35 Jahre Elite - Das Special zur Weltraumserie - Teil 2
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Viele Spiele sind gut, einige innovativ und wenige revolutionär. Darüber stehen nur einmalige Meisterwerke - wie Elite von Ian Bell und David Braben, einer der Ur-Väter der offenen Spielwelten und 3D-Technologien. Anlässlich des 35. Geburtstages beleuchten wir den Werdegang der langjährigen Weltraumsimulations-Serie.
Frontier: First Encounters: Das vergessene Sorgenkind
Quelle: Frontier Developments
First Encounters ist das einzige Elite-Spiel, in dem ihr gefilmte Schauspieler zu Gesicht bekommt.
1994 gründet David Braben ein kleines Studio namens Frontier Developments und schiebt bereits Mitte 1995 mit Frontier: First Encounters einen Quasi-Nachfolger hinterher. Was ursprünglich als Add-on geplant ist, endet in einer Generalüberholung des Vorgängers. Entsprechend bleibt das Grundprinzip mit seinem mächtigen Universum, beliebig vielen Missionen und unzähligen Handelsgütern bestehen. Zu den wichtigsten Neuerungen gehört die aufgebohrte Beschaffenheit der Planeten, die nun schön hügelig und bunt texturiert sind.
Die Steuerung von Frontier: First Encounters ist ebenfalls an einigen Stellen spürbar verbessert -vor allem, was die Handhabung des Autopiloten, die Anwahl eines Planeten und die reduzierte Anzahl an Tastenfunktionen betrifft. Der letztgenannte Bonus erhält jedoch sogleich einen Dämpfer, sobald man einen Blick auf die grafische Menüleiste wirft: Waren die Icons in Elite 2 zwar hässlich, aber immerhin klar zu erkennen, so gehen jene in First Encounters im Pixelbrei unter.
In diesem Artikel
Wer eine Station oder einen Raumhafen ansteuert, der wird mit kleinen Filmschnipseln der Händler und Auftraggeber belohnt (allerdings nur in der CD-Version). Ihr könnt erstmals Zeitungen abonnieren, die unter anderem das aktuelle Weltallgeschehen aus der Sicht der drei vorherrschenden Fraktionen kommentieren. Zudem beinhalten sie Hinweise über die 16 speziellen Aufträge, die Frontier Developments per Hand designt hat.
Quelle: Frontier Developments
Die Orbitalstationen in First Encounters sehen deutlich komplexer aus als jene im Ur-Elite.
Im Gegenzug krankt Frontier: First Encounters an zwei gravierenden Problemen, die das Spiel zum schwarzen Schaf der Serie machen: Zum einen ist der Schwierigkeitsgrad viel zu hoch angesiedelt und vergrault vor allem Einsteiger. Ihr trefft von Beginn an auf besonders aggressive Piraten, die euch in Sekunden zu Klump schießen. Wir reden hier wohlgemerkt nicht von irgendwelchen Gegnern, die man mit genügend Übung bezwingen könnte: Mit dem mickrigen Startraumschiff und ohne jegliche Waffenupgrades habt ihr keinerlei Siegchance. Zum anderen gilt Frontier: First Encounters als das fehlerbehaftetste Spiel der Elite-Reihe. Die ursprüngliche Version ist gar von massig, teilweise reproduzierbaren Abstürzen geprägt, die ganze Auftragsarten verhindern. Grund der Misere: der finanziell angeschlagene Publisher GameTek veröffentlicht gegen den Willen von Frontier Developments eine viel zu frühe Version des Spiels. Der Schuss geht letztlich kräftig nach hinten los, Frontier: First Encounters verkauft sich nur ein Fünftel mal so oft wie Frontier: Elite 2.
