Blade Runner: Enhanced Edition im Test: Eine Neuauflage, die niemand braucht
Test
Nightdive hat das Kult-Adventure von Westwood neu aufgelegt, ohne viel Werbung oder Aufmerksamkeit. Und jetzt wissen wir auch warum: Die Umsetzung ist so lust- und lieblos, dass man sich den Kauf sparen kann.
Die größte Enttäuschung sind aber die Charaktere, die schon im Originalspiel ein Streitpunkt waren. Westwood verließ sich damals noch auf Voxeltechnologie, um interaktive Figuren in die Szenen einzubetten, was Vor- und Nachteile mit sich brachte. So gelang es Westwood damals erstaunlich gut, die Menschen und Replikanten stimmungsvoll in Licht und Schatten zu tauchen oder hinter Nebel verschwinden zu lassen. Dadurch schienen die Figuren fast mit der Umgebung zu verschmelzen. Der Fortschritt kam allerdings zu einem heftigen Preis: In vielen Szenen zeigte das Spiel die steif animierten Charaktere auch aus der Nähe, wo sie zum Teil irrsinnig aufpixelten.Und daran hat sich nichts geändert. Zwar haben die Figuren in Nightdives Version schärfere Konturen, was auf Distanz zweifellos besser aussieht, doch die Gesichter sind noch so hässlich wie im Original. Schlimmer noch: In manchen Szenen (etwa an der Imbissbude in Chinatown) heben sich die Figuren nun unschön von der Umgebung ab und stechen wie Fremdkörper heraus. Das gilt auch für einige interaktive Objekte wie etwa sammelbare Beweisstücke, die so hell dargestellt werden, dass man sie nun fast zu leicht entdeckt.
Alte Schwächen, neue Fehler
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Gleichzeitig hat Nightdive aber auf eine Hotspotanzeige verzichtet, die dem Spiel durchaus gutgetan hätte. Lediglich die KIA-Hinweisdatenbank wurde neu gestaltet, doch das Ergebnis haut uns nicht vom Hocker: Die neue Schriftart wirkt unpassend, die Aufteilung wirkt chaotisch und die Datenbank-Einträge werden in unserer Version auch nur auf Englisch dargestellt. Anders als früher können wir McCoys Verhalten auch nicht mehr in den Spieloptionen ändern - das klappt in der Neuauflage nur noch vor Spielstart. Die Möglichkeit, das Spiel als Designer's Cut zu erleben (ideal für einen zweiten Spieldurchgang), hat Nightdive ebenfalls vergessen.
Auch sonst hat sich am Gameplay herzlich wenig getan, teilweise hatten wir sogar das Gefühl, dass sich das Original etwas besser spielte. Bei der Esper-Foto-Analyse kam es beispielsweise zu häufigen Fehleingaben per Rechtsklick. Auf dem Schießübungsplatz wollte McCoy manchmal partout nicht seine Waffe abfeuern. Und gleich in der ersten Szene vor Runciters Tierhandlung konnten wir McCoy nicht frei bewegen, sondern mussten auf Hotspots klicken, um unseren Helden in Gang zu bringen. In allen anderen Locations klappte die Steuerung jedoch wieder ganz normal. Auch hier die Frage: Wie kann Nightdive so etwas nicht auffallen?
Blade Runner: Enhanced Edition wurde auch für Xbox-Konsolen, PS4 und Switch umgesetzt, darum hat Nightdive eine neue Gamepad-Steuerung eingebaut. Die fühlt sich aber unpraktisch an, besonders das Zielen fällt hier etwas schwerer als mit der Maus. Über die Qualität der Konsolenfassungen können wir noch keine Aussagen machen, da wir bislang keine Review Codes dazu erhalten haben.
Welche Version solltet ihr kaufen?
Sofern ihr nicht unbedingt auf einer Konsole spielen wollt, raten wir euch klar von der Enhanced Edition ab. PC-Spieler haben eine bessere Alternative: Das originale Blade Runner wurde schon 2019 über die ScummVM-Engine lauffähig gemacht. Diese Version erhaltet ihr auf GOG und mittlerweile auch auf Steam gratis zu eurem Kauf dazu. Das heißt, wenn ihr das Spiel beispielsweise über Steam startet, habt ihr nun drei Versionen zur Auswahl:
- Blade Runner Classic: Das Originalspiel via ScummVM
- Blade Runner Classic with restored content: Das Originalspiel via ScummVM, diesmal allerdings mit zusätzlichen Inhalten (z.B. erweiterte Dialoge), die sich bereits auf der Spieldisc befanden und von Fans nachträglich eingebaut wurden
- Blade Runner: Enhanced Edition: Die Neuauflage von Nightdive, die in vielerlei Hinsicht die schwächste Fassung darstellt. Die "restored content"-Inhalte gibt es hier ebenfalls nicht.
Hier könnt ihr das Spiel kaufen, der Preis liegt bei ca. 9 Euro:
Blade Runner: Enhanced Edition auf Steam
Blade Runner: Enhanced Edition auf GOG
Update: Mittlerweile könnt ihr auf GOG auch auf der Produktseite zwischen den beiden Versionen wechseln.
Unser Fazit: Von Nightdive sind wir Besseres gewohnt. "Enhanced" ist in dieser Fassung jedenfalls erstaunlich wenig, die Nachteile überwiegen. Wenn ihr den Westwood-Klassiker trotzdem nachholen wollt, greift lieber zu der ScummVM-Version - die ist nicht nur deutlich besser, sondern auch kostenlos beim Kauf der Enhanced Edition enthalten.
