Meinung & Kolumne: Military-Shooter wie Call of Duty sind politische Spiele! (mit Video)
Kolumne
Mit Six Days in Fallujah erscheint demnächst ein Military-Shooter, der auf realen Erfahrungen von Marines im Irakkrieg basiert. In einem mittlerweile berüchtigten Interview mit Polygon verweigerte der Publisher des Spiels dem Journalisten jedoch eine Einstufung des Titels als "politisch". Ein Statement, das in der Spieleindustrie fast so oft ausgesprochen wird wie das Wort "Amen" in der Kirche. Redakteur Chris Fußy findet das lächerlich und fordert stattdessen: Entwickler, steht zu eurer Politik!
Highwire Games sorgte kürzlich mit kuriosen Aussagen bezüglich ihres Miltary Shooters Six Days in Fallujah für Verwirrung in der Gaming-Community. Das Studio, das es sich nach eigenen Aussagen zur Aufgabe gemacht hat, den realen Horror des Irakkriegs im Spiel greifbar zu machen, bezog Zeitzeug*innen und Beteiligte aus Militär und dem zivilen Sektor mit ein in die Entwicklung. Trotz dieses Anspruchs auf Realismus (wie auf der Entwicklerseite beschrieben) und der Betrachtung des Geschehens durch die Linse von Militärs und deren Angehörigen, behauptete Peter Tamte, CEO von Six-Days-In-Fallujah-Publisher Victura dann im Interview mit Polygon, das Team würde keine politische Agenda verfolgen. Das Spiel enthalte kein politisches Statement und die Darstellung des Kriegsgeschehens sei ebenfalls komplett unpolitisch. Es ginge lediglich um die realistische Darstellung von Häuserkampf und die Ehrung von amerikanischen Veteranen, die übrigens auf Basis von Fotos wirklichkeitsgetreu im Spiel abgebildet werden.
Obwohl Tamte seine Aussagen mittlerweile zurückgenommen hat, ist er längst nicht der erste Sprecher der Videospielindustrie, der einem Militärshooter über bewaffnete Konflikte auf Basis gegenläufiger geopolitischer Interessen abspricht, inhärent politisch zu sein.
Da ich der Meinung bin, dass es unmöglich ist, solch ein Spiel zu machen, ohne politisches Gelände zu betreten, habe ich mir einmal angeschaut, wie genau Publisher versuchen, ihre Militärspiele als nicht politisch zu verkaufen und versucht, Gegenargumente für diese Darstellung zu finden.
Auf dieser Seite
Welche Kriegsverbrechen? "Politische" Inhalte ade!
Zumindest im Falle von Six Days in Fallujah ist der Bullshit leicht als solcher zu identifizieren. Das Spiel beleuchtet die tatsächlich ausgeführten Operationen in Fallujah aus der Perspektive der Marines, mit denen vorher zu Recherchezwecken gesprochen wurde. Ihre geschilderten Momente des Heldentums finden allesamt ihren Weg ins Spiel. Auf die Darstellung von Kriegsverbrechen, die die Amerikaner in der Region an gegnerischen Streitkräften, Gefangenen und der Zivilbevölkerung begangen wurden, wird hingegen vollkommen verzichtet. So entschied sich das Team laut Tamtes Aussage dagegen, den Einsatz von Weißem Phosphor zu thematisieren, da viele der Befragten abstritten, dass ein solcher jemals stattgefunden habe.
Quelle: tawkn.com
Six Days in Fallujah wurde bereits 2009 angekündigt.
Die Auslassung der Kriegsverbrechen ist definitiv ein Statement, ob die Entwickler dies wollen bzw. sehen oder nicht. Auch die Abschwächung oder Verzerrung der Szenarien, um sie weniger zum Aufregerthema zu machen, ist ein politisch motivierter Eingriff. Was ja für jeden vernünftig denkenden Menschen klar ersichtlich sein sollte. Dennoch werden solche Änderungen meist unter dem Banner verkauft, man wolle sich nicht positionieren oder Spieler*innen mit anderen Ansichten vor den Kopf stoßen. Dass so etwas auch komplett bizarre Züge annehmen kann, zeigt der Militär-Shooter Call Of Duty: WWII.
In dem Spiel begegnen uns im Mehrspielermodus auf Seiten der Achsenmächte nämlich keine Faschisten, sondern laut Aussagen der Entwickler einfach nur Soldaten im Dienste der Wehrmacht. Zieht ihr für die Deutschen in den Kampf, erschafft ihr euch also nicht euren persönlichen Nazi, in dessen Haut ihr dann auf alliierte Truppen schießt, sondern eine komplett wertfreie Soldatin oder einen Soldaten, deren Hautfarbe ihr selbst bestimmen könnt. So soll sich absolut jede Person im Multiplayer repräsentiert fühlen, unabhängig davon, auf welcher Seite sie spielt.
