Ein Spiel für alle oder nur für echte Fans? Kann Assassin's Creed Shadows auch ohne Japan-Interesse überzeugen?
Kolumne
Als Nicht-Fan des Japan-Settings hat sich Vivi im neuen Teil der Assassin's-Creed-Reihe ausgetobt, um zu testen, ob Shadows auch Spieler ohne Japan-Interesse überzeugen kann.
Kurz gesagt, interessante Charaktere oder eine gut geschriebene Geschichte konnten mich in den vergangenen Spielen der Reihe immer wieder begeistern und ließen mich über etwaige Mängel hinwegsehen, sodass ich teils über hundert Stunden Spielspaß hatte. Doch genau diese fesselnde Geschichte oder interessante Charaktere kommen mir in Shadows viel zu kurz. Viel zu oft frage ich mich, warum das alles?
Die Hauptgeschichte lässt sich auf den absoluten Urschleim zurückführen, mit dem Assassin's Creed gestartet ist. Die Liga gegen die Templer im ewigen Kampf um kostbare, mächtige Artefakte, historisch eingebettet in die Invasion Japans. Damit habe ich die Handlung von Assassin's Creed Shadows, wie ich sie bisher erlebt habe, in einem Satz zusammengefasst. Meine Hoffnung auf mehr Tiefgang, mehr Details oder kurz: mehr Storytelling blieb bisher vergebens.
Auch die Motive der Hauptcharaktere sind sehr oberflächlich gehalten. Naoe ist fast ausschließlich von der Rache für den Tod ihres Vaters getrieben und davon, das Artefakt zurückzuholen, für das er sein Leben ließ. Was genau dieses Artefakt eigentlich ist, warum es so wichtig ist und was sie damit anstellen soll, sobald sie es hat, weiß sie nicht und es scheint auch nicht weiter wichtig zu sein. Die oberflächlichen Motive von Rache und Loyalität zu ihrem Volk reichen für mich allerdings nicht aus, um einen interessanten Charakter zu gestalten.
Auch die Nebencharaktere, die mir in der Welt begegnen und die ich als neue Mitglieder die Liga rekrutieren kann, sind allesamt seicht gehalten. Zwar gibt es zu jedem eine Hintergrundgeschichte, aber die ist schnell erzählt und auch die dazugehörigen Quests sind in kurzer Zeit abgearbeitet. Vergleiche ich das einmal mit Ghost of Tsushima, wo jeder Nebencharakter eine umfangreiche Questline mit einer tiefgründigen Geschichte und eigenen Sorgen und Motiven hat, ist bei Assassin's Creed Shadows sehr viel Luft nach oben.
Kann Assassin's Creed Shadows auch überzeugen, wenn ich kein Fan des Settings bin?
Für mich persönlich lautet die Antwort auf diese Frage: nein. Da ich kein großer Fan des Settings bin, reicht es mir nicht, durch ein grafisch eindrucksvolles Japan zu reiten oder mich mit Katana oder Kusarigama durch die Gegner zu schnetzeln. Auch wenn Shadows einige neue und wirklich interessante Spielmechaniken mit sich bringt, fühlt sich doch alles sehr vertraut an, wenn man einen der Vorgänger gespielt hat. Wenn also nicht mit neuem Gameplay, muss mich das Spiel anderweitig überzeugen.
Odyssey hatte eine spannende Geschichte, Mirage eine gute Geschichte und einen sympathischen Protagonisten mit einer ausgeprägten persönlichen Entwicklung und Valhalla hatte zwar mit Assassinen nicht mehr viel zu tun, hat mich aber mit seinem Setting und der Umsetzung der nordischen Mythologie komplett abgeholt. Doch Shadows...
Die Hauptgeschichte ist für meinen Geschmack zu lieblos gestaltet, die Protagonisten zu oberflächlich gehalten und das Gameplay nur allzu vertraut. Was bleibt, ist die hübsche Open World und das gewählte Setting. Ich verstehe jeden, der regelrecht darin aufgeht, sich als stattlicher Samurai mit seinem Schwert in die Schlacht zu stürzen oder als Shinobi aus dem Schatten heraus zu agieren.
Auch jedem, der es genießt, einfach stundenlang durch die Welt des feudalen Japans zu reiten und jeden Winkel der Karte zu erkunden, weil man sich genau dieses Setting schon seit Jahren gewünscht hat, gönne ich diese Erfahrung von Herzen. Mich als Nicht-Fan des Settings hat Assassin's Creed Shadows auf halbem Weg verloren und es bisher auch nicht geschafft, mich zurückzugewinnen.
