Special zu Detektivspielen, Seite 2

Special Judith Carl Lukas Schmid Philipp Sattler 53,99 €
Special zu Detektivspielen, Seite 2
Quelle: PC Games

Wir haben eine Begeisterung für Mord und Totschlag! Real-Crime-Serien sind auf dem Vormarsch und jeden Sonntag läuft in Deutschland pflichtgemäß der Tatort. Ja, wir haben ein makabres Faible für die Mörderjagd. Kein Wunder, dass Kriminalgeschichten auch aus dem Gaming nicht wegzudenken sind. Wir haben das auf den ersten Blick unscheinbare Nischengenre der Detektivspiele genauer unter die Lupe genommen - und beleuchten einige interessante Vertreter der letzten Jahre.

Einen absoluten Geheimtipp unter den Mystery Games stellt das 2D-Adventure Lamplight City (2018, auch wenn es nicht so aussieht!) dar. In diesem Krimi-Noir spielen wir den tablettenabhängigen Ex-Cop Miles Fordham in einem Steampunk-Setting. Dieser wird stets begleitet von seinem verstorbenen Partner, der als sarkastische Stimme in seinem Kopf mit ihm spricht. Klingt absurd und ziemlich abgefahren? Ist es auch. In erster Linie tritt Lamplight City jedoch als geheimnisvolles, sehr psychologisches Mystery-Adventure mit guter Synchronisation auf. Das sieht optisch zwar retro und sehr traditionell aus, der Plot ist allerdings unkonventionell und außerordentlich spannend.

Wenn man sich an der nostalgischen Pixelgrafik nicht stört, ist Lamplight City ein absolutes Muss für Freunde von guten Mystery-Krimis. Die Rätsel sind allerdings eher konventionell - die Spannung liegt mehr in den Dialogen. In <strong>Lamplight City</strong> bekommt Miles Fordam einen ungewöhnlichen Fall zugeteilt: Eine totgeglaubte ist wieder auferstanden. Quelle: PC Games In Lamplight City bekommt Miles Fordam einen ungewöhnlichen Fall zugeteilt: Eine totgeglaubte ist wieder auferstanden. Ein ähnlicher Leckerbissen ist das Indie-Juwel Kathy Rain (2016). Das Spiel besinnt sich in Optik und Gameplay ebenfalls auf Retro-Point&Clicks und wird in der Handlung noch deutlich surrealer als Lamplight City. Wir spielen zur Abwechslung mal wieder eine coole, punkige junge Frau mit einem Motorrad - ja, die Wahl der Ermittler ist wenig abwechslungsreich, ihr wurdet gewarnt. Kathy ist eine Journalismusstudentin, die in ihren alten Heimatort, ein düsteres, verregnetes Nest mit vielen Geheimnissen, zurückkehrt und dort jede Menge Staub aufwirbelt. Die scharfen Dialoge, der Sprachwitz und die beklemmende Atmosphäre, gespickt mit Elementen des Psychohorrors, ziehen einen schnell in ihren Bann. Das Gameplay ist angenehm simpel und die Rätselketten logisch gestaltet. Die surreale, unheimliche Richtung, die die Geschichte einschlägt, muss man allerdings mögen. Gänsehaut ist dabei jedenfalls sicher.

I Die frechen, bissigen Dialoge mit passendem Voiceacting sind ein Highlight in <strong>Kathy Rain</strong>. Quelle: PC Games Die frechen, bissigen Dialoge mit passendem Voiceacting sind ein Highlight in Kathy Rain. n Sachen Handlung machen es besonders die beiden letzten Titel richtig, sofern man den Charme der Retrografik genießen kann. Die comicartigen Zwischensequenzen, die großartige Musik und die spannenden Wendungen machen allerdings auch Jane Jensens Spiele ziemlich aufregend und einige der langweiligen Stereotype wett. Man könnte fast meinen, die Mystery-Krimis hätten es ein wenig leichter als die Klassiker: Der dezente Grusel zieht einen schnell in seinen Bann und kann gut über andere Schwächen hinwegtrösten. Gerade die Indie-Mysteries sind eine gute Anlaufstelle für unkonventionellere Experimente in der Narration. Anspruchsvolle, gut durchdachte Rätsel finden wir darin allerdings weniger, der Fokus liegt stark auf der Handlung.

