Eurydike: Wir haben das Mixed-Reality-Erlebnis in München besucht
Special
Evelyn Hriberšeks EURYDIKE ist eine gänzliche neue Erfahrung, die Kunstinstallation, Musiktheater, Gaming und Virtual Reality miteinander vermischt. Das Erlebnis wurde erst kürzlich bis zum 19. November 2017 verlängert und soll noch weitere Zusatztermine erhalten. Wir durften uns in München einer EURYDIKE hingeben, um einmal selbst zu erleben, was viele Besucher als "außergewöhnliche Erfahrung" betiteln, die "jeder einmal ausprobieren sollte".
Anfang Oktober startete Evelyn Hriberšeks neustes Projekt: das Erlebnis EURYDIKE. Es soll als alleinstehende Vorgeschichte zu Hriberšeks O.R.pheus stehen, das 2012 in München viele Besucher begeisterte. Von Jung bis Alt haben sich über 3000 Menschen eingefunden, um O.R.pheus zu erleben, und nun feiert auch EURYDIKE große Erfolge und wurde genau deswegen bis zum 19. November 2017 verlängert. Wir waren in der Alten Feuerwache im Kreativquartier zu Gast und konnten uns selbst einen Eindruck von EURYDIKE verschaffen.
Inhaltsverzeichnis
Wer sind Orpheus und Eurydike?
Doch zunächst einmal zur Geschichte rund um die beiden Installationen: Orpheus und Eurydike sind schon seltsame Namen, da fragt ihr euch bestimmt, woher sie kommen. In den alten griechischen Mythen waren Orpheus und Eurydike ein Liebespaar. Orpheus wurde als Sohn der Muse Kalliope und des Gottes Apollon geboren und gehörte zu den Argonauten. Apollon schenkte ihm eine Lyra und seine Musik berührte die ganze Welt. Eurydike war eine wunderschöne Flussnymphe und die beiden waren das bekannteste Liebespaar der Antike. Als Eurydike durch einen Schlangenbiss starb, konnte Orpheus das nicht verarbeiten, sang Tag und Nacht und beschloss schließlich, in die Unterwelt hinabzusteigen, um seine Geliebte zurückzuholen.
Quelle: Evelyn Hriberšek
Bereits mit dem Vorgänger O.R.pheus feierte Hriberšek große Erfolge und will dies nun mit EURYDIKE wiederholen.
Seine erste Hürde war der Fährmann Charon, der eigentlich keine Lebenden über den Fluss Styx bringen darf. Doch von Orpheus Lyraspiel so berührt, tat er es trotzdem. Auch den Höllenhund Zerberus konnte Orpheus überzeugen, ihn passieren zu lassen, und dann war er vor Hades und Persephone, den Herrschern der Unterwelt angelangt. Seine Musik berührte auch sie und Persephone rief Eurydikes Schatten herbei und erlaubte Orpheus, sie mitzunehmen. Die Bedingung war jedoch, dass er sich auf dem Weg nach oben nicht nach seiner Geliebten umsah. Auf dem Weg kamen ihm Zweifel, denn er hörte keine Schritte und keinen Atem von Eurydike (kein Wunder, Schatten machen meistens keine Geräusche). Er sah sich nach ihr um und verlor sie so für immer. Danach versankt er in tiefe Depression und mied alle Frauen, woraufhin er von Mänaden (oder in anderen Übersetzungen thrakischen Frauen) in Stücke gerissen wurde. Seinen Kopf, der immer weiter sang, warfen sie in den Fluss Hebros.
Evelyn Hriberšeks O.R.pheus
Quelle: Evelyn Hriberšek und Julian Rupp
Dies ist ein Bild aus dem Vorgänger: O.R.pheus. Aber auch bei EURYDIKE werdet ihr medizinische Geräte aus den 50er Jahren und grafische Symbole sehen, die ihr finden müsst.
Inspiriert von dieser Geschichte, schuf Evelyn Hriberšek 2012 eine Installation mit dem Namen O.R.pheus. Ihr Ausgangspunkt war die Frage, warum Orpheus überhaupt die Grenze zum Totenreich überschreitet und wo man heutzutage eine solche Grenzüberschreitung findet. Ihre Antwort darauf ist, dass sie vor allem in der Medizin, der Lebensverlängerung, der Gentechnik und in Schönheits-OPs zu finden ist.
