Hassliebe und Katastrophentourismus bei Fallout 76, Dark Souls 2 & Co. - Warum mich schlechte Spiele faszinieren!

Kolumne Stefan Wilhelm 53,99 €
Hassliebe und Katastrophentourismus bei Fallout 76, Dark Souls 2 & Co. - Warum mich schlechte Spiele faszinieren!
Quelle: Bethesda

Eigentlich sollte es doch relativ leicht herauszufinden sein, mit welchen Spielen man seine wertvolle Freizeit verbringen will. Gut sollten sie natürlich sein, und Lust sollte man drauf haben, fertig. Oder? Jein! Denn manchmal kann Redakteur Stefan einfach nicht anders, als stundenlang Games zu spielen, die er insgeheim ziemlich bescheiden findet. Das schreit nach einer gnadenlosen Analyse!

Stundenlang ein Spiel zu spielen, das man gar nicht mag - das ist etwas, das Fans von FIFA und Call of Duty wahrscheinlich nur zu gut kennen. Und auch ich bemerke dieses Phänomen manchmal bei mir, viel zu viel meiner wertvollen Freizeit in Spielen zu verbringen, die ich nicht mal sonderlich gut finde. Während etwa ein Red Dead Redemption 2 noch immer undurchgespielt auf meinem Stapel der Schande liegt, habe ich Homefront: The Revolution vollständig beendet. Auch bei Witcher 3 habe ich das Finale nicht erlebt, dafür 80 Stunden in Biowares Anthem investiert. Und meine Complete Edition von Horizon Zero Dawn habe ich noch nicht einmal ausgepackt, dafür prangt die Platin-Trophäe von Call of Duty: Ghosts gleich zwei Mal auf meinem PSN-Account.

Je nachdem, ob ihr die genannten Spiele genauso mittelmäßig findet, wie ich, fragt ihr euch jetzt: Was ist denn los mit ihm? Ist das Masochismus, oder Geschmacksverirrung, oder eine ungesunde Mischung aus beidem? Und glaubt mir, diese Frage stelle ich mir selbst des Öfteren. So oft sogar, dass ich der Sache heute einmal auf den Grund gehen will. Ich nehme mir drei Spiele vor, denen ich viel zu viel Zeit gewidmet habe, gemessen daran, wie schlecht ich sie eigentlich finde, und versuche dabei, das große "Warum" herauszufinden. Und wer weiß, vielleicht finden sich sogar ein paar Gleichgesinnte, und wir können eine anonyme Selbsthilfegruppe gründen - die geheimen Geschmacksverweigerer, vielleicht?
Wir beginnen mit dem objektiv wahrscheinlich besten Titel auf meiner schwarzen Liste. Mit einem Spiel, mit dem ich erst innerlich abschließen musste, um es in irgendeiner Form wertschätzen zu können. Mit einem Sequel, das mir irgendwo immer noch tief in der finsteren Fan-Seele wehtut. Manege frei für Dark Souls 2!

Durch dick und dünn, oder: Die wirklich wichtigen Dinge erkennen

Hassliebe und Katastrophentourismus bei Fallout 76, Dark Souls 2 & Co. - Warum mich schlechte Spiele faszinieren! (4) Quelle: From Software Hassliebe und Katastrophentourismus bei Fallout 76, Dark Souls 2 & Co. - Warum mich schlechte Spiele faszinieren! (4) Wollte man meine komplizierte Beziehung zu Dark Souls 2 treffend an einer einzigen Situation festmachen, wäre es die folgende: Es war Frühling 2018, Dark Souls Remastered stand vor der Tür und ich saß, mit vermutlich ungesund hohem Puls, vor dem Sequel eines meiner absoluten Lieblingsspiele. Parallel dazu hörte ich eine neunstündige (!) Rezension auf YouTube, in der Dark Souls 2 mit chirurgischer Präzision Stück für Stück zerlegt wird. Meine Mission: Mir alle Trophäen im Spiel zu erkämpfen und Dark Souls 2 dabei hoffentlich endlich zu verstehen. Ich spiele also stundenlang ein Spiel, das ich nicht mag, und höre dabei Leuten zu, die es auch nicht mögen? Das klingt höchstwahrscheinlich sinnlos und kontraproduktiv. Also lasst es mich erklären!

