Retro-Rückblick auf Super Mario 64, Seite 2: Qualitäten, Mängel und die fortdauernde Relevanz

Special Lukas Schmid
Retro-Rückblick auf Super Mario 64, Seite 2: Qualitäten, Mängel und die fortdauernde Relevanz
Quelle: Nintendo

Meilenstein, Revolution, Wegbereiter, Wendepunkt: Es gibt gar nicht genügend hochtrabende Begriffe, um die Relevanz des N64-Abenteuers Super Mario 64 in Worte zu fassen. Anlässlich des 35. Geburtstags des berühmtesten Klempners der Welt und der Wiederauferstehung des Abenteuers im Rahmen von Super Mario 3D Allstars, blicken zurück auf seinen ersten 3D-Auftritt und somit auf das vielleicht wichtigste Videospiel aller Zeiten.

Heute weiß man die Antworten nach einer Internetsuche: Ja, Luigi war für einen gestrichenen Koop-Modus geplant, das auf der Tafel ist aber nur Kauderwelsch - und hier ist übrigens Luigis aus den Spieldaten gezogenes Figurenmodell! Hinter dem Aquarium ist genau nix; und nein, ein geheimes Level findet man auch dann nicht, wenn man das Spiel fünf Mal ohne sterben zu 100 Prozent durchspielt, dann mit Peach redet, die auf einmal in der Haupthalle des Schlosses erscheint, ihre geheime Rutschbahn unter zehn Sekunden absolviert und dabei einen Handstand macht.

Was steckt hinter den Fenstern im großen Aquarium neben dem Level Piratenbucht-Panik? Heute wissen wir: Das große Nichts. Vor fast 25 Jahren beschäftigte diese Frage aber unzählige Spieler. Quelle: PC Games Was steckt hinter den Fenstern im großen Aquarium neben dem Level Piratenbucht-Panik? Heute wissen wir: Das große Nichts. Vor fast 25 Jahren beschäftigte diese Frage aber unzählige Spieler. Dadurch, dass man dereinst aber eben nicht alle Antworten hatte, sondern viel, viel mehr als das Offensichtliche in das Spiel hineininterpretierte, kehrte man schon deswegen immer wieder in die virtuelle Hüpfwelt zurück. Und es entwickelten sich Legenden, die teilweise aller Gegenbeweise zum Trotz bis heute Bestand haben. Das war kein Mario-64-exklusives Phänomen, man denke an das sagenumwobene Triforce und den Tempel des Lichtes in Zelda: Ocarina of Time oder die vermeintlichen Methoden, um in Pokémon Rot & Blau Mew zu fangen (nein, der Truck am Hafen fährt auch dann nicht weg, man die Top Vier zwölf Mal besiegt hat). Die höhere Komplexität der Spiele in der frühen 3D-Ära trug hier zu einer Mythenbildung bei, die es zu 16-Bit-Zeiten noch nicht in diesem Ausmaß gab.

Gotta Go Fast!

Manche Sternaufgaben sind nach heutigem Verständnis katastrophal schlecht gestaltet, die Suche nach den 100 goldenen Münzen im Level Regenbogen-Raserei etwa. Quelle: PC Games Manche Sternaufgaben sind nach heutigem Verständnis katastrophal schlecht gestaltet, die Suche nach den 100 goldenen Münzen im Level Regenbogen-Raserei etwa. Doch wenden wir uns wieder Mario 64 zu und einem weiteren Aspekt, der es bis zum heutigen Tage topaktuell hält: Seiner Bedeutung für die Speedrun-Szene. Nach ersten 2D-Versuchen mit Super Metroid und Co. und mit erschwinglicher Videotechnik und dem Internet etablierte sich rund um Marios N64-Abenteuer in den Jahren nach dem Release eine illustre Gruppe an Menschen, die vor allem im Sinn hatte, das Spiel so schnell wie nur irgend möglich hinter sich zu bringen. Gerne wird die Arbeit von Speedrunnern von Personen, die nicht in der Materie stecken, als sinn- oder respektlos gegenüber dem Titel, den sie sich vorgeknöpft haben, bezeichnet. Dabei wird missachtet, dass Speedrunner in der Regel viele Hunderte oder Tausende Stunden investiert haben, um so gut zu werden, wie sie sind und jeden virtuellen Winkel des Abenteuers kennen. Wer Super Mario 64 in Rekordzeiten durchspielen kann, der zeigt im Gegenteil nichts anders als tiefe Liebe und Respekt für den Klassiker! Was Super Mario 64 auch in der Speedrun-Welt so einzigartig macht, ist die Dualität aus Einsteigerfreundlichkeit und extremem Anspruch, sobald es richtig ans Eingemachte geht. De facto kann man sogar als Laie sehr schnell einige richtig coole Tricks in Mario 64 lernen. Und hier reden wir, anders als bei den verschiedenen Methoden, sich einen Stern zu krallen, von Tricks, die ganz offensichtlich nicht von Nintendo so vorgesehen waren

