Alte Konsolen an neuen TVs: Die kurze Geschichte der Klone, Minis und Neuauflagen
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Früher war nicht alles besser. Trotzdem sehnen sich immer mehr Spieler die Zeiten zurück, die von Modulen, 2D-Grafik oder dem Lagerkampf Sega gegen Nintendo geprägt waren. Damals, als Begriffe wie Season Pass, Mikrotransaktion und Lootbox noch nicht existierten. Und interessanterweise hält das Jahr 2018 zahlreiche Möglichkeiten bereit, die Vergangenheit gekonnt aufleben zu lassen!
Die Spielebranche ist speziell. Größer, höher, weiter, schneller - so lautet das Motto. Hardware-Bauer, Spieleentwickler und ihre Kunden scheinen stets nach schnelleren Prozessoren, höherer Auflösung und neuartigen Eingabemethoden zu lechzen; und was vorher kam, bleibt gern mal auf der Strecke. Medien wie Film, Musik und Literatur sind sich ihrer Geschichte meist bewusst und bemühen sich, ihren Wurzeln treu zu bleiben. Videospiele taten sich hier hingegen lange Zeit schwer. Oft schien es, als schämten sich die Entwickler für die pixelig-bunten Ursprünge.
Mittlerweile hat sich die Lage gebessert. Je nach System werden euch diverse klassische Spiele über Streaming-Lösungen, Downloads, Discs, Module oder Abwärtskompatibilität zur Vorgänger-Hardware zugänglich gemacht. Das reicht aber nicht jedem. Die Darstellung auf modernen HD-Fernsehern entspricht womöglich nicht der Erinnerung an frühere Röhrenfernseherzeiten. Oder ihr legt Wert auf Original-Controller und seid mit der gebotenen Emulation unzufrieden. Dann könnte ein Hardware-Klon eine interessante Alternative sein. Dabei handelt es sich um einen unlizenzierten Nachbau alter Konsolen-Hardware, deren Patente heute meist erloschen sind - oft mit Anschlussmöglichkeiten für moderne TV-Geräte, Buchsen für alte Controller und (idealerweise) einem Schacht, der die guten alten Module zuverlässig schluckt.
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Alte Klone: Dreist und windig
Hardware-Klone sind heutzutage im Optimalfall sorgfältig produzierte Geräte für Kenner und Nostalgiker. Das war nicht immer so. Bereits in den 1990er-Jahren gab es unlizenzierte Nachbauten technisch obsoleter Hardware, die jedoch meist billig produzierte Technik mit nur einem Zweck waren: uninformierten Zeitgenossen schnell ein paar Deutsche Mark aus der Tasche zu ziehen. Und so finden sich in manch einem Elektro-Ramschladen Konsolen, deren Äußeres frappierend an die Mitte der 1990er-Jahre populäre, erste Playstation-Inkarnation erinnert - die Polystation ist wohl eines der bekanntesten Systeme. Unter der CD-Klappe befindet sich nicht etwa das zu erwartende CD-Laufwerk, sondern ein Modulschacht: Im grauen Pseudo-Playstation-Gehäuse steckt schließlich ein windiger Nachbau von Nintendos guter alter 8-Bit-Hardware.
Quelle: Wikipedia, User nzeemin
Der Dendy Junior sieht fast genauso aus wie ein Famicom, nur die Farbgebung ist anders. Die Variante war in Russland enorm populär.
Solche Systeme sind gemeinhin als "Famiclones" bekannt - ein Mischwort aus der 1983 in Japan erschienenen "Famicom" (hierzulande als NES bekannt) und "Clones". Die Plagiate machten zunächst vor allem in Fernost die Runde. In Japan ist Nintendos 8-Bit-Konsole bis heute das vielleicht beliebteste System aller Zeiten, aber auch in anderen Regionen nicht minder populär - die offizielle Lizenz fehlt den Nachbauten selbstredend. Über Umwege schwappten die Klonkonsolen dann auch nach Europa. Mit der Qualität und Stabilität, die man seit jeher mit Nintendo verbindet, haben diese äußerst billig produzierten Geräte kaum etwas gemein. Trotzdem stellen sie ein spannendes Stück Spielegeschichte dar.
