Cris Tales im Test: Innovative-RPG-Mechaniken mit Zeitreise-Twist
Test 3,45 €
Nachdem Cris Tales mit etwas Verzögerung endlich als Vollversion erhältlich ist, konnten wir es uns nicht nehmen lassen, das Indie-RPG einem Test zu unterziehen. Versprochen werden ein einzigartiger Grafikstil, innovative Gameplaymechaniken und jede Menge Herz - kommt hier der RPG-Hit, den wir uns erhofft haben?
Ein kolumbianisches JRPG sieht man nicht alle Tage. Natürlich ist es kein originales Japano-Rollenspiel, da nicht aus Nippon stammend, dennoch lässt der erste Eindruck des Abenteuers dies vermuten. Die Entwickler von Dreams Uncorporated und SYCK verstehen Cris Tales als Liebeserklärung an klassische sowie moderne Rollenspiele wie zum Beispiel Final Fantasy 6, Super Mario RPG oder auch Persona 5.
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Zeitlose Klassiker
Es ist von Anfang an nicht zu übersehen, dass die Entwickler sich von ihren Lieblingsspielen haben inspirieren lassen. Final Fantasy lässt sich sehr einfach als direktes Vorbild identifizieren. Nicht nur, weil der Name des Spiels auf Kristalle hindeutet, die eine wiederkehrende Relevanz in der Serie haben und auch in Cris Tales (jetzt kaufen 6,95 € / 3,45 € ) eine wichtige Rolle spielen. Sondern auch, weil die Geschichte von Cris Tales und dessen fantasievolle Welt mit ihren verschiedenen Völkern und Königreichen ein wenig an die Square Enix-Spiele erinnern.
Ein kleines Waisenmädchen, genannt Crisbell, entdeckt dank der Hilfe eines sprechenden Frosches, dass sie eine Zeitmagierin ist. Die sogenannten Zeitkristalle, welche die Zeitmagie ermöglichen, spielen dabei eine große Rolle. Mit ihrer neugewonnenen Kraft sieht sie die Zerstörung der gesamten Welt durch die bösartige Kaiserin der Zeit voraus. Geschockt, aber dennoch entschlossen, den Weltuntergang abzuwenden, verlässt Crisbell ihre sichere Heimat Narim, im Gepäck Frosch-Kumpane Matias. Sie begeben sich auf die Suche nach weiteren Zeitkristallen, die in den verschiedenen Königreichen des Landes verteilt sind, um Crisbells Kräfte zu erweitern und damit die Zeitkaiserin zu besiegen.
Auf ihrem Weg begegnen sie auch verschiedenen Charakteren, die sich ihnen anschließen, um Crisbell bei ihrer Aufgabe und vor allem im Kampf zu unterstützen. Wer jetzt den anklagenden Plagiats-Finger heben möchte, weil das Ganze von etwa 1000 anderen Spielen abgekupfert klingt, sollte noch ein bisschen abwarten. Auch, wenn die Macher sich von Klassikern haben inspirieren lassen, hatten sie doch ihre ganz eigene Vision.
Quelle: PC Games
Die Kaiserin der Zeit ist so boshaft wie sie schön ist. Ihr Ziel ist die Zerstörung der Hauptstadt Crystallis und den anderen vier Königreichen der Region. Ihre Gründe dafür verrät sie natürlich nicht.
Zeit ist Macht
Quelle: PC Games
Wenn ein Gegner zu Stark ist, gibt es manchmal nur eine Abhilfe...
Klar, die Spielmechaniken muten auf den ersten Blick sehr klassisch an. Während ihr die Welt von Cris Tales durchstreift, trefft ihr in Zufallskämpfen auf Gegner, die ihr in rundenbasierten Kämpfen besiegen müsst. Durch gewonnene Kämpfe sammelt ihr Erfahrungspunkte und Murmeln, die als Währung dienen. Mit den Erfahrungspunkten leveln eure Charaktere in der Gruppe automatisch auf und erlernen mit jedem Aufstieg neue und nützliche Fähigkeiten. Die Währung benutzt ihr für Rüstungsgegenstände und hilfreiche Items in Shops oder bei wandernden Händlern. Das ist natürlich alles nicht besonders innovativ. Jetzt kommen wir aber zum außergewöhnlichen Teil, denn in einer Welt, in der Zeitmagie möglich ist, darf diese natürlich auch nicht in der Spielmechanik fehlen.
