20 Jahre Tony Hawk's Pro Skater: Warum Neversofts Funsport-Spiel so bahnbrechend war (Kolumne)

Special Olaf Bleich Benedikt Plass-Fleßenkämper Maria Beyer-Fistrich
20 Jahre Tony Hawk's Pro Skater: Warum Neversofts Funsport-Spiel so bahnbrechend war (Kolumne)
Quelle: gamesaktuell.de

Aus aktuellem Anlass holen wir diesen Artikel aus dem Archiv hervor: Große Namen, jede Menge Tricks und geile Mucke: Tony Hawk's Pro Skater entfachte 1999 eine Funsport-Revolution. Autor Olaf Bleich verrät in seiner Kolumne, wieso Tony Hawk's Pro Skater für ihn weit mehr als nur ein Spiel war!

Aus aktuellem Anlass holen wir diesen Artikel aus dem Archiv hervor: Aus den Boxen dröhnt "Police Truck" von den Dead Kennedys. Auf dem Bildschirm erscheint ein aufgespießter Augapfel. Und danach vollführt Skateboard-Legende Tony Hawk seinen legendären Looping. Tony Hawk's Pro Skater (in Deutschland Tony Hawk's Skateboarding) erschien im August 1999 und hievte die Subkultur Skateboarding plötzlich in den Mainstream. Ich für meinen Teil hatte damals mit den rollenden Brettern so viel am Hut wie Tony Hawk mit BWL. Ich hatte zwar einige Male auf einem Skateboard gestanden, mich dabei aber derart dämlich angestellt, dass ich schnell die Lust daran verlor. Virtuell dagegen faszinierte mich diese Sportart schon seit den Halfpipe-Events im C64-Klassiker California Games. Im Jahr 1999 aber hatte ich diesen Funsport kaum auf dem Schirm und vertrieb mir die Zeit in erster Linie mit Actionspielen wie Doom oder System Shock. Das sollte sich mit Tony Hawk's Pro Skater allerdings ändern! Das Spiel wirkte so stylisch, actionreich und einfach anders, dass ich mir dafür gerne eine PlayStation kaufte.

Aus Freude am Skaten

Hinter Tony Hawk's Pro Skater steckte das 1994 gegründete Entwicklerstudio Neversoft. Das in Woodland Hills, Los Angeles, beheimatete Unternehmen stand bereits wenige Jahre nach der Gründung vor dem Aus. Erst die Kooperation mit Activision für die Entwicklung des 1998 erschienenen Actionspiels Apocalypse mit Bruce Willis in der Hauptrolle rettete Neversoft. Der Achtungserfolg sicherte dem Studio den Auftrag für die Entwicklung eines Skateboard-Spiels: Tony Hawk's Pro Skater.

Was machte den Titel aus? Das Spiel besaß eine einfache Grundformel: Nur wenn ich einen Trick stehe, erhalte ich auch Punkte. Im Kern war Tony Hawk's Pro Skater ein klassisches Highscore-Spiel, gepaart mit für damalige Verhältnisse ausladenden Schauplätzen und gespickt mit vielen Extras und Aufgaben. Im Karrieremodus arbeitete ich mich durch Gebiete wie die Schule oder das Lagerhaus und musste dabei wiederkehrende Aufgaben erfüllen. Ich sammelte also die Buchstaben S-K-A-T-E, jagte die Höchstpunktzahl, zerstörte Kisten, grindete über Tische und ging gar auf die Suche nach den versteckten Tapes.

Der Clou: Jede Runde besaß ein Zeitlimit. Ich musste mir also vorab - oder währenddessen - überlegen, welche Aufgaben ich zuerst angehen wollte. Für das Sammeln von S-K-A-T-E etwa benötigte ich oft einen perfekten Weg durch den Level. Gleiches galt für den Highscore, den ich nur mit einer Mischung aus Sprüngen, Tricks und Grinds errang. Oberflächlich war Tony Hawk's Pro Skater nur eine Aneinanderreihung von Aktionen, doch die wahre Kunst bestand darin, die Levels zu kennen und zu meistern. Wer Neversofts Funsport-Pionier wirklich beherrschen wollte, der investierte Stunden und Tage in das Perfektionieren jedes einzelnen Versuchs. Und wie beim echten Skateboarden landete man dabei auch allzu oft auf der Schnauze.

Bildergalerie

Aus Unbekannten werden Stars

1999 galt Skateboarden als Subkultur, die sich gegen den konservativen Status quo richtete. Die Szene war cool und trendy, rückte aber etwa durch die seit 1995 stattfindende Sportveranstaltung "X-Games" zunehmend in den Medienfokus. Infolgedessen entstanden die ersten Stars - und Tony Hawk überflügelte sie seinerzeit alle. Bis heute gilt er als absoluter Wegbereiter, als Erfinder von mehr als 85 Tricks und als Erster, der 1999 den "900°" stand - ein spektakulärer Sprung mit einer zweieinhalbfachen Drehung um die Körperlängsachse. Kurzum: Tony Hawk war (und ist) ein Star!