Russischer Dendy
Vor allem Russland blickt auf eine interessante Konsolenklongeschichte zurück: Spiele-Hardware für die Massen gab es in der UdSSR nicht. Doch rund ein Jahr nach Auflösung der Sowjetunion erblickte ein System namens Dendy das Licht der Welt. Produziert in Taiwan und angeboten vom russischen Unternehmen Steepler unter Anleitung eines cleveren Typen namens Victor Savyuk war der Dendy eine astreine unlizenzierte Klon-Hardware. Sie basierte auf dem Famicom, war aber in Russland vollkommen legal erhältlich. Entsprechende Urheber-Gesetze existierten 1992 nicht, und im Herstellerland Taiwan nahm man es Anfang der Neunziger mit solchen Dingen auch nicht so genau. So kam es, dass der Begriff "Dendy" für russische Spieler zum Videospielsynonym wurde.
Es gab Varianten mit Nintendo- oder Sega-Hardware. Da keiner der großen Anbieter eine russische Niederlassung hatte und keine rechtlichen Möglichkeiten existierten, gegen das System mit dem Elefanten-Maskottchen (wegen dem der Dendy gerade in Online-Auktionen fälschlicherweise gerne mal dem deutschen Spielzeughersteller Simba zugeschrieben wird) vorzugehen, erfreute sich das System im ehemaligen Ostblock einige Jahre größter Beliebtheit. Und letztlich öffnete der Dendy die Pforten für lizenzierte Hardware: Nintendo selbst traf 1994 ein Abkommen mit Steepler und Savyuk. Das erlaubte den ehemaligen Hardware-Klonern, das Super Nintendo ganz offiziell in Russland anzubieten.
Minikonsolen erobern die Welt
Mehr als zwei Jahrzehnte später sind Konsolennachbauten auf einmal ein großes Thema, das wir Nintendo zu verdanken haben. Im Jahr 2016 präsentierte das Traditionsunternehmen ein Produkt mit dem durchaus sperrigen Namen "Nintendo Classic Mini: Nintendo Entertainment System".
Quelle: http://crappy-games.wikia.com, User TheRealPeterGreek
Auf Flohmärkten und in mäßig seriösen Elektroläden macht die Polystation die Runde. Das Design der Hardware-Gurke orientiert sich an der kleineren PSone. Verarbeitung und Hardware-Qualität sind unter aller Kanone.
Dabei handelt es sich um den eigenen 8-Bitter im Miniaturformat samt 30 fest installierten Spielen. Die Spielerschaft quittierte die Ankündigung mit generellem Jubel, zum Verkaufsstart der kleinen Konsole waren die Regale innerhalb kürzester Zeit leer geräumt. Jede Nachlieferung sorgte für tumultartige Zustände. Am Ende wurden 2,3 Millionen Exemplare der hübschen Hardware verkauft - und hätte Nintendo mehr Einheiten ausgeliefert und die Produktion im Frühjahr 2017 nicht überraschend eingestellt, wären die Zahlen wohl noch gestiegen.
Nun ist Nintendo nicht der erste Anbieter derartiger Hardware. Schon zuvor gab es Klonsysteme mit eingebauten Spielen, darunter Mega-Drive-basierte Handhelds und Heimkonsolen, zahlreiche Atari-2600-Nachbauten und Competition-Pro-Joysticks mit eingebauten C64-Spielen, die per USB an den PC angeschlossen werden. Doch keines dieser Systeme schlug annähernd ein wie das Mini-NES. Mögliche Gründe gibt es viele, etwa eine schwache Verarbeitung, eine mäßige Emulationsqualität oder fehlende namhafte Titel. Es lässt sich eben nicht leugnen, dass Nintendo gerade hinsichtlich der Videospielnostalgie in einer komplett eigenen Liga spielt. Daher ist es egal, ob die Sound-Emulation nicht immer jeden 8-Bit-Kenner überzeugt, die Controller-Kabel zu kurz sind oder nicht jeder mitgelieferte Titel ein zeitloser Klassiker ist. Die Aussicht, auf einem hübschen NES-Nachbau Super Mario Bros. 3, Mega Man 2 oder The Legend of Zelda per HDMI am modernen TV zu spielen, ist zu verlockend.
