Watch Dogs im Test: Kein Überflieger, aber dennoch ein klasse Serien-Debüt
Test
Watch Dogs getestet: Das "Spiel des Jahres" vom größten Studio der Welt ist endlich fertig. Und was sollen wir sagen: Wir haben uns etwas mehr von dem Open-World-Abenteuer versprochen. Das Großstadt-Flair ist spitzenklasse, doch Story und Grafik bleiben etwas hinter den Erwartungen zurück. Den ausführlichen Testbericht zu Watch Dogs - wir haben die PS4-Fassung gespielt - lest ihr mit einem Klick.
Es ist schon ein Kreuz mit diesen Hype-Games. Seit der pompösen Watch Dogs-Enthüllung vor zwei Jahren hat sich bei vielen Spielefans und natürlich auch in der Games-Aktuell-Redaktion eine große Erwartungshaltung aufgebaut. Nicht zuletzt dank der kurzfristigen Release-Verschiebung von November 2013 auf Mai 2014. Zum Gedanken "Da will wohl jemand GTA 5 aus dem Weg gehen" gesellte sich auch die Hoffnung "Sechs Monate mehr Entwicklungszeit - da wir das Spiel bestimmt noch besser!" Nachdem Watch Dogs nun fertig ist, müssen wir konstatieren, dass Ubisoft Montreal mindestens weitere sechs Monate gebraucht hätte, um an die Qualität von GTA 5 heranzukommen.
Das Hacker-Game: Watch Dogs 2
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Doch keine Bange: Das erste Watch Dogs (weitere Folgen werden sicher folgen) ist zwar kein "super super Spiel" geworden, wie es Pep Guardiola ausdrücken würde. Der Hacking-Thriller bietet aber sehr gute und vor allem sehr umfangreiche Großstadt-Action mit einigen Besonderheiten. Herausstechend sind vor allem die Missionen der Kampagne, da man hier viel Entscheidungsfreiheit genießt. Welche Hacking-Optionen man einsetzt, ob man eher gewitzt oder brachial vorgeht, bleibt dem Spieler meist selbst überlassen. Toll ist, wie locker es von der Hand geht, sich mit seinem Smartphone von Kamera zu Kamera in einem Gebäude rein virtuell zu bewegen, hier eine Wache per Sprengfalle ausschaltet, dort einen Computer hackt, um letztlich an die benötigen Informationen zu kommen.
Quelle: Ubisoft
Aiden Pearce ist der Star in dem Hacking-Thriller Watch Dogs. Mit ihm bestreiten wir die rund 20 Stunden lange Kampagne.
Oder man läuft mit dem Sturmgewehr im Anschlag durch die Vordertür und ballert sich seinen Weg frei. Auch bei den Shootouts gibt es an der Spielmechanik nichts zu kritisieren. Von der schallgedämpften Pistole über die doppelläufige Schrotflinte und die AK 47 bis hin zum Sniper-Gewehr ist alles da, was man so braucht. Gimmicks wie Köder, Splittergranaten oder Blackouts, die den Strom lahmlegen, erstellt man sich mit gesammelten Gegenständen selbst. Ein Zeitlupen-Fokus darf natürlich auch nicht fehlen. Was positiv auffällt: Wie in Ghost Recon: Future Soldier kann man Aiden Pearce in Windeseile von Deckung zu Deckung manövrieren.
Bei den vielen, vielen Missionen der 20-stündigen Kampagne gibt es eine große Varianz, auch mal reine Schleichmissionen oder Szenarien, wo man einen Bereich mit Bomben präparieren muss, bevor die Gegner anrücken. Hat man wichtige Informationen gestohlen und wird entdeckt, wird die Mission meist mit heftigen Schusswechseln oder mit einer heißen Verfolgungsjagd beendet - je nachdem, ob ihr schnell genug flüchtet. Apropos: Das Fahrverhalten ist passend arcadig, wobei wir es einen Tick anspruchsvoller empfinden als bei GTA 5. Nett ist die Möglichkeit, sich per Knopfdruck in den Sitz zu kauern, um aus der Ferne nicht entdeckt zu werden.
Quelle: Ubisoft
Autos dürfen in Watch Dogs natürlich nicht fehlen. Mit dem Fuhrpark eines GTA 5 kann der Ubisoft-Titel aber nicht konkurrieren.
Echte Autos gibt es auch in Watch Dogs nicht, die Auswahl ist zudem deutlich geringer als beim Rockstar-Konkurrenten. Neben LKWs und PKWs dürft ihr auch mit Motorrädern und (auf dem Fluss) mit Booten fahren. Fliegen, Paragliden oder Fallschirmspringen sind in Watch Dogs dagegen nicht vorgesehen. Insgesamt verlaufen die Missionen nicht so dynamisch und abgedreht wie bei GTA 5 und es gibt auch mal Phasen gibt, in denen sich eure Aufgaben sehr ähnlich anfühlen und sich eine gewisse Routine einschleicht. Das wirkt sich natürlich negativ auf den Spielspaß aus.
