WWE 2K22: So findet die Wrestling-Reihe zurück in die Erfolgsspur
Kolumne
Nach dem miserablen WWE 2K20 setzte die Wrestling-Reihe im letzten Jahr aus und will sich bald in neuem Gewand präsentieren. Redakteur und Catch-Fan Chris fasst das Geschehen rund ums aktuelle Videospiel-Wrestling zusammen und nennt verschiedene Elemente, die dringend überarbeitet werden müssen, um die Serie zurück in die Erfolgsspur zu bringen.
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Technik
Zuallererst darf sich WWE 2K22 nicht die Blöße geben und nach dem 20er-Debakel erneut ein technisch unfertiges Spiel auf den Markt werfen. Auch wenn die Grafik einen nicht umhauen sollte, können wir Wrestlingfans gut damit leben, solange der Titel sich gut spielt und unsere Catcher nicht in irgendwelchen Objekten festhängen oder versinken. Keine mitgeschleppten Bugs, keine nervigen Glitches, die das Spiel zerschießen, bitte. Wenn die einhellige Meinung der Spieler ist, dass das Gameplay Spaß macht, könnte 2K durchaus mit ein wenig Spott wegen der Grafik leben. Umgekehrt hingegen geht das nicht. Besser wäre aber natürlich, der Titel läuft rund und sieht gut aus. Das wäre man den Fans nämlich auch mal schuldig, nachdem über Ewigkeiten die gleiche veraltete Engine genutzt wurde.
Quelle: PC Games
Vor allem die Gimmick-Matches würden von einer neuen Engine profitieren.
Hier kann man dann auch direkt sagen, dass 2K doch eben bitte eine andere, neue Engine nutzen soll, die auch in puncto Physik überzeugt. Die alten WWE 2Ks litten in Gimmick-Matches oft darunter, dass die Interaktion mit Objekten wie Leitern, Tischen, Stühlen, Kendo-Sticks etc. einfach nicht richtig funktionierte. Gerade bei der Umsetzung einer Wrestling-Promotion, die jedes Gimmick-Match bis zum Erbrechen bewirbt, muss sich so eines auch in der Videospiel-Umsetzung dann vernünftig spielen lassen.
Das Kontersystem
Ich bin ja gerade schon kurz auf die Steuerung eingegangen, der Hauptkritikpunkt ist aber doch stets das dämliche Kontersystem. WWE 2K20 machte genau eine Sache richtig, nämlich das Kontern von R2/RT auf Dreieck/Y zu legen, da man so tatsächlich einen Ticken schneller reagieren konnte. Das ist aber immer noch zu wenig, denn es änderte nichts an der Tatsache, dass man Animationsabfolgen auswendig lernen musste, um den richtigen Punkt zum Kontern zu wissen.
Das ist selbst für Veteranen der Reihe nervig, für Neueinsteiger aber schlichtweg frustrierend. Klar, ich zocke die Spiele der Serie ziemlich häufig und sollte daher einen klaren Vorteil gegenüber einem Kumpel haben, der zum ersten Mal zum Pad greift. Wenn ich den aber selbst im zehnten Match noch komplett vorführe, läuft aber etwas ganz gewaltig falsch. Das Kontersystem muss deshalb dringend eingängiger werden. Hier sollte man sich vielleicht an alten Titeln wie Here Comes the Pain oder dem ersten SmackDown! vs. RAW orientieren.
Allgemeines Spielgefühl
Patrick Gilmore verkündete im reddit-AMA, dass man sich die alten Meisterwerke wie No Mercy oder Here Comes the Pain, aber auch neuere Kampfspiele anschaue, um ein ganz neues Gameplay-Fundament zu schaffen. Das klingt in meinen Ohren ziemlich gut. Allerdings fügte Gilmore auch hinzu, man wolle keinem Spiel nacheifern, sondern verschiedene Elemente und Ideen aus verschiedenen Spielen kombinieren.
Hier werde ich dann skeptisch, denn das klingt mir zu sehr nach "Wir wollen es allen recht machen." Und das war doch auch ein Problem der 2K-Reihe. Man war nicht ganz Sim, aber auch weit von arcadigem Gameplay entfernt. Vielleicht sollte man sich einfach mal entscheiden, was man überhaupt darstellen will, statt zu versuchen, auf mehreren Hochzeiten zu tanzen.
