Shenmue 3 im Test: Für Fans ein Fest, für alle anderen ein Graus
Test
Ganze 18 Jahre mussten Shenmue-Fans auf den dritten Teil der Reihe warten und nun, nach etlichen Irrungen und Wirrungen, ist er endlich da. Doch bekommen Kickstarter-Unterstützer jetzt den lang ersehnten Abschluss? Funktioniert Shenmue 3 auch, wenn man keine rosarote Nostalgie-Brille auf der Nase hat? Diese Fragen beantworten wir in unserem Test.
Die Shenmue-Reihe steht unter keinem guten Stern. Zwar waren Teil 1 und 2 in gewissen Aspekten ihrer Zeit voraus und zum Release im Jahr 2000 respektive 2001 auch besondere Spiele, die etwas anders waren, doch die enormen Produktionskosten und der kommerzielle Nicht-Erfolg sorgten nicht nur dafür, dass die Serie mit einem bösen Cliffhanger endete, sondern trugen auch ihren Teil dazu bei, dass Sega sich aus dem Konsolengeschäft zurückzog und Shenmue-Schöpfer Yu Suzuki in der japanischen Games-Branche als persona non grata galt. Nun, nach einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne im Jahr 2015 und zahlreichen Verschiebungen ist Shenmue 3 (jetzt kaufen 27,95 € ) doch noch erschienen. Etwa 18 Jahre nach dem letzten Teil.
Doch erneut wuchs bereits im Vorfeld der Veröffentlichung die Skepsis bei den Spielern. So wurden Backer der PC-Version ordentlich geprellt, als Ys Net bekannt machte, dass Shenmue 3 zunächst nur im Epic Games Store erscheint, dann äußerte sich Yu Suzuki auch noch recht überheblich zu den Beschwerden seiner Unterstützer und es wurden Gerüchte laut, dass Suzuki vom alten Größenwahn gepackt wurde und trotz Gegenstimmen von Partnern und dem Support der Fans, die ihr Geld dafür gaben, endlich das Ende der Geschichte zu erfahren, Shenmue 3 nur als weiteren Zwischenschritt der Serie sieht. Also weiterhin kein großes Finale? Lieber noch mal um Geld bitten und ewig herumwerkeln? Wir haben Shenmue 3 kräftig auf den Zahn gefühlt und waren dabei manchmal entzückt, sehr oft genervt und teilweise sogar erzürnt. Auch Shenmue 3 ist sehr "besonders".
Shenmue 3 im Test
Benötigt: Rosarote Brille
Quelle: PC Games
Shenmue 3 setzt direkt nach den Geschehnissen des zweiten Teils ein. Ryo und die mysteriöse Shenhua machen sich gemeinsam auf die Suche nach Lan Di.
Shenmue 3 ist auch hinsichtlich eines Tests ziemlich anders, da man den Titel aufgrund der Bedeutung der Vorgänger und seiner Produktionsgeschichte nicht für alle gleich einordnen kann. Fans der Vorgänger, die sich keine großen technischen Verbesserungen oder Gameplay-Modernisierungen wünschen, sondern einfach nur wissen möchten, wie die Geschichte weitergeht und bestenfalls noch das gleiche Gefühl wie beim damaligen Spielen der Vorgänger vermittelt bekommen wollen, dürfen sich freuen. Technisch ist der Titel bei Weitem nicht auf der Höhe der Zeit, sieht aber zumindest besser aus als die Vorgänger auf Segas Dreamcast und spielerisch wird quasi genau das geboten, was man von Shenmue 1 und 2 kennt.
Nostalgiker bekommen genau das Spiel, was sie wohl im Jahr 2002 erhalten hätten, wenn Shenmue, Dreamcast und Sega damals nicht die Segel hätten streichen müssen. Nicht weniger, aber auch ganz bestimmt nicht mehr. Spieler, welche die Reihe nicht durch die rosarote Nostalgiebrille betrachten und nur aufgrund des "Mythos Shenmue" zum dritten Teil greifen, werden jedoch enttäuscht oder genervt oder (sehr wahrscheinlich) beides sein. Shenmue 3 ist nicht nur grafisch hoffnungslos veraltet, auch das Gameplay ist überholt und gängige Komfortfunktionen moderner Spiele, die sich schon vor Jahren durchgesetzt haben, sind nicht enthalten.
