Yakuza 6: Spuckt der Drache von Dojima noch Feuer? Unser Review zum Finale The Song of Life
Test 9,65 €
Kazuma Kiryu ist am Ende seiner Reise angekommen, die 2005 mit Yakuza auf der Playstation 2 begann - Yakuza 6: The Song of Life schließt die Mafia-Saga ab und wagt gleichzeitig, sich von den Vorgängern und Prequel Yakuza Zero abzuheben. Mit Erfolg? Wir waren dabei, als der Drache von Dojima zum letzten Mal Feuer spuckte - Yakuza 6 im Test.
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Was für ein Debakel: Yakuza 6 erscheint außerhalb Japans am 17. April 2018, doch einige US-Amerikaner hatten schon im Vorfeld Zugriff auf das komplette Spiel. Bei der ersten Version der kostenlosen Demo gab es in Nordamerika nämlich einen folgenschweren Fehler, der dazu führte, dass Spieler Zugang zum ganzen Spiel zu erhielten - deshalb war die besagte Demo auch stolze 36 Gigabyte groß! Inzwischen wurde die Demo offline genommen und durch eine neue Version ersetzt. Ihr könnt hierzulande freilich ebenfalls eine Testrunde im Viertel Kamurocho drehen, das Schöne daran: euren Spielstand könnt ihr aus der Demo ins fertige Spiel übernehmen, sollte euch die Probeversion von Yakuza 6: The Song of Life gefallen.
Aber nun geht's in die Vollen: Yakuza 6 (jetzt kaufen 34,95 € / 9,65 € ): The Song of Life ist der Abschluss der dramatischen Geschichte rund um Yakuza Kazuma Kiryu, die aktuell gleichzeitig in Form der Kiwami-Reihe neu aufgelegt wird. Yakuza Kiwami 2, das Remake des zweiten Spiels, erscheint hierzulande im August. Unter anderem durch die Veröffentlichung des Prequel Yakuza Zero im Jahr 2017 gewann die von manch einem als "japanisches GTA" bezeichnete Action-Adventure-Reihe Aufmerksamkeit von Spielern, die vorher keinen Kontakt mit der Unterwelt Japans pflegten. Diese Personen fragen sich sicherlich: Kann ich das Ende der Saga problemlos genießen, auch wenn ich die anderen Teile der Reihe nicht kenne?
Lieber nicht
Die Antwort auf die die berechtigte Frage: nein. Zwischen der Handlung von Yakuza Zero und Kiwami 1 liegen sieben Jahre, und zwischen Yakuza 1 und Yakuza 6 ganze elf Jahre; in dieser Zeit ist viel passiert, Held Kiryu erlebt unter anderem mit, wie seine Ziehtochter Haruka ins Idol-Business einsteigt, er sitzt Strafen im Gefängnis ab, leitet ein Waisenhaus auf Okinawa, auf und in den Yakuza-Clans geht es sowieso drunter und drüber. Die Verflechtungen zwischen den zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren überfordern unkundige Spieler heillos, und da das Vergnügen an der Reihe zu einem großen Teil mit der Story und den Charakteren zusammenhängt, bleiben die Uneingeweihten auf der Strecke. Im Menü des Spiels habt ihr zwar Zugriff auf Zusammenfassungen der vorherigen Spiele (ohne Spin-Offs wie Yakuza: Dead Souls oder die japan-exklusiven Yakuza Ishin und Yakuza Kenzan), aber die sind der Natur der Sache entsprechend spoiler-verseucht. Solltet ihr die restlichen Titel später nachholen wollen, verderbt ihr euch unter Umständen eine Menge Überraschungen.
Ein langsamer Start
Ohne Umschweife kommt weder dieser Test noch Yakuza 6 zum Gameplay; bevor ihr Kiryu frei durch die Gassen von Kamurocho steuert, führen jede Menge Zwischensequenzen in die Handlung ein. Diese sind alle serienüblich ausufernd inszeniert und gut (japanisch) vertont - manchmal albern, manchmal amüsant, manchmal rührend und manchmal dramatisch. In Yakuza 6 wurden für wirklich alle Dialoge Sprecher engagiert, auch in den Nebenquests, serienüblich Substories genannt. Was den Umfang betrifft, ähnelt der Abschluss der Saga den älteren Serienvertretern, mit etwa 20 Stunden für die Hauptstory gelangt ihr deutlich schneller ans Ende als im etwa doppelt so langen Vorgänger Yakuza 5. Außerdem verkörpert ihr nicht mehrere Helden, so wie bei Yakuza 4 und Yakuza 5, sondern nur Serienurgestein Kiryu.
