Yakuza Zero im Test: Spannendes, überdrehtes, aber auch arg altbackenes Prequel zu Segas Verbrecher-Saga
Test
In unserem Review zu Segas neuestem Gangster-Epos Yakuza 0 erfahrt ihr nicht nur, ob, das Prequel zur beliebten japanischen Verbrecher-Saga qualitativ mit den anderen Spielen der Reihe mithalten kann, sondern auch, ob sich hinsichtlich der veralteten Technik endlich etwas getan hat.
Segas Yakuza-Reihe ist seit jeher (für westliche Spieler) speziell. Zwar bietet man krachende Action im Milieu des organisierten Verbrechens, doch man beschränkt sich hauptsächlich auf Schlägereien, die an klassische Sidescroll-Prügler wie Final Fight oder Streets of Rage erinnern. Zudem ist das Tempo der Erzählung recht niedrig und verlangt vom Spieler stets Aufmerksamkeit. Wie auch die GTA-Serie setzen die Yakuza-Titel sowohl auf Humor als auch auf knallharte Kriminalität. Während bei den Rockstar-Produktionen der satirische Anspruch jederzeit durchscheint, trennt die japanische Reihe Blödsinn und Ernsthaftigkeit voneinander.
Die Story ist bierernst, vieles abseits davon teilweise herrlich bescheuert. Dank dieses speziellen Spielgefühls, vor allem aber weil die Spiele mit ihren unzähligen Handlungsträgern stets aufeinander aufbauten, konnte man einen Quereinstieg in die Reihe vergessen, wenn man sich nicht durch ausufernde Fan-Zusammenfassungen lesen wollte. Hinsichtlich des Story-Verständnisses gibt es jetzt aber keine Ausrede mehr, der Serie eine Chance zu geben. Yakuza 0 ist, wie der Titel vermuten lässt, nämlich vor dem ersten Teil angesetzt, bietet alles, was die Fans lieben und führt Neulinge gut in die Geschichte rund um die japanische Mafia ein.
Zwischen den Fronten
In diesem Prequel übernehmen wir die Geschicke von Serienheld Kazuma Kiryu in Tokios fiktivem Vergnügungsviertel Kamurocho sowie die Kontrolle über Fanliebling und Augenklappenträger Goro Majima im Viertel Sotenbori in Osaka. Anfangs wechselt das Spiel automatisch nach jeweils zwei Kapiteln zwischen den Spielfiguren, später kann man jedoch selbst entscheiden, mit welchem (Anti-)Helden man unterwegs sein möchte.
Quelle: PC Games
Die Yakuza haben drei wählbare Kampfstile. Majima kann beispielsweise zwischen Baseballschläger-Attacken, Tanz-Kicks und miesen Tricks wechseln.
Beide haben jedenfalls Probleme mit ihrer Organisation. Während Kiryu offenbar von einem Verbündeten ein Mord angelastet wird, damit dieser sich ein begehrtes Grundstück im Herzen Kamurochos schnappen und so zum neuen Captain der Dojima-Familie aufsteigen kann, führt Majima einen Nachtclub, wird von Yakuza-Bossen erpresst und gerät schließlich in eine groß angelegte Verschwörung. Das mag sich für potenzielle Serieneinsteiger vielleicht etwas kompliziert anhören, doch Yakuza 0 gelingt es, die handelnden Charaktere hervorragend vorzustellen und schon bald ist man von der spannenden und wendungsreichen Story gefangen.
Zumindest meistens, in manchen Momenten flacht der Titel durchaus schon mal ab. Die CGI-Zwischensequenzen sind absolut filmreif präsentiert und machen aufgrund einiger kreativer Ideen immer Spaß, allerdings muss man sich immer noch an einigen Stellen von Textbox zu Textbox klicken. Serienkenner sind das gewohnt, dennoch sind diese Passagen ohne Vertonung arg altbacken und für Neulinge gewöhnungsbedürftig. Während neue Spieler gut abgeholt werden, genießen Yakuza-Veteranen übrigens allerhand gelungene Anspielungen auf die anderen Serienteile. Zudem dürfen sie sich auf viele weitere Informationen freuen. So erfährt man beispielsweise, warum Majima seine Augenklappe trägt, oder man erhält Einblick in die Freundschaft zwischen Kiryu und Nishikiyama, der in Serienteil 1 auf der PS2 von Macht
korrumpiert wurde.