Später lernte ich den "Birdman" auch persönlich kennen - und konnte kaum glauben, wie bodenständig er doch war. Es schien fast so, als würde Hawk nur auf dem Board so richtig die Sau rauslassen. Er und Gesichter wie Bob Burnquist, Kareem Campbell oder Elissa Steamer verliehen Tony Hawk's Pro Skater eine gewisse Authentizität. Sie besaßen Stats und kleine Steckbriefe mitsamt Informationen über ihr Herkunft und ihren bevorzugten Stand auf dem Rollbrett. Noch heute beweisen Titel wie FIFA oder PES wie wichtig Lizenzen sind; damals war das etwas Neues. Ich konnte mit diesen Stars spielen - das reizte mich auf Anhieb.

Lustigerweise kristallisierte sich erst im Verlauf der Entwicklung heraus, dass Tony Hawk überhaupt Pate für das Spiel stehen würde. Als Neversoft ihm 1998 einen Prototyp präsentierte, stand nicht etwa ein Nullachtfünfzehn-Polygonmodell auf dem virtuellen Skateboard, sondern Bruce Willis höchstpersönlich - Neversoft verwurstete kurzerhand alte Grafikdaten aus Apocalypse. Und auch diese Art von Humor passt irgendwie zu Tony Hawk's Pro Skater. Später sorgten natürlich Motion-Capturing-Aufnahmen für den notwendigen Wiedererkennungswert. Den besagte 900°-Trick baute Neversoft direkt aus den verfügbaren Videoaufnahmen nach. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie laut ich jubelte, als ich die Aktion zum ersten Mal im Spiel vollführte.# Die große Kunst besteht in Tony Hawk's Pro Skater immer darin, Tricks möglichst geschickt miteinander zu verknüpfen – beispielsweise durch Sprünge von einer Halfpipe in die nächste oder durch Fußwechsel. Quelle: Moby Games Die große Kunst besteht in Tony Hawk's Pro Skater immer darin, Tricks möglichst geschickt miteinander zu verknüpfen – beispielsweise durch Sprünge von einer Halfpipe in die nächste oder durch Fußwechsel.

Die Musik macht das Spiel

Ebenso oder vielleicht sogar noch wichtiger als Gameplay, Leveldesign und Stars war aber sicherlich der Soundtrack. Die 90er-Jahre haben neben ikonischen Gitarrenbands wie Nirvana, Oasis, Red Hot Chili Peppers, Smashing Pumpkins oder Blur auch geschmacklose Auswüchse wie Trashpop und Eurodance hervorgebracht. Die Mucke von Tony Hawk's Pro Skater passte aber herausragend. Mit einer Mischung aus Ska, Punk und Metal griffen Neversoft und Activision das Gefühl einer ganzen Kultur auf. Das Spiel bot Bands wie Goldfinger, Dead Kennedys, Aim oder The Vandals eine Bühne, von der die Künstler massiv profitierten.

Für mich, selbst in einem eher rockig angehauchten Haushalt aufgewachsen, waren es gerade Songs wie "Superman" von Goldfinger, die mir ein völlig neues Musikspektrum eröffneten. Der Soundtrack fügte sich nahtlos in das Spielgeschehen ein und erschuf so denkwürdige Momente oder motivierte zum Weitermachen. Gelegentlich waren Erfolge sogar völlig egal - Hauptsache, in der Runde lief der "richtige" Track!
Zum Ende jedes Levels liefert das Spiel die Statistik des vergangenen Runs: Wie viele Tricks haben funktioniert? Wie oft bin ich gestürzt? Was war die beste Kombo? Die Auflistung motiviert zum Verbessern der eigenen Leistung. Quelle: Moby Games Zum Ende jedes Levels liefert das Spiel die Statistik des vergangenen Runs: Wie viele Tricks haben funktioniert? Wie oft bin ich gestürzt? Was war die beste Kombo? Die Auflistung motiviert zum Verbessern der eigenen Leistung.

Lizenzierte Soundtracks waren 1999 nichts Neues. Aber selten reflektierte die Musik ein Lebensgefühl so gut wie in Tony Hawk's Pro Skater. Kaum zu glauben, dass Activision den Lizenzdeal damals für schlappe 30.000 US-Dollar unter Dach und Fach brachte. Heute würde es ein Vielfaches kosten. Die Verbindung aus Spiel und Musik zeigte für mich auch, wie weit die Technik inzwischen schon fortgeschritten war. In meiner Videospiel-Frühzeit ließ ich parallel noch Kassetten oder später dann Musik-CDs laufen. In Tony Hawk's Pro Skater konnten meine Kumpels und ich coolen Songs lauschen und gleichzeitig zocken. Alles mit nur einem Gerät!

Klar ist aber auch, dass Nostalgie einiges verklärt. Tony Hawk's Pro Skater war nicht perfekt und ließ spielerisch einiges vermissen, was gerade die Nachfolger aufgreifen sollten - beispielsweise die berüchtigten Manuals zum Verbinden von Kombos. Aber auch in der Retrospektive kann ich diesen Startschuss der Funsport-Serie gar nicht hoch genug bewerten.

Tony Hawk's Pro Skater war mehr als nur ein Spiel. Es war gespielte Popkultur, die den Zeitgeist perfekt traf.

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