Quelle: PC Games
Wie üblich gibt es viele Optionen, um Gegner auszuschalten. Kämpfen wir auf der Bahnbrücke, können wir den Feind auf den Zug werfen!
Kahlschlag auch bei der Anzahl der Locations: Dieses Mal erkundet ihr das Viertel Kamurocho (das man als Veteran wie die eigene Westentasche kennt) und das verschlafene Nest Onomichi in der Präfektur Hiroshima. Zum Vergleich: In Yakuza 5 gab es Kamurocho, Fukuoka, Osaka, Nagoya und Sapporo. Änderungen und Vereinfachungen erwarten euch auch beim Kampfsystem. Ihr wechselt nicht mehr wie zuvor zwischen unterschiedlichen Stilen, die Kämpfe und Bossfights sind deutlich einfacher. Anfänger-Bremsklötze wie zum Beispiel Boss Daisaku Kuze vom Beginn von Yakuza Zero oder harte Auseinandersetzungen wie die zwischen Kiryu und Saejima in Yakuza 4 müsst ihr nicht fürchten. Einerseits ergibt ein übermächtiger Kiryu durchaus Sinn, immerhin trainiert der Gute seit Jahrzehnten den Straßenkampf, andererseits banalisiert dessen schiere Macht die Auseinandersetzungen mit Obermotzen. Kenner stellen von Anfang an den Schwierigkeitsgrad "hard" ein, dann ähnelt das Spielgefühl stärker den Vorgängern.
Das Wegfallen der Mini-Zwischensequenzen vor normalen Prügeleien auf der Straße mit normalem Fußvolk hingegen ist höchst willkommen, auch wenn der Übergang von Laufen zu Kämpfen nicht komplett flüssig passiert. Ebenfalls gelungen: die Verteilung von Erfahrungspunkten. Nach jeder erfolgreichen Auseinandersetzung wird Kiryu mit Punkten in diversen Kategorien entlohnt, die ihr ganz nach Lust und Laune zum Erstehen von neuen Kombos oder Attacken nutzt, oder mit denen ihr Fähigkeiten und Werteverbesserungen kauft. Die kreisförmigen Talentbäume für die unterschiedlichen Kampfstile fallen in Ermangelung derselben flach, alle Skills werden in einer Liste präsentiert, die Übersicht lässt dementsprechend zu wünschen übrig.
Das Kampfsytem besteht aus einer Mischung aus Schlägen, Griffen und Tritten, Kiryu nutzt außerdem herumstehende Objekte wie Fahrräder, Pylonen, Neonreklametafeln und mehr, um die Gesundheitsleiste seiner Gegner zu dezimieren. Manche der Widersacher tragen Messer, Baseballschläger oder gar Pistolen, diese Kandidaten solltet ihr fix entwaffnen und ihre Ausrüstung gegen sie einsetzen. Serientypisch zerbrechen aber selbst Katanas nach wenigen Angriffen - das ist wohl einfach so in Japan. Während der Auseinandersetzungen sammelt ihr "heat", also "Hitze". Die blauen Orbs unter eurer Lebensenergie zeigen an, wie viel ihr davon habt. Aktiviert ihr die innere Kraft mit R2, richtet ihr deutlich mehr Schaden an, startet spezielle Heat-Angriffe und werdet von den meisten feindlichen Angriffen nicht mehr unterbrochen. Nach wie vor heilt ihr euch innerhalb von Kämpfen einfach per Wechsel ins Menü, wo ihr mitgeführte Tränke zu euch nehmt. Ihr könnt zwar von den meisten Heilobjekten nur maximal fünf bei euch tragen, da es aber jede Menge Arten davon gibt und ihr so viel konsumieren könnt, wie ihr wollt, lauft ihr nur selten Gefahr, übermannt zu werden. Selbst wenn es dazu kommen sollte: Dank des freieren Speichersystems (ihr könnt euren Fortschritt über das Handy sichern, es sei denn, ihr steckt inmitten einer wichtigen Story-Mission) geht bei einem Game Over nicht allzu viel Spielzeit verloren.