Beeinflusst wurde sie durch die medizinischen Entwicklungen der 1950er- und 1960er-Jahre. Schönheit und das Äußere waren damals extrem wichtig, aber es handelte sich nur um eine Fassade. Hriberšek denkt, dass wir auch heute wieder in so einer Zeit leben, in der das Äußere und der Schein wichtiger ist als alles andere.
Der Bunker, in dem O.R.pheus erlebt werden konnte, stellte eine Realität dar, von der man nicht wusste, ob sie existiert, existiert hat oder niemals fertig gestellt wurde. Auch EURYDIKE findet in klaustrophobischen, hermetischen Räumen statt, die architektonisch Ähnlichkeiten zu O.R.pheus aufweisen.
Jeder Besucher musste sich alleine auf den Weg machen - wie Orpheus in der Antike auch - und manche schlugen Wege ein, die eigentlich so nicht gedacht waren. Sie schütteten Flüssigkeiten in andere Gefäße, stiegen in die Badewanne mit der rosafarbenen Seife oder veränderten komplette Szenerien, indem sie Mobiliar und Gegenstände hin- und herschoben und von einem in den nächsten Raum trugen. Ziel war es, mit einem Smartphone bewaffnet grafische Zeichen zu finden und durch eine selbstentwickelte AR-App Content freizuschalten, um sich so die Geschichte des Ortes zusammenzupuzzeln. Jeweils basierend auf den Spielertyp kreierte sich jeder Besucher bei O.R.pheus ein sehr individuelles Erlebnis und eine persönliche Grenzerfahrung.
Evelyn Hriberšeks EURYDIKE
Ähnlich verhält sich das auch mit EURYDIKE. Die Mischung aus Kunstinstallation, Musiktheater und Gruselkabinett ist durch Virtual Reality miteinander verknüpft und auch in diese Erfahrung sollen Besucher alleine eintauchen. Der Spielraum selbst - diesmal kleiner als bei O.R.pheus - soll
Quelle: Evelyn Hriberšek und Julian Rupp
Dies ist ein Bild aus dem Vorgänger: O.R.pheus. Aber auch bei EURYDIKE werdet ihr medizinische Geräte aus den 50er Jahren und grafische Symbole sehen, die ihr finden müsst.
vom Besucher selbst gestaltet werden. Die Umgebung soll eigentlich nur Impulse liefern, aber das Kunstwerk setzt darauf, dass Besucher aktiv damit interagieren. Die Selbsterfahrung und was die Besucher damit anstellen steht für Hriberšek immer im Vordergrund und sie sagt selbst, dass zwischen Momenten der Einsamkeit, des Wahnsinns und der Erleuchtung alles möglich sein kann, wenn man eine EURYDIKE erfährt.
Für Hriberšek ist EURYDIKE eine alleinstehende Vorgeschichte zu O.R.pheus. Die namensgebende Flussnymphe Eurydike führt ihr Leben lang ein Schattendasein in der Sage. Hriberšek will damit Frauen in Heldensagen thematisieren und wie sie meist der Männerwelt untergeordnet zu sein scheinen.
Das Erlebnis ist als eine Art Meinungsbildung gedacht und Hriberšek hat es deshalb subtil und subjektiv gestaltet. Es kann nicht vorhergesagt werden, wo der Besucher hingeführt wird, was genau er erfährt, das bleibt ihm gänzlich selbst überlassen. Wie bei O.R.pheus steht auch bei EURYDIKE die Suche und das Erforschen im Vordergrund. Dazu werden Besucher unter anderem mit einem VR-Headset ausgestattet, das wiederum mit einer neu entwickelten App und damit verbundenen Gamingmechaniken ermöglicht, sich den Themenkomplex zu erspielen. Wurde in O.R.pheus selbstentwickelte AR-Technologie eingesetzt, so kann man EURYDIKE als das nächste Level ansehen, das in die Zukunft weist.
Die virtuell-analoge Welt, in der ihr EURYDIKE erfahren könnt, erinnert laut Süddeutscher Zeitung an UReine Mischung aus Stanley Kubricks Filmen 2001: A Space Odyssey und Clockwork Orange. Auch hier wurde Hriberšek aber natürlich wieder von den 1950er- und 1960er-Jahren inspiriert. Diesmal nicht in einem Bunker, sondern in einem klaustrophobischen, retrofuturistischen Raumgefüge sollen Besucher eine Fusion aus Antike, Zukunft und dem Leben vor unserer Zeit erfahren. Dadurch sollen sie Anregungen bekommen für die Antwort auf die Frage nach dem großen Ganzen, dem Transzendenten und dem Sinn hinter allem.