Kompletter Neustart
Im Laufe der folgenden Jahre verliert die Marke Elite zunehmend an Faszination und Reputation, was nicht zuletzt am Genre selbst liegt. Dieses stößt mit weiteren Hits von Conflict: Freespace (1998) bis Freelancer (2003) rasch an seine Grenzen, weshalb die Spieler das Interesse an den unendlichen Weiten des Weltalls verlieren.
Frontier Developments widmet sich deshalb erst einmal anderen Aufgaben. Das Studio mit Sitz in Cambridge produziert unter anderem das solide Actionspiel V2000 (1998), die Themenpark-Simulation Thrillville (2006), den sympathischen Jump'n'Run-Knobler LostWinds (2008) und diverse Kinect-Spielchen für die Xbox 360. Doch insgeheim kommt Firmengründer Braben nicht von Elite los: Er wünscht sich eine weitere Neuauflage seines Meilensteins, gleichwohl kein Publisher der Welt eine Finanzierung für ein solches Projekt bewilligt.
Die Rettung erfolgt mithilfe von Kickstarter: Beflügelt durch die Ambitionen des US-Indie-Studios Double Fine Production, via Crowdfunding ein neues Point'n'Click-Adventure namens Broken Age zu erschaffen, bittet David Braben seine treuen Fans ebenso um einen "Vorschuss". Mit Erfolg: Anfang 2013 sammelt er über 1,5 Millionen britische Pfund ein, was zum damaligen Kurs in etwa 1,85 Millionen Euro entspricht. Der Titel für das neue Projekt lautet Elite: Dangerous. Und siehe da: Das Spiel ist erstaunlich schnell fertig - oder besser gesagt "spielbar". Genau genommen erhalten einige Kickstarter-Backer Ende 2013 eine Alpha-Version, während fast ein Jahr danach die erste vollwertige Version von Elite: Dangerous erscheint. Nebenbei erwähnt neun Monate später als ursprünglich versprochen, was in der ansonsten so trägen Welt des Crowdfunding beinahe pünktlich ist.
Elite: Dangerous: Das ultimative Online-Universum
Quelle: Frontier Developments
In diesem System von Elite: Dangerous strahlt uns anstatt einer klassischen Sonne ein greller weißer Zwerg an.
Wir nehmen das Fazit gleich vorweg: Elite: Dangerous ist ein richtig gutes Spiel! Es bleibt seinem Anspruch treu, ein ganzes Universum zu generieren und es nach Belieben bereisen zu können. Diesmal sind es gar 400 Milliarden Sternensysteme, die Frontier Developments prozedural berechnen lässt und in denen ihr dank Online-Modus erstmals anderen Weltraumabenteurern begegnet.
Die bewährten Spielmöglichkeiten, sich als Händler, Piraten oder Kopfgeldjäger zu verdingen, mögen nach all den Jahren etwas ausgelutscht wirken. Jedoch profitieren die Macher von der langen Durststrecke, die das Genre seit gut zehn Jahren zum Stillstand gebracht hat: Plötzlich ist wieder ein Markt für eine klassische Weltraumsimulation à la Elite da.
Quelle: Frontier Developments
Das Innere der Orbitalstationen wirkt in Elite: Dangerous erfreulich detailliert und authentisch.
Die Steuerung von Elite: Dangerous ist noch komplexer als bei den Vorgängern und wirkt doch zugänglicher, weil die Entwickler sie deutlich besser präsentieren. Beispielsweise besteht euer virtuelles Cockpit aus mehreren Displays, über die ihr viele relevante Funktionen auswählen könnt - weshalb sogar die späteren Konsolenumsetzungen für Xbox One und Playstation 4 überraschend gut funktionieren. PC-Spieler vertrauen alternativ auf die klassische Bedienvariante mit ihren unzähligen Tastenfunktionen oder besorgen sich einen feschen Analog-Stick wie den Thrustmaster T.Flight Hotas X, der ein besonders authentisches Flugerlebnis bietet.