Im Level Regenbogen-Raserei fällt man nicht nur ständig hinab, die Fahrten auf den Teppichen sind auch elendig langweilig. Quelle: PC Games Im Level Regenbogen-Raserei fällt man nicht nur ständig hinab, die Fahrten auf den Teppichen sind auch elendig langweilig. Das ist der frühen 3D-Technik geschuldet, bei der die Entwickler viele Glitches, also Manöver, um das Spiel auszutricksen, einfach noch nicht vorhersehen konnten. Gepaart mit der genialen Experimentierfreudigkeit der Speedrunner-Szene, lassen sich massig - eigentlich zwingend vorgegebene Elemente und Momente des Abenteuers - einfach überspringen. Der Autor dieser Zeilen ist alles andere als ein Speedrun-Profi, aber sogar er hat es dank einiger hilfreicher Anleitungen schon mehrmals fertiggebracht, in Super Mario 64 mit nur 16 Sternen und in etwa 40 Minuten zum Abspann zu gelangen. Die Weltspitze kann darüber nur müde lächeln: Der aktuelle Rekordhalter KANNO benötigte im Februar 2020 6 Minuten und 36 Sekunden für dieses Unterfangen und musste dafür keinen einzigen goldenen Stern aufklauben. Und dieser sogenannte Any-%-Run ist nur eine von vielen Kategorien, in denen man in Marios Abenteuer antreten kann. Der Weltrekord beim 100-%-Run, bei dem alle 120 Sterne eingesackt werden müssen, wurde von User simply aufgestellt und liegt derzeit bei einer 1 Stunde, 38 Minuten und 28 Sekunden - sagenhaft! Für viele Speedrunner ist Super Mario 64 der erste Anlaufpunkt, wenn sie in diesem Metier Erfolg haben wollen. Dank der enormen Zugänglichkeit, gepaart mit dem hohen Anspruch, wenn man wirklich verdammt gut werden will, hat es auch in dieser Hinsicht bis zum heutigen Tage nichts von seiner Relevanz eingebüßt.

Nicht alles ein Stern, was glänzt

Wir präsentieren: die Rückseite von Peaches Schloss! Wie auch bei anderen Objekten wurde hier einfach nicht zu Ende entwickelt und man blickt in die untexturierte Leere. Quelle: PC Games Wir präsentieren: die Rückseite von Peaches Schloss! Wie auch bei anderen Objekten wurde hier einfach nicht zu Ende entwickelt und man blickt in die untexturierte Leere. Wir rekapitulieren: Es ist die heilige Freiheits-Dreifaltigkeit aus freier Missionswahl, Freiheit bezüglich der Herangehensweise und der Überlistung des Spiels durch Glitches, die Mario 64 bis heute am Leben erhält. Aber nicht nur! Wie eingangs erwähnt, war es einfach seiner Zeit gehörig voraus und spielt sich sogar heute noch gut. Gerade Marios Bewegungsrepertoire hat kaum etwas seiner Qualitäten eingebüßt. Der Abwechslungsreichtum der Levels ist weiterhin enorm, der Ideenreichtum beeindruckend und der Grafikstil, wenngleich nach heutigen Maßstäben natürlich hoffnungslos veraltet, deswegen nicht minder ikonisch. Jedoch, wo Licht, da auch Schatten und sogar mit Nostalgiebrille auf der Nase und dem Wissen über all das im Hinterkopf, was die Videospielewelt Mario 64 zu verdanken hat, sind aller Pionierarbeit zum Trotz manche Designelemente des Titels nach heutigen Maßstäben zum Haareraufen. Das fängt schon bei der drehbaren Kamera an. Man merkt, dass Nintendo hier auf neuen Pfaden wandelte.

Fast jede Szene des Abenteuers ist heutzutage Teil des kollektiven Videospielergedächtnisses, natürlich auch das (vertonte!) Ende, wenn wir die Prinzessin treffen. Quelle: PC Games Fast jede Szene des Abenteuers ist heutzutage Teil des kollektiven Videospielergedächtnisses, natürlich auch das (vertonte!) Ende, wenn wir die Prinzessin treffen. Dass sie einem überhaupt in kniffligen Situationen einen Überblick erlaubt, ist ja schon toll. Aber ständig bleibt sie hängen, lässt sich unverständlicherweise nicht so bewegen, wie man das möchte, zickt und bockt herum und sorgt für unfreiwillige Bildschirmtode. Apropos Bildschirmtode: Die bekommt man auch deswegen zu Gesicht, weil manche Aufgaben ganz einfach richtig, richtig schlecht gestaltet sind. Da sind Abstände nicht gut einzuschätzen, der sehr direkte Wandsprung macht einem einen Strich durch die Rechnung oder das Leveldesign stellt einem ein Bein. Hinzu kommen weitere Designfehler. Das berüchtigte Level Regenbogen Raserei ist nicht nur schwierig, weil man ständig Gefahr läuft, hinabzufallen und einem dort vor allem die Suche nach dem 100 Goldenen Münzen (dafür gibt es in jedem Level einen Stern) in den Wahnsinn treibt. Es ist auch noch furchtbar langweilig, da die fliegenden Transportteppiche im Schneckentempo dahinschleichen und mehrmalige Anläufe damit nicht nur Stress, sondern auch ausgedehntes Gähnen evozieren.