Crisbell kann ihre Zeitmagie aktiv im Kampf verwenden, was ihr und ihren Begleitern bei überlegter Anwendung einen großen Vorteil verschaffen kann. Gegner, die sich auf Crisbells linker Seite befinden, kann sie in die Vergangenheit schicken, Gegner zu ihrer Rechten in die Zukunft. Wenn zum Beispiel die "erwachsene" Variante eines Feindes Schwierigkeiten bereitet, schickt ihr sie einfach in die Vergangenheit und kämpft stattdessen gegen seine jüngere und damit schwächere Version. Diese Zeitmanipulation fügt dem Kampf einen faszinierenden Twist hinzu, denn sie ermöglicht euch auch verschiedene Angriffs-Kombinationen mit euren Begleitern. Der Elementarmagier Christopher kann gepanzerte Gegner mit einem Wasserzauber durchnässen. Werden diese dann in die Zukunft geschickt, rosten ihre Rüstungen und sie sind dadurch angreifbar.
Quelle: PC Games
... eine jüngere Version des Gegners ist meist schwächer und besser zu handhaben. Zum Glück können Magier Versionen von sich selbst in andere "Zeitzonen" schicken, um zu kämpfen.
Eure Begleiterin Zas verändert sogar ihre Angriffe, je nachdem, in welcher Zeit der Gegner sich befindet. Während ihrer Reise gewinnt Crisbell immer mehr Zeitkräfte hinzu, die sie auch dringend braucht, denn die Bossgegner, welchen sie im Verlauf der Geschichte begegnet, verlangen euch als Spieler durchdachte Taktiken ab. Darüber hinaus gibt es ein zeitbasiertes Element, um ausgeteilten Schaden zu verstärken und eingesteckten zu reduzieren, das ein wenig an das Kampfsystem von Paper Mario erinnert. Ein gut getimter Druck auf die Aktionstaste kann dazu führen, dass ihr mehr Schaden verursacht oder einen eingehenden Angriff abwehrt. Das Zeitfenster für diesen Aspekt des Kampfes fühlt sich aber leider etwas wirr an. Die Animationen der Gegner, die einen Angriff einleiten, sind oft viel zu kurz oder überhaupt nicht vorhanden, und obwohl der angegriffene Held farblich hervorgehoben wird, um darauf hinzuweisen, dass eine Attacke bevorsteht, ist das oft eine Gelegenheit, die man einfach verpasst.
Bei einigen späteren Bosskämpfen kann das dramatische Folgen haben, da Crisbell und ihre Gruppenmitglieder teilweise mit einem oder zwei Treffern ausgelöscht werden können. Mit zunehmendem Spielverlauf und besserem Verständnis der verschiedenen Animationen wird es etwas einfacher, das richtige Timing zu finden, aber das ist ein Aspekt des Kampfes, der unserer Meinung nach noch etwas mehr Entwicklungszeit vertragen hätte.
Quelle: PC Games
Wenn Crisbell sich in einer Stadt befindet, wird euer Bildschirm in drei Teile gespalten, um euch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig zu offenbaren.
Zurück in die Zukunft, oder doch in die Vergangenheit?
Quelle: PC Games
Die Bossmonster haben oftmals fiese Attacken auf Lager. Mit der richtigen Ausrüstung und nützlichen Items könnt ihr euch aber gut gegen sie verteidigen.
Crisbells Zeitmanipulation spielt außerdem über den Kampf hinaus eine Rolle. Das Feature beweist den Einfallsreichtum und die Hingabe, die das kolumbianische Team in das Spiel gesteckt haben. Obwohl die Handlung nicht sonderlich ausgefallen ist, schaffen die Schreiber es, interessante Wege zu finden, um mit der Zeitsprungmechanik zu spielen. Während ihr die Welt erkundet, seht ihr eure Umgebung in der Gegenwart. Das ändert sich aber, sobald ihr eine Stadt betreten habt. In den Städten sieht Crisbell Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig. Für euch wird damit der Bildschirm in drei Teile gespalten und ihr seht denselben Ort links in seiner vergangenen Version, in der Mitte im jetzigen Zustand und rechts die Zukunft.