Yu Suzuki verriet uns vor drei Jahren in einem Interview auf der Gamescom, dass er privat nicht spiele und sich Shenmue 3 deshalb auch nicht an anderen Spielen, die seit 2001 herauskamen, orientieren werde. Für Hardcore-Fans von damals mag das gut klingen, da Suzuki so ganz unverfälscht seine Vision eines Spiels auf den Markt bringt. Bei allen anderen löst diese Aussage aber natürlich berechtigte Skepsis aus. Es ist aber zumindest eine Erklärung dafür, dass Shenmue 3 quasi sämtliche Fortschritte im Bereich Game-Design und den dem Medium Videospiel eigenen Wegen des Erzählens von Geschichten oder der Charakterzeichnung verschlafen hat. Dennoch fragt man sich beim Spielen schon teilweise, ob es niemanden gab, der Yu Suzuki während der Entwicklung mitteilen konnte, dass sein neues Spiel in absolut keinem Bereich irgendwie zeitgemäß ist.
Quelle: PC Games
Shenmue 3 ist grafisch zwar ganz und gar nicht zeitgemäß, versteht es aber trotzdem, eine nett anzuschauende und atmosphärische Spielwelt zu kreieren.
Auf den Spuren des Mörders
Shenmue 3 setzt direkt nach den Geschehnissen von Teil 2 ein. Erneut übernimmt man die Rolle von Ryo Hazuki, der sich auf der Suche nach Lan Di, dem Mörder seines Vaters befindet. Zur Seite steht Ryo die mysteriöse Shenhua, deren Vater offenbar im nahe gelegenen Dorf Bailu entführt wurde. Besonders pikant: Das Verschwinden von Shenhuas Papi hat anscheinend etwas mit dem Phönixspiegel zu tun, der sich in Ryos Besitz befindet. Die Aufgabe ist also klar: Shenhuas Vater aufspüren, das Rätsel um den Phönixspiegel lösen und endlich Lan Di stellen.
Quelle: PC Games
Wie schon in den Vorgängern muss man sich andauernd durchfragen. Dies entschleunigt das ohnehin schon gemächliche Spiel noch weiter und die meisten NPCs reden zudem nur absoluten Nonsens.
Diese simple Story-Prämisse zieht sich jedoch ganz schön in die Länge. So episch die Geschichte in Teil 1 und 2 einem damals auch vorkam, sie stammt aus einer Zeit, in der das Storytelling in Videospielen noch nicht so weit fortgeschritten war, sodass sie einem damals weitaus gehaltvoller vorkam. Heutzutage merkt man allerdings, dass die Story eigentlich kaum etwas bietet und nur wenige Höhepunkte, aber dafür viel, viel Leerlauf hat. Das Spieltempo von Shenmue 3 könnte gerne gemächlich sein und auch mal sinnvoll das Tempo herausnehmen, wenn dies für die Erzählung erforderlich ist, in der Realität sieht es aber eher so aus, dass einem das Spiel andauernd Knüppel zwischen die Beine wirft, nur damit man nicht ein Stück vorankommt.
Ja, es war schon in den alten Teilen so, dass man sich teilweise mit den immer gleichen Standard-Dialogen durch eine komplette Stadt fragen musste, nur um ein vorläufiges Ziel zu erfahren, wo man dann wieder etwas mitgeteilt bekommt, für das man erneut sämtliche Bewohner befragen muss, doch das hätte man im Jahr 2019 wirklich mal entschlacken können. Gerade auch, da die meisten NPCs eh nur Nonsens erzählen, der einen nicht weiterbringt, man ihn aber auch nicht wegklicken kann. Allerdings ist Ryo auch nicht besser.
Nicht nur dass seine (englische) Vertonung klingt, als spreche eine Computerstimme in eine leere Konservendose, Ryos rhetorische Fähigkeiten sind ungefähr so ausgeprägt wie die eines Kleinkindes. Spätestens wenn er das fünfte Mal auf eine halbwegs normale Aussage mit "Höööö?!" reagiert, hat man den Protagonisten als Deppen abgestempelt. Da hilft es auch nicht, dass die Zwischensequenzen ihn als coolen Typen darzustellen versuchen. Ja, Ryo ist ein Jugendlicher und soll naiv sein, aber wenn man sich andauernd denkt: "Gott, was ist der blöd!", sobald er den Mund öffnet, ist der Charakter einfach schlecht geschrieben.
