Entwicklungshölle, Krieg und abgebrannte Server: Stalker 2 ist das Hoffnungssymbol der Ukraine
Special
Noch nie war ein Spiel so vielen Entwicklungshürden ausgesetzt wie Stalker 2. Warum es trotzdem ein Symbol der Hoffnung ist, erfahrt ihr in unserem Artikel.
Spenden für den Krieg
Neben Angst und Trauer herrscht vor allem ein Gefühl der Wut vor, das in der Ukraine schon lange in Wehrhaftigkeit umgeschlagen ist. Der Trotz hält aber nicht nur die Moral der Opfer hoch, sondern mobilisiert und inspiriert Menschen auf ganz verschiedene Art und Weise, das Land zu unterstützen. Innerhalb der Gaming-Industrie gibt es Gamedev Under Bombs: Eine Organisation, die bereits über 270.000 Dollar gesammelt hat. Das Geld geht direkt an Entwickler, die medizinische Hilfe brauchen oder ihr Zuhause verloren haben.
Das Geld geht nicht nur an Notleidende und humanitäre Projekte, sondern fließt auch direkt in die militärischen Verteidigungsbemühungen der Ukraine. Uniformen, taktische Ausrüstung, Drohnen und Teile für Sturmgewehre haben die Spender durch ihr Geld finanziert. Ausrüstung für Spielentwickler, die aktuell an der Front kämpfen. Zwischen humanitärer Unterstützung und militärischem Beistand machen die Betroffenen in der Ukraine keinen großen Unterschied mehr. Für sie ist klar, dass es nur Frieden gibt, wenn sie den Krieg gewinnen. Und wer den Krieg gewinnen will, muss zu den Waffen greifen.
Quelle: Gamedev under Bombs
Übersicht der Spenden an Gamedev under Bombs und ihrer Verwendung
Eine Antihaltung gegen Russland ist in der Ukraine nie eine Besonderheit gewesen, nachdem das Land lange unter der Schirmherrschaft der Sowjetunion stand. Doch mit dem Krieg hat sich diese Haltung immer weiter zugespitzt und ist aus reiner Notwehr nun zu offener Aggression umgeschlagen. Ein Mitarbeiter bei GSC fasst gut zusammen: "Wir laden unsere Waffen mit der einen Hand und machen das Spiel mit der anderen", wie er in der Dokumentation namens Wargaming berichtet. Die dreht sich um die Entstehung von Stalker 2 während des Kriegs.
Klares Feindbild
Jeder in der Ukraine hat jemanden verloren und Freunde, Verwandte sowie Bekannte, die immer noch an der Front kämpfen. Und auch einer der Entwickler von Stalker 2 ist im Kampf gefallen. Dass viele dem ersten Raketenschlag entgehen konnten, lag natürlich an den Bussen, die GSC für ihre Mitarbeiter bereithielt.
Diese Busse waren wie schon beschrieben nicht nur rund um die Uhr besetzt und abfahrbereit, sondern standen zum Zeitpunkt der Evakuierung bereits zwei Monate bereit. Dass Russland etwas plant und man im eigenen Land nicht mehr sicher sein kann, kam für die Geschäftsführung des Stalker-Studios nämlich nicht überraschend. Wie viele andere Ukrainer haben sie den militärischen Aufmarsch der russischen Truppen an der Grenze als mögliche Gefahr wahrgenommen.
So sind auch andere Entwicklerstudios an die Grenzen zur Slowakei geflohen oder haben zumindest noch Erste-Hilfe-Kurse aufgefrischt, um im schlimmsten Fall zumindest helfen zu können. Andere traf der Einmarsch völlig überraschend, weil sie nicht damit gerechnet haben, dass Russland alle Vorsicht fallen lässt. Auch und obwohl der Angriff auf den Donbass 2014 nur acht Jahre zuvor stattgefunden hatte. Einen Überfall, den einige Entwickler ebenfalls miterlebt haben.
Elena Lobova, die hinter der Entwickler-Community-Plattform GDBay steht, war jeweils im Donbass und Kyiv vor Ort, als die Angriffe starteten. "Ich konnte es nicht glauben, dass mir das in meinem Leben noch einmal passiert? Aber anscheinend sind die Chancen recht hoch, wenn Russland dein Nachbar ist."
Es wird persönlich
Der Hass und die Frustration auf Russland als politischer Apparat entwickeln sich immer mehr auch zu einer persönlichen Fehde. Als wir zu Besuch im Stalker-Studio in Prag waren, erzählte uns eine Mitarbeiterin, dass manche Freunde nicht mehr miteinander sprechen und es schon nicht gerne gesehen wird, wenn jemand in der Ukraine Russisch spricht.
Wer Freund oder Feind ist, wird immer schwerer auseinanderzuhalten. Gerade auch, weil die russische Propaganda absichtlich mit falschen Informationen arbeitet und Angriffe auch auf persönlicher Ebene inszeniert. In sozialen Medien sind russische Chat- und Kommentarbots schon lange nachgewiesen, die wirken wie normale Personen, verbreiten aber gezielt bestimmte Meinungen, die von der russischen Regierung abgesegnet sind.
Genauso kann man sich auch fragen, ob die Hacker-Angriffe auf das Stalker-Studio von Geheimdiensten kommen oder wirklich von frustrierten Spielern. Für die Betroffenen macht das nur wenig Unterschied, zumal besonders für Mariia Grygorovych, Creative Director bei GSC, mehr im Raum steht als ein Angriff auf ihre Firma. Wer auch immer ihre Daten gehackt hat, hat sie als prominentes Gesicht der Firma direkt ins Visier genommen.
So wurden Bilder von ihrem Haus im Internet gepostet, mit dem Aufruf, eine Rakete darauf abzufeuern, nachdem GSC sich aus dem russischen Markt zurückgezogen hat. Für sie ist der Angriff Russlands und der Krieg so persönlich, wie er nur werden kann. Und hinter ihr steht ein Entwicklerteam, das durch die direkten Hiebe gegen das Studio umso motivierter ist, ein Spiel zu erschaffen, das die Werte der Ukraine vertritt.