Quelle: PC Games
Die Reihe braucht ein flüssigeres und zugänglicheres Gameplay.
AEW und Yuke's werden wohl ziemlich sicher mehr Richtung Simulation gehen. Dafür sprechen sowohl die Verpflichtung von Iwashita als auch die allgemeine Ausrichtung der Promotion. Man wird vermutlich den technischen Aspekt des Wrestlings in den Mittelpunkt stellen, wobei man sich an den alten AKI-Titeln, aber wohl auch an der Fire-Pro-Wrestling-Reihe orientieren wird.
WWE 2K22 würde also Zugänglichkeit gut zu Gesicht stehen. WWE kokettiert immer wieder mit dem Mainstream, wodurch mehr Leute als nur Wrestlingfans vom Sports-Entertainment-Giganten angesprochen werden. Wer nicht gerade den Namen sämtlicher Restholds auswendig kennt, möchte Matches bestreiten, ohne vorher die (eh nicht mehr vorhandene) Spielanleitung zu studieren. Dabei braucht es aber natürlich nicht so langweilig und simpel wie bei Battlegrounds sein. Here Comes the Pain und das erste SD vs. RAW spielen sich immer noch wunderbar flott und eingängig. Die Move-Sets haben Varianz und trotzdem kommt jeder schnell rein ins Spiel. Lieber Herr Gilmore, dieser Schritt zurück wäre tatsächlich ein großer Fortschritt.
Der Sound
Hier muss tatsächlich an allen Ecken und Enden ordentlich poliert werden. Ich fange mal mit dem Offensichtlichen an: dem Kommentatorenteam. Es muss endlich mal originalgetreu klingen. Man sollte also nicht einfach drei Kommentatoren für sämtliche Shows benutzen, sondern das NXT-Team für NXT, das RAW-Team für RAW und so weiter. Zudem muss es mehr Sound-Samples der Sprecher geben. Die Sprüche in den letzten Teilen wiederholten sich andauernd und waren zumeist unpassend. Klar, das ist schwierig, selbst ein FIFA bekommt das immer noch nicht so gut hin, wie man denken könnte, aber im Vergleich zu EAs Fußballspiel oder der hauseigenen NBA-Reihe fällt WWE 2K klar ab. Hier sollte man mehr Sorgfalt walten lassen.
Doch auch das Publikum muss stark überarbeitet werden. Es braucht mehr Reaktionen, mehr Chants, einfach mehr Abwechslung. Wrestling-Fans sind durchaus auf Zack und haben gerade in den letzten Jahren viele teils extrem witzige Chants kreiert, die nicht mehr wegzudenken sind. Die gehören auch ins Spiel, um so für mehr Atmosphäre zu sorgen. Vor allem aber muss das Timing der Reaktionen überarbeitet werden. Viel zu oft stimmen die Rufe des Publikums nicht mit dem Geschehen im Ring überein. Wenn die Zuschauer zehn Minuten lang durchbuhen, obwohl beliebte Megastars wie The Rock und Shawn Michaels gerade ein Fünf-Sterne-Match performen, ist das richtig nervig. Zudem sollten Umstellungen der Publikumsreaktion in den Optionen auch Auswirkung haben. Das war leider in den letzten beiden Teilen nicht der Fall.
Ein Feature aus früheren Teilen, dass man eigene Musik als Entrance-Themes für erstellte Wrestler einsetzen kann, darf auch gerne seine Rückkehr feiern. Die Standard-Themes für CAWs sind nämlich immer ziemlich lahm.
Rückkehr der Wunsch-Modi
Ein Erfolgsgeheimnis des Wrestlings ist es, die Fans ein wenig zappeln zu lassen, ihnen dann aber das zu geben, was sie wollen. (Ja, kein besonders geheimnisvolles Geheimnis.) Seit Jahren wünschen sich die Fans der Spiele die Rückkehr des GM-Modus, der einst für den Universum-Modus abgeschafft wurde. Hier übernahm man die Kontrolle eines WWE-Brands und sollte diesen zum Erfolg führen. Man musste Shows booken, mit dem Budget wirtschaften, neue Stars erschaffen und natürlich möglichst gute Einschaltquoten absahnen. Warum kann dies nicht mit dem Universe-Mode kombiniert werden?
