Call of Duty: WW2: Warum der Zweite Weltkrieg genau das Richtige für den Reihen-Reboot ist (Kolumne)

Special Matti Sandqvist
Call of Duty: WW2: Warum der Zweite Weltkrieg genau das Richtige für den Reihen-Reboot ist (Kolumne)
Quelle: Activision/PC Games

Mit dem nächsten Call of Duty kehrt Sledgehammer Games wieder zu den Wurzeln der Serie zurück. Warum sich die Wahl für Activision und Sledgehammer als genau das Richtige herausstellen dürfte, schreibt unser Shooter-Experte Matti Sandqvist in seiner Kolumne.

Ich muss schon sagen, dass ich mich auf Call of Duty: WW2 dank seines historischen Settings deutlich mehr freue, als auf die vielen Zukunftsableger der letzten Jahre. Für mich persönlich waren die etlichen Superwaffen, Drohnen und Cyber-Gadgets am Ende Dinge, die genau genommen die grundlegende Spielmechanik eines Call of Duty mit jedem neuen Ableger etwas mehr vereinfachten. Ob es die automatisch auf die Feinde zufliegenden Granaten in Advanced Warfare oder das massenweise Ausschalten von Robo-Gegnern durch Gadgets in Black Ops 3 sowie Infinite Warfare waren, so wirklich große Herausforderungen gab es meines Erachtens innerhalb der letzten Call of Duty-Teile wegen der High-Tech-Waffen nur selten. Da habe ich nun die leise Hoffnung, dass mit dem vereinfachten Arsenal des Zweiten Weltkrieges die Serie nicht nur thematisch, sondern auch spielerisch zu seinen alten Wurzeln zurückfindet.

Das ist aber nur meine Meinung und muss entsprechend auch keine Bedeutung für den Erfolg von Call of Duty: WW2 haben. Viel wichtiger für die Beliebtheit und damit die Verkaufszahlen dürfte die zielgruppengerechte Wahl für den Zweiten Weltkrieg als Schauplatz der Kampagne sein. Davon zeugen übrigens auch die über 500.000 "Likes", die der Ankündigungs-Trailer auf Youtube bereits wenige Stunden nach Veröffentlichung bekommen hat.
In den Zukunftsablegern von Call of Duty vereinfachten die meines Erachtens zu starken Waffen den Schwierigkeitsgrad etwas zu sehr. Quelle: PC Games In den Zukunftsablegern von Call of Duty vereinfachten die meines Erachtens zu starken Waffen den Schwierigkeitsgrad etwas zu sehr.

Eine Spielreihe für den amerikanischen Patrioten

Einen Innovationspreis für die Wahl des Settings verdient Sledgehammer Games meines Erachtens hingegen nicht - was das Studio und die Reihe aber auch nicht wirklich nötig hat. Viel mehr hatte ich beim Ankündigungs-Event von Call of Duty: WW2 das Gefühl, dass die Verantwortlichen bei Activision nach dem ihrer Meinung nach gewagten Weltraum-Ableger wieder auf Nummer sicher gehen möchten - ganz im Gegensatz zu der Ankündigung von Battlefield 1 mit seinem ungewöhnlichen WW1-Szenario vor einem Jahr. Warum ich so denke? Der Zweite Weltkrieg ist weiterhin in den USA ohne Frage ein Publikumsmagnet; die wenigen noch lebenden Veteranen werden nicht nur in Filmen und TV-Serien für ihren Einsatz bejubelt, sondern ebenso im ganz alltäglichen Leben.

Wenn die heute fast schon Hundertjährigen etwa zu einem Veteranentreffen fliegen, werden sie von einer Blaskapelle am Flughafen empfangen und ebenso von den Passanten gefeiert - genau das habe ich zuletzt vor einem guten Jahr auf einer USA-Reise in Baltimore gesehen. Ähnliches habe ich auch im Kino erlebt, als der Film "Herz aus Stahl" in Los Angeles lief und die Zuschauer jeden abgeschossenen deutschen Panzer lauthals abgefeiert haben. Für meine These sprechen ebenso die großen Erfolge von TV-Serien wie "The Pacific" oder auch die aktuellen Hollywoood-Produktionen wie "Hacksaw Ridge" oder "Dunkirk". Da die Call of Duty-Reihe sich - jedenfalls in meinen Augen - als Hauptzielgruppe die eher konservativ-patriotischen amerikanischen Spieler auserkoren hat, macht man als Publisher mit dem Zweiten Weltkrieg so gesehen ganz sicher nichts falsch. Andere potenzielle Settings, wie etwa der Vietnam- oder Koreakrieg, haben hingegen den Makel, dass der Einsatz der Hundertausenden GIs womöglich nicht gerechtfertigt war - viel mehr hat eine ganze (Studenten-)Generation die Kriege und die Opferung so vieler Menschenleben zurecht in Frage gestellt. Zudem könnte sich der eine oder andere amerikanische Patriot etwas unwohl fühlen, da man ja aus Saigon nur als zweiter Sieger nach Hause geflogen ist. Beim Zweiten Weltkrieg gilt für die Geschichtsschreibung der USA hingegen, dass man mit dem enormen Einsatz erfolgreich die Welt vor dem Bösen gerettet hat - auch wenn für den versierten Historiker die Rolle der Sowjetunion bei der Niederschlagung des sogenannten Dritten Reichs viel bedeutender war.

