Identifikation mit Videospiel-Figuren: Eine bizarre Scheindebatte
Kolumne 53,99 €
Wie wichtig ist es, sich mit Videospiel-Figuren identifizieren zu können? Offenbar sehr wichtig, zumindest, wenn es nach einer kleinen, aber lauten Minderheit geht. Redakteur Lukas Schmid findet in seiner Kolumne, dass das eine bescheuerte Scheindiskussion ist.
Es wurde mir jetzt schon ein paar Mal vorgeworfen, darum möchte ich an dieser Stelle klarstellen: Ich schreibe meine Kolumnen natürlich nicht beziehungsweise wähle Themen nicht aus, weil ich hoffe, damit möglichst viele Leute in Rage bringen zu können. Ich habe eine Meinung, die ich vertrete, höre ich gute Gegenargumente, adaptiere ich sie unter Umständen, und sollte irgendjemand wegen dieser Meinung wütend werden - joah, dann tut mir das leid, aber kann ich auch nichts dagegen tun.
Auf dieser Seite
Und die Tatsache, dass ich sogar beim absoluten Softthema "Zehn Wünsche an Zelda: Breath of the Wild" von manchen Leuten in den sozialen Netzwerken auf den Kopf bekommen habe, zeigt, dass man es eh nie denen recht machen kann, die sich empören wollen.
Jedenfalls, nach diesem kurzen Exkurs nun zum Thema meiner diesmaligen Kolumne - der Debatte um die Relevanz von Identifikation mit Videospielfiguren und warum ich sie bescheuert finde! Eieiei, das hätte ich mir noch einmal überlegen sollen ...
Über den Autor
Quelle: Lukas Schmid
Identifikation mit Videospiel-Figuren: Eine bizarre Scheindebatte (6)
Lukas Schmid arbeitet seit 2010 in unterschiedlichen Funktionen bei Computec Media und damit bei PC Games, zuerst als Praktikant, anschließend als freier Mitarbeiter, dann als Volontär, Redakteur und inzwischen als Leitender Redakteur für pcgames.de, videogameszone.de, gamesaktuell.de und gamezone.de. Er liebt Action, Adventure, Action-Adventures, Shooter, Jump & Runs, Horror und Rollenspiele, mit Strategietiteln, den meisten Rogue-likes und Militärsimulationen kann man ihn jagen. Jeden Samstag um ca. 09:00 Uhr teilt er euch in seiner Kolumne mit, was ihn gerade wieder nervt oder freut. Hasskommentare und Liebesbriefe gerne in die Kommentare unter der Kolumne, an [email protected] oder auf Twitter an @Schmid_Luki.
Ist hier etwa Weibsvolk anwesend?
Quelle: buffed
Identifikation mit Videospiel-Figuren: Eine bizarre Scheindebatte (2)
Die Frage taucht vor allem in einem Kontext immer wieder auf: Wenn eine Frau die Hauptrolle in einem Videospiel einnimmt. Inzwischen sollte dieser Umstand angesichts von Horizon: Zero Dawn, Tomb Raider, Hellblade: Senua's Sacrifice und vielen, vielen anderen Titeln eigentlich nicht mehr dafür sorgen, dass einem vor lauter Schock das Monokel in den Champagner fällt, aber er ist trotzdem noch immer ein Thema. Egal bei welcher Ankündigung, auch auf unseren Seiten und Kanälen, immer sind sofort diejenigen parat, die erklären, Spiel A oder B sei unspielbar, weil man sich da nicht in die Spielfigur reinversetzen könne.
Schon klar, eigentlich ist's ein nischiges Thema, denn es ist wie so oft eine kleine, laute Gruppe, die da immer aufschreit. Aber, und das ist hier wie bei so vielen anderen vermeintlich kontroversen Themen im Internet das Problem: Wird laut geschrien, wird zugehört, und Nichtthemen wird auf einmal Relevanz zugesprochen.
Bin ich Teil des Problems, weil ich es hier thematisiere? Auf jeden Fall, aber so ist das eben mit Teufelskreisen dieser Art - verweigert man die Reaktion, gewinnt die Gegenseite an Einfluss, reagiert man, gewinnt sie ebenfalls durch die Kenntnisnahme. Meiner Meinung nach ist Schweigen aber der falsche Weg, denn dieses wird zu oft und schnell mit Akzeptanz verwechselt.
Männer sind so
Darum, handeln wir die Argumentation doch mal möglichst nüchtern ab. Also, als Mann - ich behaupte jetzt mal, die emotionale Aufwühlung durch virtuelle Eierstöcke in ihrem Blickfeld betrifft vor allem Vertreter meines Geschlechts - kannst du dich nicht mit einer Frau identifizieren.
Eine etwas eingeschränkte Sichtweise, ich würde da ja eher auf Aspekte wie den Charakter der Figur, ihre Prägung und so weiter setzen, aber ja, durchaus legitim. Männer sind Männer und Frauen Frauen, da kann man schwer dagegen argumentieren.
... und direkt danach zerfällt die Argumentation. Da muss ich jetzt gar keine billigen Tricks auspacken wie "und beim Rennspiel identifizierst du dich dann mit dem Mercedes?", sondern kann auch einfach bei Spielen mit Lebewesen beziehungsweise denkenden Wesen als Spielfigur bleiben.