Thriller: You wanna play a game?

Die blutige Handlung in <strong>Cognition </strong>ist nichts für Zartbesaitete - die krude Spielgrafik leider auch nicht. Quelle: Reverb Publishing/Phoenix Online Studios Die blutige Handlung in Cognition ist nichts für Zartbesaitete - die krude Spielgrafik leider auch nicht. Nach dem dezenteren Mystery-Grusel geht es nun ans Eingemachte. Spannungsgeladene Polizei-Thriller, in denen wir gefährliche Serienkiller jagen! So zum Beispiel im Adventure Cognition - An Erica Reed Thriller (2012). Hier hatte unsere Jane Jensen zumindest im Hintergrund ihre Finger mit im Spiel, was sich an der einen oder anderen Stelle bemerkbar macht. Das Adventure kommt allerdings härter und blutiger daher als die bisherigen Mystery-Games. Im Spiel haben wir natürlich mal wieder ein Cop-Klischee, wie es im Buche steht: Die Protagonistin Erica Reed ist eine harte Ermittlerin im Alleingang, die mithilfe ihrer paranormalen Fähigkeiten versucht, den sadistischen Mord an ihrem Bruder aufzuklären.

Dabei wandelt sie auf den Spuren des sogenannten Cain-Killers, der Saw-mäßige Psychospielchen mit seinen Opfern treibt. Es gibt das volle Programm: Abgeschnittene Ohren, ausgestochene Augen, Hinrichtung, Folter und unheimliche Püppchen als Beweismittel. Das löst natürlich einen gewissen Nervenkitzel aus, die Schockeffekte und die Gewalt wirken aber etwas zu sehr gewollt. Außerdem hagelt es Thriller-Klischees: Ein vernünftiger Killer braucht natürlich ein Kindheitstrauma und der psychisch gestörte Mörder kann einfach nicht aufhören, weiter zu töten. Warum? Egal. Das kennen wir aus sämtlichen Folgen von Criminal Minds. Hinzu kommt, dass der holprige Versuch einer 3D-Grafik - bis auf die typischen, handgezeichneten Zwischensequenzen - mittlerweile extrem veraltet ist. Am Ende bleibt Cognition allerdings trotzdem extrem spannend und gut erzählt.

Der Humor von Hauptfigur Victoria ist etwas eigenwillig. An den gruseligsten Tatorten klopft sie trotzdem zynische Sprüche. Quelle: PC Games Der Humor von Hauptfigur Victoria ist etwas eigenwillig. An den gruseligsten Tatorten klopft sie trotzdem zynische Sprüche. Ganz ähnlich wie Cognition arbeitet das Thriller-Adventure Still Life (2005). Auch hier haben wir es mit einem unheimlichen Serienkiller zutun, wir steuern mit Victoria McPherson eine coole, abgebrühte Polizistin. An typischen Schockeffekten wie gruseligen Puppen, Blut und unheimlichen Botschaften wird auch nicht gespart und dadurch kommt ganz schön Spannung auf. Wie auch der Thriller um Erica Reed ist das Adventure daher ab 16 freigegeben. Das Interessante hier: Im Spiel wechseln wir zwischen zwei Zeitebenen und Orten, einmal dem Chicago der Gegenwart und einmal dem Prag der späten 20er-Jahre. Dafür ist Hauptfigur Victoria eine normale Ermittlerin ohne paranormale Fähigkeiten, lediglich bewaffnet mit sehr bissigem Sarkasmus.

Die Rätsel des Spiels sind nicht sonderlich spannend. Es überwiegt erneut die Atmosphäre gegenüber der Spielmechanik, wobei viele der Dialoge ziemlich konstruiert sind. Die schwammige, veraltete Grafik ist bei Still Life eher zu verzeihen - immerhin ist es sieben Jahre älter als die Geschichte um Erica Reed. Ertragen müssen wir sie aber trotzdem. Allgemein gilt: Wem Cognition gefällt, dem gefällt vermutlich auch Still Life. Das Thriller-Adventure wurde mittlerweile um einen zweiten Teil ergänzt.