Besonders nervig ist es zudem, wenn man merkt, dass die Entwickler des Titels mal wieder die Intelligenz der Spieler unterschätzen. So kam es während des Tests oftmals vor, dass wir aufgrund gegebener Hinweise genau wussten, wo wir hin müssen, doch dort konnten wir nichts tun. Stattdessen waren wir gezwungen, weiter herumzulaufen und uns mit Dorfbewohnern zu unterhalten, bis eine Zwischensequenz unserem Protagonisten den Geistesblitz zukommen lässt, doch an den Ort zu gehen, von dem wir direkt wussten, dass wir dort hinmüssen.
Quelle: PC Games
In Zwischensequenzen soll Ryo oft als Badass rüberkommen, allerdings nimmt man ihn aufgrund seines Verhaltens eher als Dummbrot wahr.
Atmosphäre Olé
Trotz der veralteten Optik gelingt es Shenmue 3 dennoch, eine schöne ruhige Atmosphäre aufzubauen. Es ist geradezu paradox, dass die Grafik zwar unglaublich altbacken ist, einige Szenerien aber trotzdem echt hübsch sind. Wenn man durch das blühende Tal im ersten Gebiet des Spiels streift und die Musik einsetzt, ist das wirklich entspannend und die volle Dröhnung Nostalgie setzt ein. Für Fans der alten Teile ist dies ein bisschen wie nach Hause kommen. Allerdings wird man aufgrund der modernen Spielen weit hinterherhinkenden Technik auch oftmals aus der Atmosphäre herausgerissen.
Quelle: PC Games
Bei manchen Gesichtern im Spiel fragt man sich wirklich, ob die Entwickler eine seltsame Art von Humor haben.
Einige Gesichter von NPCs sind so deformiert und hässlich, dass man sich fragt, ob das Entwicklerteam das ernst meint oder einen kruden Humor hat. Auch hier können Fans vielleicht drüber hinwegschauen, doch einige von ihnen werden sich zumindest am Ende des Spiels gewaltig ärgern. Obwohl es so ein Kraftakt war, Shenmue 3 überhaupt zu realisieren, belohnt Yu Suzuki seine Unterstützer nämlich nicht mit einem Ende der Saga, sondern lässt wieder Raum für einen neuen Teil. Ob dieser in Produktion gehen wird, ist aufgrund der bislang schleppenden Verkäufe von Teil 3 jedoch fraglich. Es könnte also sein, dass die Fans trotz ihrer Mithilfe am Projekt nie das Ende der Geschichte erfahren.
The Daily Grind
Wie bereits erwähnt, macht Shenmue 3 auch im Gameplay-Bereich nichts neu und bietet genau die gleichen Elemente wie in den beiden fast 20 Jahre alten Vorgängern. Sprich: Die meiste Zeit läuft man herum und quatscht NPCs an, um Hinweise auf das nächste Ziel zu erhalten. Dies ist natürlich damit verbunden, dass man teilweise von einem Ende des Spielgebiets zum anderen läuft. Mehrmals hintereinander. Hat man dann einen Hinweis oder eine neue Aufgabe, geht das Ganze wieder von vorne los.
Quelle: PC Games
Ryo muss arbeiten, um Geld zu verdienen, doch leider gibt es kaum Jobs. Viel Spaß beim stundenlangen Holzhacken!
Neben reden und herumlaufen, muss man jedoch auch jede Menge grinden. Ryo braucht Geld, um Lebensmittel zu kaufen, die Ausdauer und Lebensenergie regenerieren, und natürlich muss er für einige Quests auch Dinge kaufen, die teilweise arg überteuert sind. Also muss man arbeiten gehen und die immer gleichen, super simplen und irgendwann echt nervigen Minispiele absolvieren. Allein im ersten Gebiet des Spiels waren wir gezwungen, etwa zwei Stunden Holz zu hacken, damit wir Essen kaufen sowie einen Questgegenstand besorgen konnten und danach noch etwas Kohle in der Tasche hatten, um nicht sofort wieder ewig Holz zu spalten.