Wir haben eine EURYDIKE erlebt
Evelyn Hriberšek gab uns die Möglichkeit, in der Alten Feuerwache des Kreativquartiers in München eine EURYDIKE zu erleben. Wenige Schilder führen zu der unscheinbaren aber massiven Stahltür, hinter der sich EURYDIKE verbirgt. Wir mussten kurz warten, denn Besucher dürfen wie
Quelle: Evelyn Hriberšek und Julian Rupp
Dies ist ein Bild aus dem Vorgänger: O.R.pheus. Aber auch bei EURYDIKE werdet ihr medizinische Geräte aus den 50er Jahren und grafische Symbole sehen, die ihr finden müsst.
erwähnt immer nur alleine in den Raum und das alle halbe Stunde. Was genau passiert, verraten wir euch an dieser Stelle nicht, denn die Künstlerin möchte möglichen Besuchern nicht die Erfahrung vorwegnehmen. Die immersive Mystery EURYDIKE ist nämlich zunächst bis zum 19. November 2017 verlängert, aber weitere Zusatztermine sind in Planung Wer informiert bleiben will, wo und wann es wieder los geht, meldet sich am besten über die Website www.eurydike.org für den Newsletter an.
Die Erfahrung war für uns jedoch nicht nur psychisch interessant, sondern auch körperlich anstrengend. Virtual Reality ist dann doch nicht für jedermann etwas, vor allem wenn man sich in einem Raum bewegen muss. Es war einerseits ein wenig beklemmend, andererseits ein wenig frustrierend und verwirrend. Kurz gesagt: So etwas haben wir noch nie erlebt. Nachher erzählte uns Hriberšek selbst, dass die meisten Besucher nicht alle Hinweise finden (wir fanden alle!) und dass viele sogar die Erfahrung abbrechen müssen, weil es ihnen zu heftig ist. Wenn ihr also wissen wollt, worüber wir hier eigentlich reden, dann probiert selbst einmal eine EURYDIKE. Hier nur ein paar der Besucherstimmen, damit ihr euch selbst ein Bild machen könnt:
- "Wow! Sowas hab ich noch nicht erlebt!"
- "Cool - mitten in einem Game."
- "Sehr anders, sehr abgefahren, sehr spooky!"
- "Eine außergewöhnliche Erfahrung aus einer anderen Dimension!"
- "Ein Erlebnis, das jeder einmal ausprobieren sollte".
Ihr seht also, die Besucher sind, wie auch schon von O.R.pheus, absolut begeistert von EURYDIKE. Diejenigen, die die Grenzerfahrung erleben konnten, wollten meist gleich wieder hinein, um das immersive, intensive Spielerlebnis fortzuführen. Manche konnten nach wenigen Minuten nicht weiterspielen, weil ihnen die Erfahrung zu extrem wurde. Welcher Spielertyp seid ihr? Findet es heraus und erlebt selbst eine EURYDIKE.
Und wie geht's weiter?
Hriberšeks Installation ist nicht nur eine große Nummer in der Kunstwelt, auch die Gamingwelt bedient sie damit auf hervorragende Art und Weise.
Wer schon immer auf ein besonderes Live-Adventure im Sci-Fi-Stil gewartet hat, das einen sogar an die eigenen Grenzen bringt, für den ist EURYDIKE genau das richtige. Wie in einem Point&Click-Adventure schaut ihr euch alle Gegenstände an, seht, was ihr damit machen könnt, sucht nach Hinweisen und erfahrt dadurch immer mehr. Ob das die Zukunft des Gamings ist? Vielleicht! Die VR- und AR-Technologie wird immer weiter entwickelt und in nicht allzu weit entfernter Zukunft könnten wir genau so Spiele erleben, wie Evelyn Hriberšek es uns mit EURYDIKE bereits jetzt vormacht.
Einem dritten Teil zu O.R.pheus und EURYDIKE ist Hriberšek übrigens nicht abgeneigt, denn sie arbeitet gern in Trilogien. Wer es also nicht mehr zu EURYDIKE schafft, kann sich eventuell auf einen dritten Teil mit rosafarbener Seife, merkwürdigen medizinischen Geräten aus den 1950ern und 1960ern und beklemmender Atmosphäre freuen.
