So schlecht, dass es schon wieder gut ist? Oder doch ein Überraschungserfolg, der an selige Witcher-Zeiten erinnert? Hätten wir beides gerne genommen ...
Wir wären heilfroh, wenn das nun alles wenigstens so bizarr oder trashig wäre, dass wir darüber lachen könnten, aber die meiste Zeit ist The Inquisitor ungefähr so packend wie ein Gottesdienst. Handlungsstränge werden mittendrin beendet oder verschoben, das Pacing leidet unter viel Leerlauf.
Erst ganz zum Schluss nimmt die Story Fahrt auf und versucht, uns mit Plottwists im Schnellfeuermodus zu überraschen. Entlassen wurden wir aus dem Spiel dann allerdings mit einem abrupten Ende, bei dem uns plump erklärt wurde, dass wir wohl die falschen Dialogentscheidungen getroffen hatten.
Sargnägel Nummer zwei und drei: Die Story dieses story-fokussierten Spiels verliert uns schnell und die Inquisitionsarbeit hat kaum spielerischen oder erzählerischen Gehalt.
Nun könnte man immer noch argumentieren, dass viele andere Spiele, vor allem solche dieses Kalibers, in ihren Dialogen auch eher zum Skippen als zum Zuhören verleiten, und dass das Setting zumindest für Atmosphäre sorgt. Das stimmt auch - nur sind Story und Dialoge auch bei weitem nicht das Schlimmste, was The Inquisitor zu bieten hat.
Die Unwelt ist ein Unding
Dieser Preis geht an das andere Gameplay-Standbein neben "Herumlaufen" und "Hinweise Anklicken": die Unwelt. Dabei handelt es sich um eine Art Paralleldimension, die Mordimer an vielen Stellen der Story aufsucht, um Hinweise von einer höheren Macht zu erhalten.
In der grafisch netten Schattenwelt überqueren wir Inseln, die über Brücken miteinander verbunden sind und müssen dabei verschiedene Gefahren umgehen oder ausschalten.
Quelle: PC Games
Die Aufgabe ist dabei aber immer exakt die gleiche, nervtötende Prozedur: Wir eiern an jedes Ende der Map, um fünf Kugeln einzusammeln, die wir dann in die Mitte zurückbringen, um eine Cutscene freizuschalten. Die gehirnamputierten Feinde lassen sich problemlos von hinten abmurksen und an allen anderen Gefahren laufen wir einfach vorbei, wenn sie uns nicht gerade den Weg versperren und uns zum Warten zwingen.
Oder anders gesagt: Genau wie in der Stadt klappern wir stumpf Markierungen ab, nur, dass uns das Spiel noch ständig Hindernisse und verwirrendes Leveldesign in den Weg legt, um auf banalste Weise seine Laufzeit zu strecken. Hätten die Entwickler diese unerträglichen Passagen gestrichen, statt uns dafür ständig aus der Story zu reißen, wäre The Inquisitor zwar nur halb so lang, aber definitiv ein besseres Erlebnis.
Krampfsystem und Meh-tsel
Wenn es unsere Zeit nicht gerade mit beiden Händen aus dem Fenster wirft, hat The Inquisitor auch noch andere, mehr oder weniger unterhaltsame Features im Gepäck. Hier und da dürfen wir etwa das Schwert schwingen. Wir können theoretisch ausweichen, parieren und Gegner blenden, das würde aber voraussetzen, dass sich die Kontrahenten überhaupt in irgendeiner Form verteidigen können.
Da sich aber sogar Bossgegner besiegen lassen, indem wir die leichte Angriffstaste hämmern, ist all das überflüssig. Das Trefferfeedback erinnert außerdem eher an Schwimmnudeln als an Schwerter.
Während man mit einem Finger auf dem Controller die ersten paar Obermotze plattmacht, kann man also immerhin schon mal mit der anderen Hand die Rückerstattung beantragen. Oder die Bibel lesen, wenn einem der Sinn nach noch mehr öden Religionsgeschichten steht.
Gelegentlich stehen auch ausgesprochen doofe Rätsel auf dem Programm. Da schieben wir etwa ein Bild von Jesus zusammen, um den streng geheimen Kleiderschrank des Kardinals zu öffnen. Oder wir geben an einer Skulptur einen Code ein, den wir keine zwei Minuten vorher auf einem identischen Modell gesehen haben.
Quelle: PC Games
Unser Favorit ist aber die Szene, in der wir einem Schachautomaten seine Geheimnisse entlocken sollen. Schaffen wir es nicht, die Puppe im Trial-And-Error-Spiel zu besiegen, schlägt Mordimer irgendwann lustlos auf den Tisch. Und siehe da: Natürlich lässt die mystische Apparatur sofort ihre Geheimklappe aufspringen. An solchen Stellen ist The Inquisitor wenigstens doch mal für einen Lacher gut.
Leider ist es aber fast immer nur sein eigenes Unvermögen, mit dem es eine positive Emotion bei uns auslöst. Gleiches gilt für die vielen Quicktime-Events aus der Actionspiel-Mottenkiste, die bei der Animationsqualität schlichtweg behämmert aussehen. Der vierte und letzte Sargnagel: Die Gameplay-Mechaniken sind aufgesetzt und schwanken zwischen nervtötend und unfreiwillig komisch. Letzteres aber leider nur selten.
Wir wollen The Inquisitor zugutehalten, dass es trotz seiner schwachen Produktionsqualität immerhin problemlos durchspielbar ist und wir in unseren acht Stunden weder Abstürze noch gamebreaking Bugs erlebt haben. Neben der ordentlich eingefangenen Atmosphäre und der Prämisse fällt es uns aber schwer, etwas Empfehlenswertes im Spiel zu finden.
Die Story hält nicht bei der Stange und die Dialoge werden schnell zur Geduldsprobe. Die Detektivarbeit läuft viel zu sehr auf Schienen ab. Kämpfe, Rätsel und Unwelt sind ein Witz und hätten ersatzlos gestrichen werden können. Vermutlich ist "Streichen" hier auch das Stichwort, denn trotz seines begrenzten Scopes wirkt The Inquisitor, als wären die Entwickler mit ihrem Spiel schlichtweg überfordert gewesen.
The Inquisitor ist seit dem 8. Februar 2024 erhältlich und erscheint neben dem PC auch noch für die Playstation 5 und die Xbox Series X/S. Neben der Standard-Edition gibt eine Digital-Deluxe-Variante mit einem Bonusskin, digitalem Soundtrack und digitalem Kompendium. Transparenzhinweis: Für diesen Test wurde uns die PC-Version von The Inquisitor vorab von Kalypso Media zur Verfügung gestellt.
