Unusual Findings und die Frage nach dem Spiel-Sinn des Lebens
Kolumne
Das Oldschool-Adventure Unusual Findings hat unseren Kolumnisten Harald Fränkel sehr zum Nachdenken gebracht. Warum werden wir im Alter immer nostalgischer?
Noch einige Jahre früher nannte man mich übrigens King Pong. Pong, liebe Kinder, ist richtig alt, falls ihr das nicht kennt. Ich habe es auf der Interton-VC4000-Konsole gespielt, die mir mein Opa an Weihnachten aus Archäopteryx-Knochen geschnitzt hatte. Und wie sieht es heute aus? Heute vermeide ich bei Adventures, die Stirn zu runzeln, weil ich sonst den ganzen Tag mehr Profil im Gesicht trage, als ein Reh auf der Autobahn. Bei Modern Warfare 2 bin ich tot, bevor ich einen Gegner sehe. Selbstverständlich natürlich freilich nur, weil ich von Wallhacks und Aimbots keinen Plan habe, die von allen genutzt werden, die sich vor mir platzieren. Also immer von allen 17. Na gut, vielleicht lässt auch meine Reaktionsfähigkeit etwas nach. Mein Sohn sagt, ich hätte die Reflexe einer Katze. Dann ergänzt er den Satz mit "... einer toten Katze!" und lacht sich halb tot. Filius hält sich für irre witzig. Das hat er vermutlich von seinem Vater.
Weil ich früher Formula One Grand Prix von Geoff Crammond geliebt habe, bin ich kürzlich mit dem Rennspiel F1 22 in Monaco herumgerast. Als mein Sohn fragte, ob ich gerade die Zuschauertribüne suche, ist meine Stirn versehentlich gleichzeitig auf die Tasten Strg, Alt und Entf gefallen.
Möchte vielleicht einer der Leser zufällig gerade ein Kind adoptieren, das Luke heißt? Wenn das mal nicht spurt, kann man in die Hand schnaufen, mit tiefer Stimme "Du musst auf mich hören, ich bin dein Vater!" sagen und sich für irre witzig halten. Es besteht natürlich die Gefahr, dass er das mit "Du bist so alt und langsam, dass du bei Rundenstrategiespielen nie an die Reihe kommst!" kontert.
Grund 2, warum wir alte Erinnerungen immer stärker hegen und pflegen: Mit den Jahrzehnten mehren sich die Erfahrungen und steigen die Erwartungen. Wer viele Spiele gespielt, viele Filme gesehen, viele Bücher gelesen, viele Storck Schokoladenriesen (Grüße an Frau Lange!) und viele Twix gegessen und auch sonst viel erlebt hat, braucht einen besonderen Kick, um eine Begeisterung zu wecken, die der kindlichen nahekommt. Deshalb sind neue Spiele doof und alte super. Alle. Sogar die für den Atari ST.
Vorher noch nie dagewesene positive Reize fräsen sich in der Regel ins Gehirn, gerade bei Kindern und Jugendlichen. Ich finde deshalb auch den Vergleich zwischen Spielen und der ersten Schwärmerei passend. Ich werde z.B. nie den Tag vergessen, an dem ich Madonna traf.
Es war im Sommer 1983, es war heiß. Sie stand in meiner Nähe, fast Haut an Haut, und war wunderschön anzuschauen. Es hatte sich eine gigantische Menschentraube um sie gebildet, was verständlich ist, immerhin warteten wir nach der Schule alle auf den Bus. Binnen einer Sekunde wusste ich: Ich will mit diesem Mädchen aus der Parallelklasse, das mich an Madonna erinnerte, zusammen sein!
Ich habe, man kann es nicht anders sagen, nur Dank eines Brotkastens die Pubertät überlebt. Außerdem besaß ich einen Commodore-64-Computer. Deshalb wurde am Ende nicht Madonna meine erste Freundin, sondern ein britisches Oben-ohne-Model. In einem Spiel namens Samantha Fox Strip Poker, bei dem die Protagonistin aussah wie das Ultraschallbild eines Pokémons. Wir hatten damals ja nichts, nicht mal Echtfreundinnen oder richtige Grafik.
Quelle: PC Games
Willst du mit mir gehen? ◯ Ja ◯ Nein ◯ Vielleicht
Zu Grund 3, warum wir im Laufe des Lebens sentimental werden, und jetzt wird es morbide: Weil das Game Over des Real Lifes nahe rückt. Der mutmaßlich einzig wirklich ärgerliche Permadeath. Es gibt drei Lieder aus den 80ern, da funktionieren meine Reflexe noch wie bei einer lebenden Katze, sodass ich bereits beim ersten Ton "Halt die Fresse!" denke: You're my heart, you're my soul von Modern Talking, Last Chrismas (Wham!) und Who wants to live forever? von Queen.
Bei den ersten beiden Stücken wollen Hammer, Amboss und Steigbügel auswandern, beim dritten macht mich die saudumme Frage aggressiv.
Was einem als Kind und Jugendlicher nicht bewusst ist: In dieser Zeit sind wir unsterblich. Als männlicher Vertreter kann ich dank meiner Altersweisheit heute sagen, dass die Worte "Zocken", "Feiern" und "Sex" einfach zu groß waren, als dass in meinem noch unterentwickelten Hirn Platz für die drei Buchstaben T, O und D gewesen wäre.
Natürlich war mir klar, dass irgendwann der unbesiegbare Endgegner kommt und das Spiel des Lebens endet. Aber sterben, so was taten höchstens Oma oder Opa. Maximal.
Es gibt Psychologen, die sagen, dass das verfälschende und schönende Erinnern an die vergangene Zeit vor allem ein Gefühl der Traurigen und Einsamen ist. Quasi die dunkle Seite der Macht. Andere formulieren es positiver, bezeichnen Nostalgie als Schutzmantel für unsere Stimmung, die im gesunden Maß sogar bei mittleren und leichten Depression hilft.
Weil Kindheitserinnerungen in ihrer bitteren Sweetness häufig Empfindungen wie Geborgenheit auslösen. Grüße gehen raus, an "Stephan", den Küchenpsychologen!
Auch ich fühle mich dank meiner melancholischen Anwandlungen positiver gestimmt. Gut, wenn das nächste Mal Ich möcht so gern Dave Dudley hör'n! von Truck Stop im MDR läuft, schalte ich sicherheitshalber um, damit mich meine völlig verstörte Frau nicht einweisen lässt. Wenn ich aber z.B. morgens im Spiegel meine Nasalfalte sehe, denke ich einfach heimlich, ich verbringe einen schönen Urlaub am Grand Canyon. In den 80ern. Darauf einen Dujardin!