Hauptsache Hoden
Quelle: Rare
Identifikation mit Videospiel-Figuren: Eine bizarre Scheindebatte (3)
Wenn jemand nicht seine Identifikations-Interpretation wirklich beinhart durchzieht, dann war er wohl schon oft in seinem Spielerleben kein Mann. Sogar wenn man nicht auf Knuddel-Games steht, ist einem im Laufe eines Zockerlebens bestimmt oftmals eine Spielfigur untergekommen, bei der das mit der Geschlechts- und vor allem Artenzugehörigkeit so eine Sache ist.
Ein Eichhörnchen in Conker's Bad Fur Day? Ein Außerirdischer in Destroy All Humans? Ein kleiner Junge in Inside? Mega Man? Irgendwelche völlig abgefahrenen Wesen in japanischen Rollenspielen?
Es ist nicht sinnvoll, hier mit Listen oder zig Beispielen zu arbeiten, denn es ist klar: Wenn eine Frau zur Identifikation nicht taugt, weil man als charakterliches Alleinstellungsmerkmal den Sack zwischen den Beinen auserkoren hat, dann Gratulation, dass man zum Beispiel etwa einen blauen Igel als sich näher ansieht als jemanden, der da vorne noch ausgeprägtere Milchdrüsen als man selbst mit sich trägt.
Emotional ergreifende Eckigkeit
Quelle: PC Games
Identifikation mit Videospiel-Figuren: Eine bizarre Scheindebatte (4)
Kurz: Es ist absolut bescheuert, Identifikation am Geschlecht festzumachen, weil sofort zig Spiele, die für den so Argumentierenden trotzdem infrage kommen, diese vermeintliche Überzeugung als Blödsinn entlarven.
Wenn eine Spielfigur gut geschrieben ist, ist es doch völlig wurscht, was sie ist. In Thomas Was Alone spielt man ein verdammtes Viereck, und das verfügt über mehr Charakter als so manche Pappnase aus zu Tode produzierten Blockbuster-Spielen. Sich auf einen so unwesentlichen Faktor wie das Geschlecht einzuschießen, zeugt im besten Fall somit von einem furchtbar eingeschränkten Weltbild, ansonsten von Misogynie und von nichts weiter.
Ich bin ich
Quelle: PC Games
Identifikation mit Videospiel-Figuren: Eine bizarre Scheindebatte (5)
Und woher kommt überhaupt dieser Wahn, dass es ohne Identifikation nicht geht? Wie langweilig ist es bitte, nur Figuren zu spielen, die idealerweise möglichst genauso sind wie ich? Ich will fremde Emotionen spüren, Entscheidungen nicht gutheißen, eine Figur, die ich kontrolliere, auch mal so richtig hassen - ansonsten kann ich auch in den Spiegel gucken und mir dabei zufrieden auf die Schulter klopfen.
Ich sag nicht, dass es nicht befriedigend sein kann, eine Figur angelehnt an sich selbst zu steuern. Das ist vor allem gewissen Arten von Rollenspielen der Fall, und da gibt es dann auch in den meisten Fällen die Geschlechterauswahl-Option, siehe Mass Effect oder Fallout. Aber Spiele sind halt so viel mehr als nur diese Nische, und zumindest ich persönlich finde es auch dort reizvoller, eine Figur zu erschaffen, die ich im echten Leben nicht bin - sei es eben schlicht eine Frau, oder aber eine Orkin, ein Elfenmann, ein Roboter, eine Androidin, ein Zwerg oder sonst irgendein Fantasy-Wesen. Divinity: Original Sin 2 ist hier ein gutes Beispiel. Angesichts der Tatsache, dass in Spielen mit solchen Optionen definitiv nicht nur stolze Menschenwesen durch die Pampa düsen, gehe ich jetzt einfach mal so aus, dass es da dann mit der Identifikations-Überzeugung bei vielen Spielern dann schon wieder nicht so weit her ist.
Diskussion ohne Wert
Insofern: Ich kann solche Bedenken unter Videos und Artikeln nicht ernst nehmen, weil sie einfach scheinheilig, unsinnig und schlussendlich sich selbst entlarvend sind. Da muss man dann auch gar nicht lang herumlamentieren, da reicht auch einfach mal ein kurzes: "Das ist Blödsinn, und auf entsprechende 'Argumente' steige ich gar nicht erst ein."
Manchmal braucht es nicht mehr als das.
Meine weiteren Kolumnen
Zelda: Breath of the Wild 2 - 10 Wünsche an den Switch-Nachfolger
Live-Service-Games: Wenn's schon sein muss, dann bitte richtig!
Sehen doch alle gleich aus: Warum mir moderne Grafikstile auf den Senkel gehen
Nintendo Switch 2: Ein Flop mit Ansage? Darum muss Nintendo aufpassen ....
Electronic Arts vs. Kreativität: Am Ende sind alle die Gelackmeierten
Gewalt ist geil? Warum mir manche Spiele zu weit gehen ...
Remakes, Remaster und Neuauflagen sind ein Fehler
Altbekanntes auf der PS5: Sony hat ein Kreativitätsproblem
Pfeif' auf Kreativität: Liebe Entwickler, klaut Ideen!
Achievements, Trophäen und Co.: Hört auf mit dummen Aufgaben!
Realismus nervt: Warum Spiele auch einfach mal Spiele sein sollen
