Unusual Findings und die Frage nach dem Spiel-Sinn des Lebens
Kolumne
Das bei Steam herausragend bewertete Oldschool-Adventure Unusual Findings hat unseren Kolumnisten Harald Fränkel sehr zum Nachdenken gebracht. Weniger wegen der Rätsel, sondern weil die atemberaubende 80er-Jahre-Atmosphäre schwere Melancholiken auslöste. Warum werden wir mit steigendem Alter eigentlich immer nostalgischer?
"Du lebst viel zu sehr in der Vergangenheit", sagte mein bester Freund neulich mal wieder. "So ein Unfug", erwiderte ich und pinnte den bei Ebay erbeuteten Bravo-Starschnitt von Christopher Reeve an die Wand meines kürzlich in meinem Büro nachgebauten 70er/80er-Jahre-Kinderzimmers. Über das Lotus-Esprit-Spielzeugauto aus dem James-Bond-Film Der Spion, der mich liebte. Neben das Bikini-Foto von Heather Thomas, die im Intro von Ein Colt für alle Fälle bekanntlich exakt nach 57 Sekunden durch eine Saloon-Schwingtür schwebt.
"Ehrlich, du kannst nicht akzeptieren, dass du nicht mehr jung bist, das sieht man schon an deinem Wagen, Harry", stichelte Stephan (Name von der Redaktion geändert) weiter. "Nur weil ich inzwischen wieder mein erstes Auto fahre, einen Fiesta Baujahr '77, oder was?" "Nein, weil du gestern ″Abi 1990″ auf die Heckscheibe geklebt hast." "Das ist nur ein Gag", wandte ich mit ernstem Blick ein und zog mein hautenges Superman-Kompressions-Sport-Shirt über, weil ich gleich das archaische Zehnkampfspiel Decathlon zocken, den Rekord auf C64-Wiki.com brechen und ein Video dazu hochladen wollte.
"Du hast von jedem deiner C64-Lieblingsspiele drei Exemplare, das ist nicht normal!"
"Die Originalverschweißten gucke ich an. Eine Version ist zum Zocken. Außerdem fallen antike 5¼-Zoll-Disketten altersbedingt öfter aus, und für solche Notfälle ..."
"Was soll ich noch sagen, du benutzt ein Yps-Heft als Mauspad für deinen Amiga. Das, das mit den Vampir-Zähnen als Gimmick am 23. August 1976 erschienen ist."
"Na ja ..."
Quelle: Harald Fränkel
Büro eines Journalisten in der Endlife-Crisis.
"Ich glaube einfach, du kannst nicht in Würde altern. Du zockst nur noch Retrospiele, die so hässlich sind wie ein toter Nacktmull. Siehst du die Wahrheit nicht?"
"Falls du auf meine Minus 9,5 Dioptrien anspielst: Ich trage Kontaktlinsen. Gebrauchte aus dem Secondhandshop. Ich bin freiberuflicher Spielejournalist und muss inzwischen schon über wahre peinliche Geschichten aus meinem Privatleben schreiben, damit überhaupt noch genug Geld reinkommt. Ich arbeite sogar für PC Games. Für PC GAMES!"
Ha! Der hatte gesessen! Endlich verstummte mein bester Freund. Er weinte sogar ein bisschen. So wie ich dieser Tage, als ich wehmütig in Unusual Findings versank, einem in den 80ern spielenden neuen Point&Click-Adventure. Wer mich kennt, der weiß, dass ich niemals nie nicht übertreibe, aber dieses Spiel fühlt sich so Eighties an, dass ich mir Dauerwellen in meine Rückenhaare drehen lassen wollte. Meine Tränen der Rührung verkaufte ich an den Nürnberger Zoo. Die wollten das Wasser im Delfinarium wechseln.
Okay, eventuell werde ich im Laufe der Jahre doch sentimentaler. Vielleicht trage ich beim Spielen von Retrogames tatsächlich eine rosa Lesebrille von Nostalfielmann. Da stellt sich der fast schon unerträglich eloquente und selbstreflektierende Philosoph in mir natürlich die Frage, die sich schon Aristoteles gestellt hat: WTF? Oder, anders formuliert: Warum wird man mit steigendem Alter eigentlich immer nostalgischer?
