Ausprobiert, für gut befunden: Dieses Spiel ist nur für Freaks

Special Daniel Link
Ausprobiert, für gut befunden: Dieses Spiel ist nur für Freaks
Quelle: Annapurna Interactive

Der Movement-Shooter Neon White ist laut Aussagen des Entwicklers ein Spiel für Freaks - und das ist auch gut so.

Vor etwa zwei Jahren stellte Donut-County-Schöpfer Ben Esposito sein neues Spiel mit dem Satz vor, dass es kein Titel für Erwachsene oder Kinder sei: Sein nächstes Projekt sei nur für Freaks - und wenn das stimmt, dann setzt mir eine schwarze Perücke auf und nennt mich Freakazoid, denn der Movement-Shooter Neon White war eines meiner absoluten Highlights im Jahr 2022.

Die Geschwindigkeit, das spaßige Movement und die innovativen Ideen machten Neon White zu einem richtigen Überraschungshit, der auch heute noch von einer kleinen, aber dedizierten Speedrunning-Community gespielt wird, obwohl das Konzept des Spiels eigentlich recht simpel ist.

Neon White ist ein First-Person-Platformer, in dem ich über die Stages hinweg Karten einsammele, die aber eigentlich Waffen sind. Mit denen kann ich nicht nur wild umher schießen, sondern sie auch noch wegwerfen, um Movement-Fähigkeiten einzusetzen. Die Pistole lässt mich springen, die Maschinenpistole lässt mich ruckartig auf den Boden fallen, durch das Gewehr erhalte ich einen horizontalen Dash.

Jede Waffe kommt mit neuen Movement-Möglichkeiten daher, die ich geschickt einsetzen muss, um so schnell wie möglich das Ziel zu erreichen und nebenbei noch die ganzen Gegner auszuschalten.

Das Plattforming aus Neon White. Quelle: Annapurna Interactive Mit meiner Schrotflinte erledige ich etwa erst eine Ansammlung von Feinden und benutze dann die sekundäre Aktion, um eine Erhöhung zu erreichen. Oder ich schieße ballonähnliche Kreaturen mit meinem Gewehr bereits im Voraus ab, um dann mit dem Dash abzukürzen.

Die Gegner selbst sind nicht mehr als Zielscheiben, doch Neon White ist ein so schnelles und intensives Spiel, dass herausfordernde Widersacher für mehr Frust als Spielspaß sorgen würden.

Bei Neon White geht es nicht darum, in Soulslike-Manier gefährliche Gegner zu überwinden. Man ist eher eine Ein-Mann-Armee, die rasant über die Karte saust und ganz nebenbei Dämonen ins Jenseits - oder das Doppel-Jenseits? - schickt.

Schaut euch einfach mal an, wie spaßig dieser Speedrun aussieht:

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Der Combat gleicht eher einem Puzzle, was den Speedrun-Aspekt des Spiels nur noch verstärkt, denn Neon White lenkt mich nicht mit irgendwelchen Dingen ab und stellt die wichtigen Sachen in den Fokus. Diese Designphilosophie teilt auch die oftmals karge, recht schlichte Optik des Spiels.

Die schwarz gefärbten Gegner und bunten Karten heben sich auf hübsche Art und Weise vom Rest des Levels ab, weswegen man nie herumsuchen muss, wo sich jetzt noch einer der Dämonen versteckt hat. Das bedeutet aber nicht, dass Neon White in irgendeiner Form "hässlich" ist. Das Spiel bietet genügend abwechslungsreiche Szenerien, dass mir beim Spielen nie langweilig wurde.

Die fast schon himmlisch wirkende Architektur, die oft aus verlassenen Ruinen einer antiken Zivilisation besteht, gibt Neon White einen gewissen Charme, der zum Rest des Spiels passt.

Der Spieler verwendet seine Pistolen-Karte, um eine Art Golem auszuschalten. Quelle: Annapurna Interactive Dieses kohärente, intuitive Design hat sich auch allemal bezahlt gemacht. Direkt beim ersten Durchlauf einer Stage fühlt man sich bereits so, als wäre man echt gut in dem Spiel. Anschließend erhält man seine persönliche Bestzeit und sieht an der Rangliste, dass man unfassbar langsam war.

Hat man sich zumindest ausreichend gut angestellt, enthüllt das Spiel eine vom Entwickler platzierte Abkürzung, mit der man seine Bestzeit noch verbessern kann.

Zu den schnellsten Neon-White-Spielern schließt man jedoch erst auf, wenn man die Level nach etwaigen Schwachstellen durchforstet und seine Movement-Fähigkeiten richtig aneinanderreiht, um große Abschnitte einfach zu überspringen.

Der Titel zwingt den Spieler nicht, der schnellste zu sein, bietet aber genug Anreize, dass man seine persönliche Bestzeit immer wieder knacken will. Wer Spiele wie Mirror's Edge gespielt hat, wird genau wissen, wovon ich hier rede.

Neon White ist ein fantastischer Movement-Shooter, der in einem einzelnen Aspekt schwächelt: der Handlung. An das Spiel wurde nämlich eine Visual Novel, welche die Fanfiction eines Zwölfjährigen sein könnte, drangetackert.

Ein Dialog im Stil eines Visual Novels. Quelle: Annapurna Interactive Im Spiel übernehme ich die Rolle von White, einem sich selbst für sehr cool haltenden Typ im Anzug, der zu Lebzeiten Teil einer Verbrecherbande war, die ein wenig an die Serie Deckname: Kids Next Door erinnert.

In den Himmel kommt White daher nicht, doch glücklicherweise fallen irgendwann Dämonen dort ein, weswegen er in einer Art Wettkampf mit anderen Attentätern konkurrieren darf. Wer die meisten Dämonen erledigt, erhält einen All-inclusive-Pass für Gottes Reich.

Die Handlung reicht von äußerst entbehrlich bis hin zu absolut furchtbar. Die Dialoge sind wirklich, wirklich grausig. An mehr als einer Stelle musste ich kurz mein Headset ablegen, um der massiven Fremdscham zu entgehen.

Doch irgendwie hängen sich die Sprecher so ins Zeug und sind voller Elan bei der Sache, dass man es fast schon als "So schlecht, dass es wieder gut ist" bezeichnen könnte.

Eine bessere Story wäre natürlich wünschenswert gewesen, aber zumindest für mich hat sie den Spielspaß in keiner Weise gestört. Sie liefert eher nötige Pausen zwischen den adrenalingeladenen Speedrun-Challenges, als eine fesselnde Narrative. Wer nach einem spannenden Visual Novel sucht, ist mit Spielen wie Slay the Princess ohnehin wesentlich besser bedient. Doch das, was Neon White an den Tisch bringt, findet man sonst nur bei äußerst wenigen Spielen. Neon White erschien am 16. Juni 2022 für Playstation 4, Playstation 6, Xbox One, Xbox Series X|S, Nintendo Switch und den PC. Dort kostet es derzeit knappe 23 Euro.

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