25 Jahre Tibia: Ein Neuling begibt sich in das legendäre MMO

Special Lukas Schmid
25 Jahre Tibia: Ein Neuling begibt sich in das legendäre MMO
Quelle: Cipsoft GmbH

25 Jahre Tibia - und das MMO wird noch immer begeistert gespielt. Aber warum ist das so? Ein Neuling wagt zum Jubiläum den Tibia-Selbstversuch.

Vergib mir Vater, denn ich habe gesündigt.

Zugegeben, das klingt deutlich dramatischer als es eigentlich ist. Ich habe keine Straftat begangen oder öffentlich den Herren angezweifelt, also Gabe Newell. Ich habe, zu meiner absoluten Schande, in den letzten 22 Jahren als humanoides Wesen nie ein einziges MMO gespielt, niemals.

Kein World of Warcraft, kein Dark Age of Camelot, kein Final Fantasy XIV, Guild Wars, Ultima Online oder ESO. Es gab nie den Impuls, sich gemeinsam mit anderen Menschen in einer Fantasy-Welt zu verlieren und parallel dazu unter Umständen eine vierstellige Stundenanzahl zu investieren, von den Kosten zu Zeiten des WoW-Abo Modells ganz zu schweigen (sagte der stolze iRacing-Abonnent und Nintendo-Kunde ...)

Dann auf einmal hieß es: "Simon, da gibt es dieses Tibia, ist vor kurzem 25 geworden ... Kannst du was dazu machen?"

Tibia...Was in Gottes Namen ist bitteschön Tibia? Ein Schienbeinknochen. Toll, danke Google.

Anscheinend ist Tibia, abgesehen davon, eines der ältesten aktiven MMO-RPGs der Welt. Und es stammt ausgerechnet aus Deutschland, aus Regensburg um genau zu sein, ursprünglich zusammengestöpselt von drei nerdigen Studenten.

Wieso also nicht die Gelegenheit nutzen, und sich als unbedarfter Neuling in die düsteren Tiefen der späten 90er Jahre graben, zumindest in Videospiel-Form. Im Folgenden finden sich meine ersten Schritte in die Welt der MMO-RPGs, und das ausgerechnet mit Tibia.

Kapitel 1 - "Schöne" neue Welt

Somit setzt man sich also vor den eigenen Rechner, loggt sich in das Online-System von Tibia ein, gibt sich einen mehr oder minder-humorvollen Namen (Prost Korus) und beginnt das Tutorial dieses 1997 veröffentlichten Spiels. Dabei ist Tibia grundsätzlich Free 2 Play, optionale Premium-Accounts existieren parallel.

Sofort fällt die schlichte Optik ins Auge: Pixel-Look, kaum Animationen, leicht schräge Top-Down-Perspektive. Tibia hat sich grafisch zwar seit dem Jahr 1997 zweifelsohne weiterentwickelt, doch ist der erste Eindruck durchaus bizarr, insbesondere als Außenstehender. Noch bizarrer ist aber der Umstand, dass es keinen Sound gibt.

Richtig gelesen, das größte bayerische MMO besitzt seit 25 Jahren keinen Sound! Das soll sich zwar 2022 durch ein Update ändern, welches zum 25. Jubiläum angekündigt wurde, aber ulkig bleibt der Umstand trotzdem.

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Ich sprach für meine Reportage mit Stephan Vogler, einem der Urväter hinter Tibia. Laut ihm stand Sound zwar immer irgendwo auf einer To-Do-Liste, jedoch waren die Forderungen der stetig wachsenden Community häufig völlig andere. Somit dauerte es also bis zum 25-jährigem Jubiläum, bis dieses Feature in Angriff genommen wurde.

Am Anfang des Spiels wählt man zwischen einer der vier Charakterklassen: Ritter, Paladin, Druide oder Magier. Ich entscheide mich für den Ritter und mache mich auf den Weg in die Welt von Tibia.

Internet vor YouTube und Instagram: Tibias erste Internetseite im Jahr 1997. Quelle: Cipsoft GmbH Internet vor YouTube und Instagram: Tibias erste Internetseite im Jahr 1997. Das Spiel macht auf mich als Außenstehenden, welcher nicht in der Windows-95-Generation aufgewachsen ist, einen etwas drögen und repetitiven Eindruck: Wähle eine Klasse, laufe durch die Gegend, verkloppe Gegner, bis du Level 8 erreicht hast, dann hast du das Tutorial abgeschlossen, viel Spaß.

Was ist die Faszination dieses Spiels? Ist es unfair, diese Frage schon während des Tutorials zu stellen, während man an der eigenen Inkompetenz scheitert und nicht merkt, dass man Gegner nur einmal anklicken muss, um sie zu töten und nicht die Maustaste spammen?

Tibia beruht auf dem MUD-Konzept, "Multi-User-Dungeon". Im Prinzip so etwas wie Dungeons & Dragons im Internet. Die Online-Welt war für die Entwickler aus Regensburg Neuland, ebenso die Möglichkeiten dieser aufregenden neuen Technologie. So entstand der Drang, selbst ein MUD mit grafischer Darstellung zu entwickeln. Das Ergebnis war Anfang 1997 Tibia.

Mit ein wenig Infos von NPCs zur Welt von Tibia läuft man also durch die Gegend, klickt Monster an und wartet auf einen Aha-Moment. Der Moment, in welchem man vielleicht dieses Phänomen doch zumindest ein wenig versteht.

Kapitel 2 - Sozialisation

"Der Mensch will von Natur aus mit anderen Menschen reden".

Dieses Zitat aus einer alten Telefonanbieter-Werbung beschreibt durchaus den Impuls, welchen ich in diesem frühen Stadium der Tibia-Expedition empfinde. Wer kann mir in dieser Situation helfen? Völlig alleine irgendwo in einer Stadt auf irgendeinem Server, ohne Kontext, Sound oder Ideen für den nächsten Schritt.
Ich kloppe mich durch Wölfe, Ratten, Käfer und andere monströse Gestalten, ohne die soziale Interaktion dieses Genres, welches auf soziale Interaktion baut, zu erleben. Dabei war wohl gerade Tibia ein Vorreiter dieses Aspektes.

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Tibia war - und ist - Freiheit, das ist der Anspruch des Spiels an sich selbst. Regeln, Gilden, soziale Strukturen, Architektur, Handel, alles seinerzeit von Spieler*innen geschaffen, bewacht und ausgefochten. Von Korruption über Kriege bis hin zu Hochzeiten, das gesamte Spektrum menschlicher Interaktion existiert.

Bis heute gibt es schier endlose Mythen zu den Urzeiten des Regensburger MMOs, von legendären Waffen über Kriege, einzigartige User und Mysterien der Spielwelt. Ganze YouTube-Kanäle widmen sich regelmäßig diesen Mythen und halten die Lore der Welt Tibias auch für Außenstehende am Leben.Mit der Zeit wurde Tibia weiterentwickelt, verfeinert und schlussendlich durch Premium-Accounts kommerzialisiert. Die Popularität des Spiels explodierte ironischerweise insbesondere außerhalb Deutschlands, beispielsweise in Brasilien.

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