Ehe ich diese Frage in meinem unglaublich geistreichen Essay beantworte, möchte ich zum besseren Verständnis ein paar Worte über Unusual Findings verlieren. Denn das zeigt mustergültig, was das Leben eines männlichen Jugendlichen, genannt Möchtegernmann, ausmacht: Kumpels, Games, Filme, Musik, Spielzeug und Brüste im Pay-TV. Es glänzt mit Baumhaus-Romantik á la Die Goonies und Stand by me. Es liefert dank einer bekloppten Alien-Story wie in Zak McKracken nonstop Nonsens.
Die Helden Vinny, Nick und Tony sehen aus wie Marty McFly, Karate Kid und Doctor Who. Im Intro rollen sie auf Bonanza-Rädern an einem Kino vorbei, vor dem ein roter Audi Quattro steht. In den Aushängen werben Plakate für die Filme Der Schwarze Kristall und Conado der Barbar. Die musikalische Untermalung besorgt Pete Burns von Dead or Alive, der natürlich auch die Zeile "You spin me right 'round, baby, right 'round, like a record, baby, right 'round, 'round, 'round!" trällert. 80er-Popkultur voll auf die Zwölf!
Betreten meine Schützlinge einen Gamesladen, stehen Superhelden-Figuren, AT-ATs und Spielepackungen bereit. Ich erkenne sofort Space Invaders fürs Atari 2600, trotz Klotzgrafik, weil diese so kunstvoll gepixelt ist.
In Samantha Silvermans Zimmer, dem schönsten Mädchen der Schule, hängen Poster von Jon Bovi, A-ja und von dem sonnenbankgegerbten Typen, der es mit Reckless Whisper in die Charts geschafft hat und uns seit 1984 obendrein mit einem Weihnachtslied foltert. Wenn sich die hormongetriebenen Freunde mit einem falschen Ausweis was aus der Videothek leihen, dann natürlich den Film The Sexfast Club.
Es sei angemerkt, dass einige Rätsel in Unusual Findings so schwierig und leider teilweise unlogisch konstruiert sind, dass es in mir den Hirnstamm gefällt hat. Bitte an dieser Stelle ein großes Warnschild im Kopf entstehen lassen und eine Komplettlösung bereithalten, neudeutsch Walkthrough!
Dafür ist die Atmosphäre dichter, als es etwa Harald Juhnke in den 80ern jemals hätte sein können. Kaum vorstellbar, oder? Jedenfalls geht es hier zum Spiel, das über 90 Prozent positive Bewertungen hat. Dort lungert ferner eine kostenlose Demo herum. Meine Erfahrungen mit dem ersten Kapitel habe ich auch in einem Video festgehalten.
Ich könnte jetzt noch von der Optik schwärmen wie von Sophie Marceau, Kim Basinger und Bo Derek, möchte aber nicht den ganzen Speicherplatz des Internets vollschreiben, bis es abstürzt. Also: Warum zur Hölle wird man mit steigendem Alter immer nostalgischer?
Grund 1: Man hatte es früher viel mehr drauf, war ein Held. Ich galt in meiner Jugend zum Beispiel als Diego Maradona bei International Soccer. Niemand auf der Welt haute das Eckige besser ins Eckige als ich. Wobei die Welt immerhin drei Straßen weit reichte und der Ball für mich rund war, weil ich schon als Kind unter extremer Kurzsichtigkeit litt, aber aus Eitelkeit keine Brille trug.
Heute habe ich nicht nur beidseitig Minus 9,5 Dioptrien, sondern bin gleichzeitig altersweitsichtig. Damit Nürnberg nicht ständig das Wasser des Delfinariums wechseln muss, nenne ich meine Beeinträchtigung gerne euphemistisch retroeske Kantenglättung.
Doch zurück in die 80er: Wenn wir Decathlon gezockt haben, war ich Daley Thompson, rüttelte mit meinem Joystick alle anderen in Grund und Boden und sprach sie tagelang mit "Jürgen Hingsen" an. Für meinen rechten Unterarm ernte ich bis heute Spott von meinem besten Freund. Er ist seit dieser Zeit erheblich dicker. Nicht nur der Freund, sondern auch der Unterarm. Ich erinnerte wegen des vielen Trainings als Kind tatsächlich an Popeyes Sohn.
