Nach Jahren in Online-Shootern weiß ich endlich, worauf es ankommt

Kolumne Antonia Dreßler
Nach Jahren in Online-Shootern weiß ich endlich, worauf es ankommt
Quelle: PC Games

Ein Hinweis: Es ist nicht Fairness und Waffenpräzision

Das Genie beherrscht das Chaos

Ihr merkt schon, "Chaos" ist das Zauberwort und der Zustand, ja, ich möchte fast sagen das Lebensgefühl, in dem ich mich am wohlsten fühle. Das ist nicht unbedingt spiele-exklusiv, sondern lässt sich ebenso gut durch einen Blick auf meinen Schreibtisch deduzieren. Weil ich im echten Leben dafür aber angemeckert werde, muss ich diesen Hang zur Unordnung regelmäßig in Spielen ausleben.

Und deswegen freue ich mich auch so auf den baldigen Release von FragPunk, das ich im Rahmen eines Vorschauevents spielen konnte. Kenner wissen, dass es letztes Jahr bereits Testphasen gab, in denen Spieler in den neuen Hero-Shooter reinstarten konnten. Das Coole an FragPunk sind die kurzen Rundenzeiten und eine besondere Kartenmechanik, die sämtliche Spielregeln auf den Kopf stellt.

Jedes Mal, wenn eine neue Runde losgeht, kann man im Team abstimmen, welche Karten man nutzen will. Dadurch aktiviert sich dann zum Beispiel ein aufgeladener Sprung, der zu nah stehende Gegner beim Landen umwirft und betäubt. Oder man kann die ganze Karte mit Eis überziehen und das Spiel so zu einer Rutschpartie machen. Auch kann man die Spielwelten mit Pflanzen überwuchern lassen, die einen nahezu unsichtbar machen. Dazu kommen Fähigkeiten wie Teleports, seine Lebensleiste mit der seines Gegners zu tauschen oder dem Gegnerteam größere Köpfe zu verpassen.

Ohne jetzt jede einzelne der über hundert möglichen Karten aufzählen zu wollen, habe ich hoffentlich rübergebracht, wie chaotisch FragPunk sein kann, einfach weil so viel auf einmal passiert. Doch so begeistert ich auch bin, befürchte ich, dass FragPunk schnell wieder in der Versenkung verschwinden könnte. Nicht weil es nicht gut ist, sondern weil es nur bedingt E-Sport-geeignet ist und sich E-Sport-Titel viel eher über Wasser halten können. Immerhin sorgen etwaige Preisgelder und Unterstützung für Verbände auch für mehr Reichweite und potenzielle Spieler.

Spaß ≠ Fairness

Das Problem bei Spielen wie FragPunk: Mehr Chaos sorgt nicht unbedingt für fairere Bedingungen. Aber es will sich eben nicht jeder in einem fairen Kampf messen. Ich habe viel mehr Spaß, wenn ab und zu etwas Unvorhergesehenes passiert und man auch einfach mal durch Glück oder Zufall gewinnt oder verliert. Ich denke heute noch daran, wie mein Team in dem Shooter The Finals ein Match gewonnen hat, nicht weil wir so gut waren, sondern weil wir als Erstes einen Tresor aktiviert haben, der uns die entscheidenden Punkte geben sollte.

Nachdem wir rücklings aus eigener Blödheit erschossen wurden, konnten wir nur noch dabei zusehen, wie uns jemand anderes den Sieg stiehlt. Da sich alle anderen Teams aber auch dauerhaft unter Beschuss nahmen, hat niemand den Tresor deaktiviert, sodass die Punkte gezählt wurden. Die Aufregung, die in meinem Team langsam hochkochte, als wir alle gebannt über den Todes-Bildschirm zuschauten, löste sich in frenetische Jubelschreie auf.

Dieses Gefühl und solche Geschichten sind es, warum ich gerne und auch mit anderen Leuten zusammen zocke. Und deswegen geht für mich chaotischer Spaß immer über kompetitiven und fairen Wettbewerb. Ein Genre, das innerhalb der Shooter viel öfter bedient werden sollte und generell mehr Liebe verdient.

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