In seinem Film über das größte amerikanische Trauma seit Pearl Harbor konzentriert sich Oliver Stone auf das Schicksal zweier Polizisten, die den 11. September 2001 wie durch ein Wunder überlebten
Der Tag, an dem die Erde stillstand: Selbst die erfahrensten Feuerwehrleute sind völlig fertig
Filme über historische Schockereignisse sind immer eine heikle Angelegenheit. Vor allem dann, wenn das Geschehen nicht allzu lange zurückliegt und viele Betroffene noch immer unter den Folgen leiden. Die Formel dazu lautet: Zeit mindert Brisanz. So wurden die größten Produktionen über den Zweiten Weltkrieg wie "Der längste Tag" oder "Gesprengte Ketten" erst in den 60er-Jahren gedreht. Danach allerdings verkürzte sich das Fenster zwischen tatsächlichem Schicksal und cineastischer Reflektion.
Das 1975 beendete Vietnamtrauma beispielsweise wurde bereits 1978 in "Die durch die Hölle gehen" sowie 1979 in "Apocalypse Now" verarbeitet und fand dann in dem vierfachen "Oscar"-Gewinner "Platoon" 1986 seinen Höhepunkt. Regie führte der damals 39-jährige Oliver Stone, der darin seine eigenen Erfahrungen als Soldat in Südostasien bewältigte.
Goldjunge
Als alter Haudegen der New Yorker Polizei hat John McLoughlin (Nicolas Cage) schon viel erlebt. Auf den 11. September 2001 sind aber weder er noch seine Kollegen vorbereitet
Der künstlerische wie kommerzielle Erfolg von "Platoon", plus seinem ersten Academy Award für die beste Regie, versetzten Stone in die Lage, die Filme machen zu können, die ihm am Herzen lagen. Im Biopic "Geboren am 4. Juli" (1989) schilderte Stone das harte Los des Vietnamveteranen Ron Kovic und schuf damit ein eindrucksvolles Mahnmal gegen blinden Patriotismus, dessen Wirkung nur vom pathetisch auftretenden Tom Cruise geschmälert wurde.
Stone selbst erhielt für "Geboren" jedenfalls seinen zweiten Regie-"Oscar". Dadurch beflügelt, setzte er 1991 zunächst Sänger Jim Morrison in "The Doors" ein Denkmal, um noch im selben Jahr mit dem brillanten "JFK: Tatort Dallas" allen Verschwörungstheoretikern Stoff für Diskussionen über den Kennedy-Mord zu liefern. Die radikale Medienschelte "Natural Born Killers" verleitete die Bild-Zeitung zu der Schlagzeile "Verbietet diesen Film!" und festigte 1994 endgültig Olivers Ruf als gutes Gewissen, das Amerika seine Schwächen aufzeigt.
Risikofaktor
Will Jimeno (Michael Pena) steht am Anfang eines schrecklich langen Tages. Die Nacht wird er gemeinsam mit seinem Boss John McLoughlin unter Trümmern verschüttet verbringen
Dass ausgerechnet Oliver Stone die ohnehin gewagte Verfilmung der Terror-Anschläge vom 11. September 2001 in Szene setzen sollte, löste im Vorfeld Bedenken aus. Kritiker befürchteten, dass der politisch eindeutig links angesiedelte Regisseur den Film als persönlichen Rachefeldzug gegen George W. Bush missbrauchen könnte, zu dessen größten Kritikern Stone gezählt wird.
Zu aller Erstaunen war dem aber nicht so. Stattdessen wunderten sich die Feuilletons über "World Trade Center", weil es dort nicht den Hauch von Kommentar oder Kritik zu den politischen Begleitumständen und Konsequenzen des Attentats gab. Die plötzlich im Raum stehende Frage war, ob sich der sonst so angriffslustige Oliver nach dem Flop von "Alexander" (2004) dem möglichen Druck der Studiobosse gebeugt hat.
Tatsächlich versteht Stone seinen Film nicht als hermeneutischen Interpretationsversuch eines irrationalen Ereignisses, sondern eher als akkurate Schilderung dessen, was zwei Menschen an jenem 11. September widerfuhr.
Wahre Helden
Amerika rückt zusammen: Nach den vom islamistischen Terrornetzwerk Al-Qaida koordinierten Anschlägen ist die aus Feuerwehr, Polizei und Armee bestehende Rettungsarmee im Großeinsatz
Für die Polizisten der New Yorker Port Authority beginnt der Tag zunächst wie gewohnt. Und das heißt ziemlich früh. Um halb vier Uhr morgens schwingt sich Familienvater John McLoughlin (Nicolas Cage) für die Frühschicht aus dem Bett. Auf der Wache teilt der erfahrene Cop seinen Leuten ihre Bezirke zu. Der Himmel ist klar, die Sonne scheint, alles geht seinen gewohnten Gang.
Dann verändert sich die Welt. Der erste Einschlag eines Flugzeugs in einen der beiden über 400 Meter hohen Türme des World Trade Centers versetzt die gesamten Rettungskräfte Manhattans in Alarmzustand. Die ahnungslosen Beamten werden direkt an den Ort des Geschehens verfrachtet, wo sie das totale Chaos erwartet.
McLoughlin erkennt sofort, dass diese Situation über jeden theoretischen Ernstfall hinausgeht, für den die Männer jemals trainiert haben. Mit dem Betreten des Gebäudes beweisen die Helfer, dass sie echte Helden sind. Selbstlos und pflichtbewusst führt McLoughlin, der bereits die Autobombenattacke von 1993 erlebte, seine Jungs in den Turm.
Dann bricht die Welt über ihnen zusammen. Mit zerquetschten Knochen warten John und sein Kollege Will Jimeno (Michael Pena) unter den Trümmern entweder auf Rettung oder darauf, dass sie einschlafen, um nie wieder aufzuwachen.
Sparmaßnahme
Die schwangere Allison Jimeno (Maggie Gyllenhaal) geht durch einWechselbad der Gefühle
Ärgerlich am deutschen DVD-Release ist, dass Paramount auf die der Code 1-Scheibe (Test in DVD VISION 02/2007) beiliegende Bonus-Disc verzichtete. Demzufolge entgehen dem Käufer sehr interessante Zugaben wie ein ausführliches Making of und eine Dokumentation mit je einer knappen Stunde Laufzeit, Featurettes zu den Effekten und Bauten, Trailer, Fotos und Statements von Oliver Stone.
Geblieben dagegen sind die von Stone kommentierten deleted Scenes sowie die beiden Kommentare zum Hauptfilm. Der erste davon bleibt dem Regisseur vorbehalten, der sich darin im Gegensatz zu anderen von ihm gesprochenen Tracks etwas wortkarg gibt. Beeindruckender ist da schon Spur Nr. 2. Hier kommen der echte Will Jimeno und drei weitere Zeitzeugen zu Wort, die an diesem Tag vor Ort waren.