Quelle: PC Games
Die Vergnügungsviertel Kamurocho und Sotenbori sind toll gestaltet, aber leider auch ziemlich leer. Passanten sind oftmals kaum anzutreffen.
Prügeln mit Stil
Spielerisch bleibt Yakuza 0 den Serienwurzeln natürlich treu. Sprich: Wenn euch jemand dumm anmacht, gibt es eins aufs Fressbrett! Solltet ihr nicht gerade ausufernden Story-Sequenzen folgen, bewegt ihr euch mit Kiryu oder Majima frei durch das abgegrenzte Kamurocho respektive Sotenbori. Auf den Straßen pöbeln euch immer wieder Betrunkene, Biker, reiche Snobs, Yakuza oder andere Arschgeigen blöd von der Seite an. Nun wechselt das Spiel in den Kampfbildschirm, das Gelände für eure Schlägerei wird von Schaulustigen abgegrenzt und ihr bringt euren Feinden mit Fäusten und Füßen Manieren bei.
Quelle: PC Games
Die Spezialattacken, welche ihr mit aufgeladener Heat-Anzeige ausführen könnt, sind richtig hart. Yakuza 0 trägt seinen 18er-Stempel nicht unbegründet.
Die herkömmlichen Straßenschläger sind jedoch schnell abgefertigt und dienen lediglich dazu, dass ihr eure Fertigkeiten aufrüsten könnt. Ihr prügelt den Fieslingen nämlich im wahrsten Sinne die Schei ... ne aus dem Leib. Mit dem durch Kämpfe gewonnenen Geld kauft ihr euch neue Attacken, vergrößert euren Gesundheitsbalken oder sorgt dafür, dass ihr schneller Spezialangriffe ausführen könnt. Dies solltet ihr auch regelmäßig tun, denn die Schläger in den Storymissionen haben ein wenig mehr auf dem Kasten und sind zahlenmäßig natürlich überlegen. Zudem bekommt ihr es dort auch schon mal mit Bossgegnern zu tun, die kräftig austeilen. Da trifft es sich doch gut, dass sowohl Kiryu als auch Majima jeweils drei unterschiedliche Kampfstile haben, mit denen sie Knochen brechen.
Kiryu wechselt zwischen dem wuchtigen Brawler-Stil, dem Rush-Modus, bei dem man sich sehr schnell bewegt, die Schläge aber schwächer sind, und dem Beast-Stil, in dem man sich langsam bewegt, dafür aber automatisch Gegenstände aus der Umgebung aufsammelt, um sie den Gegnern ins Gesicht zu dreschen. Egal ob Fahrräder, Plastikkisten, Vasen oder Couch-Garnituren, alles wird zu einer Waffe in den Händen eines echten Yakuza. Majima hingegen besitzt den trickreichen Thug-Stil, haut als Slugger mit einem Baseballschläger um sich oder führt als Breaker abgefahrene Tanz-Moves aus. Sämtliche Stile lernt ihr nach und nach von Kampfsportmeistern auf der Straße und im Kampf lässt sich jederzeit per Digi-Kreuz die Kampfart wechseln.
Zudem füllen sich bei erfolgreichen Kampfmanövern die Heat-Anzeigen. Ist das Heat-Gauge gefüllt, haut ihr eurem Gegenüber einen brutalen Finishing-Move um die Ohren. Auch bei den Kloppereien brauchen sich Neueinsteiger nicht zu fürchten, denn es werden nur wenige Tasten benötigt. Mit L1 blockt ihr, mit R1 visiert ihr einen Fiesling an, per Quadrat teilt ihr schnelle, per Dreieck schwere Angriffe aus und mit Kreis greift ihr einen Gegner. Wer das nicht hinkriegt, muss weiter Moorhuhn spielen.
