Season: A Letter to the Future im Test: Rad-Tour durch die Apokalypse
Test
Apokalypse mal anders: Mit dem Fahrrad durch eine melancholische und wunderschöne Welt radeln, Momente und Szenerien via Retro-Kamera festhalten und das am Leben sein in einer Zeit skizzieren, die kurz vor ihrem ungewissen Ende steht. Das für PC und Playstation veröffentlichte und einzigartige Abenteuer Season gefällt dank etlicher unüblicher und spannender Ideen, ob der letzte Tag der uns bekannten Welt aber auch spielerisch Spaß bereitet? Wir klären's in unserer Review!
Klingt im ersten Moment nach einer romantisch-schönen Radtour, bei der die hübsche Aussicht und das Freiheitsgefühl im Vordergrund stehen, dabei wird jedoch schnell klar: Wir werden unser Heimatdorf und unsere geliebte Mutter sowie Freunde nie wiedersehen. Gleiches gilt für die vielen Persönlichkeiten und magischen Kulissen, die wir an diesem letzten bittersüßen Tag vor unsere Linse bekommen. Der Moment, in dem wir aufbrechen, um etwas Neues zu erleben, ist auch der Moment, in dem wir unzählige Dinge zurücklassen - und Season wird nicht müde, uns das immer wieder gekonnt und weniger gekonnt unter die Nase zu reiben.
Behütet in einer gefährdeten Welt
Zwar sind Anfang und Ende der Reise aufgrund des narrativen Rahmens recht linear, ein Großteil der Spielerfahrung wirft uns jedoch ins Tieng-Tal. Eine kleine offene Spielwelt mit vielen Mysterien und Arealen, die zum Träumen und Verweilen einladen. Das Gameplay fokussiert sich dabei neben dem Fahrradfahren sowie dem Wandern und Einfangen von Momenten auf Gespräche und das Aufdecken von wichtigen Fragen. Manche davon sind tiefgründiger Natur, wie bereits beschrieben. Andere hingegen verraten viel über die Welt und ihre Protagonisten. So gibt es unter anderem die sogenannten "Grauen Hände", die für das Einleiten einer neuen Jahreszeit verantwortlich sind und dabei ihre Finger massiv im Weltgeschehen haben. Wie viel wir über die Welt erfahren, die viel mit Environmental Storytelling gefüllt wurde, liegt ganz allein in unseren Händen.
Quelle: Scavengers Studio
Season: A Letter to the Future im Test: Rad-Tour durch die Apokalypse (#6)
Auf unserer Reise treffen wir auch auf einige interessante Personen, die ganz unterschiedliche Wünsche und Ängste haben in Bezug auf den großen Wandel. Etwa eine alte Künstlerin, die im Wald lebt und ihre eigene Schaffenszeit und das, was sie hinterlässt, bedauert. Oder eine kleine zerrüttete Familie, die verzweifelt versucht, die wichtigsten Erinnerungen vor der großen Flut zu sichern. Season kann ein recht unspektakuläres Adventure mit wenig Höhepunkten sein, bei dem die dargestellte Melancholie weit über der eigens empfundenen liegt. Doch, wer sich wirklich die Zeit nimmt, in die Welt und ihr aktuelles Zeitalter einzutauchen, der wird ein deutlich bunteres und abwechslungsreicheres Bild wahrnehmen. Mit deutlich emotionalerer Schlagkraft.
Dabei ist die große Stärke von Season ganz klar die wundervoll gestaltete Spielwelt, die mit ihrem besonderen Charme zum Entdecken einlädt. Die melancholische Endzeit-Story hingegen kann zwar unser Interesse wecken und versteckt in ihrer Laufzeit auch den ein oder anderen "Magic Moment", schafft es aber zu keinem Zeitpunkt, so wirklich mitzureißen. Das gilt leider auch für das antiklimaktische Finale des Abenteuers, bei dem die tiefere Botschaft des Entwicklerteams zwar durchkommt, aber auch nicht sonderlich lange und intensiv nachhallt.
Quelle: PC Games
Season: A Letter to the Future im Test (Screenshot #13)
Neben der Melancholie und der Relevanz von Erinnerungen ist der Krieg ebenso ein großes Thema. Die Jahreszeit vor unserer war geprägt von bewaffneten Konflikten, Traumata und Leid, wodurch die jetzige Zeit deutlich im Zeichen der Heilung steht. Auch hierbei schafft es Scavengers nicht, den Thematiken durch die eigens gewählte Präsentation genügend Raum und Fülle zu geben. Man philosophiert zwar viel, erreicht dabei aber eher das Gefühl, dass man emotional an die Hand genommen wird, statt tatsächlich selbst zu fühlen. Schade, ganz besonders, wenn man sich solch komplexe und schwierige Thematiken aufs Brot schmiert.
Die rein englische Vertonung gefällt zwar dank klarer und professionell klingender Stimmen, missfällt aber zeitgleich aufgrund der niedrigen Immersion und des starken Vorlesecharakters. Zusätzlich ist nicht die gesamte Erfahrung mit Sprachausgabe untermalt, stattdessen wechselt Season immer mal wieder zwischen Vertonung und reinen Textgesprächen. Auch die eigenartigen Unterbrechungen zwischen Gameplay und Cutscenes sorgen dafür, dass wir regelmäßig aus dem gewünschten emotionalen Gameplay-Flow gerissen werden. Ob das narrative Gesamtpaket am Ende befriedigen kann, liegt aber dennoch ganz besonders am Spielertyp und den damit verbundenen Erwartungen, und weniger am wackeligen Qualitätslevel, das Scavengers mit ihrem zweiten Videospiel liefert.
Viel Gestrampel, wenig Fahrtwind
Season kann eine charmante und schöne Spielerfahrung sein, doch auf Estelles Radtour finden sich auch einige Tücken. Manche davon sind gar so groß, dass ein platter Reifen die kleinste Sorge ist. Am wichtigsten: In vielen emotional aufgeblasenen Momenten fehlt es am gewissen Etwas. Die Dialoge und Texte triefen vor Pseudotiefe, ebenso hat man anscheinend so starke Angst vor einem ungewollten Emotionswandel bei der Spielerschaft, dass man es sich nur selten traut, aus dem Sog von Traurigkeit und Melancholie zu treten. Ein Beispiel für die tiefgründigen Gedanken, mit denen wir uns in Season auseinandersetzen? "Das Land krümmt sich, wir krümmen es, und werden von ihm gekrümmt. Auf dem Weg höre, rieche, berühre und lausche ich". Soso. Oder der Kommentar von Estelle, nachdem sie einem Glockenspiel im Wind lauscht: "Musik von einem Trio: das Metall, der Wind und mein Verstand". Ah ja, nun.