Nachwuchs: Die Profis in Spe

Von Blut und Mord nun ein extremer Sprung zur nächsten Variante der Detektivspiele. Für viele beginnt die Karriere als Spürnase bereits früh mit den deutlich harmloseren Titeln unserer Kindheit. Hierbei handelt es sich meist um Buchadaptionen beliebter Jugend- und Kinderkrimi-Reihen, ebenfalls im klassischen Point&Click-Stil.

E <strong>Nancy Drew - The Sea of Darkness</strong> erweckt eine wunderschöne, dunkle Winterkulisse in Island zum Leben. Quelle: PC Games Nancy Drew - The Sea of Darkness erweckt eine wunderschöne, dunkle Winterkulisse in Island zum Leben. ine umfangreiche Franchise englischsprachiger Kinder- und Jugendspiele ist die Detektivreihe Nancy Drew rund um die rothaarige Teenie-Ermittlerin und ihre Freunde. Mit ihr in der Hauptrolle wurde ein ganzer Stapel Detektiv-Point&Clicks in der Ego-Perspektive erschaffen. Diese können im Gegensatz zu den meisten anderen Krimispielen mit einem Meer aus interessanten Rätseln aufwarten, die oft Geduld und Knobelei erfordern. So zum Beispiel das Spiel Nancy Drew: Last Train to Blue Moon Canyon (2005), das mit etlichen spannenden Puzzles gespickt ist. Die Rätsel und die nette Minispiele machen die Nancy-Drew-Games auch für ältere Adventure-Fans interessant. Erwachsenere Titel könnten sich vom Spielprinzip vielleicht noch etwas abgucken, während der Plot eher bei den Spielen für Kinder bleiben sollte.

Denn die Geschichten sind meist abenteuerlich bis hanebüchen erzählt. Ein neueres Highlight stellt zum Beispiel Nancy Drew: Sea of Darkness (2015) dar. Der Fall erweckt eine bezaubernde isländische Atmosphäre zum Leben und glänzt mit kniffligen Rätseln sowie wunderschöner Hintergrundmusik. Zusätzlich haben die Abenteuer meist einen pädagogischen Wert und wir können beim Spielen etwas dazulernen. Bei Nancy Drew sind allerdings nicht alle Titel gleichermaßen ein Hit. Die Qualität und Spieldauer schwanken wie unser Boot auf dem Isländischen Fjord.

In Alarm in der Geisterbahn belauschen TKKG ein unheilvolles Gespräch und gelangen so an einen neuen Fall im Freizeitpark. Quelle: Tivola In Alarm in der Geisterbahn belauschen TKKG ein unheilvolles Gespräch und gelangen so an einen neuen Fall im Freizeitpark. Was Nancy Drew für Amerika ist, sind hierzulande Reihen wie TKKG. Dementsprechend gibt es über diese vierköpfige Bande aus Hobbydetektiven ebenfalls mehrere Computerspiele. Die Grafik in den Tivola-Spielen ist mit 2D-Hintergründen sehr einfach gehalten und auch das Gameplay ist eher banal. Es gibt viel weniger Rätsel als bei der amerikanischen Detektivin. Meistens laufen wir nur von A nach B und klicken uns durch Dialoge. Dieses unkomplizierte Spielprinzip wäre nichts für Adventure-Veteranen, für Kinder ist es jedoch gut geeignet. Auch der pädagogische Faktor kommt nicht zu kurz: In vielen Folgen lernen wir ganz nebenbei dazu, zum Beispiel über den Ursprung der Schokolade oder die Kunst. Aber auch ernstere Themen wie Drogen oder die Gefahren von Raubkopien werden behandelt - gerne auch mal mit erhobenem Zeigefinger.

Die TKKG-Spiele sind zudem deutlich braver und meist weniger mysteriös als die amerikanische Variante. Auch das Rätseldesign ist sehr einfach und kindgerecht gehalten. Trotzdem gibt auch geheimnisvollere Ermittlungen, zum Beispiel über Voodoo-Puppen oder eine gruselige Sekte. Besonders nett gestaltet sich der Fall TKKG: Alarm in der Geisterbahn (2004), in dem wir ein geplantes Attentat im Vergnügungspark verhindern müssen und dazu eine Vielzahl von kunterbunten Orten voller Attraktionen besuchen dürfen.