Erfahrung sammeln
Erfahrung erhaltet ihr nicht nur nach Prügeleien, so ziemlich jede Aktion wie etwa Essen wirft die begehrten Punkte ab. Durch eine Hungeranzeige besteht eine zusätzliche Motivation, sich in den liebevoll gestalteten Fresstempeln Japans niederzulassen. Ihr erhaltet Boni auf Regeneration oder Erfahrungspunkteausschüttung, wenn ihr euch den Magen füllt. Wer darauf verzichten will, der muss aber keine nervige Hungerwarnmeldung ertragen, wird also nicht gezwungen, Geld für Leckereien auszugeben. Weitere Quellen für Erfahrungspunkte sind Nebenquests, Minispiele (später dazu mehr) und das Voranschreiten in der Hauptstory. Obendrauf gibt es jede Menge Herausforderungen, die beim Erreichen bestimmter Meilensteinen in Form einer Belohnung auf eurem Punktekonto landen. Das reicht von herkömmlichen, passiv erreichbaren Zielen wie "laufe eine bestimmte Distanz" zu "schlage zehn Homeruns".
Spielablauf und Nebenbeschäftigungen in Yakuza 6 ähneln wenig überraschend den Vorgängern. In vergleichsweise kleinen, aber dafür extrem
Quelle: PC Games
Im Club Shine bezahlt ihr für Dates mit hübschen Frauen. Aber blamiert euch nicht bei der Unterhaltung! Und: Der Sekt ist teuer . . .
detailliert und überzeugend ausgearbeiteten Arealen prügelt ihr euch mit streitsuchenden Suffköpfen oder Gang-Mitgliedern, trefft euch mit attraktiven Hostessen, singt Karaoke, zockt in Arcades oder widmet euch Spielen wie Mahjong. Ihr leitet nun zudem ein Amateur-Baseball-Team und baut eure eigene Straßengang in einer Art Echtzeit-Taktik-Modus auf. Ersteres ist wenig überraschend in erster Linie für diejenigen interessant, die sich mit der Sportart auskennen. Nur, wenn ihr an der Reihe seid, habt ihr in diesem Minispiel etwas zu tun, der Rest der Innings läuft automatisch und wird in einfacher Comicgrafik präsentiert. Das Clan-Minispiel ist hingegen massentauglicher, ihr rekrutiert neue "Helden", indem ihr in der Spiewelt herumlungernde Gauner besiegt, die sich euch fortan anschließen. Aus der Vogelperspektive schickt ihr eure Mannen in Richtung der Gegner, dabei greift ihr auf unterschiedliche Kämpferklassen zu. Den Helden könnt ihr spezielle Befehle erteilen, das Kanonenfutter agiert vollautomatisch und greift an, was sich in dessen Nähe befindet. Nach wie vor könnt ihr euch mit Hostessen im Club Shine verabreden und ihnen in Gesprächen näherkommen. Dieses Mal wählt ihr dazu aus Gesprächskarten am unteren Bildschirmrand und baut so Kombos auf, welche die Zuneigungsleiste eurer Partnerin steigen lassen. In Arcades zockt ihr wieder Klassiker wie Outrun, im Fitnessstudio formt ihr euren Körper und für das Katzencafe sucht ihr nach entlaufenen Stubentigern. Die Untergrundkampfarena bleibt in diesem Teil der Serie verschlossen.
Wie wäre es zum Herunterkommen nach dem Sport und den Prügeleien mit ein wenig Online-Zerstreuung? Im Internetcafé chattet ihr mit zwei zeigefreudigen Damen und versucht, mit Hilfe von Quick-Time-Events den richtigen Ton im Gespräch zu treffen. Die Darstellung der Änderungen innerhalb der japanischen Gesellschaft ist ein interessanter Aspekt der Serie: In Yakuza Zero, das kurz vor dem Platzen der Wirtschaftsblase in den 80er Jahren spielt, besuchte Kiryu noch Telefonclubs zum Kennenlernen von Dates und die Stimmung der Einwohner von Tokio war vergleichsweise optimistisch. In Yakuza 6 sieht das ganz anders aus, soziale Medien nehmen einen größeren Raum ein, als Menü dient etwa Kiryus Smartphone. Japan-Fans bietet die Yakuza-Serie somit einen faszinierenden Einblick in die Gesellschaft des Landes, wenn auch an vielen Stellen dramatisch überspitzt dargestellt und satirisch angehaucht. Die Atmosphäre ist authentisch wie eh und je: Aus den Pachinko-Hallen dröhnt Popmusik und Spielmaschinenlärm, lauft ihr abends an Bars vorbei, hört ihr Stimmen und Gelächter.