Hassliebe und Katastrophentourismus bei Fallout 76, Dark Souls 2 & Co. - Warum mich schlechte Spiele faszinieren! (5) Quelle: From Software Hassliebe und Katastrophentourismus bei Fallout 76, Dark Souls 2 & Co. - Warum mich schlechte Spiele faszinieren! (5) Was mich immer wieder dazu bewegte, das Spiel zu starten und mir ewig lange, kritische Analysen darüber anzusehen, war dieses Gefühl, dass sie immer noch irgendwo da drin war: Die magische Souls-Formel, die für mich zum besten gehört, was Videospiele in den letzten 20 Jahren hervorgebracht haben. Ich wollte verstehen, was genau bei Dark Souls 2 schiefging, und was die anderen Spiele der Reihe für mich so viel besser macht. Kurz: Ich wollte den Finger drauflegen können! Und inmitten all des faulen Boss-Recyclings, des hirnrissigen Leveldesigns und des künstlichen Schwierigkeitsgrades fand ich ... ein insgesamt ganz ordentliches Action-Rollenspiel, bei dem die Entwickler vieles richtiggemacht, aber eben auch manches falsch verstanden hatten. Und die Erkenntnis, dass man sich auch die schwächsten Vertreter seiner Lieblingsreihen und -genres mal ansehen sollte, um die guten noch mehr wertschätzen zu können!

Was nun folgt, ist ein Statement, das man wahrscheinlich nur in der Praxis eines Psychotherapeuten aussprechen sollte: Ich habe über 250 Stunden in Fallout 76 verbracht. In dieser Zeit hätte ich mir mindestens die 50 besten Filme aller Zeiten ansehen können, oder mich mit dem Schneeballsystem eines abgehalfterten Online-Coaches finanziell ruinieren. Aber ich hatte schlechteres zu tun!

Katastrophentourismus und das "Podcast-Spiel"

Wenn die Gaming-Welt mal wieder kollektiv auf dem neusten verbuggten Desaster rumtrampelt, dann kann ich manchmal einfach nicht anders, als meinem inneren Katastrophentouristen nachzugeben und mir die Sache mit eigenen Augen anzusehen. So geschehen zuletzt bei Fallout 76, der Atombombe unter den unfertigen Service Games. Angefixt von unzähligen Meme-Videos, wütenden Reviews und den nicht enden wollenden PR-Fettnäpfchen des Publishers musste ich einfach wissen, was in aller Welt mit diesem Spiel los war.

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Und mein lieber, verstrahlter Schwan, ich wurde nicht enttäuscht: Während ich bei 15 Bildern pro Sekunde durchs ruinierte West Virginia stapfte, brachte mich das Spiel an jeder Ecke mit einem neuen, bizarren Glitch zum Lachen. Alle paar Minuten zerfiel die völlig überforderte Engine vor meinen Augen in ihre Einzelteile. Und während ich natürlich auch mit den Spielern mitfühlte, die Vollpreis für den Titel bezahlt hatten, fühlte ich mich hervorragend unterhalten - wenn auch nicht aus den Gründen, die Bethesda ursprünglich geplant hatte. Fallout 76 war wie ein seltsam faszinierendes Autowrack, das niemals aufhörte, zu brennen.

Hassliebe und Katastrophentourismus bei Fallout 76, Dark Souls 2 & Co. - Warum mich schlechte Spiele faszinieren! (3) Quelle: Bethesda Hassliebe und Katastrophentourismus bei Fallout 76, Dark Souls 2 & Co. - Warum mich schlechte Spiele faszinieren! (3) Den Großteil meiner Spielzeit habe ich aber erst nach dem Wastelanders-Update investiert, mit dem es neben einiger Stunden vom guten, alten Bethesda-Feeling mittlerweile auch Fixes für die gröbsten Fehler ins Spiel geschafft hatten. Aus ironischem Katastrophentourismus wurde also mehr ernsthaftes Spielen, und die ewige Ressourcen-Tretmühle von Fallout 76 hielt mich dann doch länger bei der Stange, als mir lieb ist. Denn, und das ist der zweite Grund, warum ich so viel Zeit in das Spiel versenkt habe, es eignet sich hervorragend dazu, sich einfach virtuell berieseln zu lassen. Stundenlang die abwechslungsreiche Spielwelt zu erforschen, allerlei Zeugs zu sammeln und dabei meine Playlist mit kitschigem Fifties-Pop laufen zu lassen, war eine Zeit lang meine liebste Abendbeschäftigung. Ich werde weder spielerisch noch erzählerisch gefordert und kann mir währenddessen irgendetwas anhören, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, dem Spiel nicht die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Klar, meistens bevorzuge ich natürlich anspruchsvolle Games mit Tiefgang - aber manchmal ist virtuelles Junkfood wie Fallout 76 eben genau das richtige!
Hassliebe und Katastrophentourismus bei Fallout 76, Dark Souls 2 & Co. - Warum mich schlechte Spiele faszinieren! (2) Quelle: Bethesda Hassliebe und Katastrophentourismus bei Fallout 76, Dark Souls 2 & Co. - Warum mich schlechte Spiele faszinieren! (2) Kommen wir abschließend zu einem Spiel, bei dem ich die Frage, warum ich es mir angetan habe, recht einfach beantworten kann: Ein Faible für Trash und das schlechte Gewissen, beim Blindkauf am Erscheinungstag den Vollpreis hingeblättert zu haben. Left Alive, das sind deine paar Zeilen im Rampenlicht!