Dieser Überraschungserfolg ging am Rest der Branche natürlich nicht spurlos vorbei. Neben einem C64 Mini (mit leider nicht benutzbarer Tastatur-Attrappe) und einer neuen Inkarnation von AtGames' zwar offiziell lizenzierten, doch technisch durchwachsenen Mega-Drive-Nachbauten versucht auch Atari mit einem seltsamen Konsolenkonzept ein vermutlich zum Scheitern verurteiltes Comeback. Nintendo seinerseits stellte im frühen Herbst 2017 das "Nintendo Classic Mini: Super Nintendo Entertainment System" in die Läden: 30 Euro teurer als das Mini-NES, mit neun Spielen weniger, dafür mit einem zweiten Controller, (etwas) längeren Kabeln und dem bisher unveröffentlichten Star Fox 2. Da die Produktion dieses Mal nicht ganz so knapp ausfiel wie beim 8-Bit-Vorgänger, ging dieses System weltweit mehr als fünf Millionen Mal über die Ladentheken. Das sind Zahlen, von denen die gesammelte Konkurrenz nur träumen kann.
Quelle: Medienagentur plassma/Thomas Nickel)
Das NES Mini sorgte 2016 für Aufsehen: Selbst der Hersteller wurde vom Ansturm über-rascht. Dieses Jahr soll eine Neuauflage erscheinen.
Dabei sind diese Minisysteme eigentlich funktional sehr eingeschränkt: Abgesehen vom technisch mauen Mega-Drive-Nachbau schlucken Nintendos Minikonsolen keine Originalmodule. Die Auswahl ist prinzipiell nicht erweiterbar, sofern man sich nicht mit Mods und rechtlich bedenklichen Custom-ROMs herumschlagen möchte. Die Emulation ist gut, aber nicht zu 100 Prozent exakt. Mit optionalen Scanlines sowie Savestates wird das nötige Minimum an Komfort geboten und die attraktive Hülle sowie die einfache Plug-&-Play-Handhabung sind sehr verlockend. Nicht umsonst kündigten mittlerweile auch Sega und SNK eigene Minikonsolen an. Wer hingegen richtig einsteigen will, der hat heute noch ein paar andere Optionen.
Retron und Retro Freak
Quelle: Medienagentur plassma/Thomas Nickel)
Auch das SNES Mini verkaufte sich sehr gut.
Die US-Firma Hyperkin ist schon seit einigen Jahren aktiv und trat oftmals mit technisch durchschnittlichen, meist emulatorbasierten Abspielgeräten für Nintendo-Software in Erscheinung. Doch mit dem im Jahr 2014 erschienenen Retron 5 sorgte das Unternehmen für Wirbel - im Guten wie im Schlechten. Auf der Habenseite sind fünf Modulschächte: Famicom, NES, SNES, Mega Drive und Game Boy. Auf dem Gerät laufen Spiele mit sämtlichen Ländercodes, der vordere Game-Boy-Schacht ist kompatibel mit dem klassischen Original, der Color-Version und sogar dem Advance. Das Bild wird über HDMI an den Fernseher ausgegeben. Patches für Fan-Übersetzungen werden unterstützt. Es gibt einige Grafikoptionen, und wer möchte, kann Original-Controller von NES, SNES und Mega Drive anschließen - eine gute Entscheidung, da das mitgelieferte Retron-Pad über Komfortschwächen verfügt.
Rund 200 Euro werden für den Alleskönner verlangt. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein - und das ist es unter gewissen Gesichtspunkten auch. Für den Hausgebrauch ist das Retron 5 eine feine Konsole. Wer jedoch etwas tiefer in der Materie steckt, erkennt schnell das im Inneren werkelnde Android-System mit entsprechenden Emulatoren. Die Retron liest die Module aus, lädt die Daten in den Speicher und startet den entsprechenden Emulator. Und da die Emus unter der Creative-Commons-Lizenz entwickelt wurden, aber von Hyperkin für ordentlich Geld verkauft werden, ist das eine aus moralischer Sicht fragwürdige Angelegenheit. Die Qualität der eigentlichen Emulation ist sowieso Geschmackssache.