Quelle: PC Games
Bei den zünftigen Keilereien geht nicht nur einiges zu Bruch, sondern es lassen sich auch ungewöhnliche Waffen einsetzen. Es macht unglaublich viel Spaß, die Bösewichter mit Fahrrädern, Vasen oder Sesseln zu verkloppen.
Geld regiert die Unterwelt
Die ganzen Verbesserungen für eure Kampfstile sind aber eben nicht ganz billig. Gute Manöver kosten mehr, als ihr je aus einem Straßengangster rausprügeln könntet. Gut also, dass im späteren Verlauf noch ein optionaler Management-Part ins Spiel kommt. Kiryu wird hier zum Immobilienhai, Goro Majima hingegen managt einen Nachtclub. In beiden Fällen kann es durchaus dazu kommen, dass ihr auch mal eure Fäuste gebrauchen müsst, Kernaspekt ist jedoch das geschickte Verschieben eurer Angestellten und das Erstehen neuer Projekte, wodurch ihr natürlich eure Macht ausbaut und so noch mehr Kohle einsackt.
Der ganze Management-Teil ist zwar ganz nett, aber auch ein wenig zäh. Vor allem, weil Yakuza 0, genau wie alle Titel der Reihe, ohne deutsche Lokalisierung hier herauskommt. Die Sprachausgabe ist japanisch, die Texte englisch. Normalerweise gewöhnt man sich schnell daran, doch hier fehlen einem schon mal schnell die richtigen Vokabeln. Aufgrund dieses Parts und der groß angelegten Story, welche sich nicht nur um die Unterwelt, sondern eben auch um die Wirtschaft im Japan des Jahres 1988 dreht und somit auch das jeweilige Vokabular voraussetzt, empfehlen wir Yakuza 0 nur Spielern mit sehr guten Englischkenntnissen.
Gangsterquatsch mit Kiryu
Ihr prügelt aber natürlich nicht die ganze Zeit nur wie blöde auf feindliche Gangster ein oder managt einen Betrieb, natürlich habt ihr auch ein wenig Freizeit. Wenn ihr nicht gerade mitten in einer Story-Mission seid, streift ihr durch die malerischen Vergnügungsviertel von Tokio sowie Osaka und erlebt allerhand kuriose Dinge oder vergnügt euch bei zahlreichen Mini-Spielen, die wir euch im Kasten näher vorstellen. Es ist geradezu unglaublich, wie viel Abwechslung, Spaß und Überraschungen die Entwickler in die doch recht kleinen Stadtbezirke gepackt haben. Besonders die Nebenmissionen, auf die ihr oft zufällig stoßt, überzeugen mit herrlich bescheuertem Humor.
Quelle: PC Games
Die Nebenquests sind spielerisch simpel, überzeugen aber mit herrlich bescheuertem Humor. Hier tun wir so, als seien wir ein eingebildeter Filmproduzent.
So schlüpfen wir beispielsweise in die Rolle eines schleimigen Filmproduzenten oder sollen eine verweichlichte Rockband zu harten Jungs machen, damit die Fans sie auf einem Konzert nicht ausbuhen. Die Dialoge sind dabei teilweise zum Schießen. Spielerisch geben die Nebenquests allerdings nicht viel her. Meistens klickt man sich nur durch Textboxen und wählt die (hoffentlich) richtige Antwort aus. Hier wäre definitiv mehr drin gewesen. Doch auch die größtenteils gut präsentierten Hauptmissionen bieten manchmal vorsintflutliches Gamedesign. So müssen wir beispielsweise für fünf Obdachlose fünf verschiedene Spirituosen besorgen. Dafür müssen wir aber sämtliche Geschäfte im Bezirk abgrasen, weil es überall nur eine Sache unserer Bestellung zu kaufen gibt. Das ist langweilig, überflüssig und lässt den an sich tollen Titel teilweise etwas zäh wirken.
