Avowed vs. Kingdom Come 2 ist wie Tiefkühlpizza vs. selbstgemachter Eintopf
Special
Wenn ihr auf Rollenspiele steht, aber nicht unendlich viel Freizeit habt, dann müsst ihr euch diesen Monat zwischen zwei Hochkarätern entscheiden: Kingdom Come 2 und Avowed. Stefan hat beide gespielt und zeigt, warum eines der klare Favorit ist - aber das andere trotzdem seine Daseinsberechtigung hat.
Rollenspieler haben in diesem Februar die Qual der Wahl: Gleich zwei story-getriebene First-Person-RPGs buhlen um ihre Gunst, eines mit mehr, eines mit deutlich weniger Erfolg. Oder kennt ihr viele Leute, die sehnsüchtig auf Avowed gewartet haben? Trotz recht positiver Vorberichterstattung und guten Wertungen von vielen Seiten fliegt das Spiel nämlich eher unter dem Radar.
Spätestens, seit das 100+-Stunden-Monster Kingdom Come: Deliverance 2 Anfang Februar mit Topwertungen überhäuft und von hunderttausenden Spielern überlaufen wurde, haben große Teile der Zielgruppe wohl erstmal keine Zeit für Obsidians neues Fantasy-RPG.
Die Presse haben die Kingdom-Come-Entwickler von Warhorse Studios bereits einen Monat vor dem Release mit Vollversionen versorgt, und die Zeit habe ich genutzt, um Heinrichs Abenteuer vollends zu genießen und abzuschließen.
Nun bin ich also fürs erste fertig in Böhmen und der Terminplan ist frei für das nächste Rollenspiel-Projekt. Zum Pech für Avowed (jetzt kaufen 49,99 € ) schwirrt mir das fantastische KCD2 nur immer noch im Kopf herum - und in den Vergleichen, die sich immer wieder aufdrängen, zieht der Obsidian-Titel für mich zuverlässig den Kürzeren.
Aber: Das bedeutet nicht, dass Avowed ein schlechtes Spiel wäre. Wie gut es unserem Tester Felix nach einem 60-Stunden-Durchgang mit allen Quests gefallen hat, lest ihr in seiner großen Review - oder ihr führt euch das Testvideo zu Gemüte:
Auch ich habe seit knapp 15 Stunden meinen Spaß damit, aber zu meinen Spielen des Jahres wird Avowed nicht gehören - vermutlich werde ich schon kurz nachdem ich die Credits gesehen habe, nicht mehr groß darüber nachdenken.
Ich will die Erfahrung trotzdem nutzen, um die beiden Spiele einmal direkt gegeneinander antreten zu lassen, und herauszufinden, ob Avowed wenigstens als gutes Kontrastprogramm zu KCD2 taugt, wenn es schon nicht ernsthaft damit konkurrieren kann.
Die Spielwelten: Fantasy-Kulisse vs. Immersives Mittelalter
Der größte Unterschied zwischen den beiden Rollenspielen ist das jeweilige Setting, das sie zeichnen: Kingdom Come 2 entführt in eine authentische, historische Welt, die es bis ins Detail simuliert, und das so realitätsgetreu wie möglich. Fantastische Elemente gibt's hier nicht.
Quelle: Warhorse Studios
Das Land der Lebenden in Avowed ist das Gegenteil davon: eine sehr hübsche, wenn auch generische Fantasy-Kulisse mit wenigen Interaktionsmöglichkeiten. Freundliche NPCs angreifen, Diebstähle begehen, Tagesabläufe beobachten, jagen gehen, in der Spielwelt "leben", Minispiele spielen - das alles geht hier nicht, bei KCD2 aber schon.
Bei Avowed löse ich Quests, führe mit wichtigen Leuten Dialoge, erkunde nach und nach die verschiedenen Teilgebiete der Spielwelt, haue währenddessen allerlei Viehzeug um und suche nach Ausrüstung und Crafting-Schrott, um meine Zahlen hochzutreiben. Nicht mehr, nicht weniger.
Obsidian backt (mit Ansage) deutlich kleinere Brötchen und will offensichtlich nicht mit Warhorse oder Bethesda konkurrieren, wenn es um die Immersion geht. KCD2 präsentiert eine lebendige, glaubwürdige Welt, die nicht nur existiert, um vom Spieler leergemetzelt und geplündert zu werden.
Bei Avowed stehen die NPCs den ganzen Tag exakt da, wo sie die Leveldesigner hingestellt haben. Außerdem platziert es alle paar Meter eine Gegnergruppe, eine leuchtende Schatzkiste oder ein einfaches Rätsel, damit sich ja keine Langeweile einstellt.
Punkten kann das Obsidian-Werk vor allem damit, wie gut designt und vollgestopft die Gebiete sind: Ständig kann ich irgendwo hochklettern, runterspringen oder geheime Pfade entdecken, um noch mehr Beute abzugreifen. Das klappt sehr gut und macht satt, das mittelalterliche Böhmen ist aber deutlich gehaltvoller und erinnerungswürdiger.
Dort führe ich nämlich fast schon ein zweites Leben und bin voll in der Simulation gefangen, bei Avowed spiele ich dagegen "nur" ein Videospiel, und das ist mir auch jederzeit bewusst.
Dank des vergleichsweise quietschbunten Fantasy-Settings kann Avoweds Spielwelt aber logischerweise optisch abwechslungsreicher daherkommen als der mitteleuropäische Landstrich in KCD2. Von lauschigen Küsten und Wäldern geht es in komplett von Pilzen überwucherte Landstriche und Wüsten; kaum eine Spielart der High Fantasy wird ausgelassen. Man kennt's, und wenn man's noch sehen kann, wird man auch zufriedengestellt.