Crisbell kann ihren amphibischen Freund Matias sogar in Zukunft oder Vergangenheit schicken, damit er sich dort etwas genauer umsieht und eventuell nützliche Quest-Gegenstände besorgt oder Gespräche belauscht. Schönes Detail: Matias verwandelt sich in der Vergangenheit in eine Kaulquappe und in der Zukunft in einen alten trägen Frosch. Die Bewohner der jeweiligen Städte sind zudem auch in ihren zeitlich verschiedenen Versionen zu sehen. So könnt ihr mitverfolgen, wie sie sich über die Jahrzehnte hinweg verändert haben oder verändern werden. Oft gibt es Punkte in der Geschichte, an denen Crisbell die Möglichkeit erhält, die Zukunft zum Besseren zu verändern. So liegt es zum Beispiel zu Beginn des Spiels an ihr, zu verhindern, dass Fäulnis Gebäude in ihrer Heimatstadt zerstört.
Ihr müsst euch aber entscheiden, welches der Häuser ihr retten wollt, denn alle könnt ihr nicht bewahren. Euch werden im Spieldurchlauf noch weitere Möglichkeiten in Form von Nebenquests präsentiert, um den Verlauf der Geschichte zu verändern und potenziell besser zu machen. Und das solltet ihr auch tun, denn je rosiger die Zukunft aussieht, desto positiver wird das Ende des Spiels für euch ausfallen.
Zeitverschwendung?
Quelle: PC Games
Um von Ort zu Ort zu reisen, benutzt ihr die wunderschön illustrierte Oberwelt und bewegt euch als kleine Chibi-Crisbell hindurch.
Neben schönen Ideen und viel Charme erwarten euch in Cris Tales aber auch einige nervige Aspekte, die am Spielspaß nagen. Die Kampfbegegnungen werden zufällig - und frustrierenderweise ziemlich häufig - ausgelöst, was zu Irritationen führen kann, wenn man nur versucht, ein bestimmtes Gebiet für eine Nebenaufgabe zu durchqueren. Hinzu kommt, dass jedes Gefecht von einer relativ langen Ladezeit eingeleitet wird, und diese zusätzlichen fünf oder sechs Sekunden vor jedem einzelnen Kampf summieren sich mit der Zeit. Es gibt Items, die die Zufallskämpfe verhindern können, aber diese bekommt ihr relativ spät im Spielverlauf. Auch bezüglich des Speichersystems ist Cris Tales unnötig umständlich. Man kann nur auf der Oberweltkarte oder an bestimmten Speicherpunkten in den Gebieten speichern, und wenn die Gruppe im Kampf ausgelöscht wird, verliert man den kompletten Fortschritt seit dem letzten Speichern.
Quelle: PC Games
Jede Runde wählt ihr eine Attacke aus, die auch sofort ausgeführt wird. Mit dem rechtzeitigen Drücken der Aktionstaste können eure Angriffe sogar verstärkt werden. Im oberen Bildschirmteil seht ihr, wer als Nächstes angreifen wird.
RPG-Veteranen sind so etwas natürlich gewohnt, zeitgemäß ist das System aber nicht. Inwieweit man sich an solchen Dingen stört, ist letztendlich eine Frage des persönlichen Geschmacks, aber unnötig archaische Elemente finden sich in Cris Tales nun einmal nicht zu knapp. Man kann es mit der Orientierung an den großen Vorbildern aus der RPG-Vergangenheit auch übertreiben! In seiner Gesamtheit mutet Cris Tales dennoch frisch an, gerade mit Blick auf den Produktionsaufwand. Der Grafikstil ähnelt einem Pop-up-Buch, die Animationen der Figuren sind handgezeichnet, scharfe geometrische Formen und hyper-stilisierte Charakterdesigns prägen den Look. Für die verschiedenen "Zeitzonen" wurden jede Szene und jeder Charakter in mehreren Versionen angefertigt. Dazu kommen noch weitere Versionen, falls Crisbell die Zukunft verändert.
Bei so viel Aufwand drücken wir auch ein Auge zu bezüglich der Tatsache, dass alle Bewohner der Städte über die Jahrzehnte hinweg stets an genau derselben Stelle verharren. Kombiniert mit der gelungenen englischen Sprachausgabe ergibt sich eine faszinierende Welt, die den Spieler in ihren Bann zieht. Es ist offensichtlich, dass die Entwickler viel Zeit und Mühe in das Spiel gesteckt haben, und das hat sich ausgezahlt. Cris Tales erfindet das RPG-Genre nicht neu, aber es bringt einen Level an Innovation mit sich, welcher den Indie-Titel unvergesslich macht.