Die schwerfällige Steuerung mit dem Trägheitsprinzip der Vorgänger ist Vergangenheit, stattdessen überzeugt ein interessanter Kompromiss aus Zugänglichkeit und Realismus. Demnach gibt es drei verschiedene Flugmodi: Im normalen steuert ihr aus der Nähe Stationen an, arrangiert euer Schiff beim Anvisieren von Landeplattformen und kämpft gegen feindlich gesinnte Schiffe. Dank dem Frame-Shift-Antrieb schaltet ihr in den Supercruise-Modus, überwindet mühelos die Lichtgeschwindigkeit und könnt innerhalb eines Systems von einem Planeten zum anderen reisen. Zwar müsst ihr erneut wie in Frontier auf eure Geschwindigkeit achten und rechtzeitig sowie dosiert abbremsen, um nicht meilenweit an eurem Ziel vorbeizuschießen. Jedoch verzeiht das Konzept deutlich mehr Fehler - und ist deshalb dramatisch motivierender. Und möchtet ihr in ein anderes System reisen, dann kommt wie gewohnt eine Art Hyperraumsprung zum Einsatz.
Weltall-Atmosphäre satt
Quelle: Frontier Developments
In diesem System von Elite: Dangerous strahlt uns anstatt einer klassischen Sonne ein greller weißer Zwerg an.
Die größte Überraschung von Elite: Dangerous ist eindeutig die Präsentation, der man das vergleichsweise niedrige Budget und die kurze Entwicklungszeit kaum ansieht. Der Weltraum ist dunkel, beklemmend und atmosphärisch. Die Stationen wirken sowohl von weitem als auch von nahem erfreulich plastisch, während eure Armaturen im feinsten Neonorange leuchten.
Noch besser ist der Sound, der in der Serie bislang ohnehin viel zu kurz gekommen ist: Die Toneffekte von Elite: Dangerous erzeugen ein hervorragendes Science-Fiction-Feeling, allen voran das wuchtige Knarzgeräusch beim Anflug einer Orbitalstation oder der Übergang zwischen den verschiedenen Flugmodi. Ebenso genial ist die von Erasmus Talbot komponierte Musik, die euch mit ihren atemberaubenden Synthie-Symphonien endgültig in den Weiten des Universums versinken lässt. Die Klangkulisse ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass die nach wie vor recht lange Reise von einem Planeten zum nächsten buchstäblich wie im Fluge vergeht.
All das kommt umso mehr zur Geltung, wenn euch mit einer VR-Brille wie Oculus Rift oder HTC Vive ins All-Abenteuer stürzt. Schließlich gehört Elite: Dangerous zu den ersten Vollpreistiteln überhaupt, die auf eine VR-Anbindung setzen - und das ohne Aufpreis!
Geduldspiel für Neulinge
Leider krankt Elite: Dangerous an ein paar Mankos, die gerade aufgrund seiner unbestrittenen Qualitäten verärgern. So ist das Spiel zwar deutlich zugänglicher gestaltet als Frontier oder First Encounters, allerdings verzichtet Frontier Developments jahrelang auf ein gescheites Tutorial und vertröstet seine Käufer mit Erklärungen in Form von lieblosen YouTube-Videos. Erst seit kurzem gibt es dank des sogenannten April-Updates kleine Einstiegsmissionen, die zumindest die zentralen Steuerungselemente erläutern.
Quelle: Frontier Developments
Licht- und Schatteneffekte lassen die Stationen in Elite: Dangerous besonders plastisch aussehen.
Des Weiteren ist Elite: Dangerous vorrangig ein Online-Spiel und setzt auch dann eine laufende Internetverbindung voraus, wenn ihr via Solo-Modus alleine durchs All reisen möchtet. David Braben begründet diese Entscheidung mit dem sich ständig entwickelnden Universum, sei es durch die Einführung weiterer Updates oder das Verhalten der Spieler selbst. Der Online-Zwang sorgt allein deshalb für viel Missmut, weil Kickstarter-Backer erst wenige Monate vor der Veröffentlichung von Elite: Dangerous damit konfrontiert werden. Gerade Fans des alten Elite, die noch mit Disketten und Modulen anstatt digitalen Käufen aufgewachsen sind, empfinden diese Gängelung als höchst unangenehm. Ähnliches gilt für den zickigen Kopierschutz, der selbst Käufer der Steam-Version zum Einrichten eines Frontier-Developments-Accounts zwingt.
