Kein Mensch braucht Avowed, wenn es Kingom Come 2 gibt - oder? Die Mega-Rollenspiele im Vergleich
Special
Stefan hat Kingdom Come 2 und Avowed gespielt und erklärt, warum ein Spiel sein klarer Favorit ist - aber das andere auch seine Daseinsberechtigung hat.
Nein, die alte und hier recht plump eingesetzte Rollenspiellogik gebietet, dass ich gegen den einen Grizzly eben noch nicht kämpfen soll. Das Level-, oder in dem Fall eher Equipment-Gating motiviert mich immerhin, die Umgebungen komplett abzugrasen (und das ist, wie oben erwähnt, sehr unterhaltsam), sowie alle Nebenquests mitzunehmen.
Die Karotte hängt also definitiv vor der Nase, und ich will jedes Upgrade haben, das ich kriegen kann. Aber es fühlt sich in Avowed für meinen Geschmack auch recht aufgezwungen an.
Vor allem, weil es immer die exakt gleichen Gegner sind, die dann plötzlich von einem Waldstück zum nächsten viel stärker werden, was mir aber nur durch ein paar Symbole neben ihrer Lebensleiste gezeigt wird. Sich nur auf die Story zu konzentrieren oder viele verschiedene Spielstile gleichzeitig zu bedienen ist damit auch keine Option. Man wäre ständig underpowered, und zwar massiv.
Kingdom Come 2 ist da erwartungsgemäß deutlich realistischer, was große Vor-, aber auch kleine Nachteile hat. Der Vorteil: Die Ausrüstung harmoniert sehr gut mit all den anderen, immersiven Systemen.
Trifft eine gut geschliffene Waffe auf nackte Haut oder Stoffkleidung, dann ist sehr schnell Feierabend, egal, ob am Anfang oder am Ende des Spiels, egal, wer austeilt und wer einsteckt. Das ist authentisch und im Rollenspielgenre unverbraucht.
Der Nachteil: Die Loot-Spirale hat bei mir nach etwa der Hälfte des Spiels aufgehört, sich zu drehen. Die Perks, die mich wirklich interessierten, waren dann größtenteils auch schon freigeschaltet.
Ich hatte meine glänzende Plattenrüstung (hauptsächlich zusammengeklaut, hust), ein gutes Langschwert und einen Dolch, der jeden Gegner mit einem Schleichangriff erledigen konnte.
Weil ich wusste, dass mich hier keine Obermotze mit verzauberten Rüstungen und hochgedrehten Attributen erwarten würden, sondern nur Menschen aus Fleisch und Blut, hatte ich auch keinen Grund mehr, noch viel an meinem Equipment zu ändern.
Klar, Upgrades gibt es auch in meinem Durchgespielt-Zustand noch, schnellere Pferde zum Beispiel. Aber ein ganzes Spiel über hält mich die Charakterentwicklung bei KCD2 nicht unbedingt bei der Stange, zumindest nicht mit der gleichen Intensität wie in den ersten 30 bis 40 Stunden.
Quelle: Xbox Game Studios
Stattdessen sind es in KCD2 Story und Quests, die mich zum Weiterspielen motivieren sollen, und das haben sie mit Bravour erfüllt. Bei Avowed ist es andersherum: Die generische Story lässt mich bisher völlig kalt, aber auf der Jagd nach immer besserer Ausrüstung drehe ich jeden Stein der hübschen Spielwelt um und helfe allen Bewohnern. Weil es Laune macht, aber auch, weil es wegen des Levelgatings gar nicht anders geht.
Das Fazit: Konsum vs. Genuss
Ich versuche, das alles einmal bildlich zusammenzufassen: Kingdom Come 2 ist ein Eintopf mit Unmengen an Zutaten, bei dem man erst ordentlich schnippeln und dann auch mal ganz schön beißen muss, um ihn zu genießen. Dafür hat man sehr lange was davon, und er wird immer besser, je länger man sich mit dem Essen Zeit lässt.
Avowed ist eine Luxus-Tiefkühlpizza, die zwar nicht allzu nahrhaft ist und hier und da auch mal nach Geschmacksverstärker schmeckt, aber genau das richtige, wenn man mal keinen Bock hat, zu kochen oder sich allzu lange Gedanken übers Essen zu machen. Oder wenn man vorher eben stundenlang für den Eintopf in der Küche stand.
Kingdom Come: Deliverance 2 ist eure Art Rollenspiel, wenn ihr (richtig) lange Zeit habt und dafür ein Erlebnis wollt, das wirklich besonders ist, das enorme Freiheit bietet, Engagement verlangt und es auch gebührend belohnt. Avowed verläuft dagegen auf engeren und sehr vertrauten Schienen: Zugänglich, locker-flockig wegspielbar, aber für meinen Geschmack auch ganz schön 08/15.
Avowed ist für PC und Xbox Series erhältlich, auf beiden Plattformen ist der Xbox-Game-Studios-Titel außerdem im Game Pass enthalten. Über eine PS5-Version ist bisher nichts konkretes bekannt, es ist aber sehr wahrscheinlich, dass Avowed irgendwann seinen Weg auf die Sony-Konsole finden wird. Kingdom Come: Deliverance 2 spielt ihr auf PC, PS5 und Xbox Series.