Quelle: PC Games
Statt seelenloser 08/15-Geschichten rund um selbsterstellte Catcher sollte man sich an den Story-Modi von HCTP oder SD vs RAW orientieren.
Selbst das geht eigentlich noch nicht weit genug, wenn man sich andere Sportspiele anschaut. In NBA 2K oder Madden darf man die Kontrolle über ein komplettes Franchise übernehmen, wieso also nicht auch in WWE 2K22? Die gesamte WWE leiten, sowohl in kreativer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht, hat enormes Potenzial. Da WWE seit Jahren selbst Dokus produziert, die hinter die Kulissen blicken, braucht man auch keine Angst mehr vor Kayfabe-Bruch haben. Gerne kann es auch wie bei NBA 2K Regler geben, mit denen man festlegt, um welche Bereiche man sich kümmern möchte.
Doch der GM-Modus ist noch nicht alles, denn hört man auf die Fans, sollte der Storymodus nicht mehr auf einem erstellten Wrestler basieren. Dem stimme ich ebenfalls zu, denn es ist schon seit Jahren ausgelutscht, einen Rookie zum Erfolg in der WWE zu führen. Stattdessen sollte man wieder eine offene Story für echte WWE-Superstars bauen. Auch hier sollte man sich wieder an Here Comes The Pain und dem ersten SD vs. RAW orientieren. Je nach Standing des Wrestlers und den Entscheidungen, die man traf, veränderte sich die Story. Dabei gab es erbitterte Fehden genauso wie Comedy-Rivalitäten oder Team-Bildungen. Natürlich gab es gewisse Überschneidungen bei den Storylines und die Geschichten waren irgendwann auserzählt, aber bis man alles gesehen hatte, vergingen einige Stunden. Länger gingen die CAW-Storys der letzten Spiele auch nicht, dafür waren sie bei Weitem nicht so gut.
Service statt Abzocke
2K steht seit Jahren für Mikrotransaktionen und DLCs in der Kritik und die Firmenpolitik wird sich wohl auch sobald nicht ändern, doch mit WWE 2K22 muss man Wiedergutmachung leisten und sollte deshalb auf DLC-Pakete verzichten, in denen Legenden und Superstars extra noch mal verkauft werden, die im letzten Teil kostenlos dabei waren oder ganz einfach zum neuen Roster gehören und deshalb ganz einfach im Spiel enthalten sein sollten.
Quelle: 2K Games
Für aktuelle Roster-Mitglieder und vormals bereits vorhandene Legenden sollte man nicht mehr extra zur Kasse gebeten werden.
Ich gehe sogar so weit und sage, dass 2K uns gerne mit kostenlosem Service ein bisschen Honig um den Bart schmieren darf. Ich bin nicht naiv, große Roster-Veränderungen werden ganz bestimmt nicht nachgepatcht, schließlich will man ein Jahr später den neuen Teil verkaufen. Allerdings dürfen die Entwickler sich ein Beispiel an FIFA oder NBA 2K nehmen und mit Updates neue Ring-Gear ins Spiel bringen und Kader-Verschiebungen vornehmen, sodass man nicht selbst die Wrestler rumschieben muss, die von RAW zu SmackDown! und umgekehrt wechseln oder von NXT zu den Main-Shows aufsteigen.
Ich habe sicherlich nicht die Wrestling-Game-Weisheit mit Löffeln gefressen, doch dies sind meiner Meinung nach die Punkte, die unbedingt überarbeitet oder komplett erneuert gehören in der WWE-2K-Reihe. Ob das nun so gemacht wird, wie ich es hier vorschlage oder auf andere Weise, Hauptsache das neue Spiel wird endlich wieder richtig gut. Das sage ich nicht nur als Redakteur, der den Titel vermutlich testet, sondern vor allem als Fan des Sports und der Spiele.