Ebenfalls problematisch sieht es mit der Story aus: Diese kam zugegebenermaßen bislang in keinem Elite-Titel groß zur Geltung, ist jedoch für viele Spieler mittlerweile ein wichtiges Kaufkriterium. Im Falle von Dangerous gibt es massig Hintergrundgeschichten sowie Artikel, die Frontier Developments in regelmäßigen Abständen schreibt und in Textform veröffentlicht. Jedoch bekommt ihr diese eben nur zu Gesicht, wenn ihr gezielt danach forscht. Zwischensequenzen oder gar Dialoge mit NPCs? Sind nach wie vor Fehlanzeige.
Wohin geht die Reise?
Gleichzeitig stellt sich die Frage: Braucht Elite: Dangerous so etwas überhaupt? Schließlich geht es hier um das Erkunden und Erleben des Weltalls - und nicht um irgendwelche Seifenopern. Das Spiel bedient nun einmal einen ganz speziellen Markt, weshalb sich Frontier Developments lieber auf die Wünsche seiner treuen Fans konzentriert. Die Entwickler liegen jedenfalls nicht auf der faulen Haut und liefern bis heute fleißig Updates, die teilweise komplett neue Spielfunktionen beinhalten. So können wir uns dank des Powerplay-Features einer von mehreren Mächten anschließen und gemeinsam mit gleichgesinnten Spielern deren Ausbreitung im Universum vorantreiben. Oder wir nehmen seit Einführung der Multicrew-Option Freunde in unser Raumschiff auf, um beispielsweise die Aufgaben zwischen Piloten und Kanonier aufzuteilen.
Quelle: Frontier Developments
Im Supercruise-Flugmodus von Elite: Dangerous werden euch die Umlaufbahnen der umliegenden Planeten angezeigt.
Der Ende 2015 veröffentlichte DLC Horizons lockt mit SRV-Fahrzeugen, mit deren Hilfe ihr die Oberfläche eines Planeten erkunden dürft. Leider beschränkt sich das Feature bislang auf Mond- und Mars-ähnliche Oberflächen ohne Atmosphäre, weshalb die Erkundungstouren schnell eintönig werden. Jedoch könnte Elite: Dangerous einen gewaltigen Sprung nach vorne machen, sobald komplexere Planeten, die unserer Erde ähneln, zugänglich sind. Das bislang mit Abstand coolste Feature rüttelte die Elite-Gemeinschaft im Januar 2017 wach, als ein Spieler erstmals von den außerirdischen Thargoiden abgefangen wurde und einen Blick auf deren bedrohliche, organische Raumschiffe werfen durfte. Frontier Developments hat dieses Ereignis ohne Vorankündigung in eines ihrer Updates integriert und sämtlichen Fans mit einem Schlag klar gemacht: In unserem Universum wird es nicht dauerhaft beim friedlichen Handeln bleiben...
Somit wirkt Elite: Dangerous trotz aller Stärken immer noch unfertig. Dafür ist es seit vier Jahren voll spielbar, entwickelt sich stetig weiter und zählt atmosphärisch zu den aktuell besten Science-Fiction-Titeln. David Braben mag mit Frontier und First Encounters den einen oder anderen Elite-Fan enttäuscht haben. Doch mit Elite: Dangerous und dessen fortlaufenden Entwicklung ist er wieder genau da, wo er gemeinsam mit Ian Bell anno 1984 angefangen hat: bei der Erschaffung von etwas ganz Großem.
