Warum Epics 1984-Spot eine Verhöhnung und alles politisch ist - Kolumne

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Warum Epics 1984-Spot eine Verhöhnung und alles politisch ist - Kolumne
Quelle: Epic Games

Es tobt ein Streit zwischen Epic Games und Apple (und ein bisschen Google), bei dem Epic mit einen kurzen Video zum Angriff gegen vermeintlich unlautere Methoden der Store-Betreiber geblasen hat. Soweit, so gut. Weniger gut: Darin beruft sich das Unternehmen auf den 1984-Spot von Apple aus den 1980ern. Redakteur Lukas Schmid erklärt in seiner Kolumne, warum er das falsch findet und warum er dahinter eine noch viel größere Problematik sieht.

Jetzt also 1984.

Es tobt gerade ein Streit zwischen Epic Games und den App-Stores von Apple und Google, der im Kern einige interessante Punkte anspricht, sich aber ein wenig anfühlt, als würden zwei Kindergartenkinder in der Sandkiste sich gegenseitig Sand in die Augen werfen, um zu entscheiden, wer seinen Kunden nun den Großteil der Kohle aus der Tasche ziehen darf. Darf so sein, ist hier aber nicht das eigentliche Thema, um das es mir geht - wer sich informieren will, für den habe ich die Hintergründe des Streits ausführlich zusammengefasst.

Nein, mir geht es um einen Schritt, den Epic Games im Rahmen dieses Zungerausstreck-Wettbewerbs getätigt hat: Ein Video, das eine Werbung von Apple aus den 1980ern persifliert, welche wiederum Bezug nimmt auf George Orwells literarisches Meisterwerk "1984" (beziehungsweise die ebenfalls meisterhafte Verfilmung mit John Hurt in der Hauptrolle).

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In Buch wie Film geht es um ein dystopisches England in der (zum Zeitpunkt des Erscheinens der Erzählung im Jahre 1949) fernen Zukunft des Jahres 1984. Ein ewiger Krieg herrscht zwischen den neuen Staatenbunden, die nicht näher definierte Regierung betreibt fortlaufende Geschichtsfälschung, sodass für die unterdrückten Bewohner nur noch eine ewige, zermürbende Gegenwart herrscht; wer nicht pariert, wird einer schlimmen Gehirnwäsche-Prozedur unterzogen und jeder Moment des Lebens wird überwacht durch den Blick des ominösen "Big Brother", der überall von Bildschirmen starrt.

Ein extrem düsteres, extrem deprimierendes, extrem wichtiges Werk. Wer es gelesen und/oder dem Film gesehen hat, wird diese Erfahrung nie wieder vergessen.

Und was machen in den 1980ern Apple und nun Fortnite damit?

Sie verkaufen PCs, die der Unterdrückung durch den bösen Mitbewerber entgegentreten.

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Und sie wehren sich mutig dagegen, dass sie nicht so viel Geld verdienen, wie sie könnten.

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Wow, was für eine Courage das benötigt. Und was für eine stilvolle, reflektierte Nutzung eines Werks es ist, welches eindringlich wie kaum ein zweites die Gefahren von Faschismus, Nationalismus, Populismus und des Überwachungsstaats und den mit nichts aufzuwiegenden Wert der Freiheit aufzeigt.

Schon die Original-Werbung von Apple wird viel zu selten mit kritischem Blick betrachtet, sie gilt als kultiger Spot, ohne dass dieses kapitalistische Ausschlachten in den Fokus gerückt wird. In der Zweitverwertung durch Epic wird's noch bizarrer, da geht der Ursprung der Botschaft endgültig flöten. Nicht nur wird hier mit einer Thematik gearbeitet, welche die Macher ganz offensichtlich nicht verstanden haben - oder die sie nicht interessiert -, es wird auch noch ein billiges "wir gegen die" eingeflochten, was an Zynismus kaum zu übertreffen ist.

So ein Vorgehen ist kein neues Phänomen und beschränkt sich nicht auf die Spiele- beziehungsweise im Falle Apples auf die Technikbranche. Man denke nur an Che Guevaras Gesicht auf so ziemlich jedem Ding, welches als Merchandise herhalten kann; die furchtbare "Musik"-Plörre namens "One Day" des niederländischen DJs Bakermat, welche Martin Luther Kings berühmte Rede während des "March on Washington" in dreieinhalb Minuten Gewalt gegen die Ohren packt, klar ohne zu verstehen, was der Wert des Gesagten ist; oder an die zurecht mit Hohn und Spott überschüttete Pepsi-Werbung mit Kylie Jenner in der Hauptrolle, in der das gerade wieder extrem akute Problem der Polizeigewalt mit einer Diätlimo gelöst wird.

