Hogwarts Legacy will zu viel
Kolumne 53,99 €
Hi-Fi Rush ist für Carlo Siebenhüner der Überraschungshit des noch jungen 2023. Was es sogar besser als Hogwarts Legacy macht, erklärt er in seiner Kolumne.
Hogwarts Legacy kann nicht mit Hi-Fi Rush mithalten - zumindest für mich. Diese steile These habe ich bereits auf der ersten Seite aufgestellt. Jetzt führen wir das weiter aus. Versteht mich aber bitte nicht falsch. Ich mag auch Hogwarts Legacy und von meiner Haltung aus der Kolumne vor Release bin ich ein gutes Stück weggerückt. Das Spiel hat mich positiv überrascht. Doch ich merke trotzdem immer wieder, dass die Entwickler zu viel wollten. Schulunterricht, Auserwählten-Story, Zauberkampfsystem, Looten, Crafting, Rollenspiel, Tierzuchtsimulator, Erkundungsspiel, Rätselspiel, das alles und noch mehr steckt in Hogwarts Legacy. Überraschenderweise schafft man es sogar in vielen Fällen, die Mechaniken gut umzusetzen.
Das Kampfsystem finde ich etwa gelungen. Wenn ich einen Kampf immer und immer wieder neu angehe, ohne frustriert zu sein, dann macht das Spiel etwas richtig. Doch dafür fallen an anderer Stelle Dinge hinten runter. Die Interaktion mit der Spielwelt etwa. Da hat man eine wahnsinnig detaillierte Welt gebaut, aber trotzdem fühle ich mich darin wie ein Fremdkörper. Abseits von Questgebern reagieren Leute halbherzig oder gar nicht auf mich und ich darf höchstens mal einen Globus drehen.
Quelle: pcgames
Weniger ist mehr: Was Hi-Fi Rush besser als Hogwarts Legacy macht (8)
Warum darf ich mich nicht auf eine der Bänke in Hogwarts setzen und in Ruhe die Atmosphäre aufsaugen? Wieso darf ich in der großen Halle an den Tischen nichts essen? Weshalb darf ich mich im Schlafsaal nicht schlafen legen? Die Gemeinschaftsräume der Häuser sind zwar schick, aber völlig nutzlos.
Auch an anderen Stellen merkt man, dass viel mehr geplant war und man rigoros die Schere ansetzen musste, weil die Hälfte davon nicht geklappt hat. Quidditch entschuldigt sich mit einer lapidaren Ausrede und wegen des fehlenden Moralsystems haben böse Taten kaum Auswirkungen. Schade, denn dadurch ist Hogwarts Legacy zwar kein schlechtes Spiel geworden, doch es plätschert eben vor sich hin.
Ich bin der festen Überzeugung, hätte man sich von Anfang an auf ein paar wesentliche Grundideen und einige innovative Sachen beschränkt, wäre Hogwarts Legacy ein weit besseres Spiel geworden. Vermutlich hätte man sogar Zeit gehabt, alles vernünftig umzusetzen.
Jetzt kann man natürlich einwerfen, dass der Vergleich zwischen einem linearen Abenteuer mit einem Open-World-Spiel unfair ist, da das eine viel schwieriger zu entwickeln ist. Das ist auch korrekt. Eine Open-World ist aufwendiger, doch schließt das eine nicht das andere aus.
Quelle: Digital Dreams (Youtube)
Weniger ist mehr: Was Hi-Fi Rush besser als Hogwarts Legacy macht (11)
Red Dead Redemption 2 ist ebenfalls gigantisch, schafft es aber dennoch, einer klaren Designphilosophie zu folgen. Story, Charaktere und authentische Spielwelt stehen an erster Stelle, und drumherum wird das Spiel gestrickt. Ein paar Produktionsklassen tiefer steht die Yakuza-Reihe. Auch dort findet man eine klare Designphilosophie: eine wendungsreiche Story, ein knalliges Kampfsystem und absurde Nebenbeschäftigungen.
Gleichzeitig ist auch in der linearen Welt nicht alles rosig. Vor ein paar Wochen habe ich beispielsweise Atomic Heart angespielt. Das war nicht schlecht, aber auch da haben die Entwickler so viele Ideen reingeschmissen, dass ich bezweifle, dass jede davon genug Raum bekommt. Vor allem das Schleichsystem und die offenen Level machen mir Sorgen. Tja, und Battlefield 2042 ist komplett gegen die Wand gefahren, weil es im Grunde keine klare Idee vom Spiel gab, man wollte halt irgendetwas mit Helden haben.
Ihr seht also: Eine klare Linie ist unfassbar wichtig in der Spieleentwicklung. Falls ihr mir in dem einen oder anderen Beispiel nicht zustimmt, ist das auf jeden Fall legitim. Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass wenn ihr jetzt an euer absolutes Lieblingsspiel denkt, ihr ebenfalls die Ideen herausfiltern könnt, bei denen die Entwickler mit einer Vision im Hinterkopf an die Sache rangegangen sind. Genau das ist es, was das Spiel zu etwas Besonderem macht.