Auch bei den Story-Passagen schafft es Yakuza 0 oftmals nicht, zum Punkt zu kommen, und lässt die Charaktere zu lange und zu belanglos vor sich hin schwafeln. Die Geschichte des Titels ist eigentlich sehr spannend und interessant, doch immer wieder ertappten wir uns dabei, dass wir in einigen Momenten genervt die Textboxen wegklickten, weil gerade eh nichts Interessantes gesagt wurde. Ungeduldige Naturen oder Spieler, die keinen Wert auf die Erzählung einer Story legen, sind bei Yakuza 0 definitiv an der falschen Adresse.
Spiel, Spaß und Sexismus: Die Mini-Spiele im Überblick
Wie schon die vorherigen Serienteile bietet auch Yakuza 0 jede Menge Minispiele und Nebenaufgaben. Einige davon sind spaßig und passend, andere eher unnötig und zu Fremdscham anregend. Wir haben die erwähnenswertesten Aufgaben zusammengetragen, um euch einen kleinen Überblick zu geben.
Arcade-Automaten: In den SEGA-Spielhallen dürft ihr die Klassiker OutRun und Space Harrier zocken.
Greifhaken Abzocke: Wie in den Vorgängern kann man wieder mit der Kralle nach unnützem Tand fischen.
Baseball: Hier versucht man per Schlag Punkttafeln zu treffen. Simpel, aber durchaus spaßig.
Casinos: Dort spielt ihr Blackjack, Poker oder Mahjong. Wir nahmen natürlich das coole Mahjong.
Billard: Die Physik ist schlechter als bei Hustle Kings oder Pure Pool. Zwischendurch aber spaßig.
Darts: Ein wenig fummelig und im Hintergrund fehlt ein heiserer Brite als Ansager, sonst aber gut.
Bowling: Stärke, Effet, Ausrichtung - alles lässt sich einstellen. Cool, aber ein wenig zu einfach.
Karaoke: Drückt die Tasten im richtigen Moment und ihr trällert wunderschön vor trashiger Kulisse.
Tanzen: Da man sich hier manuell auf die richtigen Felder bewegen muss, durchaus fordernd.
Catfights: Ihr setzt Geld auf eine großbusige Fighterin und kämpft im Stein-Schere-Papier-Prinzip. Langweilig!
Wi ... deo gucken: Verstehen wir nicht. Hat Kiryu Schnupfen oder warum sind da Taschentücher neben dem TV?
Technik aus vergangener Zeit
Quelle: PC Games
Die Zwischensequenzen sind super inszeniert und professionell vertont, leider gibt es immer noch Abschnitte ohne Sprachausgabe, in denen ihr euch nur von Textbox zu Textbox klickt.
Dasselbe gilt auch für Verfechter zeitgemäßer Grafik. Segas Gangster-Spiel sieht in den Zwischensequenzen richtig gut aus, die Spielgrafik hingegen ist genauso altbacken wie einige der angesprochenen Gameplay-Elemente. Der Titel kam in Japan zwar bereits im März 2015 raus, dennoch könnte man ein wenig mehr technische Finesse erwarten. Yakuza 0 wirkt zu keiner Zeit wie ein PS4-Spiel, sondern eher wie ein hochaufgelöster PS3-Titel. Die Umgebungen der Stadtbezirke sind zwar richtig toll gestaltet, doch wie ein beliebtes Vergnügungsviertel wirken weder Kamurocho noch Sotenbori, weil einfach zu wenige NPCs auf den Straßen unterwegs sind.
Zudem kommt es gerade in Kämpfen immer wieder zu auffälligen Clipping-Fehlern. Yakuza 0 läuft jederzeit flüssig, der Spielablauf wird von der veralteten Technik also nicht gestört, dennoch sollten sich gerade Neueinsteiger darüber im Klaren sein, dass sie hier kein japanisches GTA 5 haben, mit dem sie in Sachen Gameplay und Technik protzen können. Yakuza 0 ist eben speziell. Das ist in manchen Momenten schon mal verdammt anstrengend, meistens aber richtig spaßig.
