Warum sind die neuen Herr-der-Ringe-Spiele so seltsam? - Seite 4
Kolumne
Ein Survival-Abenteuer im Stil von Sons of the Forest, ein Cozy-Game, eine Kartenspiel-Adaption und was auch immer Der Herr der Ringe: Gollum gewesen ist: Jüngere Videospiele aus Mittelerde sind in Präsentation und Gameplay ordentlich divers. Wo Franchises wie Star Wars und Harry Potter auf konservative Action-Adventure-Kost setzen, gehen die aktuellen Pächter von Tolkiens Erbe häufig andere Wege. Was steckt dahinter?
Für mich ist Der Herr der Ringe auch genau deswegen ein so bewegendes Werk, weil der Sieg gegen Sauron eben kein endgültiges Happy End darstellt. Das ändert aber nichts an der Wichtigkeit der Mission. Zahlreiche zukünftige Generationen können die Dinge erleben, für die es sich in den Worten von Samwise "zu kämpfen lohnt", weil Frodo, Aragorn und Co. der Tyrannei Saurons und Sarumans Ausbeutung der Natur die Stirn geboten haben. Freiheit ist auch für sich genommen ein hohes Gut und jedes Leben kostbar. Es wäre eine absolute Schande, wenn Der Herr der Ringe zu einem "Franchise" wie Star Wars würde, wo die alten Helden niemals zur Ruhe kommen dürfen und jeder Sieg am Ende bedeutungslos ist, weil schon ein paar Jahre später ein neues gigantisches Imperium auf der Matte steht, um die Galaxis zu unterjochen. Es braucht auch Zeiten der Freude, um dem Kampf zwischen Gut und Böse Gewicht zu verleihen.
Dennoch haftet der Welt eine gewisse Melancholie an, die gerne in neuen Geschichten auftreten darf. Ich fände es auch gar nicht schlimm, Figuren wie Gimli, Aragorn, Eowin oder die weltenbummelnden Hobbits Merry und Pippin noch einmal gegen einen neuen Schurken kämpfen zu sehen. Allerdings sollte es sich hier wie in Return to Moria eher um Folgemaßnahmen nach dem Ringkrieg oder kleine, unbeschwerte Abenteuer handeln. Die Vorstellung von "Der Herr der Ringe 4 - Sauron kehrt zurück" treibt mir den Angstschweiß auf die Stirn.
Quelle: Amazon Studios
Mir liegt Der Herr der Ringe sehr am Herzen und nichts fände ich schlimmer, als wenn die Geschichte im Namen irgendeines Franchise-Universums von schamlosen, gierigen Stümpern pervertiert würde. Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, wenn jemand einen persönlichen Spin auf Der Herr der Ringe hat und diesen umsetzt. Ich bin ja auch ein Verfechter der Gemeinfreiheit. Ich würde mir einfach wünschen, dass der Geist der Vorlage gewahrt wird und nicht der Profitgier zum Opfer fällt.
Ableger wie Die Ringe der Macht haben bereits gezeigt, was bei so einer Denkweise herauskommt, weshalb es mich zumindest etwas beruhigt, dass die Fans der Serie skeptisch gegenüberstehen. Der Herr der Ringe sollte in erster Linie ein Stück wundervoller Fantasie bleiben und kein verwässerter Markenname, bei dem nur das Logo zählt und nicht die Substanz.
Im Namen des Optimismus möchte ich aber auch sagen, dass ich die Marschrichtung der bisher angekündigten Videospiele durchaus begrüße, das Amazon-MMO mal außen vor. Klar kann es sein, dass Tales of the Shire einfach nur eine mittelmäßige Farming-Sim mit HdR-Branding wird und Return to Moria scheint, ersten Reviews zufolge, das gleiche für Survival Games zu sein. Einem uninspirierten Action-Adventure wie Hogwarts Legacy würde ich das trotzdem vorziehen.