Dieses Problem der Vereinnahmung existiert, es wird nicht weggehen, es ist aber trotzdem zutiefst verstörend und darf nicht zur Normalität werden. Und im Falle der Spielebranche geht es mit ganz besonders gegen den Strich. Weil ich Teil davon bin, andererseits, weil dort dieses gewisse Quäntchen Dreistigkeit besonders sichtbar ist.

Nichts versichern einem die Spielehersteller dieser Welt nämlich lieber, als dass ihre Produkte ja TOTAL UNPOLITISCH seien. Ubisoft ist hier ein Vorreiter, was doppelt ironisch ist, da man einerseits Botschaften von Inklusivität beschwört und sogar in den Vorspann der Spiele packt, dann aber sagt, ein Shooter wie The Division, in dem es um den Zusammenbruch der Weltwirtschaft und das Versagen der Politik geht, sei keinerlei Statement; und vor allem, da, wie immer mehr Berichte zeigen, eine von sexuellen Übergriffen bis hin zur Vergewaltigung und rassistischen Beleidigungen geprägte Betriebsstruktur über Jahre aufrecht erhalten wurde, in der Menschen Angst hatten, ins Büro zu kommen. Es gilt natürlich die Unschuldsvermutung.

Activision Blizzard spricht davon, wie wichtig die Stimme des Einzelnen ist, der sich frei entfalten kann, und sperrt dann einen Profi-Streamer aus Hongkong, der, völlig legitim sich auf diese Message beziehend, Freiheit von China für seine Heimat fordert. Gleichzeitig möchte Blizzard aber auch den so wichtigen Markt auf dem chinesischen Festland nicht gefährden. Unternehmen wie Tencent, die ihre Finger in viel mehr Spielestudios haben, als vielen bewusst ist, haben da auch etwas dagegen und vor allem möchte man es NATÜRLICH nicht riskieren, dass die Ausschüttung an die Aktionäre am Ende des Fiskaljahres unter jener des Vorjahres liegt.

Aber politisch ist das alles nicht! Klar, man kann sagen, dass Kapitalismus und vorauseilende Gehorsamkeit vor diktatorischen Staaten nicht politisch sind. Kann man finden. Dann ist man aber, frei nach Michael Köhlmeier, dumm oder ein Zyniker.

Gemerkt, was ich hier gemacht habe? Ich habe Köhlmeiers vielbeachtete Rede zum Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus 2018 anlässlich der Befreiung des KZ Mauthausen vereinnahmt und sie für meine Zwecke genutzt, bar des ursprünglichen Kontexts. Nein, das war natürlich keinesfalls geschmacklos! Und sollte jemand fragen, war meine inhaltliche Zitation natürlich keineswegs politisch gemeint.

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Ich könnte nun natürlich noch zig Beispiele aufzählen, in denen Spielehersteller überhaupt nicht politisch waren, während sie Spiele über Krieg, Rassenunruhen, behördliche Gewalt und andere Themen produzierten und bewarben. Das soll der Sinn dieser meiner Kolumne aber nicht sein.

Nein, ich stelle einfach eine Forderung in den Raum: Liebe Spielehersteller, seid politisch und steht dazu! Ihr postet schwarze Thumbnails und Regenbogenfarben, wenn es eurem Image gerade nutzt, nur um am nächsten Tag in einer Seifenblase der selbstgerechten Nicht-Zuständigkeit dahinzufliegen, sich Augen und Ohren zuhaltend und "lalala" brüllend. Ihr nutzt Reden, Werke, Momente, welche die Welt verändert haben, um Unterhaltung zu verkaufen, seid aber nicht bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen, euer Verhalten einzuordnen und die politische Natur eurer Taten als solche zu benennen.

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Alles ist politisch. Keine Stellungnahme zu beziehen, wenn es dringend notwendig wäre, weil man sagt, man sei nicht politisch, IST VERDAMMT NOCH MAL POLITISCH. Verschandelt das Werk George Orwells' bis zur Unkenntlichkeit, wenn euch das ein Anliegen ist, aber lügt uns dann nicht an und tischt uns als Entschuldigung Gratis-DLCs und halbgare Ausreden aus. Sagt wenigstens einfach ehrlich, dass es euch nur ums Geld geht. Das ist übrigens auch politisch.

Danke.

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