Warum sind die neuen Herr-der-Ringe-Spiele so seltsam? - Seite 3
Kolumne
Ein Survival-Abenteuer im Stil von Sons of the Forest, ein Cozy-Game, eine Kartenspiel-Adaption und was auch immer Der Herr der Ringe: Gollum gewesen ist: Jüngere Videospiele aus Mittelerde sind in Präsentation und Gameplay ordentlich divers. Wo Franchises wie Star Wars und Harry Potter auf konservative Action-Adventure-Kost setzen, gehen die aktuellen Pächter von Tolkiens Erbe häufig andere Wege. Was steckt dahinter?
Offizielle sowie nicht lizensierte Titel aus Mittelerde gab es bereits, als Videospiele noch in den Kinderschuhen steckten. Doch auch außerhalb direkter Adaptionen schlug das Mammutwerk große Wellen in den Bereichen Gamedesign und Storytelling. Die Regelwerke der extrem von Tolkien inspirierten Tabletop-Klassiker Dungeons and Dragons sowie Pathfinder waren essenziell für die Entwicklung des RPG-Genres. Warhammer, Warcraft und Diablo sind direkte oder indirekte Auswüchse des Herrn der Ringe. Tolkiens Einfluss auf Fantasy im Allgemeinen ist nahezu allumfassend. Wer gerne Freiheit bei der Gestaltung seines Fantasy-Videospiels möchte, schränkt sich mit der Lizenz nur unnötig ein. Um Orks, Geister, Waldläufer und Elfen in eine Geschichte einzubauen, brauchen wir schließlich nicht den Segen des Tolkien Estate.
Der Grund für die Nutzung der Lizenz ist selbstverständlich Moneten einzunehmen. Der Markenname wird mit Prestige verbunden, das Interesse an Mittelerde ist weiterhin groß, die Musik und optische Gestaltung der Filme ruft nostalgische Gefühle hervor und Leute sind eher bereit dafür Geld auszugeben als für ein originelles Fantasy-Universum, das man nicht automatisch mit Weltliteratur und Qualität verbindet.
Hobbit-Simulator? Immer her damit!
Tales of the Shire und Return to Moria scheinen ihren jeweils eigenen Spin gefunden zu haben, bei dem der Kanon einer originellen Story nicht im Weg steht aber das Spiel mittelerde-technisch trotzdem aus den Vollen schöpfen kann.
Zugegebenermaßen ist zu ersterem bisher noch so gut wie gar nichts bekannt. Vom Titel und der einhergehenden Beschreibung wissen wir aber schon mal, dass das Spiel im Auenland angesiedelt ist, von Weta Interactive auf Basis der Filmwelt entwickelt wird und zum Genre der Cozy-Games zählt. Wie wir alle wissen, lieben Hobbits ihre Ruhe, Essen, Bier und sich eine ordentliche Ladung Pfeifenkraut reinzubatzen, ganz besonders aber "Dinge, die wachsen". Dass Gartenbau oder Landwirtschaft in Tales of the Shire eine Rolle spielen könnten, ist also naheliegend, auch weil sich ganz viele Cozy-Games um ein romantisiertes Leben auf dem Bauernhof drehen.
Obwohl fast das gesamte Fantasy-Genre daran angelehnt ist, hat Mittelerde dennoch einzigartige Orte zu bieten, die jeder gerne einmal besuchen würde. Insbesondere natürlich das Auenland und Beutelsend. Die in Neuseeland errichtete Hobbit-Siedlung ist mittlerweile so etwas wie ein nationales Wahrzeichen und Tourismus-Hotspot. Die Möglichkeit, Tolkiens Welt selbst zu bereisen, ist wahrscheinlich einer der Hauptgründe, weshalb Herr der Ringe Online immer noch so erfolgreich ist.
Quelle: Standing Stone Games
Die Idee, fernab der großen Schlachten einfach ein Gebiet wie Hobbingen zu beleuchten und das tägliche Leben als geselliger Halbling zum Dreh und Angelpunkt des Spiels zu machen, umgeht auch gekonnt die Kanon-Problematik. Niemand wird sich fragen, welchen Einfluss der Bockbieranstich oder der Preis für den größten Kürbis im Auenland wohl auf die weitere Weltgeschichte hatte.
Außerdem tummeln sich bei den Hobbits zahlreiche schrullige Charaktere zum näher kennenlernen. Die großen, wohlhabenden Hobbitfamilien und ihre kleinkarierten Streitigkeiten bieten einen amüsanten Hintergrund für kleine Abenteuer. Ich hätte nichts dagegen, z.B. das Catering für eine von Bilbos legendären Geburtstagsparties zu übernehmen oder den gefürchteten Sackheim-Beutlins den ein oder anderen Streich zu spielen.
Mal was Neues: Sequel statt Prequel
Im Gegensatz zu Tales of the Shire ist Return to Moria bereits erschienen. Es handelt sich um ein Koop-Survival-Spiel mit Fokus auf Basenbau und Crafting, welches nach den Ereignissen des Ringkrieges spielt. Die Zwerge, angeführt von Gimli, wollen ihre Heimat von den Orks befreien und die zerstörten Teile der unterirdischen Stadt neu errichten. Wir erkunden die dunklen Höhlen, kämpfen gegen Monster wie Trolle und Spinnen und sammeln Rohstoffe, um Gebäude zu errichten, Waffen zu schmieden und Verteidigungsanlagen zu bauen. Die Tunnel von Moria sollen dabei prozedural generiert werden, um jeden Spieldurchgang anders zu gestalten.
Quelle: North Beach Games
Auch wenn die Story bei Return to Moria nicht im Mittelpunkt zu stehen scheint, ist es doch interessant, dass es sich dabei um eine Fortsetzung zu Der Herr der Ringe handelt. Was nach Saurons Fall in Mittelerde passiert, wird zwar im Anhang der Bücher angeschnitten, der Raum für zusätzliche Geschichten ist aber dennoch vorhanden.
Obwohl die freien Völker den Sieg über die Kräfte des Bösen erringen konnten, hält der Triumph nicht ewig an. Zwar gibt es keinen Dunklen Herrscher mehr, die Welt befindet sich jedoch trotzdem im Verfall. Die Elben sind in die Unsterblichen Lande aufgebrochen, die Zwerge verstreut, die Ents stehen vor dem Aussterben. Das Zeitalter der Menschen bringt großen Fortschritt mit sich, doch die Magie verschwindet über kurz oder lang aus Mittelerde. Die drohende Industrialisierung, die bereits in den letzten Kapiteln von Die Rückkehr des Königs angedeutet wird, hängt wie ein Damoklesschwert über der Welt. Bis es soweit ist, werden noch viele Jahre verdienten Friedens vergehen, das Ende der Trilogie ist jedoch bittersüß.
