Warum sind die neuen Herr-der-Ringe-Spiele so seltsam? - Seite 2

Kolumne Christian Fussy
Warum sind die neuen Herr-der-Ringe-Spiele so seltsam? - Seite 2
Quelle: Warner Brothers

Ein Survival-Abenteuer im Stil von Sons of the Forest, ein Cozy-Game, eine Kartenspiel-Adaption und was auch immer Der Herr der Ringe: Gollum gewesen ist: Jüngere Videospiele aus Mittelerde sind in Präsentation und Gameplay ordentlich divers. Wo Franchises wie Star Wars und Harry Potter auf konservative Action-Adventure-Kost setzen, gehen die aktuellen Pächter von Tolkiens Erbe häufig andere Wege. Was steckt dahinter?

Umfang, Bekanntheit und Beliebtheit des Textes machen es schwierig, ein Herr-der-Ringe-Spiel zu entwickeln, das allen gefällt. Das Problem von Der Herr der Ringe: Gollum war neben technischen Fehlern und Gameplay aus dem letzten Jahrhundert ja auch die Prämisse der Story. Ich sage nicht, dass es unmöglich ist, ein gutes Prequel zu Gollum zu machen, aber es ist verdammt schwierig. Die innere Zerrissenheit ist ein Hauptaspekt des Charakters, wird in den Büchern aber bereits hinreichend behandelt. Eine Spielmechanik daraus zu machen, ob Smeagol oder Gollum dominanter ist, klingt erst einmal gar nicht so abwegig, verfehlt aber den Sinn der Figur innerhalb der Story.

Die Tragödie besteht ja gerade darin, dass Smeagol, wenn er Frodo und Sam begegnet, bereits verloren ist. Dass Frodo ihm Gnade schenkt und ihn nicht behandelt, wie das abscheuliche Monster, das er die letzten Jahrhunderte war, rettet ihn nicht vor seinem Schicksal. Dennoch ist das der entscheidende Faktor, der am Ende dafür sorgt, dass der Ringkrieg gewonnen werden kann. Es so darzustellen als seinen Gollum und Smeagol zwei gleichwertige Entitäten innerhalb der Kreatur, ist nicht wirklich korrekt. Smeagol schafft es erst mit Frodos Hilfe, sich gegen den Ring zu wehren und sein Alter Ego zu verdrängen. Die starke Trennung der beiden Persönlichkeiten wird in den Büchern ohnehin nur angedeutet, wir sehen den Wechsel im Verhalten und Ausdruck der Kreatur dort lediglich durch Sams Augen. Erst in den Filmen wurden die beiden Seiten klar ausgearbeitet.

Der Herr der Ringe: Gollum Quelle: PC Games Für ein gutes Spiel bin ich sehr wohl in der Lage, im Namen der Unterhaltung über kleine Ungereimtheiten oder meine eigene Interpretation der Geschichte hinwegzusehen. Zumal Herr der Ringe: Gollum deutlich größere Probleme hatte als Figurentreue. Trotzdem halte ich diesen Aspekt für wichtig. Wenn wir auf bekannte Charaktere treffen, egal ob vor oder nach den Ereignissen der Trilogie, sollten sich ihre Handlungen schon mit dem etablierten Kanon decken - und die Figur nicht nachträglich zu einer Nervensäge machen. Ich erinnere mich nur ungern an Legolas' Charakterisierung in den Hobbit-Filmen. Die Bücher und Filme werden weltweit verehrt und jeder hat eine oder mehrere Lieblingsfiguren, sodass man leicht den Ärger der Fans kassiert, wenn sich das Character-Writing falsch anfühlt.

Herr der Ringe: Fantasy-Blaupause

Geht man stattdessen in die andere Richtung und siedelt die Story fernab des Hauptplots an, sodass es keine oder kaum Überschneidungen mit bekannten Figuren oder Orten gibt, werden viele Fans aber genau das bemängeln. Wenn Mittelerde nicht als Mittelerde zu erkennen ist, wozu braucht man dann überhaupt die Lizenz? Immerhin war das Werk so einflussreich, dass man sowieso jedes Fantasy-Game in irgendeiner Form darauf zurückführen kann.

Adaptionen der Herr-der-Ringe-Romane gab es bereits lange bevor Peter Jackson die Trilogie in den Jahren 2001-2003 das erste Mal in vollständiger Form und in Live Action auf die Leinwand brachte. Von Radio-Hörspielen über die Zeichentrickfilme von Ralph Bakshi und Rankin-Bass bis hin zu - ganz genau - einer ganzen Reihe Videospiele, die in Tolkiens Mittelerde angesiedelt sind. Spectrum-Text-Adventures wie The Hobbit oder frühe ASCII-Rogue-Likes wie Moria und Angband mögen heute größtenteils in Vergessenheit geraten sein, ihr Einfluss auf die Geschichte des Mediums ist dennoch nicht zu verachten.

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