Ganz ähnlich verhält es sich mit dem japanischen Konkurrenten Retro Freak. Die modular aufgebaute Konsole aus dem Hause Cyber Gadget benutzt separate Bauteile für Prozessor, Modulschächte und Controller-Anschlüsse, bietet mit der ganzen PC-Engine-Familie (CD-ROM-Spiele natürlich ausgenommen) ein weiteres unterstütztes Format und erlaubt sogar das Kopieren der Spiele von dem Modul auf eine SD-Karte. Die Krux bleibt jedoch erhalten: Auch der Retro Freak setzt auf Android-basierte Emulation und bietet so zwar eine ordentliche Darstellung, doch Pixelkenner und Retro-Gourmets rümpfen die Nase.
Analog(u)er Luxus
Original-Hardware - darüber ging für die eingefleischten Pixel-Ultras jahrelang nichts. Von der alten Konsole per RGB über den Framemeister in den HD-Fernseher oder besser direkt über RGB in einen hochwertigen Röhren-TV, das war lange Zeit die unschlagbare Referenzklasse. Mittlerweile ist die Sache nicht mehr so eindeutig - dank der US-Firma Analogue. Ihr Ziel ist die Produktion ultimativer Varianten klassischer Konsolen. Das Debütprojekt der Truppe aus Seattle nennt sich Analogue CMVS, eine Konsolenversion von SNKs MVS-Hardware in einem edlen Holzgehäuse. Mit einem Preis von etwa 650 US-Dollar war sie 2011 ein echtes Liebhaberstück. Ähnlich verhielt es sich mit dem Analogue Nt: Im Gegensatz zu anderen NES-Nachbauten setzte diese Konsole im edlen Metallgehäuse nicht auf Emulation, denn im Inneren tickte die echte Famicom- beziehungsweise NES-CPU samt PPU-Chips. Das Bild wurde über feinstes RGB oder (mit entsprechendem Adapter) über HDMI in 1080p mit vielen digitalen Features ausgegeben. Der Preis war in diesem Fall ein gutes Stück über der 500-US-Dollar-Marke.
Quelle: SNK
2018 erscheint SNKs Neo Geo Mini. Sie verfügt über einen Bildschirm, lässt sich aber auch per HDMI an den Fernseher anschließen.
Mit dem Analogue Nt Mini und dem aktuellen Super Nt ändert Analogue seine Herangehensweise: Anstatt auf Original-Hardware setzen die US-Amerikaner jetzt auf FPGA ("Field Programmable Gate Array"). Dahinter verbirgt sich eine recht moderne Technik, bei der ein spezialisierter Chip das Innenleben der alten Geräte so exakt wie möglich abbildet. Bei sorgfältiger Programmierung ist eine FPGA-Hardware von einem echten System nicht zu unterscheiden - weder für euch noch für die Software. Mit einem Preis von etwa 400 US-Dollar ist das momentan nicht lieferbare Analogue Nt Mini die ultimative Variante des NES beziehungsweise Famicom: Eine perfekte Kompatibilität, jede Menge Anschlüsse von RGB bis HDMI und exzellente Grafikoptionen für Auflösung, Bildverhältnis, Scanlines und mehr lassen 8-Bit-Freunden das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Ähnlich verhält es sich mit dem Super Nt, das auf SNES bzw. Super Famicom basiert und mit etwa 190 US-Dollar Analogues erstes Produkt mit einem halbwegs massentauglichen Preis darstellt. Letzterer wird durch den Verzicht auf analoge Ausgänge und das Metallgehäuse der 8-Bitter ermöglicht. Billig wirkt das Super Nt trotzdem nicht. Wertiges, überraschend dickes Plastik, eine exzellente Verarbeitung und ein sehr angenehmes Gewicht überzeugen bei der Haptik. Spielerisch ist das Super Nt sämtlichen emulationsbasierten Kollegen mehr als eine Nasenlänge voraus. Eingabeverzögerungen gibt es nicht, die Grafikoptionen sind konkurrenzlos gut, und jedes noch so exotische Modul wird anstandslos erkannt und angenommen: Super Game Boy, Homebrew und selbst exotische, erweiterbare Module aus dem Hause Hudson laufen problemlos. Auch die gängigen Härtefälle bringt das Super Nt anstandslos auf den Bildschirm: Das "lustige Sporendrama" von Yoshi's Island läuft hier originalgetreuer als Nintendos offizielles Angebot auf dem SNES Mini - vorausgesetzt, ihr füttert das Super Nt mit dem Originalmodul. ROMs werden von Haus aus nicht unterstützt.
