Entwicklungshölle, Krieg und abgebrannte Server: Stalker 2 ist das Hoffnungssymbol der Ukraine
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Noch nie war ein Spiel so vielen Entwicklungshürden ausgesetzt wie Stalker 2. Warum es trotzdem ein Symbol der Hoffnung ist, erfahrt ihr in unserem Artikel.
Licht im Dunkeln
Doch es ist nicht nur Negatives, das die Menschen antreibt, immer weiterzumachen. Im Gegenteil konzentrieren sich viele Personen in der Ukraine auf die guten Dinge und finden teils überraschend Positives in dieser dunklen Zeit. Oleg Yavorsky, ehemaliger Mitarbeiter bei GSC, hat für sich erkannt, dass die Spieleindustrie nur dazugewonnen hat.
"Der Krieg hat uns geholfen zusammenzufinden. Davor war jeder für sich selbst." erinnert sich Oleg. "Ich habe das Gefühl, dass alle viel offener sind und viel mehr aufeinander zugehen. Es ist wirklich erstaunlich, wie solche Umstände Menschen zum Positiven verändern können." Dass Leute in größter Not zusammenkommen und sich gegenseitig unterstützen, wenn alles aussichtslos erscheint, ist ein Effekt, den man in Kriegszeiten immer wieder beobachtet hat.
Mehrere Quellen haben diese menschliche Eigenschaft schon während des Zweiten Weltkriegs in London beschrieben. Je bedrohter das Leben, desto mehr rücken die Opfer zusammen, helfen sich gegenseitig und verzichten zum Wohl anderer auf eigenen Profit und Annehmlichkeiten.
Prägend für solche Zeiten sind Symbole, die stellvertretend für Hoffnung stehen und zu denen die Bevölkerung aufschauen kann. Während des Blitz, als die deutschen Nationalsozialisten London mit einem Bombenteppich überzogen haben, hat sich vor allem ein Gebäude als dieses Symbol hervorgetan: die St. Paul's Cathedral. Allen Bomben zum Trotz erhob sich die Kuppel der Kathedrale aus dem Rauch und galt als Sinnbild der Standhaftigkeit Englands.
Ein solches Denkmal findet die Ukraine in Stalker 2.
Quelle: Herbert Mason
Das Bild der St. Pauls Cathedral während des zweiten Weltkriegs ging in die Geschichte ein, als die Kuppel sich aus dem Rauch der gefallenen Bomben hob.
Ein Videospiel als Wahrzeichen
"Wir sind wie die ukrainische Flagge, die immer noch weht, wenn auch beschädigt von Wind und Raketen." erzählt eine GSC-Mitarbeiterin in der Dokumentation Wargaming. "Wir sind zu einer Art Symbol geworden, während wir an dem Spiel gearbeitet haben." Mit den Erwartungen einer ganzen Nation geht einerseits viel Druck und Verantwortung einher, andererseits bekommt GSC aber auch viel Zuspruch und die Ukrainer sind stolz auf das Spiel, das Leute auf der ganzen Welt erreicht.
Und manche sind so stolz, dass sie ihr Leben darauf ausgerichtet haben, ein Teil von GSC und von Stalker zu sein. Wir haben eine Mitarbeiterin des Event- und Marketingteams getroffen. Sie ist erst seit Anfang des Jahres Teil des Teams, aber dass sie dort arbeiten will, weiß sie schon seit Jahren. Ihre Motivation hat allerdings nie darin bestanden, dass sie ein großer Stalker-Fan ist oder weil sie so viel mit der Spielereihe anfangen kann. Stattdessen ist sie einfach unfassbar stolz darauf, dass aus der Ukraine ein Genre-weisendes Spiel kommt, das weltweit bekannt ist. Ein Gefühl, das viele andere teilen.
Dass Stalker diese Symbolkraft hat, liegt nicht nur daran, dass es aus der Ukraine kommt, sondern auch in der Ukraine spielt. Heutzutage sind Stalker und Tschernobyl untrennbar miteinander verbunden. Der erste Prototyp des Spiels sah aber noch ganz anders aus und trug statt Shadow of Chornobyl einen anderen Beinamen. Ursprünglich lief Stalker unter dem Arbeitstitel Oblivion Lost und spielte in Südamerika. Es sollte um Maya und Azteken gehen und sogar Aliens hätten eine Rolle gespielt.
Da Stalker auf einer Buchvorlage basiert, könnte man denken, dass die Story schon von Anfang an feststand. Das Ausgangsmaterial hat aber immer nur die Inspiration für die grobe Rahmenhandlung geliefert. Das Buch "Picknick am Wegesrand" handelt von sogenannten Stalkern, die Schätze aus einer mysteriösen Zone bergen. Von einem spezifischen Ort war dort nie die Rede und schon gar nicht von einem realen Strahlengebiet.
Ein Rückblick auf die Vergangenheit
Die Entwickler hatten sich allerdings entschieden, eine Verbindung zwischen dem Spiel und der Ukraine zu schaffen. Eine Entscheidung, die heute keiner anzweifelt, die zum Zeitpunkt der Entstehung des originalen Stalkers aber keinesfalls Jubelschreie auslöste. Damals war der Unfall des Atomkraftwerks, bei dem einer der Reaktorkerne explodierte, noch nicht allzu lange her. Die Katastrophe in Tschernobyl ereignete sich im Jahr 1986, Stalker erschien rund 20 Jahre später, zu einer Zeit, als die Auswirkungen noch deutlich spürbar waren.
Viele hatten Familienmitglieder und Freunde verloren, die an den direkten Folgen der radioaktiven Strahlung gestorben waren. Aber auch Jahre später forderte die hohe Strahlenbelastung noch Opfer, durch Krebserkrankungen der Betroffenen. Schließlich ist das Gebiet um den ehemaligen Reaktor auch jetzt noch zu großen Teilen verwaist und unbewohnt. Eine Narbe auf der Landkarte der Ukraine, die noch auf tausende Jahre hin nicht heilen wird.
Einen Schuldigen auszumachen ist schwierig, denn die Ursachen für die damalige Katastrophe sind vielfältig. Mehrere Stellen haben versagt, Sicherheitsprotokolle wurden nicht in Gänze eingehalten und falsche Entscheidungen getroffen. Ein Verantwortlicher sticht aus Sicht der Ukraine aber besonders hervor. Die Sowjetunion hat den Bau des Kraftwerks nach eigenen Bauplänen in Auftrag gegeben. Diese Baupläne sahen keine umliegende Schutzhülle vor, wie es die amerikanischen Kernkraftwerke taten. Ein Umstand, den die USA der Sowjetunion während des Kalten Kriegs sofort vorhielten.
Die Katastrophe und die immer noch greifbaren Auswirkungen haben dementsprechend für viele einen klaren Schuldigen. Neben den bereits andauernden Bemühungen, sich von der UdSSR loszueisen, trug also auch Tschernobyl dazu bei, dass über 90 Prozent der Ukrainer 1991 für ihre Unabhängigkeit abstimmten. Gleichzeitig brach die gesamte Sowjetunion in sich zusammen. Eine historische Entwicklung, hinter der die Unabhängigkeit der Ukraine auf globaler Ebene an Eindruck verlor. Neben 14 weiteren Ländern, die zur gleichen Zeit ihre Unabhängigkeit erlangten, ist die ukrainische Souveränität in deutschen Geschichtsbüchern allenfalls ein Beisatz.