Fußys Vorschlag: Ein radikaler Ringkrieg-Remix
Zum Schluss möchte ich gerne noch loswerden, was ich persönlich machen würde, hätte ich die Macht, ein neues Herr-der-Ringe-Spiel ins Leben zu rufen. Statt ein reines Prequel oder Sequel zur Trilogie zu machen, oder die Geschichte in irgendeinen Randbereich von Mittelerde zu verlagern, fällt mir noch eine weitere Lösung ein, die den heiligen Kanon nicht befleckt und es uns trotzdem ermöglicht, bei Figuren und Lore aus den Vollen zu schöpfen.
Mein Traum-Spiel wäre ganz leicht angelehnt an die alten Hobbit- bzw. Herr-der-Ringe-Textadventures. In denen können wir als einer der Hobbits losziehen und spielen mehr oder weniger die Geschichte des jeweiligen Buches nach, können aber, wenn wir wollen auch drastisch andere Entscheidungen treffen. Das geht so weit, dass wir sogar andere Hauptfiguren töten und zum Beispiel als Pippin zum Ringträger werden können. Diese Eingaben führen zwar zu lustigen Situationen, aber nicht selten auch zu einem frühen Ende. Die Freiheit, zu weit vom Hauptplot abzuweichen, haben wir also nicht.
Quelle: PC Games
Diese Idee, den Verlauf der bekannten Geschichte verändern zu können, würde ich hingegen zum Grundprinzip erklären und in Form eines epischen Strategie-Rollenspiels wie The Banner Saga (unser Test) umsetzen. Statt nur einen einzelnen Hobbit könnten wir mehrere Figuren kontrollieren oder als körperlose Entität die Entscheidungen für sämtliche Charaktere übernehmen. So könnten wir zum Beispiel einen anderen Ringträger festlegen, die Zusammensetzung der Gefährten verändern oder versuchen, verschiedene Völker wie Zwerge, Elben, Ents und Hobbits für einen direkten Krieg mit Sauron zu rekrutieren.
Die Krux wäre dann, dass die Story eben nicht genau so ablaufen muss wie in den Büchern und Filmen, sondern jeder Spieldurchlauf anders sein kann. Vielleicht schaffen wir es, Boromirs Leben zu retten oder schicken von vornherein seinen Bruder zu den Gefährten und sehen, wie sich die Geschichte dann entwickelt. Vielleicht bleibt Theoden unter dem Einfluss Sarumans und wir müssen uns woanders nach Verbündeten umsehen. Oder Gandalf gelingt es sogar, den gefallenen Zauberer nach seiner Niederlage wieder auf unsere Seite zu ziehen.
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Damit der Schmetterlingseffekt nicht zu sehr eskaliert, muss es eine einheitliche Struktur geben, nach der jede Kampagne abläuft, mehrere mögliche Enden sind aber natürlich Pflicht. Womöglich wird am Ende Boromir statt Aragorn König von Gondor und erweist sich, gereift durch seine Erfahrungen, der Krone würdig - oder eben nicht.
Im Geiste der Vorlage sollten diplomatisches Geschick, Kooperation, Heldenhaftigkeit und der Wert innerer Stärke zum Erfolg führen können, dieser muss aber immer auch hart erkämpft werden. Im Krieg gegen Sauron sollten sich die Helden des Westens immer in den letzten Zügen wähnen und ein heroisches Opfer manchmal der einzige Ausweg sein, um dem Rest der Welt noch etwas Hoffnung zu verschaffen. Neben- und Randfiguren wie Arwen, Radagast, Glorfindel, Halbarad, Theodred oder sogar der berühmt-berüchtigte Tom Bombadil wären nicht mehr zwangsweise auf ihre Rollen innerhalb der Story festgelegt, sondern könnten auf interessante Weise auf die Geschichte Einfluss nehmen. Bevor ich zu sehr ins Träumen komme, gebe ich an euch weiter: Wie würde denn euer Wunsch-Spiel im Herr-der-Ringe-Universum aussehen? Auf welchen kommenden Titel freut ihr euch am meisten? Schreibt es uns gerne in die Kommentare!