Anders als in GTA 5 versammelt die Kampagne nicht mehrere Auftraggeber. Wie in der Assassin's Creed-Reihe gibt es auf der Karte neben den unzähligen Nebenmissionen immer nur einen Spot, an dem die Kampagne weitergeht. Die Geschichte schneidet zwar die Themen gläserner Bürger und Überwachungsstaat an, dreht sich aber hauptsächlich um Aiden Pearce Rachefeldzug gegen die Mörder seiner Nichte. Den Ansatz, die Story auf die persönliche Schiene zu konzentrieren, finden wir löblich, nur leider hat es Ubisoft Montreal nicht geschafft, die Handlung besonderes spannend oder emotional zu gestalten. Sie plätschert vor sich hin und leidet unter eindimensionalen Charakteren. Dazu zählt leider auch der Held Aiden Pearce, der kaum interessante Facetten hat und im Angesicht mancher Gefahr für sich und seine Liebsten unpassend locker bleibt.
Wie in jedem guten Open-World-Game gibt es noch einen zweiten Hauptdarsteller und der heißt "Spielwelt". Das virtuelle Chicago in Watch Dogs ist eine beeindruckend detailreiche Großstadt, die sowohl auf den Straßen als auch auf den Bürgersteigen sehr belebt ist. Man kann Stunden damit verbringen, durch die Stadt zu latschen und den Bewohnern bei ihren Gesprächen und Telefonaten zu lauschen. Apropos: Im Gegensatz zu GTA 5 hat Watch Dogs deutsche Sprachausgabe und zwar eine sehr gelungene. Wie bei Assassin's Creed 4 hat Ubisoft viele bekannte Synchronsprecher engagiert. Nettes Detail: Einige Passanten sprechen englisch, doch hier wurde nicht etwa die Übersetzung vergessen. Stattdessen soll dies den Realismus erhöhen, schließlich trifft man in jeder Großstadt auch mal auf Ausländer.
Die Passanten reagieren auf beeindruckende Weise auf das Geschehen um sie herum. Zückt ihr eine Waffe, wird der eine vor Angst wegrennen, der nächste in sein Auto steigen und davonrasen und der dritte zum Smartphone greifen und die Polizei rufen. Verfolgungsjagden erinnern an GTA 5 - ihr müsst aus einem Suchradius entkommen, damit euer Fahndungslevel wieder auf null geht. Die Polizei geht richtig aggressiv zu Werke, legt auch mal eine Nagelsperre aus, um eure Reifen zu beschädigen. Per Knopfdruck aktiviert ihr den Profiling-Modus eures Smartphones und könnt so versuchen, lästige Verfolger abzuhängen. Ihr könnt zum Beispiel eine Zugbrücke manipulieren, oder ihr schaltet die Ampel für alle Verkehrsteilnehmer gleichzeitig auf grün, um in zwei von drei Fällen einen Unfall zu verursachen, durch den sich eure Verfolger erstmal kämpfen müssen. Das solltet ihr übrigens auch mal einfach so zum Spaß ausprobieren und euch dann die verzweifelten Kommentare der Unfallgeschädigten anhören - eine große Freude.
Quelle: Ubisoft
Das Smartphone ist die wohl mächtigste Waffe im Arsenal von Aiden Pearce.
Sei ihr zu Fuß unterwegs, könnt ihr per Smartphone-Profiling Informationen über jeden Passanten erhalten. Der eine macht gerade eine Chemo-Therapie, der nächste tritt in Internet-Peepshows auf und so weiter. Wir hätten uns gewünscht, dass man die Passanten in ein Gespräch verwickeln und sie auf ihre enthüllten Geheimnisse ansprechen darf, aber das geht dann vielleicht bei Watch Dogs 2. Immerhin dürft ihr auch mal ein Smartphone hacken und euch in ein Telefonat oder in einen SMS-Chat einklinken, aber auch hier bleibt eure Rolle passiv. Bei einigen Passanten stoßt ihr allerdings auf Informationen, die auf ein geplantes Verbrechen hindeuten. Ihr habt nun die Wahl, diesen Hinweis zu ignorieren oder zu versuchen, die Straftat zu verhindern.
Damit ihr überhaupt in einem bestimmten Abschnitt Profile der Passanten abrufen könnt, müsst ihr euch vorher Zugang zum Netzwerk namens ctOS zu verschaffen. Diese Missionen haben die Besonderheit, dass ihr abschließend mit einem Hacking-Minispiel konfrontiert werdet, das an den Klassiker Pipemania erinnert. Nur dass es hier nicht um den Wasser-, sondern um den Stromfluss geht. Das Minispiel dürfte den einen oder anderen unter euch anfangs nerven, aber wenn man mal dahintergestiegen ist, wie es funktioniert, macht es Spaß. Habt ihr den Zentralrechner gehackt, habt ihr Zugang zu einigen (schlüpfrigen) Videos , die das ctOS frecherweise in den Privaträumen der Bürger aufgezeichnet hat...