Quelle: PC Games
Kennt ihr den? In Yakuza 6 geben sich zahlreiche (japanische) Prominente die Ehre, darunter auch Schauspieler Takeshi Kitano.
Ein weiteres Herausstellungsmerkmal der Reihe sind die fantastischen Charaktermodelle, die tatsächlich wie Menschen aussehen und nicht wie computergenerierte Idealfiguren - Kiryu stellt dabei eine Ausnahme dar, er wirkt für sein Alter zu jung und seine Züge zeugen von der in die Jahre gekommenen Design-Vorlage. Die Bewegungsanimationen beim Laufen und Kämpfen sind klasse, bei Gesprächen aber erscheinen die Gesichtszüge steif, und die Kameraeinstellungen bei den Dialogen könnten angesichts der ausufernden Unterhaltungen spannender sein. Wer westliche RPGs gewohnt ist, den verwundert eventuell, wie wenig man als Spieler Einfluss auf den Verlauf der Geschichte nimmt, alternative Enden gibt es nicht. Da es sich bei Kiryu allerdings um einen etablierten Charakter mit festgelegtem Wesen handelt (und Yakuza zudem kein reinrassiges Rollenspiel ist), ergibt sich die Linearität der Erzählung ganz logisch.
Neue Gesichter
Was die Hauptstory betrifft, müssen Fans von etablierten Nebencharakteren wie Majima und Saejima stark sein, denn diese beiden kommen kaum vor, Akiyama erhält ein bisschen mehr Aufmerksamkeit. Dafür sind die Neuzugänge interessant und die Motivation von Kiryu ist durchgehend nachvollziehbar. Außerdem gefällt die Entwicklung der Hauptfigur - er ist inzwischen einfach zu alt für diverse Kinkerlitzchen und zeigt das im Spiel, indem er Herausforderern den Rücken zudreht und anmerkt, er habe Wichtigeres zu tun. Kiryu möchte herausfinden, wer der Vater von Harukas (Kiryus Ziehtochter) kleinem Sohn Haruto ist. Dafür begibt er sich auf Spurensuche in der Präfektur Hiroshima, Haruka selbst liegt nach einem verdächtigen Autounfall im Koma. War es ein Mordversuch? Mit wem hat sich Haruka eingelassen und wo steckte das Ex-Idol in den letzten drei Jahren? Die Auflösung des Epos ist bittersüß und bringt die Saga zu einem gelungenen Ende.
Nun zur Technik: Auf einer herkömmlichen PS4 erstrahlt Yakuza 6 in einer Auflösung von 900p, Besitzer einer PS4 Pro freuen sich über 1080p und
Quelle: PC Games
Kiryu zieht Schlägereien magisch an. Ein Passant passt während der Prügelei auf den kleinen Haruto auf (rechts im Bild).
bessere Texturen, in beiden Fällen läuft der Titel allerdings mit maximal 30 Frames. Vor allem auf der älteren Konsole kommt es zu Framerate-Einbrüchen und Stotterern. Der Wechsel zur neuen Engine geht mit auffälligem Kantenflimmern einher, einige Texturen sehen zudem aus - so bitter das auch klingen mag - als stammen sie aus den Anfangstagen der Yakuza-Reihe. Bildzerreißen ist ebenfalls gelegentlich zu beobachten. Im Vergleich zum butterweichen Yakuza 0 mit 60 Frames durchaus eine Enttäuschung.
Im ersten Moment irritieren schwarze Balken um das Bild, die man nicht im Spiel selbst entfernen kann, sondern die man durch einen Wechsel ins PS4-Menü aus der Welt schafft. Die Steuerung gebärt sich sich ab und an altbacken, Kiryu bleibt immer noch an Ecken hängen (trotz neuem Parkour-System), dank der schönen Animationen ist das aber nicht so schlimm. All diese technischen Mankos wirken sich glücklicherweise nie so fatal aus, dass der Spaß auf der Strecke bleibt. Die Atmosphäre ist gelungen wie eh und je, die Charaktere und Geschichten überzeugen, und wer auf Yakuza steht, der muss den Abschluss der Saga ohne Frage erleben. Wenn ihr allerdings einsteigen wollt in die bunte Unterwelt Tokios, sind Yakuza Zero und danach Kiwami die beste und erste Wahl. Gefallen sie euch, werdet ihr auch Yakuza 6: A Song of Life lieben - trotz der angesprochenen Änderungen, versprochen.
