Zu Besuch beim besten Spiele-Entwickler Deutschlands: Wie die Pixel Maniacs alle Krisen meistern

Special Marc Schmidt Lukas Schmid
Zu Besuch beim besten Spiele-Entwickler Deutschlands: Wie die Pixel Maniacs alle Krisen meistern
Quelle: Benjamin Lochmann / Pixel Maniacs

Während große Gaming-Giganten Tausende Menschen entlassen, bleibt ein kleines Indie-Studio aus Nürnberg standhaft. Wie kann das sein und wieso können es die anderen nicht genauso machen?

Politik, Wirtschaft und Branchenvertreter in schicker Abendgarderobe, umgeben von Scheinwerferlicht und Kameras: Sie alle haben sich an diesem besonderen Abend in München zusammengefunden und halten gespannt den Atem an. Schließlich werden heute beachtliche Preisgelder verteilt. Auf der Bühne steht der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, er hält eine Laudatio.

Er spricht von Hollywood, zusätzlicher Förderung und einer großen Zukunft. Dann ist es so weit, Söder verkündet den Gewinner: Der Name Pixel Maniacs hallt durch die Lautsprecher der abgedunkelten Halle. Ein kleines Team betritt die Bühne und nimmt den Deutschen Computerspielpreis 2024 als "Studio des Jahres" in Empfang. Bei so viel Glamour ist es leicht, die derzeitigen Herausforderungen der Gaming-Branche aus den Augen zu verlieren.

Januar 2024: Microsoft kündigt an, 1.900 Stellen in seiner Gaming-Abteilung zu streichen. Insbesondere Activision Blizzard, aber auch Bethesda sind betroffen. Keinen Monat später zieht Sony nach und baut ebenfalls 900 Stellen ab. Die Videospielbranche macht genau dort weiter, wo sie 2023 aufgehört hat.

Allein zwischen Januar und Mai 2024 haben 9.500 Angestellte weltweit ihren Job in der Games-Industrie verloren. Die Ursachen für diese tiefe Krise sind vielfältig. Eine einfache Antwort auf die Frage nach dem "Warum" existiert nicht.

Einige Wochen nach dem glorreichen Sieg in München treffen wir Benjamin Lochmann, den Geschäftsführer der Pixel Maniacs. An einem sonnigen Mai-Tag machen wir es uns im idyllischen Garten des Studios gemütlich.

"Ich finde schon, dass die Branche in der Krise ist", erklärt er. "Also die Mitarbeitenden haben gerade eine Krise, denn es gibt derzeit viele Entlassungen." Die Grünanlage grenzt an eine ehemalige Fabrikhalle. Seit mittlerweile fünf Jahren betreibt Lochmann hier mit einigen weiteren Indie-Entwicklern einen Co-Working-Space im Nürnberger Süden. Alle handverlesen, wie er kommentiert.

"Wir merken [die Krise] in unserer eigenen Firma überhaupt nicht", offenbart Lochmann. "Bei uns läuft es super". Doch wieso ist das achtköpfige Team nicht davon betroffen? Um diese Frage zu beantworten, lohnt es sich, zurück an den Anfang zu gehen.

Das Büro der Pixel Maniacs Quelle: Benjamin Lochmann / Pixel Maniacs Die ehemalige Fabrikhalle in Nürnberg Eibach wurde von den Pixel Maniacs eigenständig renoviert.

Vom Kinderzimmer zum Co-Working-Space

Die Geschichte hinter dem Aufstieg der Pixel Maniacs ist geprägt von jeder Menge Zufällen und auch einer ordentlichen Portion Glück. Bereits im Alter von 16 Jahren programmierte Ben, wie ihn hier alle nennen, seine ersten Software-Projekte. Die veröffentlichte er auf einer eigenen Webseite. 2003, mit gerade einmal 18 Jahren, gründet er schließlich die "Benjamin Lochmann New Media GmbH", die Firma hinter der Marke Pixel Maniacs, und startet kurz darauf einen Homepage-Baukasten.