Kaufreue und Trashfaktor

Hassliebe und Katastrophentourismus bei Fallout 76, Dark Souls 2 & Co. - Warum mich schlechte Spiele faszinieren! (6) Quelle: Square Enix Hassliebe und Katastrophentourismus bei Fallout 76, Dark Souls 2 & Co. - Warum mich schlechte Spiele faszinieren! (6) Als Fan von Metal Gear Solid und Kampfroboter-Action im Allgemeinen war Left Alive trotz des kaum vorhandenen Marketings und dem geringen Interesse der Gaming-Öffentlichkeit für mich einer der spannenderen Titel 2019. Die wahnsinnig hakelige Steuerung, Technik von vorgestern und die grenzdebilen Dialoge konnte ich dem Spiel gerade noch verzeihen, damit muss man bei japanischer AA-Ware eben manchmal rechnen. Dass der Titel als Stealth-Game ausgelegt war, und dabei auf Features wie Takedowns, funktionierende Gegner-KI und sinnvolles Leveldesign verzichtete, erstickte hingegen jeglichen Spaß sofort im Keim. So rollte ich wie ein Souls-Neuling im ersten Bosskampf blindlings durch die Gegend, wurde von Gegnerhorden durchsiebt und war, kurz gesagt, mit der Gesamtsituation unzufrieden. 60 Euro hatte ich verbraten! Und nicht einmal eine gewisse, abgehalfterte Spieleladen-Kette wollte mir das Ding für einen schlechten Preis wieder abkaufen!
Hassliebe und Katastrophentourismus bei Fallout 76, Dark Souls 2 & Co. - Warum mich schlechte Spiele faszinieren! (7) Quelle: Square Enix Hassliebe und Katastrophentourismus bei Fallout 76, Dark Souls 2 & Co. - Warum mich schlechte Spiele faszinieren! (7) Nun gut, dann musste ich eben durch. Jeglicher Anspruch war ohnehin beim Fenster raus, ich wollte nur sehen, welche Gamedesign- und Story-Abgründe sich im Spielverlauf noch auftun würden. Und das waren so einige. Wo ein Dark Souls 2 nur im Vergleich mit dem Rest der Reihe den Kürzeren zieht und Fallout 76 das Pech hatte, geschätzte zwei Jahre zu früh auf den Markt zu kommen, ist Left Alive ein schlechtes Spiel in einer Art, die man heutzutage nur noch selten sieht. Kein monotones Service-Game mit immerhin gelungenem Gameplay-Loop. Kein ungeschliffenes Juwel, das durch genug Updates irgendwann besser wird. Kein erster Gehversuch eines Indie-Entwicklers und auch kein Asset-Flip auf Steam. Nein, es ist ein Titel von namhaften Entwicklern und einem großen Publisher, in dem einfach nur alles schiefläuft, was schieflaufen kann. Ein Schrottspiel der alten Schule, wenn man so will. Und das macht es für mich irgendwie schon wieder spielenswert!

Sei es nun also wegen Fan-Treue zu meinen Lieblings-Franchises, um mich einfach mal wieder virtuell berieseln zu lassen, oder wegen der simplen Faszination des Grauens: Ich werde wohl niemals damit aufhören, mit voller Absicht schlechte Spiele zu spielen.

Aber wie sieht's bei euch aus? Spielt ihr nur das Beste vom Besten oder greift ihr auch mal mit Absicht in die Tonne? Schreibt mir eure ganz persönlichen Hasslieben in die Kommentare!

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