Es war der gruseligste Horror aller Zeiten und wurde gekillt: Die unfassbare Story von P.T.
Special
Als Teaser zu Silent Hills gedacht, ging es als Kultspiel in die Spielegeschichte ein: P.T. von Entwicklerlegende Hideo Kojima. Wir beleuchten die traurige Geschichte der Horror-Demo.
Am 12. August 2014 taucht P.T. im PlayStation Store auf. Als Entwickler hinter dem First-Person-Horrorhappen zeichnet das bis dato unbekannte 7780s Studio verantwortlich. Innerhalb weniger Stunden formiert sich eine eigene Bewegung hinter dem Spiel.
Im Vorfeld der Gamescom 2014 am 12. August 2014, während Sonys damals noch stattfindender PlayStation-Konferenz als Einstimmung auf die Messe, hatte Hideo Kojima im Auftrag von Konami einen Auftritt. So weit, so unspektakulär. Schließlich galt es, das damals in Entwicklung befindliche Metal Gear Solid 5 mit einem neuen Trailer zu bewerben.
Direkt im Anschluss an die Metall-Gear-Präsentation aber auf einmal die große Überraschung: Ein in Entwicklung befindliches Horrorspiel namens P.T. wurde gezeigt, entwickelt von einem bis dato völlig unbekannten Studio namens 7780s Studio. Und es sah gut aus - und verdammt gruselig. Und nicht nur das, es war direkt nach der Präsentation als Download exklusiv für PlayStation-4-Besitzer verfügbar. Oha!
Schnell wurden die Verschwörungstheorien laut, die behaupteten, dass die zeitliche Nähe zu Kojimas Auftritt kein Zufall gewesen sei. Der Metal-Gear-Erfinder nun also im Grusel-Metier unterwegs? Blödsinn! Obwohl, für bizarre Ankündigungs-Stunts war er ja doch bekannt, der gute Mann ...
Machen wir es kurz: In diesem Fall stellte sich die Verschwörungstheorie als zu 100 Prozent korrekt heraus. Denn wie Spieler nun einmal so sind, sind sie im Kollektiv zu absoluten Herkulestaten fähig. Nur wenige Stunden, nachdem die ersten PS4-Besitzer P.T. heruntergeladen haben, waren sämtliche der teilweise extrem obskuren Rätsel und Geheimnisse im Spiel schon gelöst - und ein Trailer, der als Belohnung fürs Durchspielen gezeigt wurde, lüftete das Geheimnis:
Bei P.T., was nicht weiter bedeutete als Playable Teaser, also Spielbarer Teaser, handelte es sich um den nächsten Hauptteil von Konamis Horrorserie Silent Hill, und der echte Name des Spiels war Silent Hills! Und ja, entwickelt wurde es von Kojima Productions. Das Spiel sollte in Zusammenarbeit mit Regisseur Guillermo del Toro (bekannt durch Pans Labyrinth) entstehen und als Hauptcharakter The-Walking-Dead-Star Norman Reedus fungieren, wie ebenfalls nach Abschluss des Teasers im Trailer enthüllt wurde.
Konami und Kojima Productions gelang mit der Veröffentlichung von P.T. und damit der Enthüllung von Silent Hills (jetzt kaufen ), dem nächsten Teil der legendären Survival-Horror-Reihe, ein echter PR-Coup. Übrigens einer, der etwas anders ablief, als Kojima sich das ausgemalt hatte:
So obskur waren die Rätsel, die er und sein Team sich ausgedacht hatten, dass er davon ausgegangen war, dass es mehrere Tage dauern würde, bis alle Aufgaben geknackt und die wahre Identität des Spiels enthüllt worden seien. Da hatte er aber nicht mit der geballten Macht des Internets gerechnet!
Nur wenige Wochen nach der Gamescom bestätigte Hideo Kojima, dass P.T. bereits über eine Million Mal heruntergeladen wurde, ein sicherer Hit und ein potenzielles Horror-Meisterwerk schienen im Raum zu stehen. Während der Tokyo Games Show im September 2014 wurde ein weiterer Trailer zu Silent Hills gezeigt, diesmal ohne den Versuch, die Leute an der Nase herumzuführen, aber erneut extrem atmosphärisch und im besten Sinne zum Fürchten.
Und danach ... nun ja, was war danach? Dann folgte die große Funkstille. Das wahrscheinlich am meisten erwartete Horrorspiel der Gaming-Geschichte schien völlig in der Versenkung zu verschwinden. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnte: Weder P.T. noch Silent Hills würden jemals auf den Markt kommen. Es kam zum Streit zwischen Hideo Kojima und Konami und damit zu einer schmutzigen Trennung. Bereits Ende April 2015 wurde P.T. aus dem PlayStation Store entfernt.
Die Schocknachricht, die alle schlimmen Ahnungen bestätigte, folgte im April 2015: Silent Hills war tot, das Projekt wurde offiziell gecancelt. Konami verlor in der Folge massiv an Ansehen in der Community. Hideo Kojima wiederum hatte am 15. Dezember 2015 seinen letzten Tag bei Konami und machte danach sein eigenes Ding - wie das 2019 veröffentlichte Action-Adventure Death Stranding.