Auf der einen Seite verstehe ich das Argument, dass es natürlich problematisch ist, Spieler*innen Nazi-Insignien zur Dekoration zu reichen und darauf keine extremen Reaktionen zu erwarten. Erstens zwingt man Leute praktisch dazu, in die Haut von Menschen zu schlüpfen, deren Ideologie und Taten verachtenswert sind. Und zweitens erlaubt man denjenigen, die diese Vorstellung vielleicht sogar ganz geil finden, eine Plattform, um ihre Fantasien auszuleben.
Den historischen Kontext jedoch komplett herauszunehmen, finde ich ebenfalls fragwürdig. Infinity Ward hat die Parameter so verändert, dass sich theoretisch alle auf der Seite der Deutschen willkommen und repräsentiert fühlen können. Aber sollte das auch so sein? Sollte ich mich tatsächlich wohl fühlen, mit der Wehrmacht an der Seite meiner dunkelhäutigen Kameradinnen und Kameraden gegen den französischen Widerstand in den Kampf zu ziehen, auch wenn ich den tatsächlichen historischen Kontext kenne?
Quelle: Sledgehammer Games
Im Multiplayer von CoD:WW2 erstellt ihr eine Spielfigur, die sowohl für die Alliierten als auch für die Deutschen eingesetzt wird.
Der Mehrspielermodus in einem Military-Shooter ist natürlich keine Dokumentation, sondern erinnert eher an die historischen Nachstellungen von Schlachten, die in den USA so beliebt sind. Dennoch drängt sich mir schon die Frage auf: Warum nehme ich speziell den 2. Weltkrieg als Setting, wenn mir der Kontext der Schlachten unangenehm ist? Wer einfach nur gerne mit altmodischer Kriegsmaschinerie herumspielen möchte, hat doch sicher kein Problem, wenn der historische Hintergrund vollkommen durch ein Dieselpunk-artiges Fantasy-Setting getauscht würde. Die Wenigsten würden wohl dagegen protestieren, in Counter Strike einen Terroristen oder in Star Wars einen Sith Lord zu spielen. Warum also nicht einfach Fraktionen erfinden?
Auch wenn der Kontext beim Multiplayer vollkommen in den Hintergrund rückt: Den 2. Weltkrieg ohne Nazis stattfinden zu lassen, um beide Seiten gleich attraktiv zu machen, hat zumindest einen merkwürdigen Beigeschmack und ist ganz gewiss nicht unpolitisch.
Themen ohne Bezug?
Aber wie sieht es mit Shootern aus, in denen der Konflikt tatsächlich fiktiv ist?
Entwickler betonen ja häufig, dass ihre Kampagnen nicht als politische Statements zu verstehen sind, weil die Figuren kein Äquivalent in der realen Welt haben.
So beteuerte beispielsweise Taylor Kurosaki vom Call-Of-Duty-Entwickler Infinity Ward, Modern Warfare (2019) könne überhaupt nicht politisch sein, da die im Spiel dargestellten Regierungen, Parteien und Konflikte nicht exakt die der Realität widerspiegeln. Stattdessen drehe sich die Geschichte lediglich um "thematische Dinge", die nichts mit einem bestimmten Krieg zu tun haben würden. Man könne dieselbe Geschichte in jeden anderen Krieg verlagern und es würde keinen Unterschied machen, so Kurosaki. Nachweislich haben sich die Entwickler von Call of Duty für ihr Modern Warfare Reboot u.a. vom Bürgerkrieg in Syrien und dem Irakkrieg inspirieren lassen. Das muss zwar nicht bedeuten, dass das Spiel ein Kommentar zu diesen Ereignissen ist. Trotzdem weckt die Darstellung ohne Zweifel Erinnerungen an die Realität. Und die gezeigten Handlungen haben natürlich auch innerhalb des Spiels einen ähnlichen Kontext.
Quelle: PC Games Hardware
Modern Warfare (2019)
Publisher lieben es, zu beteuern, dass das angepriesene Produkt keinerlei Bezug zur aktuellen politischen Lage hat, unabhängig davon, ob die angesprochenen "thematischen Dinge" heute besonders relevant sind oder nicht. Die Ereignisse in Robocop oder John Carpenters Sie leben haben auch nie so stattgefunden. Würde jemand behaupten, die Filme seien deswegen unpolitisch, würde der oder diejenige dafür aber wahrscheinlich wenig Zustimmung erhalten.