In den alten Call of Duty-Teilen spielte man nicht nur aufseiten der Amerikaner, sondern erlebte etwa den Wüstenkrieg als britischer Soldat. Quelle: PC Games In den alten Call of Duty-Teilen spielte man nicht nur aufseiten der Amerikaner, sondern erlebte etwa den Wüstenkrieg als britischer Soldat. Auf der anderen Seite hat der Zweite Weltkrieg nicht nur für Amerikaner noch eine besondere Bedeutung, ähnliches gilt auch für die gesamte Welt. Ob nun auf alliierter Seite oder auf der Seite der Achsenmächte: Beinahe jedes Land auf der Welt hatte mit dem zweiten globalen Konflikt zu tun und entsprechend sind auch die vielen Schlachtfelder durch Bücher, Spielfilme, Serien oder Dokumentationen für die meisten Spieler ein Begriff. Das ist meines Erachtens sehr hilfreich für die Entwicklung einer Call of Duty-Kampagne, weil man deshalb die genauen Sachverhalte nicht en detail erklären braucht. Wenn wir zum Beispiel die Normandie-Landung auf Omaha Beach erleben, dürften die meisten Spieler dank Spielbergs "Der Soldat James Ryan" zumindest grob wissen, worum es bei der Operation ging. Ähnlich sieht es auch bei Schlachten wie Stalingrad oder El Alamein aus - die es ja nun in Call of Duty: WW2 leider nicht geben wird.

Zielgruppengerechte Kampagne

Ein wenig schade ist das ja schon, dass Sledgehammer Games sich nur auf die amerikanische Perspektive des Krieges im Westen beschränkt, aber auf der anderen Seite wegen der angesprochenen Hauptzielgruppe auch nachvollziehbar. Trotzdem denke ich mir deshalb, dass "eine neue Generation von Spielern diesen historischen Konflikt kennenlernt", wie es in der Pressemitteilung von Activision heißt, durch Call of Duty: WW2 nicht wirklich erfüllt wird. Da befürchte ich tatsächlich, dass wir wieder einmal eine Art hollywoodreife Heldengeschichte erleben werden, die sich zwar mit der Kameradschaft der Soldaten beschäftigen wird, aber keine wirkliche Einführung geschweige denn einen Überblick über die vielen wichtigen Themen und Schauplätze des Zweiten Weltkrieges geben kann - sprich die Kampagne wird wohl genau das, was meines Erachtens passend für die Zielgruppe ist. Immerhin könnte das Spiel aber als Motivationsfaktor dienen, damit sich die "neue Generation von Spielern" mit der Geschichte tiefgründig beschäftigt.

Wer aber nun denkt, dass ich mir unbedingt auch die deutsche Perspektive in der Kampagne von Call of Duty: WW2 wünsche, täuscht sich gewaltig. Für mein Empfinden ist es schlicht sehr schwer machbar, das moralisch unheimlich komplexe Thema der deutschen Wehrmachtssoldaten und ihrer Leistungen im Zweiten Weltkrieg innerhalb weniger Kampagnenmissionen abzuhandeln. Zudem fände ich es mit dem heutigen Wissen über die Verbrechen des sogenannten Dritten Reichs eher makaber, wenn wir durch unsere Erfolge in der Kampagne im Grunde genommen bei der Durchführung des Holocausts helfen würden - auch wenn es sich hierbei "nur" um ein Computerspiel handelt.

Was ich mir aber von einem Spiel, das "WW2" als Titel hat, doch wünschen würde: Dass der globale Konflikt in seiner Ganzheit zumindest beleuchten oder angerissen wird. Dafür war das Konzept von Battlefield 1 mit seinen einzelnen Kapiteln genau passend, wenn auch die Ausführung einiges zu wünschen übrig ließ. So wäre ein Call of Duty: WW2 in meinen Augen erst dann seines Namens würdig, wenn wir auch andere Schauplätze als die - für den Krieg eher unbedeutende - Westfront erleben würden. Am Ende ist das aber Meckern auf hohem Niveau und wird sicherlich keine Auswirkungen auf die Verkaufszahlen haben. Schlussendlich hat ein Call of Duty nun wirklich keinen Bildungsauftrag, sondern sollte eine unterhaltsame und kurzweilige Kampagne bieten. Wenn die Handlung zudem mit etwas weniger Patriotismus als noch die ersten Teile der Serie auskommt und sich auf die Soldatenperspektive beschränkt, bin ich bereits mehr als zufrieden - alles Weitere steht ja in den Geschichtsbüchern. So oder so denke ich, dass Sledgehammer Games ein gutes Gespür bei der Wahl des Settings an den Tag legt und bin mir daher ziemlich sicher, dass Activision nun kein ähnliches PR-Debakel erleben wird wie noch mit Call of Duty: Infinite Warfare.

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