Von Raspy und Emus
Führt ihr online eine Diskussion über die diversen Retro-Konsolen, dauert es oft nur wenige Minuten, bis ein melt. Im Netz finden sich kostenlose Emulatoren für (fast) alle denkbaren Systeme vom Atari VCS bis zur Wii U, die dazugehörigen ROMs und CD-Images sind ebenfalls meist nur eine
Quelle: Amazon
Das Neo Geo X war eine lizenzierte Hardware, mit der SNK aber nicht glücklich wurde. Sie schob dem Handheld-Heimkonsolen-Hybriden bald einen Riegel vor.
kurze Google-Suche entfernt. Auch ein sogenannter Retro Pi, ein speziell ausgestatteter Raspberry Pi mit so ziemlich allen Emulatoren dieser Welt, ist schnell und günstig eingerichtet und mit dem HDTV verdrahtet.
Habt ihr den kleinen Retro Pi unterm Fernseher, spielt ihr (im schlimmsten Fall via Tastatur) einen oder zwei Klassiker und verliert womöglich direkt die Motivation. Mit dem Überangebot vergeht schnell die Lust, und davon abgesehen ist der ROM-Download auch noch illegal: Momentan ist Super Mario Bros., eines der nach wie vor besten und unzweifelhaft einflussreichsten Spiele aller Zeiten, für etwa 5 Euro sowohl auf 3DS als auch auf Wii U verfügbar. Der etwas exotischere Arcade-Port Super Mario Bros. VS lockt dagegen die Switch-Fraktion. Da ist es kein Wunder, dass Nintendo es nicht gerne sieht, wenn der 1985er-Klassiker widerrechtlich auf Dutzenden von ROM-Seiten angeboten wird. Und bevor das Argument kommt, man könne doch für ein so altes Spiel heute kein Geld mehr verlangen: Würdet ihr dasselbe über Filme wie Zurück in die Zukunft, Die Goonies oder The Breakfast Club, die aus demselben Jahr stammen, sagen? Wahrscheinlich nicht. Doch beim Thema Videospiele herrscht mancherorts leider ein anderes Werteverständnis.
Schrott aus China?
Seit einigen Monaten richtet die Retro-Gemeinde den Blick gen China: Wo früher Raubkopien und windig zusammengeflickte Klone das Bild beherrschten, hat sich das Niveau in der letzten Zeit überraschend gesteigert. Hersteller wie Retroad und HaoLong bieten für umgerechnet etwa 60 Euro eine Variante von Segas kultigem Mega Drive an, die sich vor den offiziell lizenzierten Versionen des Retro-Ramschladens AtGames nicht verstecken muss. Das Gehäuse entspricht bis auf kleine Farbvariationen der Originalkonsole, geschluckt werden primär japanische und US-amerikanische Module. EU-Cartridges ohne Länderschutz - also so ziemlich alles, was vor 1992 erschien - funktionieren ebenfalls problemlos.
Quelle: Medienagentur plassma/Thomas Nickel
Das Retron 5 ist eines der populärsten Geräte. Das Android-System unterstützt viele Formate und erlaubt das Nutzen von Original-Pads.
Der Clou: Neben den üblichen A/V-Anschlüssen findet sich ein waschechter HDMI-Ausgang, der das Bild in 720p an den modernen HDTV schickt. Allerdings hat die hübsche Kiste auch Nachteile: Der Ton wird lediglich in Mono ausgegeben und klingt nicht bei allen Spielen perfekt. Über HDMI wird außerdem nur das A/V-Signal umgewandelt, astreine RGB-Qualität bleibt leider ein Traum. Auch die Optionen der Konkurrenzmaschinen sucht man vergeblich und Savestates oder Grafikoptionen (Filter; Scanlines) werden hier nicht geboten - das chinesische Mega Drive ist einfach ein System on a Chip. Doch bis kein FPGA-Mega-Drive aus dem Hause Analogue existiert, ist die Anschaffung der unlizenzierten Chinaware für Sega-Freunde durchaus eine Überlegung wert.