Auch der Military-Shooter Spec Ops: The Line zeichnet einen fiktiven Konflikt, der in Dubai ausgetragen wird. Die Entwickler von Yager Development erzählen darin bewusst eine politische Geschichte, die sich in Teilen an Joseph Conrads Novelle Herz der Finsternis orientiert, die auch als Vorlage für Apocalypse Now diente und den Verlust der Menschlichkeit im Krieg behandelt. Das Versetzen der Novelle über die Barbarei der Kolonialisierung in die Zeit des Vietnamkriegs bzw. im Fall von Spec Ops in ein Wüstengebiet ruft zwangsweise Bilder aus realen Konflikten im Publikum hervor. Und nur weil, anders als beispielsweise in Call of Duty: Black Ops Cold War keine Fanfiction-Version von Ronald Reagan durchs Bild läuft, heißt das nicht, dass die Macher kein Statement zur Natur des Krieges und zu aktuellen Bezügen abgeben.
Selbst die Aussage, die Spiele enthielten zwar politische Themen, ließen sich jedoch nicht in eine politische Ecke drängen, ist absoluter Schwachsinn. Man nehme zum Beispiel Ubisofts Tom-Clancy-Spiele. Ein Autor, dessen Werke dem Genre Polit-Thriller zugeordnet werden und der nie einen Hehl aus seinen konservativen Ansichten gemacht hat, wird hier plötzlich als Vorlage für Videospiele wie The Division genutzt, die man dann angeblich politisch nicht mehr einordnen können soll. In Division 2 kämpfen verschiedene Gruppen um die Vorherrschaft in Washington DC, in einem Interview mit Polygon behauptete Creative Director Terry Spier jedoch, es ginge ihm lediglich darum, mal eine neue Map zu besuchen.
Die Gründe, weshalb sich die Spieleindustrie so davor fürchtet, dass ihre Produkte oder die darin enthaltenen Statements als politisch konservativ, liberal, links, anarchistisch, kommunistisch oder sonst etwas erkannt werden, sind relativ klar. Potentielle Käufer*innen könnten abgeschreckt werden, das Produkt zu kaufen, sollte die geäußerte Sichtweise nicht die eigene sein.
Deswegen äußert sich diese Sichtweise trotzdem.
The Division enthält konservatives Gedankengut. Ebenso Call of Duty. Und das ist dermaßen offensichtlich, dass es die Macher ruhig zugeben können. Davon, dass die Publisher diverser Militärshooter außerdem mit der Waffenindustrie verbandelt sind und diese mit Werbung für ihre Produkte und Zahlungen für realistische Waffenmodelle unterstützen, möchte ich gar nicht anfangen (Artikelauswahl zum Thema Videospiele und Waffen: Eurogamer, NPR, The Atlantic).
Statements, nur wenn sie vage sind
Mir geht das Thema deshalb so auf die Nerven, weil ich die immer gleichen vagen Statements irgendwann nicht mehr hören kann. Es ist ja längst nicht nur die Videospielindustrie, die einen ständig für dumm verkauft und die versucht, das Wort "politisch" als Schimpfwort auszulegen, das gegen die Interessen "wahrer Gamer" gerichtet ist.
Neulich wurde beispielsweise die Schauspielerin Gina Carano aus The Mandalorian wegen einem zumindest implizierten Vergleich zwischen Menschen mit rechtskonservativer Gesinnung in den heutigen USA und Juden im Dritten Reich von Disney entlassen. Kurz darauf kam ein Statement von CEO Bob Chapek, die Entlassung sei nicht politisch motiviert gewesen, Disney sehe sich als weder rechts noch links auf dem politischen Spektrum und die Aussagen hätten schlicht gegen die universellen Werte von Respekt, Anstand, Integrität und Inklusion verstoßen. Eine behämmerte Aussage, wenn ja vor allem letzteres definitiv kein universeller Wert, sondern ein politisches Streitthema ist. Und was man genau unter Integrität und Anstand versteht, hängt ja auch schwer vom eigenen Standpunkt ab (In Bezug auf James Gunns Twitteraccount wechselte der von Disney ja sogar hin und her).
Quelle: Disney
Gina Carano
Dass Caranos Aussagen auch zur Entlassung geführt hätten, käme sie aus einer anderen politischen Ecke, mag sein. Trotzdem ist die Entscheidung, sie zu feuern, politisch aufgeladen. Und die Aussage, man befinde sich politisch weder links noch rechts, ist dabei vollkommen irrelevant. Das trifft auf die meisten Leute zu. Man kann bei unterschiedlichen Punkten unterschiedlicher Meinung sein und viele Argumente lassen sich auch gar nicht bequem auf einer geraden Linie positionieren. Sich bei allen Themen kategorisch rauszuhalten, ist außerdem Einstehen für den Status Quo und genauso ein Standpunkt wie die Forderung nach Veränderung.
Ich bin kein Anhänger der Philosophie, dass absolut alles politisch ist. Aber eine Mitarbeiterin wegen geschmackloser Tweets zu feuern oder ein Videospiel zu entwickeln, in dem man als regierungstreuer Ordnungshüter auf linke Ökoterroristen schießt oder als Soldat in einen Angriffskrieg zieht, sind es definitiv. Oder was meint ihr?
