumindest, wenn man nicht handelt, denn gerade das Entwicklerteam von Daedalic hat, meiner Meinung nach, ein großes Identitätsproblem.Doch dröseln wir das Ganze noch mal auf. Daedalic wird Anfang 2007 von Carsten Fichtelmann und Jan Müller-Michaelis gegründet. Heute heißt Müller-Michaelis Jan Baumann. Bekannt ist er aber eher unter seinem Spitznamen "Poki". Sein erstes Spiel war Teil seiner Diplomarbeit mit dem Thema "Das Computerspiel als nichtlineare Erzählform". Die Arbeit kann man übrigens heute noch im Netz lesen und ist eine durchaus interessante Lektüre.
Quelle: Daedalic
Das Spiel, das dabei entstanden ist, hat aber zum Glück einen weniger sperrigen Namen und ist vermutlich zu einem der bekanntesten deutschen Adventures geworden: Edna bricht aus. Allein dieser Wortwitz im Titel zeigt dann schon, was man im Spiel findet. Ihr versteht schon, wie Ätna der Vulkan, der ausbricht. Es ist also ein lustig geschriebenes und durchdachtes Point&Click-Adventure, wird unter dem Dach von Daedalic veröffentlicht und schafft einen Achtungserfolg - primär in Deutschland.
Wir Deutschen haben zu diesem Zeitpunkt immer noch den damals für tot erklärten Adventures alter Schule hinterhergetrauert. Und plötzlich kommt da was aus Deutschland, was dieses Bedürfnis befriedigt? Und es ist auch noch gut geworden? Shut up and take my Money! Damit ist dann auch die Fahrtrichtung für Daedalic gefunden. Point&Click-Adventures! Mit denen lässt sich in Deutschland offenbar doch noch Geld verdienen.
Quelle: Daedalic Entertainment
2009 kommt The Whispered World, 2010 greift man den Klimawandel in A New Beginning auf und 2011 schafft man mit Harveys neue Augen - dem Nachfolger zu Edna bricht aus - den Sprung auf die nächste Qualitätsstufe. Das Spiel baut die Stärken von Edna weiter aus und bekommt - wieder vorrangig aus Deutschland - super Wertungen. Dazwischen kommt auch eine Menge Ramsch, der vielen Spielern gar nicht bekannt ist. Aber ich vermute, dass sich Daedalic damit die großen Produktionen finanziert.
Unter anderem das, womit sie in den folgenden Jahren dann ihren Ruf als Adventure-Meister endgültig zementieren: die hochgelobte Deponia-Reihe. Zu dem Zeitpunkt gewinnt auch ihr zweites Standbein so langsam an Bedeutung. Daedalic ist nicht nur als Entwickler tätig. Von Anfang an treten sie auch als Spiele-Publisher für kleinere Indietitel auf. Da ist zwar viel Schrott dabei, aber mit Machinarium, Torchlight 2 oder zuletzt Barotrauma und Shadow Tactics beweisen sie bis heute auch ein gutes Händchen. Anfang der 2010er waren sie sogar Publisher von einigen Telltale-Spielen.