Eine echte Überraschung aus China ist die TimeHarvest Jamma CBox MVS. Der Name ist lang und kompliziert, das Gerät dahinter aber hochspannend. In einer hübschen, transparenten Hülle steckt ein Neo-Geo-Arcade-System - also die Variante, die die heutzutage deutlich günstigeren Arcade-Module schluckt. Und es handelt sich nicht um einen Nachbau, sondern um ein waschechtes MVS-1C-Board. Original-Hardware bedeutet schließlich: keine Abstriche, keine Darstellungsfehler, keine Emulationsprobleme, kein Lag! Dazu kommt eine Reihe spannender Anschlüsse. Natürlich könnt ihr das Bild über A/V abgreifen, aber wer Wert auf Qualität legt, der freut sich über SVideo, YUV und feines RGB - da lacht das Retro-Herz! Lediglich Nutzer von RGB-Upscalern sollten aufpassen, da der Anschluss ein paar Volt mehr ausgibt, wodurch wiederum Schäden auftreten könnten. Und für Stereo-Sound ist eine kleine, aber nicht sonderlich komplizierte Mod nötig. Ganz ohne Mod gefallen die Controller-Anschlüsse: Neben zwei SNK-Buchsen für die wundervollen Sticks und Pads von Neo Geo und Neo Geo CD gibt es zwei Anschlüsse für Sega-Saturn-Controller. 2D-Fans schwören seit Mitte der 1990er-Jahre auf die japanischen Saturn-Pads und im Gegensatz zu Controllern aus dem Hause SNK ist Saturn-Hardware auch heute noch erschwinglich. Genau wie das MVS-System selbst: Mit etwa 200 US-Dollar ist das Produkt günstiger als vergleichbare MVS-Konsolen.
Der Preis ist heiß
Der Preis ist bei der ganzen Retro-Thematik ohnehin ein zweischneidiges Schwert. Wer mehr als ROMs und Minikonsolen mit fest installierter
Quelle: AtGames
Die aktuelle Sega-Hardware aus dem Hause AtGames kommt mit vielen Spielen daher, ist unter Kennern aber aufgrund nicht allzu überzeugender Emulation und sperriger Menüführung nicht sonderlich beliebt.
Spieleauswahl möchte, zahlt teilweise ziemlich gesalzene Preise für Originalmodule - insbesondere, wenn noch Wert auf Verpackung und Anleitung gelegt wird. Vor allem verpackte Nintendo-Spiele erreichen zurzeit oft Höchstpreise, Grund sind die sehr empfindlichen und früher gern mal weggeworfenen Papphüllen. Im Sega-Lager sieht's etwas besser aus, doch auch hier wird gerade manch ein horizontal oder vertikal scrollender Shooter im dreistelligen Bereich gehandelt. All das ist freilich nichts gegen die Neo-Geo-Szene: Abgesehen von einer Handvoll wirklich oft produzierter Titel - beispielsweise japanische Versionen von Fatal Fury Special, Art of Fighting 2 oder Samurai Shodown - sind die Preise für AES-Module heute in vielen Fällen jenseits von Gut und Böse. Insbesondere die späten Titel lassen sich die Händler dank oft winziger Auflagen in Gold aufwiegen.
Trotzdem sind die Zeiten für Freunde klassischer Spiele ziemlich gut. Für fast jedes Bedürfnis gibt es heute entsprechende Angebote. Wer mal wieder die alten Lieblinge erleben will, greift zu Retro-Konsolen, der Klassiker-Gourmet lässt sich von Analogues Luxuskonsolen verwöhnen, und experimentierfreudige Naturen durchstöbern die Angebote chinesischer Tüftler. Da lassen sich die ganzen modernen Kontroversen über Free to Play, Games as a Service und Mikrotransaktionen wunderbar für eine Weile ausblenden!