Doch das ist natürlich nicht alles, denn Ryo muss ab und zu natürlich auch kämpfen, sodass man ebenfalls sein Kung Fu trainieren sollte. In jedem Gebiet gibt es Dojos und andere Trainingsplätze, in denen man verschiedene, super simple Minispiele absolviert, um mehr Ausdauer/Lebenenergie (beides ist aneinander gekoppelt) zu erlangen. Zudem trainiert man im Sparring verschiedene Spezialattacken, die man genauso wie die Kraft von Ryo verbessert. Die Attacken lassen sich in Kämpfen dann mit R2 ausführen und man kann zwischen den verschiedenen Angriffen mit L1 und R1 wechseln. Auf den Aktionstasten hingegen liegen normale Schläge und Tritte. Die Kämpfe im Spielverlauf sind recht selten, doch wenn sie mal kommen, machen sie auch keinen Spaß.
Quelle: PC Games
Kommt es mal zu Kämpfen, steuern diese sich ziemlich hakelig. Zudem funktioniert die Kollisionsabfrage nicht immer.
Dafür ist das Kampfsystem einfach zu hakelig, altbacken und die KI der Gegner zu miserabel. Wenn man nicht gerade darauf aufpassen muss, dass man nicht von mehreren Gegnern eingekesselt wird, muss man eigentlich nur ein bisschen Abstand halten, warten bis der Kontrahent seine Angriffskombo in die Luft ausführt und dann direkt mit einer R2-Attacke zuschlagen. Dennoch darf man einige Kämpfe im Spielverlauf erst annehmen, wenn man einen gewissen Trainingsfortschritt vorzuweisen hat.
Die Fights sind schon wenig spannend, doch weitere Gameplay-Elemente sind auch nicht besser. So sind natürlich wieder Quicktime-Events dabei, doch selbst diese wurden nicht gut integriert. Das Zeitfenster für die richtige Tasteneingabe ist eh schon etwas zu klein und hinzu kommt noch ein kleiner Input-Lag. Zudem akzeptiert das Spiel oftmals auch die richtige Eingabe einfach nicht. QTEs wirken so manchmal komplett willkürlich. Dies fällt vor allem in den Sparrings-Sessions auf, in denen man mehrere Tasten schnell hintereinander drücken muss.
Quelle: PC Games
Bei den Quicktime-Events hat man ohnehin nur ein sehr kurzes Zeitfenster, um die richtige Taste zu drücken. Hinzu kommt dann noch, dass Eingaben teilweise nicht erkannt werden.
Oft kam es vor, dass wir genau im Takt super schnell die richtigen Buttons drückten, das Spiel uns aber sagte, wir seien zu langsam gewesen. Kurz danach passen wir nicht richtig auf, geben die Kombo viel zu langsam ein, das Spiel ist aber der Meinung, die Eingabe war perfekt. Wie Shenmue 3 eine eingegebene Tastenfolge akzeptiert, ist teilweise komplett zufällig. Die störrischen QTEs waren uns beim Test allerdings noch lieber als die langweiligen Suchaufgaben. Oftmals muss Ryo ein bestimmtes Item finden und dafür in einem Raum voller Schränke sämtliche Türen und Schubladen öffnen, bis er das Objekt gefunden hat. Die extrem langen und immer gleichen Animationen kann man dabei natürlich nicht abbrechen.
Sonst noch was?
Natürlich bietet Shenmue 3 auch einige Nebenquests, doch diese lockern das Gameplay auch nicht auf, sondern bieten nur mehr vom altbekannten Herumlaufen inklusive langatmiger Dialoge. Auch die Nebenbeschäftigungen wie zum Beispiel Glücksspiel (unter anderem Wetten auf Schildkrötenrennen) sind eintönig umgesetzt und bieten nicht viel Anreiz, mehrmals gespielt zu werden. Shenmue 3 mag Fans erfreuen, da sie endlich genau das Spiel bekommen, das sie gerne im Jahr 2002 gezockt hätten, doch allen anderen Gamern kann man den Titel nicht empfehlen. Dafür ist Shenmue 3 allgemein zu altbacken, zu sperrig und manche Spielelemente sind nach heutigen Maßstäben sogar richtig schlecht.