Pioniersfehler

Wenn man den Titel schon zigmal durchgespielt hat und jede Aufgabe auswendig kennt, kein Problem, in Wahrheit aber auch ein Designmakel: Die teilweise sehr diffusen Missionsbeschreibungen. Wir haben die Freiheit bezüglich der Herangehensweise positiv hervorgehoben. Manche Aufgaben sind aber so verworren konzipiert, dass man wohl nur Bahnhof versteht, wenn man nicht als alter Hase schlafwandlerisch weiß, was zu tun ist. Wie soll man in den Levels Wobiwaba Wüste, Atlantis Aquaria und Gulliver Gumba herausfinden, welche fünf willkürlichen Punkte man berühren muss, damit ein Stern erscheint? Wem soll die Missionsbeschreibung "Zerstöre die Felswand!" in Wumms Wuchtwall weiterhelfen, wenn das komplette Level aus Wänden besteht, diese normalerweise unzerstörbar sind und das brüchige Exemplar auch nicht extra markiert ist? Und wie soll man riechen, dass man auf Peaches Rutschbahn noch einen zweiten Stern erhält, wenn man eine willkürliche Zeit unterschreitet?

Mario und Yoshi in Super Mario 64 Quelle: PC Games Sobald wir alle 120 Sterne gefunden haben, können wir auf das Dach des Schlosses gelangen und treffen dort unseren alten Dinofreund Yoshi samt Belohnung im Gepäck. Klar, Mitte der 1990 war es Teil des Reizes, dass man solche Aufgaben irgendwann durch Hinweise vom Schulhof meisterte. In Wahrheit handelt es sich aber trotzdem einfach um schlecht gemachte Aufgaben. Und zu guter Letzt übersieht man als Fan gerne mal, wie unfertig und hässlich das Spiel in mancher Hinsicht eigentlich ist: Elemente laufen gerne mal ins Leere. Sobald man etwa alle 120 Sterne gesammelt und als Belohnung aufs Dach des Schlosses gelangt ist, merkt man, dass dessen Rückseite einfach nicht zu Ende entwickelt wurde und man in die untexturierte Unendlichkeit blickt. Manche Levels, allen voran Aquantis Aquaria, machen zwar Laune, haben im Grunde aber überhaupt kein bestimmendes Thema, sondern bestehen einfach aus offenbar zufällig zusammengewürfelten, geometrischen Formen. Überhaupt sehen manche Elemente aus, als hätte man sich einfach am 3D-Baukasten "die schönsten Kugeln und Rechtecke 1995" bedient. Klar, anno dazumal war das technisch alles trotzdem absolut beeindruckend. Mit modernen Augen betrachtet, geht es einem aber ähnlich, wie wenn man sich den ersten Toy-Story-Film noch einmal anschaut: Die gut gealterten Aspekte beeindrucken noch immer, der Rest ... nicht so sehr.

Ein unsterbliches Meisterwerk

Doch das ändert natürlich rein gar nichts an der fortdauernden Relevanz eines Klassikers, der heute von mindestens genauso vielen Leuten geliebt wird wie bei seinem Release, und das absolut zurecht! Auf dem Nintendo DS lieferte Nintendo eine erweiterte, stark veränderte Umsetzung des Abenteuers ab, die aber nicht an die Klasse des Originals heranreicht und zudem unter dem Fehlen eines Analogsticks leidet. Wer das Stück Videospielgeschichte, welches da Super Mario 64 heißt, in all seiner Pracht erleben möchte, kommt um die Urversion nicht herum. Wer das Stück Videospielgeschichte, welches da Super Mario 64 heißt, in all seiner Pracht erleben möchte, kommt um die Urversion nicht herum. Auf der Switch ist's ein bisschen hübscher, ansonsten aber größtenteils unverändert und liefert somit auch einem einen guten Eindruck des Abenteuers. Super Mario 64 ist gelebte Videospielgeschichte, absolut unvergleichlich und steht verdientermaßen gemeinsam mit nur einer Handvoll anderer Spiele ganz oben auf dem Podest jener Titel, welche eine ganze Branche nachhaltig geprägt haben und für immer in unseren Herzen bleiben werden.

Meinungen

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Bildergalerie

  1. Seite 1 Retro-Rückblick auf Super Mario 64, Seite 1: Die Entwicklungsgeschichte und die Bedeutung von spielerischer Freiheit
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