Im Jahr 2011 beginnt der heute 38-Jährige zusätzlich, Apps für das damals noch junge Medium Smartphone zu veröffentlichen. Reiner Zufall, wie er erklärt. Auf einer Bahnfahrt ohne Internet schreibt er seine erste App zu einem Trinkspiel namens "Mäxchen". Schnell erkennt er das Potenzial des Geschäftsfelds und engagiert seinen ersten Vollzeitentwickler.

Was folgt, sind über 150 meist kostenlose Spiele wie Sudoku und Vier gewinnt, die größtenteils in "Fließbandarbeit" entstanden sind. Die eigentliche Expertise des Unternehmens besteht zu diesem Zeitpunkt darin, die Programme möglichst schnell und zuverlässig an die Spitze der Charts zu bringen und so Werbeeinnahmen zu generieren.

Das Jahr 2015 markiert schließlich den großen Wendepunkt. Aus purer Neugierde nimmt das Team rund um Lochmann am Game Jam "Ludum Dare" teil. Die Veranstaltung wurde 2002 ins Leben gerufen und findet seitdem regelmäßig statt.

Entwickler aus der ganzen Welt kommen zusammen und versuchen, unter einem vorher festgelegten Thema in 72 Stunden ein Spiel zu erschaffen. Und auch die Truppe rund um Lochmann erstellt mit "Chroma Gun" im Laufe der drei Tage einen ersten Prototyp in Unity.

Im Rätselspiel muss der Spieler verschiedene Testkammern bestreiten und dabei tödliche Fallen überwinden. Im Mittelpunkt stehen die Verwendung und Mischung unterschiedlicher Farben mit der "Chroma Gun". Kommentiert werden die Abenteuer des Spielers durch einen sarkastischen Testleiter.

Nachdem der Mobile-Release des Titels floppte, entschied sich das Team für eine Veröffentlichung auf dem PC via Steam. Dank der finanziellen Rücklagen des Unternehmens war das Risiko der Umstellung auf die neue Plattform zunächst gering. In dieser Zeit entstand auch der Name Pixel Maniacs. Lochmann erinnert sich:

"Wir dachten wirklich, ein Spiel für 100.000 Euro schaffen wir locker. Das war halt vollkommener Unfug. Wir haben unterschätzt, wie aufwendig es ist, so ein Spiel zu machen." Rückblickend resümiert er über den Umstieg auf den Computer: "Das war keine [intelligente] Business-Entscheidung."

Büro der Pixel Maniacs von Außen Quelle: PC Games / Marc Schmidt Mittlerweile haben sich neben den Pixel Maniacs viele weitere engagierte Indie-Entwickler im Coworking Space zusammengefunden. Am Ende war es schließlich die Leidenschaft für Games und die wertschätzenden Erfahrungen auf Messen wie der Gamescom, die dafür gesorgt haben, dass man dem Mobile-Geschäft für immer den Rücken kehrte. Doch wie genau hängt diese Geschichte mit den aktuellen Entwicklungen im Triple-A-Sektor zusammen?

Wirtschaftliche Zwänge

Selbstverständlich ist es schwierig, ein privates Unternehmen wie die Lochmann New Media GmbH mit milliardenschweren Aktiengesellschaften wie Microsoft, EA und Co zu vergleichen. Als börsennotierte Konzerne unterliegen sie deutlich stärkeren wirtschaftlichen Zwängen. Sie besitzen zusätzlich eine Verantwortung gegenüber Investoren und die wollen vor allem steigende Umsätze sehen.

Bildergalerie

Besonders zu Pandemiezeiten erlebte die Videospielbranche ein massives Wachstum und erzielte Rekordgewinne. Laut dem aktuellen Bericht des deutschen Branchenverbands Game wuchs der Markt hierzulande im Jahr 2020 um 33 Prozent (2021: 19 Prozent). Beschwingt von den Traumergebnissen, fingen viele Unternehmen an, zahlreiche kleinere Entwickler aufzukaufen. Wohin dieser Übermut führen kann und welche Auswirkungen das wiederum auf die Branche hat, zeigt sich am Beispiel der Embracher Group.

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