Die Lösung des Falls

Wir könnten noch ewig weiterschnüffeln, denn im Bereich Krimi gibt es jede Menge weitere Geheimnisse aufzudecken: Wimmelbildspiele wie Adam Wolfe (2016), episodische Abenteuer wie das Comic-Meisterwerk The Wolf Among us (2013) und auch Rollenspiele wie L.A. Noire (2011) oder Disco Elysium (2019), über das wir alleine einen kompletten Artikel schreiben könnten, was Kollege Maci auch getan hat.

Das Rätsel um gute Detektivspiele ist nicht einfach zu knacken. Fassen wir einmal den Stand der Ermittlungen zusammen. Zuerst die Frage aller Fragen: Haben wir das perfekte Detektivspiel gefunden? Vielleicht nicht ganz. Dafür aber haben wir jede Menge interessante Verdächtige aufs Korn genommen und Hinweise gesammelt, was ein gutes Krimispiel ausmachen kann. In Sachen Spielprinzip haben unsere Untersuchungen ergeben: Es machen vor allem diejenigen Spaß, die sich nach echter Detektivarbeit anfühlen. Das unangefochtene Highlight in Sachen Ermittlungsarbeit ist Sherlock Holmes: Crimes and Punishment. Aber auch knifflige Puzzles können dafür sorgen, dass wir uns nicht nur uninspiriert durch die Krimihandlung klicken, sondern auch unsere grauen Zellen angeregt werden. Die vielen Logikrätsel und Minigames im Jugendkrimi Nancy Drew lockern zum Beispiel das Gameplay ungemein auf - so etwas würden wir uns auch mal in einem Krimispiel für Erwachsene wünschen. Grafisch gibt es in diesem Genre eindeutig noch großen Aufholbedarf, die Optik zum Teil ein kleines Verbrechen für sich. Die neusten Sherlock-Spiele aber auch die kunstvollen Zwischensequenzen in Jane Jensens Mystery-Krimis machen auf dem Gebiet etwas her. Pixelabenteuer wie Kathy Rain wählen aber ebenfalls eine kluge Taktik: lieber absichtlich retro als unabsichtlich veraltet.
Das perfekte Detektivspiel gibt es zwar nicht, dafür hat das Genre jede Menge Spannung, tolle Charaktere und knifflige Rätsel zu bieten.&nbsp; Quelle: Focus Home Interactive Das perfekte Detektivspiel gibt es zwar nicht, dafür hat das Genre jede Menge Spannung, tolle Charaktere und knifflige Rätsel zu bieten.  Auch wenn wir uns einige nervige Klischee-Verstöße notiert haben, müssen Stereotypen nicht immer ein Nachteil sein. Im Fall von Gabriel Knight sorgen diese zum Beispiel durchaus für einige Lacher. Auch unseren guten alten Sherlock wollen wir schließlich genau so typisch erleben, wie wir ihn kennen und lieben. Im Sachen Plot locken besonders Lamplight City oder Kathy Rain mit einigen spannenden Wendungen und guten Dialogen. Auch Gray Matter beschert uns nach anfänglichen Startschwierigkeiten - und damit meinen wir nicht nur das stotternde Motorrad - eine wahnsinnig gefühlvoll erzählte Handlung. In vielen der Detektivspiele, zum Beispiel in The Raven, sorgen zudem ein kinoreifer Soundtrack und eine stimmige Synchronisation dafür, dass wir uns richtig in die Geschichte hineinversetzen können. Wir sollten uns also nicht von den immer wieder gleichen Ermittler-Archetypen täuschen lassen. Viele Krimispiele schaffen es trotzdem, einen spannenden Plot und eine echte Gänsehaut-Atmosphäre aufzubauen. Mehr Abwechslung in der Wahl der Hauptfiguren würde uns in Zukunft aber trotzdem reizen.

Lohnt es sich also, der Begeisterung für virtuelle Mysterien treu und guten Krimispielen auf der Spur zu bleiben? Definitiv, denn das Genre Krimi ist nie ganz ausgeschöpft und kann auch im Gaming so auftreten, wie wir es uns erhofft haben: spannend, gut erzählt und absolut fesselnd. Auf der virtuellen Mörderjagd lassen sich immer wieder überraschende Genre-Perlen entdecken.

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