Der Bruch zwischen Kojima und Konami ist so komplex und vielschichtig, dass man ganze Artikel damit füllen könnte. Schlussendlich ging es aber in erster Linie um die Neuausrichtung des Unternehmens und der kreativen Vision dahinter. Doch das soll hier nicht das Thema sein. Vielmehr wollen wir ergründen, warum P.T. derart prägend war, obwohl es sich dabei lediglich um einen Playable Teaser handelte.
Eine andere Art von Horror
Wenn P.T. als Demo eines kommenden Spiels eines geschafft hat, dann das: Vorfreude zu wecken und Silent-Hill-Fans zusammenzubringen. Denn das Spiel steckt voller Geheimnisse, Hinweise und Anspielungen. Das fängt schon beim Namen des vermeintlichen Entwicklerstudios an: 7780s. Denn 7780 ist schlicht die Größe der Präfektur Shizuoka in Quadratkilometern: Shizuka bedeutet "Silent" und Oka "Hill". Spricht man beides schnell hintereinander aus, erhält man "Shizuoka" und damit Silent Hill. Das "s" zum Abschluss des Rätsels ergibt schließlich den vollständigen Titel.
Quelle: Konami
Diese Form der Geheimniskrämerei zieht sich durch die gesamte Horror-Demo. Vor allem aber wirft uns P.T. völlig ahnungslos in das klassische Szenario des gruseligen Spukhauses, allerdings mit einem Twist. Wer das Spiel nicht kennt, sollte sich einen Walkthrough auf YouTube ansehen, um die Prämisse wirklich zu verstehen.
Das Gamedesign des Spiels selbst ist mutig und minimalistisch. P.T. ist fast schon ein Kammerspiel in Verbindung mit einem Walking-Simulator. Es spielt sich hauptsächlich in einem L-förmigen Korridor ab, den wir aus der Ego-Perspektive durchlaufen. Wir beginnen unser Abenteuer an der ersten Tür und bahnen uns unseren Weg durch den Gang.
Das Besondere: Egal, wo wir uns gerade befinden, wir blicken immer in einen Flur hinein. Jeder, der schon einmal im Dunkeln in einem fremden, dunklen Gang gestanden hat, weiß, wie unheimlich das sein kann. Gleichzeitig entsteht ein Gefühl von Enge und Schutzlosigkeit. Geht man dann durch die Tür am Ende, ist man wieder da, wo man angefangen hat, denn das Spiel verläuft in einem scheinbar endlosen Loop. Das Ergebnis: Orientierungslosigkeit und damit erhöhte Unsicherheit.
Quelle: Konami
Auch das Fehlen von Gameplay-Mustern spielt in die Erfahrung hinein. Scheinbar wahllos und zufällig verändert sich die Szenerie. Dass diese Veränderungen mit dem Aufdecken von Hinweisen und dem Erkunden der Umgebung einhergehen, fällt den meisten Spielern zunächst nicht auf. Zu sehr lenken die Radiomeldungen über einen Mordfall und die düstere Atmosphäre ab. Wie gesagt, es grenzt an ein Wunder, wie schnell das Spiel dennoch nach der Ankündigung "geknackt" worden war!
Doch je länger man spielt, desto deutlicher wird, dass man nicht allein in dem Gebäude ist. Ein Geist treibt sein Unwesen - und beobachtet einen zum Beispiel vom Balkon aus. Allerdings versteckt sich die "Lisa" getaufte Figur derart in der Dunkelheit, dass man schon ganz genau hinsehen muss.
Wie Victor Eisenmann in seiner Analyse von P.T. feststellt, hält P.T. auch das Gameplay einfach und spielt damit dem virtuellen Horror in die Hände. Denn eigentlich kann man (fast) nichts machen. Die namenlose Hauptfigur kann Gegenstände untersuchen und versuchen, Türen zu öffnen. Dazu gibt es eine Zoom-Funktion, um Objekte genauer zu betrachten.
Es gibt keine Waffen, keine Möglichkeit, zu fliehen oder sich zu verstecken. So sind wir dem Horror hilflos ausgeliefert und müssen ertragen, was uns das Spiel serviert. Immer wieder hören wir zum Beispiel ein Baby weinen und versuchen, die Laute zu lokalisieren.
Bildergalerie
Erst später entdecken wir im Badezimmer einen deformierten, schreienden Fötus. Wir können nicht weglaufen und versuchen stattdessen, das Geschehene mit den Nachrichten aus dem Radio und den gesammelten Informationen in Verbindung zu bringen. Erst wenn wir die letzten Rätsel gelöst haben, flimmert endlich der besagte Trailer beziehungsweise eben der Abspann über den Bildschirm, der die Hauptfigur aus der Third-Person-Perspektive zeigt und Norman Reedus als ihren Darsteller enthüllt.
